Das Band pulsierte erneut – drei Fäden, die sich durch ihr Herz webten, beständig und unzerbrechlich.
Zum ersten Mal seit langer Zeit erlaubte sie sich, darin zu versinken.
Das Zimmer verblasste, ihr Atem wurde langsamer, und sie glitt wieder dem Schlaf entgegen – nicht, weil sie schwach war, sondern weil sie in Sicherheit war.
Merrick blieb länger, als er hätte bleiben sollen.
Die Wärme des Bettes, der schwache Duft von Charise – Zedernholz, Silber und etwas Unbestimmbares, das an seiner Brust zog – hielten ihn fest. Jeder Muskel seines Körpers protestierte, als er sich schließlich aufrichtete und sein Blick über ihre Gestalt unter der Decke glitt.
Sie war noch immer bewusstlos.
Klein und zerbrechlich.
Und doch unmöglich lebendig.
Ihre Lippen standen leicht offen, ihre Wimpern streiften ihre Wangen.
Er spürte es, bevor er es sah.
Ihr Unterbewusstsein regte sich.
Ein Stirnrunzeln zeichnete sich auf ihrer Stirn ab, als hätte sie seine Bewegung wahrgenommen. Sie drehte ihr Gesicht ein wenig in seine Richtung.
Ihre Hand bewegte sich unter der Decke und krümmte sich leicht, als suche sie selbst im Schlaf nach dem Trost seiner Nähe.
Pagan, der noch immer dicht bei ihr lag, bemerkte die winzige Veränderung.
Seine Lippen streiften die Muschel ihres Ohrs.
Tief und neckend, aber sanft genug, um sie zu beruhigen.
„Schhh“, murmelte er mit rauer Stimme, gezeichnet von der Nacht und der Anstrengung. „Ich hab dich.“
Das kleine Seufzen, das sie ausstieß, verriet ihm, dass sie verstand.
Dass sie selbst in ihren Träumen, selbst in diesem Nebel aus Ruhe und Erholung, das Band und den Schutz spürte.
Merrick atmete schließlich aus und erhob sich ganz.
In dem Moment, als er sich entfernte, zog sich ein scharfer Schmerz in seiner Brust zusammen.
Das Bett fühlte sich leerer an als noch vor einer Sekunde.
Der schwache Druck ihres Wolfs unter ihrer Haut – der selbst unbewusst nach ihm griff – ließ ihn innehalten.
Er schüttelte das Gefühl ab.
Die Pflicht rief.
„Pagan“, sagte er leise, seine Stimme so gedämpft, dass nur sein Bruder sie hören konnte. „Ich gehe nach unten.“
Pagan knurrte leise vor sich hin.
Fast verspielt.
Fast warnend.
Merrick antwortete nicht.
Er wusste, dass der Wolf in seinem „Bruder“ sich jedes Band bewusst war, das sie mit ihr verband.
Bewusst derselben Wachsamkeit, die auch Merrick empfand.
Unten im Gasthaus herrschte bereits geschäftiges Treiben.
Ihre Männer waren wach, kümmerten sich um ihre Ausrüstung, überprüften Reittiere und Fahrzeuge und sprachen gedämpft über die seltsamen Gerüchte, die sich durch die nördlichen Territorien ausbreiteten.
Merrick schloss die Tür hinter sich und richtete sich auf, als würde er die letzten Reste des Schlafes von seinen Schultern abschütteln.
Leutnant Terrance wartete bereits.
Ein großer, schlanker Mann mit scharfem Blick und einer geistigen Disziplin, die Merricks eigener ähnelte.
Er senkte den Kopf zu einer förmlichen Verbeugung.
„Alpha“, sagte Terrance. „Wir erhalten bereits Berichte aus den Grenzstädten. Gerüchte verbreiten sich – über die Hybride, die das Siegel gebrochen hat.“
Merricks Kiefer spannte sich an.
„Gerüchte interessieren mich nicht. Der Rat interessiert mich. Wenn diese Nachricht die falschen Ohren erreicht ...“
Er ließ den Gedanken unvollendet.
Terrance nickte.
„Ja, Sir. Die kleineren Rudel sind bereits beunruhigt. Aber es gibt noch mehr. Gerüchten zufolge hat sie nicht nur das Siegel gebrochen – sie hat ihre Macht gegen die Streuner entfesselt. Der Vorfall an der Nordgrenze löst gleichermaßen Panik und Ehrfurcht aus.“
Merrick atmete langsam aus und rieb sich den Nacken.
„Ehrfurcht“, murmelte er. „Gut. Sollen sie sie spüren. Aber Angst ist gefährlich. Angst wird den Rat zu unüberlegten Handlungen treiben.“
Er drehte sich um, stützte die Hände auf den Tisch und blickte auf die Stadt jenseits der Fenster des Gasthauses.
Schnee lag noch immer auf den Dächern und glitzerte in der aufgehenden Sonne.
„In zwei Stunden sind wir wieder unterwegs“, sagte er schließlich. „Je früher wir die Sicherheit unseres Territoriums erreichen, desto besser. Keine Verzögerungen. Unsere Verwundeten, unsere Gefährtin und unser Stolz müssen unter Kontrolle bleiben, bevor sich alles noch weiter ausbreitet.“
Terrance nickte und machte sich Notizen.
„Ja, Sir. Die Befehle werden weitergegeben. Der Konvoi ist bereit.“
Merrick hielt inne und schloss für einen kurzen Moment die Augen.
Er konnte die Fäden ihrer Anwesenheit bereits im Band spüren.
Sanft.
Still.
Sie riefen nach ihm, selbst über die Entfernung hinweg.
Selbst im Schlaf pulsierte Charises Verbindung und erinnerte ihn daran, warum er schnell handeln musste.
Nicht wegen Strategie.
Nicht wegen Politik.
Sondern ihretwegen.
Er richtete sich auf, seine Stimme fest und präzise.
„Bereitet die SUVs vor. Die Verwundeten bleiben bei uns. Und Terrance?“
„Ja, Alpha?“
Merricks Augen öffneten sich.
Stahl durchschnitt die Stille.
„Behaltet jedes Rudel genau im Auge, das sich uns nähert. Wir überlassen nichts dem Zufall. Nicht dieses Mal.“
Terrance nickte scharf.
„Verstanden, Alpha Merrick.“
Merrick drehte sich um, die Schultern gerade.
Das Band summte schwach unter seiner Haut.
Sie schlief und ahnte nichts von der Last, die er bereits trug – Beschützer, Wächter und bald derjenige, der dafür sorgen würde, dass ihr nie wieder jemand etwas antun konnte.
Das Zimmer war still.
Das sanfte graue Licht des Morgens fiel durch die Vorhänge, Staubkörner schwebten in den Lichtstrahlen.
Das Bett hatte die Wärme verloren, die es Stunden zuvor gehalten hatte.
Kein Druck breiter Schultern.
Kein gleichmäßiger Herzschlag unter ihrer Wange.
Und doch spürte Charise sie.
Ein nachhallendes Ziehen im Band.
Fein, aber beharrlich.
Es streckte sich aus und wand sich um sie wie Rauch.
Sie waren hier gewesen.
Und irgendwie war das Echo ihrer Nähe geblieben.
Sie blinzelte und ließ den Blick auf die Falten der Decke fallen, die noch immer um sie geschlungen war.
Als sie sich darunter bewegte, spürte sie die Schmerzen ihres Körpers.
Ihre Muskeln waren wund von den Anstrengungen der Nacht.
Ihre Knochen steif von Stunden voller Bewegung und Belastung.
Ihr Kopf pochte dort, wo Tobias sie getroffen hatte – eine dumpfe, anhaltende Erinnerung an seine Rücksichtslosigkeit.
Doch dieser Schmerz wurde nun gemildert durch die seltsame, warme Erleichterung an der Stelle, an der einst das Siegel gewesen war.
Der Ort, an dem ihre Magie einst gewaltsam eingeschlossen worden war, kribbelte schwach.
Ein stiller Schmerz, der sich beinahe wie Freiheit anfühlte.
Vorsichtig bewegte sie sich und zog die Decken enger um sich, hüllte sich darin ein und wurde sich allmählich ihrer Umgebung bewusster.
Angefangen bei dem großen Hemd, das sie trug.
Der Stoff roch schwach nach ihnen.
Nach Wärme und Erde.
Ein Geruch, der ihre Brust enger werden ließ, während sie genug Knöpfe schloss, um ihre Brüste zu bedecken.
Das Hemd hing locker und übergroß an ihr.
Und doch war es genug.
So saß sie da, die Knie leicht angezogen.
Eine Hand strich über den Stoff.
Die andere fuhr durch ihr Haar.
Und sie erlaubte sich zu atmen.
Die verbliebene Wärme des Bettes erinnerte sie an die Nähe, die sie gespürt hatte.
An das schützende Gewicht ihrer Anwesenheit.
An einen Schutz, von dem sie nie geglaubt hätte, ihn jemals zu besitzen.
Gefährten ...
Sie hatte immer gedacht, dass sie als Halbblut niemals einen finden würde ...
Und nun ...
... hatte sie drei.
Die Erinnerung an ihr gemeinsames Band während der Nacht – daran, wie sie sie gehalten hatten, sie durch ihre Erschöpfung geführt hatten und ihr erlaubt hatten zu ruhen – summte unter ihrer Haut.
Schwach, aber beharrlich.
Die Art, wie ihr Körper, ihr Wolf, auf sie reagierte ...
Es fühlte sich so natürlich an.
Ihre Finger verkrampften sich leicht in ihrem Haar, während ihre Gedanken durch die letzten Stunden wanderten.
Das Krachen der Streuner.
Die Spannung im Schnee.
Das brennende Aufflammen ihrer Magie.
Die unerträgliche Hitze, als das Siegel nachgab.
Die Macht hatte sich ursprünglich angefühlt.
Roh.
Gefährlich.
Doch jetzt, in der Stille danach, war sie etwas anderes.
Etwas, das ihr gehörte.
Etwas Befreites.
Charise atmete langsam aus und ließ die letzten Ränder von Panik und Adrenalin von sich abfließen.
Ihre Muskeln schmerzten.
Ihr Kopf pochte.
Doch darunter lag eine seltsame, beständige Klarheit.
Sie lebte.
Ihre Magie gehörte ihr.
Und das Band – das Band zu ihnen – war nicht länger nur ein Flüstern.
Es war ein Puls.
Ein Faden, der durch ihre Brust und unter ihre Haut verlief.
Ein Faden, der sie unwiderruflich mit den dreien verband, die Anspruch auf sie erhoben hatten.
Das Zimmer war still.
Die schwache Kälte des morgendlichen Schnees drang durch die Fensterscheiben.
Charise bewegte sich unter dem Stoff des Hemdes.
Ihre Muskeln waren angespannt.
Wund.
Widerspenstig.
Ihr Körper schrie sie förmlich an.
Jedes Gelenk schmerzte.
Jede Gliedmaße fühlte sich an, als wäre sie mit Eisen beschwert.
Doch Sturheit hatte sie noch nie verlassen.
Ebenso wenig wie der Wolf unter ihrer Haut.
Ruh dich aus, zischte die Stimme in ihrem Kopf, tief und warnend.
Sofort sträubte sie sich dagegen.
„Ich ruhe mich nicht aus“, murmelte sie laut, die Zähne zusammengebissen. „Ich kann— ich werde—“
Ihr Wolf knurrte.
Frustration vibrierte durch ihre Brust.
Du bist schwach. Du hast dich zu weit verausgabt. Setz dich hin.