Kapitel 113

1252 Words
Sie hielt Merricks Blick noch einen Moment länger fest und ließ das Brennen der Emotionen aufsteigen – Angst, Anspannung und etwas Ursprüngliches. „Er kommt für mich … er will mich zurück.“ Die Luft im Raum wurde dichter, aufgeladen von der Intensität der Bindung und den Reaktionen der Alphas. Ihr Körper zitterte leicht gegen Pagans Wärme. Ihr Verstand kämpfte noch immer darum, die Bruchstücke der Vision zusammenzufügen, doch die drei Männer rückten näher. Verbunden. Unerschütterlich. Sie warteten mit ihr. Still. Angespannt. Beschützend. Kein einziges weiteres Wort. Nur der gemeinsame Puls von Magie, Wolf und Herz, der den Raum zwischen ihnen erfüllte. Die Luft im Zimmer hatte sich seit ihrem Geständnis nicht entspannt. Sie hing schwer und unbeständig in der Luft, wie der Augenblick unmittelbar vor dem Ausbruch eines Sturms. Die Alphas waren vollkommen still geworden. Jeder von ihnen trug denselben Ausdruck – nur in unterschiedlichen Schattierungen. Kontrolle, die die darunter brodelnde Gewalt kaum noch zurückhielt. Merricks Kiefer arbeitete einmal. Stille Berechnung flackerte hinter seinen Augen auf, während er am Fußende des Bettes stand. Jeder Zentimeter von ihm war der Stratege, der rational bleiben wollte. Doch der Muskel in seiner Wange verriet ihn. Pagan hinter ihr hatte seinen Griff nicht im Geringsten gelockert. Sein Körper war angespannt wie eine gespannte Feder. Das stetige Pulsieren seines Zorns lief durch die Bindung direkt in ihre Haut. Sogar Lyon – normalerweise der Ruhigste von ihnen, die Ruhe in ihrem Chaos – wirkte erschüttert. „Sie verlässt dieses Zimmer nicht“, knurrte Pagan schließlich. Seine Brust vibrierte gegen ihren Rücken. Der tiefe Klang lief durch ihre Wirbelsäule. Merrick warf ihm einen scharfen Blick zu. „Sie ist keine Gefangene, Pagan.“ „Dann sollte sie es vielleicht sein“, fauchte Pagan. Seine Stimme war rau vor beschützendem Zorn. „Er kommt für sie. Du hast sie gehört – er will sie zurück. Glaubst du, ich lasse sie einfach dort hineingehen?“ Lyon fuhr sich mit einer Hand durchs Haar. Seine Beherrschung begann an den Rändern zu bröckeln. „Das musst du nicht. Er wird nicht einmal in ihre Nähe kommen.“ Seine Stimme blieb ruhig. Doch die Strömung darunter war tödlich. Lyon schrie nicht, wenn er wütend war. Er wurde schärfer. Jedes Wort traf wie eine Klinge. Charise blinzelte langsam. Ihr Verstand war noch benebelt, aber klar genug, um die Wellen von Emotionen zu spüren, die durch die Bindung schlugen. Angst. Wut. Hilflose Beschützerinstinkte. Ihr Herz begann schneller zu schlagen. Als sie versuchte, sich aufzusetzen, ließ Pagan ein tiefes Missfallen verlauten. Sein Arm zog sich nur noch fester um sie. „Hört auf“, murmelte sie. Ihre Stimme war brüchig, aber genug, um sie für einen halben Atemzug verstummen zu lassen. „Bitte. Hört einfach zu.“ Drei Augenpaare richteten sich sofort auf sie. Ihre Finger zuckten auf dem Bettlaken. Das Zittern verriet, wie ausgelaugt sie noch immer war. „Das ist nicht alles …“, sagte sie leise. Ihre Kehle zog sich um die Worte zusammen. Lyon beugte sich als Erster vor. Er spürte die Veränderung in ihrem Ton. „Was meinst du damit?“ Charise schluckte und sah ihn an. Etwas in ihren Augen ließ seinen Puls stocken. Ein Echo von Angst. Nicht nur Erinnerung. Etwas Frisches. Gegenwärtiges. „Darius hat noch jemanden, der ihm hilft“, sagte sie. Die Worte waren kaum mehr als ein Flüstern. Lyons Ausdruck verhärtete sich. „Wen?“ Seine Stimme wurde sanfter. Doch seine Hand ruhte auf dem Bett nahe ihrer. Noch ohne sie zu berühren. Er gab ihr Halt, ohne ihre Kraft zu nehmen. Sie begegnete seinem Blick. Die Welt schien sich auf den Raum zwischen ihnen zu verengen. Die Bindung spannte sich. Zog sich straff vor unausgesprochenen Gefühlen. Er konnte ihren Puls gegen seinen eigenen Herzschlag spüren. Ihre Lippen öffneten sich. Ihre Stimme zitterte gerade genug, um seine Brust eng werden zu lassen. „Eine Hexe …“ Merrick erstarrte. Sogar Pagans Atmung stockte hinter ihr. „Sie wusste, dass ich in der Vision war“, fuhr Charise fort. Ihre Augen waren unfokussiert. Die Erinnerung flackerte dahinter auf. „Sie hat mich hinausgedrängt. Lyon—“ Ihre Stimme brach leicht bei seinem Namen. „—sie hat mich gesehen.“ Lyons Atem blieb kurz weg. Etwas Gefährliches blitzte über sein Gesicht. „Sie hat dich gesehen?“ Charise nickte schwach. Ihre Hand krallte sich in die Decke, als könnte sie sich damit gegen die Erinnerung festhalten. „Es war nicht wie bei den anderen. Es war nicht einfach nur … dass ich zugesehen habe. Sie hat zurückgesehen. Und als sie das tat, wurde alles schwarz. Ich konnte nicht atmen. Ich—“ Sie brach ab. Die Worte zerfielen zitternd. Lyon bewegte sich, bevor Merrick oder Pagan reagieren konnten. Er griff nach ihrer Hand. Seine Finger fanden ihre. Gaben ihr Halt. Seine Magie summte leise. Instinktiv. „Sie ist der Grund, warum deine Magie ausgelaugt wurde“, sagte er leise. Die Erkenntnis traf ihn mit der Wucht eines Schlages. Sein Ton wechselte von sanft zu düster. So tief, dass sowohl Merrick als auch Pagan verstummten. Charises Augen hoben sich zu seinen. Groß. Noch immer glasig vor Erschöpfung. Lyon atmete langsam durch die Nase aus. Seine Stimme war tief. Nur durch Willenskraft ruhig. „Sie hat dich nicht nur gesehen. Sie hat etwas von dir genommen – die Verbindung selbst benutzt.“ Sein Blick glitt kurz zu Merrick. Dann zu Pagan. Seine Fassung begann sichtbar zu bröckeln. „Das bedeutet, sie ist mächtig genug, den Schleier zwischen Vision und Wachzustand zu durchdringen. Und das …“ Sein Kiefer spannte sich an. Der Muskel zuckte. „Damit hatten wir es noch nie zu tun.“ Der Raum wurde erneut still. Schweigend. Doch vibrierend vor Spannung. Merricks Blick war nun reine, kalte Berechnung. Die Angst darunter verborgen. „Wenn das stimmt“, sagte er leise, „dann könnte sie dich wiederfinden.“ Charise schluckte. Ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch. „Ich glaube, sie hat es bereits getan.“ Bei diesen Worten flammte Lyons Magie auf. Ungewollt. Wie ein Funke, der Feuer fing. Die Bindung zwischen ihnen pulsierte heiß und plötzlich. Eine unmittelbare Reaktion aus Angst und Zorn. Er ließ ihre Hand nicht los. Keiner von ihnen tat das. Die Nacht draußen drängte sich an das Haus. Die Balkontür stand noch einen Spalt offen. Mondlicht ergoss sich wie flüssiges Silber über ihre Haut. Doch im Inneren war die Luft erfüllt von etwas Schwererem als bloßer Erschöpfung. Charises Brust schmerzte. Ein fester Knoten aus Müdigkeit und Schuld drückte gegen ihre Lungen. Jeder Schlag der Bindung hämmerte gegen sie. Eine ständige Erinnerung daran, was sie in ihre Welt hineingezogen hatte. Sie hatte zu viel gesehen. Sie hatte es zugelassen. Und jetzt – die Hexe, Darius, die Rogues – sie alle waren wegen ihr in Bewegung geraten. Jedes Zittern ihres zurückgehaltenen Zorns. Jede angespannte Muskelspannung im Raum. Alles drückte auf sie ein, als könnte sie ihre Angst und Wut als tatsächliches Gewicht spüren. Sie wollte die Augen schließen. In die Matratze sinken. Sich in der Stille verlieren. Doch sie konnte nicht. Ihr eigener Wolf regte sich unter ihrer Haut. Tief. Beständig. Er strich beharrlich gegen die Ränder ihrer Panik. Ruhig. Atme. Du bist hier. Du bist in Sicherheit. Es war ein Anker für ihren Verstand. Eine leise, beharrliche Erinnerung daran, dass sie nicht allein war. Und doch wand sich die Selbstanklage weiter in ihrem Bauch. Sie zog ihre Schultern zusammen. Machte jeden Atemzug zu einem Kampf, als müsste sie Luft durch Wasser ziehen.
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