Elara griff nach ihrem Arm. „Charise – warte –“
„Ich bin fertig mit Warten.“
Etwas in ihr zerbrach – nicht das Mal, noch nicht, aber nah dran. Die Luft um sie herum schimmerte schwach mit silbernem Licht. Ihr Wolf drängte nach vorn, ein tiefes Knurren entwich ihrer Kehle, der Laut mehr tierisch als menschlich.
Elaras Gesichtsausdruck wurde weicher, Angst wich der Entschlossenheit. „Dann geh. Ich decke dich.“
Charise begegnete ihrem Blick, die Dankbarkeit unausgesprochen, aber heftig. „Danke.“
Elara nickte und trat zurück. „Sei vorsichtig. Was auch immer er geplant hat – er wird nicht aufhören, bis er dich hat.“
„Ich kümmere mich um ihn, wenn ich sie gerettet habe.“
Der Flur war still, als Charise hinausschlüpfte, die Füße lautlos auf dem Stein. Jeder Schritt ließ die Bindung lauter in ihrer Brust summen – drei deutliche Herzschläge in der Ferne, ihre Alphas, ahnungslos, was auf sie wartete.
Bis sie den Rand des Waldes erreichte, entglitt ihre Kontrolle bereits. Ihr Wolf krallte sich an die Oberfläche und forderte Freilassung.
„Gut“, hauchte sie, die Augen blitzend. „Deine Runde.“
Die Verwandlung traf schnell – Knochen formten sich neu, Fell brach durch die Haut in einem Wirbel aus Silber und Weiß. Das Mal brannte einmal gewaltsam auf, bevor es zu einem schwachen Puls verblasste.
Dann rannte sie.
Schnee wirbelte unter ihren Pfoten auf. Bäume verschwammen vorbeiziehend. Die kalte Luft schnitt durch ihr Fell, der Wald teilte sich vor ihr wie ein lebendiges Wesen, das ihre Macht erkannte – und ihre Wut.
Die Bindung zwischen ihr und den Alphas pulsierte nun stärker, Fäden des Bewusstseins spannten sich straff, während sie die Distanz verringerte.
Und irgendwo voraus trieb der Duft von Abtrünnigen auf dem Wind.
Sie drückte härter, die Augen nach Osten gerichtet.
Der Wald raste in Wirbeln aus Schnee und Schatten vorbei.
Charises Pfoten trafen den gefrorenen Boden in schnellem Rhythmus – dumpf, dumpf, dumpf –, jeder Schritt hämmerte gegen den Puls des Mals, das ihr Handgelenk versengte. Ihr Wolf trieb sie schneller vorwärts als der Gedanke, schneller als die Angst, jeder Muskel brannte vor Zielstrebigkeit.
Die Düfte trafen sie zuerst.
Blut. Rauch. Wölfe.
Der östliche Kamm war lebendig vor Chaos. Knurren zerriss die Luft wie Donner, der metallische Geschmack von Blut ritt auf dem Wind. Die Nackenhaare ihres Wolfs stellten sich auf, Wut leckte wie ein Lauffeuer durch ihre Adern.
Sie werden angegriffen.
Sie drückte härter, die Lungen brannten. Die Bindung summte in ihrer Brust – drei Herzschläge, drei deutliche Pulse aus Stärke und Wut. Pagan. Merrick. Lyon. Der Duft ihrer Wölfe verdichtete die Luft, als sie näher kam.
Dann – ein Schrei.
Nicht menschlich. Ein Wolf.
Schmerz, der durch die Nacht hallte.
Ihre Sicht wurde silbern.
Charise brach durch die letzte Baumreihe, Schnee explodierte unter ihren Pfoten. Das Schlachtfeld breitete sich unter ihr aus – Chaos in Fleisch und Blut. Dutzende Wölfe prallten am Kamm aufeinander, dunkles Fell gegen helles, der Boden aufgerissen von Blut und Frost.
Ohne nachzudenken, ohne zu zögern, warf sie den Kopf zurück und heulte.
Der Laut zerriss die Nacht – wild, hallend, uralt.
Alles erstarrte.
Der Kampf stockte. Wölfe auf beiden Seiten zögerten, die Ohren flach angelegt unter der puren Kraft ihrer Stimme. Ihr Heulen war nicht nur Laut – es war Macht, die in Wellen aus silbernem Licht nach außen rollte, aus ihrem Fell schimmerte und in den Schnee floss.
Die Abtrünnigen wichen zurück und knurrten. Selbst die Alphas drehten sich um, erschrocken, und senkten instinktiv die Köpfe unter dem Gewicht davon.
Pagans massiver schwarzer Wolf stand wenige Schritte entfernt, Blut zog Streifen durch sein Fell. Seine Augen trafen ihre – Schock, Erkennen, etwas Dunkleres flammte darin auf. Die Bindung zwischen ihnen spannte sich straff und versengte sie beide.
Unser.
Ihr Wolf beanspruchte es in Stille, im Instinkt. Keine Worte, nur Gewissheit.
Ein weiterer Puls silberner Energie rollte von ihrem Körper ab, die Luft zitterte um sie herum. Das Siegel an ihrem Handgelenk brannte – ein heißer, erstickender Schmerz, der ein Wimmern aus ihrer Kehle zwang. Es wollte sie zurückziehen, sie wieder fesseln.
Aber ihre Wut war jetzt zu stark.
In dem Moment, als ihre Augen zur Baumgrenze jenseits der Grenze huschten, spürte sie ihn – Darius. Beobachtend. Versteckt.
Feigling.
Ein Knurren grollte durch ihre Brust, tief und tödlich. Der Schnee um sie herum wirbelte auf, als ihre Macht erneut anschwoll, sichtbar durch das schwache silberne Schimmern, das über ihr Fell tanzte. Ihr Blick fixierte die dunkle Baumlinie, wo sie ihn spürte, ihr Körper senkte sich instinktiv kampfbereit.
Hinter ihr drohte das Chaos wieder aufzuleben. Die Abtrünnigen formierten sich neu, ihr Knurren hallte von den Kämmen wider.
Ihre Konzentration schnappte zurück – die Alphas waren erneut umzingelt und kämpften Rücken an Rücken, ihre Zahl war überfordert.
Ihre Wut erreichte den Siedepunkt. Die Bindung in ihrer Brust erwachte brüllend zum Leben, uralt und wild, und stemmte sich gegen die Fesseln des Mals. Der Schmerz war unerträglich, eine Kette, die sich enger zog, während ihre Magie nach außen drängte – fordernd, frei zu sein.
Das Herz ihres Wolfs donnerte einmal, zweimal.
Und dann erstarrte alles – der Schnee, der Laut, sogar die Luft um sie herum.
Sie stand dort, zitternd, die Augen silberhell und wild, und starrte in den dunklen Wald, wo Darius sich versteckte. Ihr Knurren vertiefte sich zu einem Laut, den keine sterbliche Kehle hervorbringen konnte.
Er wird dafür bezahlen.
Sie drehte den Kopf leicht zum Chaos am Kamm – zu ihren Alphas. Die Bindung pulsierte noch einmal, jetzt lauter, und sie spürten es – schwach, entfernt – diesen Ruf des Erkennens durch Blut und Schnee.
Ihr Wolf machte einen einzelnen Schritt nach vorn, silberne Funken zogen sich von ihren Pfoten.
Diesmal, als sie heulte, war es keine Warnung.
Es war ein Versprechen.
POV: Merrick
Die östlichen Kiefern erhoben sich schwarz gegen einen verletzten Himmel. Die Dämmerung zog sich lang und dünn über die Schneefelder und tauchte alles in einen Ascheton. Merrick stand an der Spitze der Kolonne, jeder Sinn zum Zerreißen gespannt. Hinter ihm das Geräusch gepolsterter Stiefel, sich verschiebender Rüstung, das leise Klirren von Stahl. Zu laut. In einem so stillen Wald war alles zu laut.
„Halt“, murmelte er.
Der Befehl breitete sich durch die Reihen aus. Die Männer verlangsamten sich, die Schultern gestrafft, die Augen scannten die Baumgrenze. Selbst der Wind war verstummt. Keine Vögel. Kein ferner Bach. Nur das spröde Geräusch des Atmens in der Kälte.
Pagan kam neben ihn, sein Wolf schlich unter der Haut – Merrick konnte es am ruhelosen Zucken seines Kiefers sehen, an den halb gebleckten Zähnen. „Dieser Ort stinkt falsch.“
Er hatte recht. Merrick ging in die Hocke, die behandschuhten Finger strichen über die gefrorene Erde. Der Schnee war in ordentlichen Linien aufgewühlt, zu absichtlich – Spuren von Durchgang und Tilgung zugleich. Am nördlichen Kamm hatte Pagan dasselbe gefunden. Öffnungen, die wie sichere Annäherungswege aussehen sollten, aber mit Duftlinien sauber abgewischt. Köder.
Lyon gesellte sich zu ihnen, still, aber wachsam. Der Jüngste der drei, doch seine Instinkte schnitten scharf. Sein Blick verengte sich auf den fernen Hang. „Die Spuren verschwinden auf halbem Weg zur Baumgrenze.“
Merrick erhob sich langsam und scannte den Horizont. „Gespiegelte Muster“, murmelte er. „Wer auch immer das aufgestellt hat, kannte unsere Patrouillenkarten.“
Pagans Knurren grollte tief in seiner Kehle. „Wir haben eine undichte Stelle.“
Merrick antwortete nicht. Die Luft selbst fühlte sich schwer an, d**k von etwas Unsichtbarem. Sein Puls begann, dem dumpfen Pochen unter seinem Brustbein zu entsprechen – demselben Rhythmus, der ihn seit dem Verlassen der Festung verfolgt hatte. Das Summen der Bindung.
Lyon erstarrte plötzlich. Sein Kopf ruckte nach Süden, die Augen weiteten sich für den Bruchteil eines Herzschlags.