Kapitel 3

1231 Words
Das Anwesen der Thornes war kein Zuhause; es war ein Denkmal für altes Geld und kaltes Glas. Als Lyra genau um 18:59 Uhr vor dem schmiedeeisernen Tor stand, fühlte sie sich wie ein kleiner, unbedeutender Vogel, der kurz davor war, gegen eine Windschutzscheibe zu fliegen. Ihr Handy vibrierte in ihrer Tasche. Eine Benachrichtigung von der Schreib-App. [NACHRICHT VON: Vesper] Du bist heute Abend still, Nova. Sag mir nicht, dass du ihn schon gewinnen lassen hast. Schweigen ist etwas für die Besiegten. Schriftsteller finden die Worte, selbst wenn sie nach Luft ringen. Lyra holte tief Luft, die kühle Abendluft brannte in ihren Lungen. Sie antwortete nicht. Sie konnte nicht. Nicht, während Kaelens Vaters Sicherheitsmann sie eine Auffahrt hinaufbegleitete, die kilometerlang zu sein schien. Als sich die massiven Eichentüren öffneten, war es kein Butler, der sie begrüßte. Es war Kaelen. Er hatte den Schulblazer abgelegt und trug ein schlichtes schwarzes T-Shirt, das ihn weniger wie einen verwöhnten Prinzen und mehr wie einen echten Menschen wirken ließ – einen Menschen, der sie gerade mit einer Intensität ansah, die ihren Puls höher schlagen ließ. „Du bist pünktlich“, stellte er fest und trat zurück, um sie hereinzulassen. „Ich dachte, du würdest zu spät kommen, nur um zu beweisen, dass dir mein Zeitplan egal ist.“ „Mir ist meine Note wichtig, Kaelen. Dein Zeitplan ist nur ein unglückliches Hindernis, das ich umgehen muss.“ Lyra schritt an ihm vorbei, während ihre Augen den Eingangsbereich absuchten. Er war voller Marmorstatuen und abstrakter Kunst, die wahrscheinlich mehr kostete als ihr Haus. „Wo arbeiten wir? Im Ballsaal? In der Galerie?“ „In meinem Arbeitszimmer“, sagte er knapp. „Folge mir.“ Sein Arbeitszimmer befand sich am Ende eines langen, schummrig beleuchteten Flügels. Im Gegensatz zum Rest des Hauses, das wie ein Museum wirkte, war dieser Raum überfüllt. Auf jeder Fläche stapelten sich Bücher – nicht die in Leder gebundenen „Prestige“-Bücher, die sein Vater wahrscheinlich sammelte, sondern abgenutzte Taschenbücher mit gebrochenen Buchrücken und markierten Seiten. Lyras Blick wanderte zu einem Stapel auf seinem Schreibtisch. Gedichte. Seamus Heaney, Sylvia Plath und … ein Notizbuch voller eng gedrängter, unordentlicher Handschrift. „Fass das nicht an“, fuhr Kaelen sie an und schob das Notizbuch schnell in eine Schublade. Die plötzliche Schärfe in seiner Stimme überraschte sie. Für einen Moment war das Grinsen verschwunden, ersetzt von einem unverhüllten, defensiven Anflug von Verletzlichkeit. „Das hatte ich auch nicht vor“, log Lyra, während ihr Herz raste. „Ich wusste nicht, dass du etwas lesen kannst, das keine Bilder enthält.“ Kaelens Kiefer spannte sich an. Er saß in seinem Ledersessel und deutete auf den Stuhl ihm gegenüber. „Lass uns einfach den Antrag für das Förderprogramm durchgehen. Wir müssen eine gemeinnützige Organisation auswählen, die das Legacy-Projekt finanziell unterstützen soll.“ Die nächsten zwei Stunden über lagen sie im Clinch. Lyra wollte ein lokales Alphabetisierungsprogramm für benachteiligte Kinder unterstützen – etwas Logisches, Strukturiertes und Wirkungsvolles. Kaelen wollte ein basisdemokratisches Musikkonservatorium finanzieren, das ums Überleben kämpfte. „Alphabetisierung ist die Grundlage von allem, Kaelen“, argumentierte sie und beugte sich über den Schreibtisch. „Sie ist messbar. Sie ist effektiv. Sie ist … Sie ist verantwortungsvoll.“ „Und Musik ist die Seele“, entgegnete er mit leiser, leidenschaftlicher Stimme. „Diese Kinder müssen nicht nur lernen, wie man ein Handbuch liest; sie müssen lernen, wie sie die Hölle ausdrücken können, die sie durchleben. Warum bist du so besessen davon, dass Dinge ‚messbar‘ sein müssen? Hast du solche Angst vor etwas, das du nicht in eine Tabelle eintragen kannst?“ „Ich habe vor nichts Angst“, log sie. „Lügnerin“, flüsterte er. Er stand auf und beugte sich über den Schreibtisch, bis sie nur noch wenige Zentimeter voneinander entfernt waren. Der Duft von Sandelholz und altem Papier war berauschend. „Du bist die ängstlichste Person, die ich je getroffen habe. Dieser Zufall ließ ihr einen Schauer über den Rücken laufen. Sie wich zurück, wobei ihr Stuhl laut über den Hartholzboden scharrte. „Ich gehe mal auf die Toilette.“ Sie wartete nicht auf seine Antwort. Sie stürzte in den Flur hinaus, das Herz hämmerte ihr gegen die Rippen. Sie fand eine Toilette, schloss die Tür ab und sank mit zitternden Händen dagegen. Sie holte ihr Handy heraus. Sie brauchte einen Halt. [NACHRICHT AN: Vesper] Er macht es schon wieder. Er gräbt nach. Er glaubt, er kennt mich. Er sagte, ich hätte Angst davor, echt zu sein. Vesper, wie kann ich ihn davon abhalten, mich zu durchschauen? Sie wartete, den Blick auf den Bildschirm geheftet. Am Ende des Flurs, im Arbeitszimmer, summte Kaelen Thornes Handy. Er nahm es in die Hand, sein Gesicht blass im Schein des Bildschirms. Er las Nova-9s Nachricht. Er blickte auf die geschlossene Tür des Arbeitszimmers, dann wieder auf sein Handy. Sein Herz war wie ein Bleigewicht in seiner Brust. Er tippte eine Antwort, seine Finger bewegten sich mit verzweifelter Energie. [NACHRICHT VON: Vesper] Du kannst ihn nicht aufhalten. Wenn er dich durchschaut, dann deshalb, weil du endlich das Licht hereinlässt. Hör auf, gegen die Person vor dir anzukämpfen, und fang an, ihn zu benutzen. Beschreibe, wie seine Stimme klang, als er dich eine Lügnerin nannte. Beschreibe die Hitze im Raum. Schreib es jetzt auf, Nova. Solange es noch brennt. Im Badezimmer las Lyra die Antwort. Ihre Sicht verschwamm. Sie öffnete ihre Notizen-App und begann zu tippen, die Worte strömten fieberhaft aus ihr heraus. Sie schrieb darüber, wie Kaelens Augen sich verdunkelt hatten, wie seine Stimme zu einem Flüstern gesunken war und über die erschreckende Erkenntnis, dass sie sich für einen Moment nicht hatte zurückziehen wollen. Sie beendete den Eintrag, wischte sich die Augen und zog ihre Maske wieder zurecht. Sie ging zurück ins Arbeitszimmer, bereit, den Vorschlag fertigzustellen. Doch der Raum hatte sich verändert. Kaelen stand am Fenster und blickte hinaus auf das dunkle Anwesen. Er drehte sich nicht um, als sie eintrat. „Mein Vater kommt nach Hause“, sagte er mit tonloser Stimme. „Du solltest wohl besser gehen. Er mag keine … Ablenkungen.“ „Wir haben den Vorschlag noch nicht fertiggestellt“, sagte Lyra, verwirrt von der plötzlichen Veränderung der Atmosphäre. „Ich werde ihn fertigstellen“, sagte Kaelen, ohne sie anzusehen. „Ich werde mich für das Alphabetisierungsprogramm entscheiden. Du hast gewonnen, Lyra. Das tust du immer.“ Er klang hohl. Distanziert. Lyra sammelte ihre Sachen ein, wobei ihr Herz aus einem Grund schmerzte, den sie nicht erklären konnte. Als sie die Tür erreichte, hielt sie inne. „Kaelen?“ „Geh, Lyra.“ Sie ging. Doch als sie die lange, kalte Auffahrt des Thorne-Anwesens hinunterging, holte sie ein letztes Mal ihr Handy hervor. [NACHRICHT AN: Vesper] Er hat mich gewinnen lassen. Aber aus irgendeinem Grund fühlt es sich an, als hätte ich verloren. Sie wartete auf eine Antwort, die nicht kam. Was sie nicht sah, war Kaelen Thorne, der in der Dunkelheit seines Arbeitszimmers stand, sein Handy leuchtete auf dem Schreibtisch. Er starrte auf die Nachricht von Nova-9, seine Hand schwebte über dem Bildschirm, unfähig, auch nur ein einziges Wort zu tippen. Denn zum ersten Mal in seinem Leben hatte der Lektor keine Antworten. Er wusste nicht, wie er ihr sagen sollte, dass er derjenige war, den sie hasste. Und dass er der Einzige war, der ihre Art zu schreiben liebte.
Free reading for new users
Scan code to download app
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Writer
  • chap_listContents
  • likeADD