Lysandras POV
Schlaf war ein Fremder.
Ich hatte die Nacht damit verbracht, in meinem Wohnzimmer auf und ab zu gehen, umgeben vom sanften Schnarchen meiner Zwillinge und dem Summen des Kühlschranks. Mondlicht schnitt über den gefliesten Boden und zerteilte meine Gedanken.
Die letzte Nacht spielte sich wie eine grausame Montage ab – Caelums Gesicht, Callistas Lachen, das kleine Mädchen auf seinem Schoß. Die Art, wie meine Kinder gefragt hatten: „Mommy, wo ist unser Daddy?“
Ich hatte geschrien. Dann geweint. Dann mich entschuldigt, sie eng an mich gezogen und Versprechen geflüstert, von denen ich nicht sicher war, ob ich sie halten konnte.
Bei Morgengrauen brannten meine Augen, und mein Herz fühlte sich wie Asche an.
Bei der Arbeit wurde es schlimmer. Kaum hatte ich mich an meinen Schreibtisch gesetzt, rief mich mein Chef – Mr. Geldan, ein kahl werdender Mann mit nikotingefleckten Fingern – in sein Büro.
„Miss Vale, Sie haben gestern die Präsentation verpasst. Der Kunde war nicht erfreut.“
„Ich… es waren meine Kinder –“
Er schnitt mir mit einem Grinsen das Wort ab. „Hündchen oder die Tür, Lysandra.“
Mein Magen zog sich zusammen.
Es war nicht das erste Mal, dass er darauf angespielt hatte – das unausgesprochene Angebot, der Dreck unter seinem Ton. Ich richtete mich auf, der Stolz kratzte mir die Kehle wund. „Dann die Tür.“
Er lachte, als hätte ich einen Witz gemacht. Hatte ich nicht. Ich packte meine Akten in die Tasche, das Gewicht meiner Würde schwerer als alles darin.
Ich sagte mir, ich würde einen anderen Job finden. Tat ich immer. Ich überlebte immer.
Doch als der Anruf von der Schule der Zwillinge kam – eine sanftstimmige Sekretärin, die mich drängte, „sofort zu kommen“ –, wurden meine Beine weich.
Die Wörter „Schulgeld“ und „letzte Mahnung“ waren allzu vertraut. Ich wusste, was mich erwartete, bevor ich ankam.
Die Rezeption der Schule roch nach Desinfektionsmittel und Enttäuschung. Mrs. Gremor, die Direktorin, spähte über ihre Brille mit der geübten Sympathie, die Pädagogen für pleite Eltern reservieren.
„Miss Vale“, sagte sie, „wir verstehen, dass es schwierig ist, aber die Schule hat eine Richtlinie. Ohne vollständige Zahlung –“
„Ich weiß“, unterbrach ich sie, die Stimme zitternd. „Bitte, nur noch eine Woche. Ich finde einen Weg. Ich arbeite nachts, egal was –“
Sie öffnete den Mund, doch die Rezeptionistin platzte herein. „Ma’am! Es gibt ein Update zum Konto der Vale-Zwillinge.“
Ich drehte mich verwirrt um. „Was?“
Die Rezeptionistin prüfte ihren Bildschirm, die Augen weit. „Ihr gesamter Saldo – vollständig bezahlt. Unterricht, Mahlzeiten, Uniformen, Ausflüge, sogar die optionalen AGs.“
Ich blinzelte, mein Verstand stockte. „Was sagen Sie da?“
„Nicht nur das“, fügte Mrs. Gremor hinzu und überflog ein Dokument. „Sie wurden für einen Wechsel zur Crescent Academy genehmigt – der Elite-C-Suite-Schule uptown. Alle Kosten gedeckt. Transport, Materialien, alles.“
Crescent Academy. Wo Milliardäre bettelten, ihre Kinder einschreiben zu dürfen.
„Wer?“, flüsterte ich. „Wer hat das getan?“
Die Rezeptionistin lächelte, als hätte sie ein Wunder erlebt. „Der Spender wünschte Anonymität. Aber…“, sie senkte die Stimme, „es wurde über Drexler Holdings überwiesen.“
Meine Knie gaben fast nach.
Der Name schlug ein wie ein Blitz.
Caelum Drexler.
Er schmeckte wie Eisen in meinem Mund. Ich konnte fast seine Stimme hören – tief, kalt, bedacht.
Ich kannte seine Macht. Seine Reichweite. Seine Arroganz, die ganze Städte verschlingen konnte.
Nun setzte er sie ein… gegen mich.
Er hatte mich gefunden.
Ich spürte es in meinen Knochen – diesen scharfen, unsichtbaren Druck, wenn Caelum etwas oder jemanden ins Visier nahm.
„Mommy!“
Das Lachen der Zwillinge durchbrach meine Panik. Sie rannten ins Büro, Gesichter strahlend, Rucksäcke hüpften. Ich kniete instinktiv nieder, zog sie in meine Arme, atmete ihren Vanille-Shampoo-Duft ein, sonnengewärmte Haut und Unschuld.
Lyra kicherte. „Mommy, rate mal! Wir haben einen neuen Freund!“
Lysan fügte eifrig hinzu: „Er heißt Mr. Drexler! Er sagte, wir gehen auf eine neue Schule!“
Die Welt kippte. Meine Brust wurde hohl.
„Was hast du gesagt?“ Meine Stimme war kaum ein Flüstern.
„Mr. Drexler“, wiederholte Lyra strahlend. „Er hat mit unserer Lehrerin gesprochen. Er ist wirklich nett.“
Nett.
Meine Sicht verschwamm. Mein Puls dröhnte.
Er war so nah gekommen? Hatte mit meinen Kindern gesprochen? In ihre Augen geschaut und… sich selbst gesehen?
Der Raum drehte sich, Wände bogen sich nach innen. Jemand rief meinen Namen, doch es klang fern. Die kleinen Hände der Zwillinge umklammerten meine Arme. Der Geruch von Desinfektionsmittel wurde schärfer.
Dann Schwärze.
Als ich die Augen öffnete, war die Decke weiß, steril, summte unter Neonlicht. Ein Monitor piepte gleichmäßig neben mir. Mein Kopf pochte.
Krankenhaus.
Mein Blick huschte umher – glatte Wände, Chromarmaturen, leise Effizienz.
Dann sah ich es – in Silber geprägt an der Wand:
CD Medica Group.
Sein Logo.
Mein Herz stolperte.
Nein.
Ich schob die Decke weg, zitternd, die Infusion zerrte an meinem Arm. Eine Schwester kam gerade rechtzeitig, um mich aufzuhalten. „Miss Vale, bitte –“
„Wo bin ich?“
„Sie sind im Summerville Central“, sagte sie sanft. „CD Medica Group Hospital.“
Ich lachte – ein gebrochenes, atemloses Geräusch, das sich herauskrallte. „Natürlich bin ich das.“
Er besaß dieses Krankenhaus.
Er besaß die Schule.
Er besaß die Stadt.
Und nun, Stück für Stück, rückte er näher – löschte die Distanz, die ich mit Blut, Angst und Schweigen aufgebaut hatte.
„Miss Vale“, sagte die Schwester leise, „jemand hat Ihre Aufnahme organisiert. Sie sind in der Schule Ihrer Kinder zusammengebrochen. Die Rechnung ist bereits beglichen.“
Ich musste nicht fragen, wer.
Caelum Drexler klopfte nicht. Er baute Türen durch Wände und trat einfach ein.
Ich sank zurück ins Kissen, Tränen stachen in meinen Augen. Die Maschine piepte, gleichmäßig und grausam, als zählte sie den Countdown zu seiner Ankunft.
„Verdammt“, flüsterte ich, die Stimme zitternd. „Er hat uns gefunden.“