Kapitel 50

1510 Words
Sie ignorierte ihn und rollte sich an den Rand des Bettes. Ihre Finger krallten sich in die Decke und umfassten die Kante, während sie ihre Beine nach unten schwang. Der Schmerz flammte scharf auf und schoss durch ihre Oberschenkel. Ihre Knie zitterten unter ihr. Ihr Wolf versuchte es erneut, drängte sie sanft und flüsterte: Das ist nicht sicher. Du bist noch nicht bereit. „Ich habe gesagt, dass ich mich bewege“, fauchte sie mit leiser, aber heftiger Stimme. Jedes Wort trug das eiserne Gewicht ihres Willens. Ich brauche niemanden, der mich für immer trägt. Ein Fuß berührte den Boden. Dann der andere. Eine Welle der Qual durchlief sie, doch sie biss die Zähne zusammen, stellte die Füße fest auf und richtete sich Zentimeter für Zentimeter auf. Ihre Beine schwankten unkontrolliert. Sie taumelte und hielt sich kaum aufrecht. Mit jedem Atemzug schien sich der Raum zu neigen. Und dann spürte sie es. Einen Puls durch das Band. Fein. Aber unverkennbar. Jemand spürte ihren Kampf. Ihre Brust zog sich zusammen, als ihr Herzschlag schneller wurde. Einer von ihnen wusste es. Bevor sie einen weiteren unsicheren Schritt machen konnte, knarrte die Tür auf. Der Schatten eines Alphas fiel über die Schwelle. „Was zum Teufel glaubst du eigentlich, was du da tust?“ Ihre Augen trafen Pagans Blick. Scharf. Goldene Iriden, in denen Sorge und kaum gebändigte Wut flackerten. Sie hatte kaum Zeit, ihn wahrzunehmen, bevor seine Hand unter ihre Arme glitt, sie stützte und auffing, bevor ihre Knie nachgaben. „Verdammt noch mal“, murmelte er vor sich hin und hob sie leicht an. Seine Brust streifte ihre, während er sie aufrecht hielt. „Bist du immer so stur? Du bist viel zu schwach, um—“ „Ich bin nicht schwach.“ Charise zischte die Worte hervor, obwohl sie nach Luft rang. Frustration lag in jeder Silbe. Ihr Wolf knurrte und spiegelte ihren Trotz. Pagans Kiefer spannte sich an. Sein Griff blieb fest, doch sein Blick wurde etwas weicher, während er sie musterte. Ihr Körper zitterte vor Erschöpfung. Ihr Gesicht war blass. Ein feiner Schweißfilm lag auf ihrer Stirn. „Mach das nie wieder“, sagte er mit leiser, aber tödlicher Stimme. Ihre Hände drückten gegen seine Brust, während sie versuchte, ihr Gleichgewicht selbst zurückzugewinnen. Schließlich richtete sie sich etwas auf. Zitternd. Aber aufrecht. „Du hast mir nicht zu sagen, was ich tun soll ... selbst wenn wir Gefährten sind.“ Sie funkelte ihn an. Ihre Brust hob und senkte sich schnell. Hitze stieg in ihre Wangen. Stolz und Sturheit kämpften mit Erleichterung und einem seltsam tröstlichen Gefühl. „Ich brauche dich nicht“, flüsterte sie. Doch ihren Worten fehlte die Überzeugung. Pagans Lippen verzogen sich leicht. Dunkel. Wissend. „Das lasse ich dich gerne glauben“, murmelte er. Seine Stimme war tief, beschützend und gerade genug, um sie auf die bestmögliche Weise aus dem Gleichgewicht zu bringen. Für einen Moment wurde das Zimmer wieder still. Das Band zwischen ihnen summte unter der Oberfläche. Beschützend. Besitzergreifend. Ungesagt. Charises Wolf, noch immer vor Frustration brodelnd, gewährte ihr schließlich eine vorsichtige Atempause. Er spürte, dass der Alpha gerade noch rechtzeitig eingegriffen hatte. Merricks Stiefel waren beinahe lautlos auf dem polierten Holz, als er die Treppe hinaufstieg. Das Schlachtfeld. Der Schnee. Die gefrorene Erde an der Ostgrenze. All das lag noch immer in seinen Muskeln. Doch darunter zog ein beständiges Zerren durch das Band ihn nach oben. Charise war wach. Und sie überforderte sich. Verdammt. Vor der Tür hielt er inne. Er spürte das Zittern ihrer Magie und das leise Summen ihres Wolfs unter ihrer Haut. Sie war nicht wirklich schwach. Aber sie testete ihre Grenzen auf eine Weise, die ihr schaden konnte. Und das konnte er nicht zulassen. Er stieß die Tür auf und erstarrte. Charise schwankte am Rand des Bettes. Ihre Beine zitterten. Ein weites Hemd hing locker über ihren Schultern. Ihr Haar fiel in feuchten Wellen um ihr Gesicht. Ihre Augen waren groß und trotzig trotz ihrer Erschöpfung. Sie sah ihn noch nicht an. Doch das Band summte beharrlich. Sie weiß, dass wir hier sind. Pagan hielt sie bereits fest. Sein goldgrüner Blick war intensiv. Seine Pupillen waren vor Hitze und Ärger tiefschwarz geweitet. Doch in dem Gold blitzte auch der kleinste Hauch von Ehrfurcht auf, während er sie dicht an sich drückte und ihren nachgebenden Körper stützte. Charises Kiefer spannte sich an. Ihre Stimme war leise. Zitternd. Ein Flüstern, das sie selbst kaum hörte. „Ich ... ich brauche ... nicht ...“ Ihre Worte brachen ab, als ein Zittern durch sie lief. Ihr Körper bebte unter der Anstrengung. Sie wollte widersprechen. Wollte auf ihrer Unabhängigkeit bestehen. Doch ihre Beine gaben leicht nach und verrieten die Wahrheit, die sie nicht einmal sich selbst eingestanden hatte. Merrick ging neben dem Bett in die Hocke. Vorsichtig. Bedacht. Er ließ das Band sie langsam und sanft miteinander verbinden. „Charise ... du bist es gewohnt, allein zu sein. Das haben wir gesehen. Aber im Moment ... bist du nicht allein.“ Seine Stimme war ruhig. Fest. Beruhigend. Charise blinzelte. Ihr Blick wanderte zwischen den beiden Männern hin und her. Pagan. Mit seinen goldgrünen Augen voller zurückgehaltener Flammen. Und Merrick. Ruhig. Beständig. Der Anker, der sie hielt. Ihr Wolf knurrte leise missbilligend. Doch selbst er schwankte unter dem Sog ihrer Anwesenheit. Merricks Blick traf für den Bruchteil einer Sekunde Pagans. Gold blitzte auf. Dunkle Pupillen. Beschützend. Besitzergreifend. Er sah die stille Kapitulation in Charises Haltung. Das Zittern ihrer sturen Unabhängigkeit, das durch das Band, das sie teilten, weicher geworden war. Lyon trat leichtfüßig ins Zimmer und schloss die Tür hinter sich. Sonnenlicht fiel durch die Vorhänge und fing die Schneekristalle ein, die an den Fensterscheiben hafteten. Charise hatte einen Kompromiss geschlossen. Sie hatte sich nicht wieder hingelegt. Stattdessen saß sie auf der Bettkante. Die Beine baumelten herunter. Das übergroße Hemd, von dem sie inzwischen überzeugt war, dass es Pagan gehörte, reichte bis zur Mitte ihrer Oberschenkel. Ihre nackten Beine wirkten blass gegen die Decken. Ihr Haar fiel wirr um ihr Gesicht – ein Überbleibsel ihres morgendlichen Kampfes mit Pagan und Merrick. „Ich gehe nirgendwo hin, wenn ich so aussehe“, sagte sie. Ihre Stimme war schwach. Aber bestimmt. Dabei versuchte sie, sich gerader aufzurichten. Lyon ging neben dem Bett in die Hocke und legte eine stützende Hand auf ihren Rücken. „Diesen Kampf wirst du nicht gewinnen“, sagte er sanft. Leise. Unnachgiebig. „Nicht heute, mein Licht.“ Sie verzog das Gesicht und versuchte, sich wegzudrehen. Eine Hand hob sich, als wolle sie ihn wegschieben. Doch ihre Kräfte waren durch die Anstrengungen des Morgens erschöpft. Lyons Hände bewegten sich ohne Zögern. Er schob einen Arm unter ihre Knie und den anderen hinter ihren Rücken und hob sie hoch. „Siehst du? So stark bist du im Moment nicht“, murmelte er. Vorsichtig. Aber bestimmt. Ihr Kopf sank instinktiv auf seine Schulter. Ihre Arme legten sich locker um seinen Hals. Sie ließ sich tragen. Ihr hartnäckiger Widerstand schwand, während ihr Körper leicht zusammensackte. Erschöpft. Doch ihre Augen blieben wach. „Mir geht es gut“, protestierte sie leise. Doch ihre Stimme brach, als ihre Beine in seinen Armen leicht nachgaben. „Nein, geht es nicht“, erwiderte er. Ein Hauch trockenen Humors lag trotz der Dringlichkeit in seinem Ton. „Und ich verhandle nicht.“ Sie seufzte und drückte ihre Wange gegen seine Schulter. Ihr Haar kitzelte seinen Kiefer. Eine ihrer Hände glitt zu dem Mondstein, der unter seinem Hemd verborgen lag. Lyon spürte die Wärme ihrer Handfläche. Und sofort reagierte das Band. Ein beständiger, beruhigender Puls floss zwischen ihnen. Er zog sie näher an sich. Darauf bedacht, sie nicht zu erschüttern. Und spürte ihre Akzeptanz in dieser kleinen, instinktiven Berührung. „Die Fahrzeuge sind bereit“, sagte er nahe an ihrem Ohr. Seine Stimme war sanft. Aber befehlend. „Wir müssen aufbrechen.“ Mit geübter Sorgfalt trug er sie die schneebedeckten Stufen hinunter. Der Konvoi wartete bereits. Die Motoren liefen leise im Leerlauf. Im hinteren Bereich des führenden SUVs waren Decken und Kissen für ihren Komfort vorbereitet worden. Lyon ließ sie vorsichtig hinunter. Sie sank auf das improvisierte Bett, während die Decken sie wie ein Kokon umhüllten. Ihr Kopf ruhte seitlich. Ihr Haar breitete sich über den weichen Lagen aus. Ihre Augen waren halb geschlossen und drifteten bereits wieder in Richtung Ruhe. Er zog die Decke leicht über ihre Schultern. Sorgfältig darauf bedacht, nicht an dem Hemd zu ziehen, das sie kaum bedeckte. Dann drückte er kurz die Lippen auf ihre Schläfe. „Ruh dich aus, mein Licht“, flüsterte er. „Um den Rest kümmern wir uns.“ Lyon trat zurück und ließ den Blick über den Konvoi und die umliegenden Straßen der Stadt schweifen. Der Schnee knirschte unter den Reifen, als die Motoren zum Leben erwachten und die Fahrzeuge ihre langsame Reise nach Norden begannen. Charise lag still da. Eingehüllt in Decken und Fürsorge. Ihre Sturheit für den Moment beiseitegelegt. Und die drei Alphas bewegten sich mit ihrer gewohnten Präzision – beschützend, wachsam und vollkommen präsent.
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