Kapitel 11

669 Words
Die Sonne am Montagmorgen erhellte nicht nur die Ehrungshalle der Oakhaven Academy, sondern legte auch jeden einzelnen Riss in ihrer polierten Fassade bloß. Drei Jahre lang war Lyra mit hoch erhobenem Kopf durch diese Flure gegangen und hatte sich auf den Zusammenstoß mit der wohlhabenden Elite gefasst gemacht, die sie wie eine Ausnahmeerscheinung unter den Stipendiaten behandelte. Heute schritt sie mit der stillen Gelassenheit einer Person, die alle Hürden genommen hatte. Der Hauptpreis des Wettbewerbs in Höhe von 50.000 Dollar war offiziell auf ihrem Bankkonto eingegangen, und die von Dekan Sterling unterzeichnete Quittung für die Studiengebühren des letzten Semesters steckte sicher in ihrer Ledertasche. Sie nahm ihren Platz in der hintersten Ecke ein und blickte über den Innenhof. Die Nachricht von Chloes plötzlicher Entlassung aus dem Unternehmen und der anschließenden akademischen Suspendierung hatte sich in der Abschlussklasse wie ein digitales Lauffeuer verbreitet. Der leere Schreibtisch, an dem Chloe früher gesessen hatte, wirkte weniger wie eine Tragödie, sondern eher wie eine Kürzung – eine überflüssige Figur, die aus dem endgültigen Entwurf gestrichen worden war, um Platz für die eigentliche Handlung zu schaffen. „Du starrst schon wieder, Vance. Die Leute werden denken, du entwickelst echte menschliche Neugier.“ Lyra drehte sich nicht sofort um. Sie ließ sich erst von dem Klang seiner Stimme, einer Mischung aus Sandpapier und Seide, umhüllen und genoss die bedächtige, langsam aufklingende Reibung darin. Als sie schließlich aufblickte, ließ sich Kaelen in den Ledersessel ihr gegenüber gleiten. Er sah anders aus. Sein Oakhaven-Blazer war aufgeknöpft, seine Krawatte leicht gelockert, und sein müheloses, zerzaustes blondes Haar fing das Morgenlicht auf eine Weise ein, die nicht mehr kalkuliert wirkte. Er trug seine Rüstung nicht. Und sie auch nicht. „Ich habe gerade über den Vorschlag für das Legacy-Projekt nachgedacht“, sagte Lyra, das Kinn auf die Hand gestützt, ein kleines, aufrichtiges Lächeln auf den Lippen. „Coach Miller hat heute Morgen die Budgetanpassung genehmigt. Das Musikkonservatorium für Anfänger erhält die volle Finanzierung.“ Kaelens blaue Augen wurden weicher, eine tiefe, resonante Wärme ersetzte den zynischen Blick, den er normalerweise für diese Flure reservierte. „Ich weiß. Der Direktor hat mich vor einer Stunde angerufen. Er sagte, jemand habe die Spende unter dem Namen Nova-9 anonymisiert.“ „Eine gute Autorin gibt immer ihre Quellen an“, murmelte sie, während ihr Herz einen gleichmäßigen, rhythmischen Puls schlug, der sich ganz und gar wie ihr eigener anfühlte. Kaelen beugte sich über den Mahagonitisch und drang in ihren persönlichen Raum ein, so wie er es schon so oft zuvor getan hatte. Doch das erdrückende Gewicht war verschwunden, ersetzt durch den frischen, elektrisierenden Duft von Sandelholz und alten Büchern. Er legte sein Handy auf den Tisch zwischen ihnen, der Bildschirm leuchtete mit der Ansicht eines privaten Dokuments auf The Nexus. „ Als dein Lektor habe ich ein paar Anmerkungen zum Entwurf deines nächsten Buches“, sagte Kaelen, wobei seine Stimme in jenen tiefen, intimen Ton fiel, der ihr früher Angst einflößte. „Die Handlung ist straff, es steht viel auf dem Spiel, aber der Held … er wirkt in den ersten Kapiteln etwas zu glatt. Ich finde, er muss chaotischer sein. Menschlicher.“ Lyra streckte die Hand aus, ihre Finger glitten über das dunkle Holz, bis sie seine berührten. „Ich glaube, die Autorin kann das hinbekommen. Wenn der Lektor verspricht, die vollständige kreative Kontrolle über die Dialoge zu behalten.“ „Abgemacht“, flüsterte Kaelen, seine Finger schlossen sich um ihre, und sie verschränkten ihre Hände vor den Augen der gesamten Ehrenschüler-Lounge. Drei Jahre lang hatten sie eine Geschichte gegenseitiger Zerstörung geschrieben, sich in den Fluren Sticheleien zugeworfen und um eine Krone konkurriert, die keiner von beiden wirklich wollte. Doch als die erste Glocke des Tages läutete und über den weitläufigen Steincampus hallte, wurde Lyra klar, dass die besten Geschichten diejenigen sind, die man nicht vorhersagen kann. Die, in denen sich der Bösewicht als Retter entpuppt und das kalte, unnachgiebige Eis schließlich zu etwas Echtem schmilzt. Der Prolog war vorbei. Die wahre Geschichte fing gerade erst an.
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