Das Schweigen von Vesper hielt die ganze Nacht über an und reichte bis in den grauen, nieseligen Morgen des folgenden Dienstags hinein. Für Lyra war es ohrenbetäubend. Sie hatte sich an das fast augenblickliche „Ping“ seiner Kritiken gewöhnt – an diesen scharfen, intellektuellen Adrenalinstoß, der sie wach hielt, wenn ihre eigenen Gedanken zu schwer wurden, um sie zu ertragen.
Nun, während sie in ihrer AP-Mathe-Stunde auf ihre leere Benachrichtigungsleiste starrte, fühlte sie sich losgelöst.
„Hast du vor, die Ableitung zu lösen, oder wartest du darauf, dass die Tafel zu dir spricht?“
Lyra hob ruckartig den Kopf. Kaelen saß zwei Reihen weiter, das Kinn auf die Hand gestützt. Er sah aus, als hätte er auch nicht geschlafen. Unter seinen Augen lagen blasse, blaue Schatten, und seine übliche Ausstrahlung von gepflegter Arroganz war einer zerklüfteten, nervösen Energie gewichen.
„Ich arbeite daran“, flüsterte Lyra, ihre Stimme klang angespannter, als sie beabsichtigt hatte.
„Offensichtlich“, murmelte Kaelen und wandte sich wieder seinem eigenen Blatt zu.
Der Rest des Unterrichts war ein Wirrwarr aus Zahlen und Symbolen, die sich einfach nicht ordnen wollten. Jedes Mal, wenn sich die Tür öffnete, jedes Mal, wenn ein Handy gedämpft in jemandes Rucksack summte, machte Lyras Herz einen Sprung, in der Hoffnung auf eine Nachricht von der einzigen Person, die das „Feuer“ wirklich verstand, über das sie geschrieben hatte. Aber Vesper blieb ein Geist.
Zur Mittagszeit erreichte der Druckkocher der Oakhaven Academy seinen Siedepunkt. Lyra hatte sich im Medienlabor versteckt und tat so, als würde sie am Vorschlag für das Legacy-Projekt arbeiten, als die Tür aufschwang.
Kaelen kam herein und ließ eine schwere, in Leder gebundene Mappe auf den Schreibtisch neben ihrem Laptop fallen.
„Der Vorschlag für das Alphabetisierungsprogramm ist fertig“, sagte er. Seine Stimme klang flach, ohne die Leidenschaft der vergangenen Nacht. „Ich habe ihn vor fünf Minuten an Coach Millers Assistenten geschickt.“
Lyra starrte auf die Mappe. Das war genau das, was sie wollte. Sie hatte den Streit gewonnen. Doch als sie Kaelen jetzt ansah, verspürte sie einen seltsamen, hohlen Schmerz in der Brust. „Du hättest das nicht alles alleine machen müssen, Kaelen. Ich wollte dir helfen.“
„Ich habe dir gesagt, dass ich das regeln würde“, sagte er und starrte auf einen Punkt direkt hinter ihrer Schulter. „Außerdem dachte ich, du wärst beschäftigt … mit dem Schreiben.“
Lyra erstarrte. Ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen. „Schreiben? Ich weiß nicht, wovon du sprichst.“
Kaelen sah sie endlich an. Sein Blick war durchdringend, er musterte ihr Gesicht, als suche er nach einer bestimmten Codezeile. „So, wie du gestern in der Bibliothek getippt hast. So, wie du alle dreißig Sekunden auf dein Handy schaust. Du hast den Blick von jemandem, der in seiner eigenen Gedankenwelt lebt, weil die reale Welt zu enttäuschend ist.“
Er trat näher und drang in ihren persönlichen Raum ein, genau wie damals im Arbeitszimmer. Aber diesmal sah er nicht so aus, als würde er sich über sie lustig machen. Er sah … verzweifelt aus.
„Was schreibst du, Lyra? Ist es so kalt wie du selbst? Oder verbirgt sich da noch etwas anderes dahinter?“
„Das geht dich nichts an“, schnauzte sie ihn an und klappte ihren Laptop mit einem scharfen Knall zu.
„Klar. Bei dir ist alles ein Geheimnis.“ Kaelen lachte kurz und bitter. „Weißt du, gestern Abend dachte ich für einen Moment, wir hätten tatsächlich ein Gespräch geführt. Aber ich habe es vergessen. Du bist die Eiskönigin. Du führst keine Gespräche; du führst Verhandlungen.“
Er wandte sich zum Gehen, doch Lyra sprach, bevor sie den Impuls unterdrücken konnte.
„Warum hast du deine Meinung geändert? Was das Musikkonservatorium angeht?“
Kaelen blieb an der Tür stehen, den Rücken zu ihr gewandt. „Weil du recht hattest, Lyra. Lese- und Schreibfähigkeit ist messbar. Erfolg ist messbar. Und in Oakhaven gilt: Was man nicht messen kann, existiert nicht.
Sie starrte auf den Bildschirm, während heiße Tränen der Frustration ihre Sicht verschwimmen ließen. Die Minuten vergingen. Sie wollte das Handy gerade weglegen, als es endlich piepste.
[NACHRICHT VON: Vesper]
Du bist nicht kalt, Nova. Du bist nur gut isoliert. Das ist ein Unterschied.
Lyra atmete aus, ohne zu merken, dass sie den Atem angehalten hatte.
[NACHRICHT VON: Vesper]
Er hat nicht aufgehört zu kämpfen, weil du Recht hattest. Er hat aufgehört zu kämpfen, weil er es leid ist, der Einzige zu sein, dem die „Seele“ in einem Raum voller Statuen am Herzen liegt. Wenn du dich wie eine Bösewichtin fühlst, dann deshalb, weil du endlich erkannt hast, dass Gewinnen nicht dasselbe ist wie glücklich zu sein.
[NACHRICHT AN: Vesper]
Was soll ich tun?
[NACHRICHT VON: Vesper]
Schreib die Szene. Schreib nicht über das Alphabetisierungsprogramm. Schreib über die Musik. Schreib über das, was er verloren hat. Wenn du es ihm nicht persönlich geben kannst, gib es ihm in der Geschichte. Zeig mir, dass du Mitgefühl für andere empfinden kannst, Nova. Zeig mir, dass du keine Statue bist.
Lyra blickte auf ihren Laptop. Sie öffnete die Datei für *The Rebel’s Vow*. Ihr Held, der zynische Krieger, der niemanden an sich heranließ, stand vor einer Entscheidung.
Sie begann zu tippen. Sie schrieb nicht über Schlachten oder Logik. Sie schrieb über einen Jungen, der in einem dunklen Raum stand, umgeben von Büchern, die er liebte, und einem Vater, der ihn nicht sah. Sie schrieb über den Klang einer Geige in einem verfallenden Gebäude und darüber, wie eine einzige Note einem Menschen das Gefühl geben konnte, endlich, endlich zu Hause zu sein.
Sie schrieb, bis ihre Finger schmerzten und die Sonne über dem Oakhaven-Campus unterging.
Sie wusste nicht, dass drei Stockwerke tiefer, in der Umkleidekabine der Uni-Mannschaft, Kaelen Thorne auf einer Bank saß, sein Handy leuchtete auf seinem Schoß. Er las die neue Einberufungsbenachrichtigung von Nova-9.
Als er die Beschreibung des Jungen im dunklen Raum las – eine Beschreibung, die so treffend war, die ihn so schmerzlich traf –, rollte eine einzelne Träne über den Schweiß auf seinem Gesicht.
Er wusste nicht, wer Nova-9 war. Aber zum ersten Mal in seinem Leben hatte er das Gefühl, nicht allein zu sein.
Und zum ersten Mal hatte er schreckliche Angst davor, was passieren würde, wenn er die Wahrheit herausfände.