FAYE
Ältester Bennett räusperte sich schließlich. „Alpha...da ist noch die Sache mit Sages versprochenem Gefährten. Was machen wir mit ihm?“
Alpha Wells rieb sich das Gesicht und seufzte müde. „Alpha Alexander“, murmelte er. „Das ist schlecht.“
Mir sank das Herz, das hatte ich fast vergessen.
Ältester John runzelte die Stirn. „Wir können ihm Sage nicht mehr geben. Sie hat sich kurz vor der Paarung einem anderen Mann hingegeben, und alle haben es gesehen. Das lässt sich nicht vertuschen.“
Ältester Marcus nickte. „Alpha Alexander wurde eine reine Gefährtin versprochen. Das Brechen dieses Versprechens könnte uns entehren und, schlimmer noch, sein Rudel verärgern.“
„Wir brauchen dieses Bündnis“, fügte Ältester Bennett leise hinzu. „Ohne es könnte alles, wofür wir gearbeitet haben, auseinanderfallen.“
Alpha Wells wandte sich mit einem finsteren Blick an Sage. „Hast du gesehen, was du uns angetan hast? Das ist eine Katastrophe!“
Sage hob trotzig das Kinn. „Das muss nicht sein. Jason will mich, nicht Faye. Und ich will ihn auch. Lasst mich bei ihm bleiben. Faye kann meinen Platz bei Alpha Alexander einnehmen.“
Ich erstarrte. „Was?“
Ältester John sah mich an, fast so, als hätte er Mitleid mit mir. „Faye...wenn wir Sage nicht an Alpha Alexander geben können, dann musst du es sein.“
Mein Herz pochte. „Nein“, sagte ich und schüttelte den Kopf. „Das könnt ihr nicht machen.“
Sage trat näher, ihre Augen blitzten wütend. „Warum nicht, Faye? Du benimmst dich immer so edel, aber wenn du an der Reihe bist, dich für das Rudel zu opfern, sagst du nein?“
Ich ballte die Fäuste. „Hier geht es nicht darum, edel zu sein, Sage, und das weißt du auch. Du und Jason habt dieses Chaos verursacht, und jetzt soll ich es in Ordnung bringen, indem ich einen Fremden heirate?“
Sage lachte bitter. „Oh, jetzt ist das also etwas Schlechtes? Es war dir egal, dass ich jemandem versprochen wurde, den ich nie getroffen hatte, solange du Jason bekamst, Faye. Jetzt bist du an der Reihe, zu erfahren, wie sich das anfühlt.“
„Genug“, unterbrach Alpha Wells sie und wandte sich mir zu. „Faye, ich weiß, dass das nicht leicht für dich ist, aber die Allianz ist wichtig. Wenn Alpha Alexander eine Gefährtin verweigert wird, könnte das einen Krieg auslösen.“
„Also verkaufst du mich einfach?“, gab ich zurück.
Sein Blick wurde etwas weicher. „Es ist deine Pflicht, Faye. Du hast dieses Rudel immer als Delta beschützt. Jetzt musst du es wieder tun.“
„Nein“, flüsterte ich. „Wenn Sage es nicht mehr kann, dann schick eine Nachricht und sag es ab.“
Mein Vater schüttelte den Kopf. „Es ist zu spät. Er ist bereits hier.“
Mir stockte der Atem. „Was? Wann?“
„Er ist heute Nachmittag angekommen“, sagte mein Vater. „Ich habe es niemandem gesagt, weil ich nicht wollte, dass Sage in Panik gerät oder wegläuft. Ich dachte, ich würde bis heute Abend warten. Es tut mir leid.“
Mein Mund wurde trocken. Er war schon hier?
Alpha Wells wandte sich wieder Sage zu. „Und du bist damit einverstanden, dass deine Schwester deinen Platz einnimmt?“
Sage nickte schnell. „Ja, Alpha. Jason und ich lieben uns. So gewinnen alle. Das Rudel behält das Bündnis, und ich muss keinen Fremden heiraten.“
Ihre Worte schnitten tiefer als jede Klinge. Als wäre es völlig egal, was mit mir geschah.
Alpha Wells wandte sich an Jason. „Und du, Jason? Was hast du dazu zu sagen?“
Jasons Stimme klang kalt und emotionslos, als er antwortete. „Es ist mir wirklich egal, wer sich mit wem paart, Vater. Das Wichtigste ist, dass ich kein Interesse mehr daran habe, mich mit Faye zu paaren. Sie ist nicht mehr das, was ich will.“
Ich ballte die Fäuste, blieb aber still.
Alpha Wells wandte sich wieder mir zu. „Faye, das ist der einzige Weg, um das Rudel zu retten.“
Ich öffnete meinen Mund, aber die Worte blieben mir im Hals stecken. Schließlich schüttelte ich den Kopf. „Nein. Ich werde es nicht tun.“
„Doch, das wirst du!“, schnauzte Jason mich an und überraschte mich damit.
Ich drehte mich zu ihm um. „Wie bitte?“
„Du wirst dich mit ihm paaren, Faye“, knirschte er zwischen zusammengebissenen Zähnen. „Wenn du dich weigerst, komme ich nicht zu dir zurück. Ich habe dir gesagt, dass ich fertig bin. Also hör auf, nur an dich selbst zu denken, und tu, was von dir verlangt wird.“
Ich nickte und trat einen Schritt zurück. „Ich glaube, wir sind hier fertig. Wenn ihr mich bitte entschuldigen würdet...“
Bevor jemand etwas sagen konnte, drehte ich mich um und ging zur Tür, mein Herz pochte so laut, dass ich sie kaum hören konnte.
An der Tür warf ich den zeremoniellen Dolch auf den Boden. Er klapperte über den Boden.
„Faye! Komm zurück!“, donnerte Alpha Wells hinter mir.
Aber ich blieb nicht stehen. Ich drängte mich an allen vorbei und trat hinaus in die kühle Nachtluft. Meine Brust brannte vor Wut und Enttäuschung.
Novas Stimme hallte leise in meinem Kopf wider. „Faye...“
„Nicht“, unterbrach ich sie schroff. „Nicht jetzt.“
Ich ging an dem leeren Trainingsplatz vorbei, meine Gedanken wirbelten durcheinander. Ich achtete nicht darauf, wohin ich ging- und stieß mit jemandem zusammen. Meine Schulter prallte gegen eine harte Brust.
„Es tut mir so...“, begann ich.
„Pass auf, wo du hingehst“, schnauzte eine tiefe Stimme.
Ich blickte auf und mir stockte der Atem. Es war derselbe Mann vom Trainingsplatz.
Ich runzelte die Stirn. „Was ist Ihr Problem? Ich habe mich entschuldigt.“
„Und eine Entschuldigung reicht nicht immer aus, um Dinge wieder in Ordnung zu bringen“, gab er zurück und starrte mich an, als hätte ich ihn beleidigt. Er war nicht mehr so ruhig wie noch vor wenigen Minuten. Er schien über etwas verärgert zu sein, aber das war ich auch.
Ich verlor die Beherrschung und starrte ihn an. „Sie haben auch nicht aufgepasst.“
Er kniff die Augen zusammen und trat näher. „Pass auf, was du sagst“, warnte er mich. „So redet man nicht mit Leuten, die man nicht kennt.“
„Und Sie sollten sich Manieren aneignen, Herr“, gab ich zurück und trat ebenfalls näher. „Sie benehmen sich, als müssten sich alle vor Ihnen verneigen. Für wen halten Sie sich?“
Etwas flackerte in seinen stürmischen Augen, Überraschung, dann Wut, dann etwas Dunkleres.
Plötzlich bewegte er sich. Er packte mein Handgelenk und drückte mich zurück, bis mein Rücken gegen einen Baum stieß. Sein Körper versperrte mir das Mondlicht, und ich konnte die Hitze spüren, die von ihm ausging.
„Du hast eine ziemliche Klappe“, murmelte er mit leiser Stimme. „Jemand sollte dir beibringen, wann du sie benutzen darfst, bevor du dir damit Ärger einhandelst.“
Mein Herz raste, Wut und etwas anderes verdrehten sich in meiner Brust. Sein Duft-dunkel, intensiv, unbekannt-umhüllte mich.
„Und du hast ein ziemliches Ego“, gab ich atemlos zurück. „Jemand sollte es zügeln, bevor es dich umbringt.“
Wir standen da, atmeten schwer, starrten uns einen Moment lang an, dann stieß ich ihn an der Brust weg. „Lass mich los.“
Überraschenderweise ließ er mich sofort los. Ich drehte mich um und ging schnell in den Wald hinein, meine Hände zitterten immer noch.
Ich blieb erst stehen, als ich das Feld im Mondlicht erreichte. Ich stand dort ein paar Minuten lang, meine Brust hob und senkte sich, und kämpfte gegen eine Mischung aus Scham, Wut und Verwirrung an.
„Du musst zurückgehen“, drängte Nova leise.
„Ich weiß“, flüsterte ich.
Langsam drehte ich mich um und ging zurück zum Rudelhaus.
Bevor ich weit gekommen war, eilte meine Mutter auf mich zu. „Faye! Wo warst du?“, schimpfte sie. „Ich habe dich überall gesucht.“
„Ich brauchte nur frische Luft“, murmelte ich.
„Wir haben keine Zeit“, sagte sie und packte mich am Arm. „Alpha Wells erwartet dich in seinem Büro. Alpha Alexander wartet.“
Mein Magen verkrampfte sich. „Jetzt? In diesem Zustand?“ Ich blickte auf meine staubigen Kleider und meine zerzausten Haare hinunter.
„Ich weiß“, sagte sie aufgeregt und zog ein Blatt aus meinen Haaren. „Aber wir können ihn nicht warten lassen.“
Mit jedem Schritt wurde mein Herz schwerer. Mein eigener Gefährte hatte mich gerade mit meiner Schwester betrogen, und nun sollte ich den Mann treffen, dem meine Schwester versprochen war.
Meine Mutter öffnete die Bürotür. „Alpha Wells, sie ist da.“
Alpha Wells stand steif hinter seinem Schreibtisch, und auch mein Vater sah besorgt aus.
Dann fiel mein Blick auf den Mann, der neben ihnen stand, und mein Herz setzte einen Schlag aus. Er war es.
Derselbe Mann vom Trainingsplatz. Derjenige, der mich gerade gegen einen Baum gedrückt hatte.
Der Schock traf mich so hart, dass ich fast vergaß zu atmen.
Alpha Wells sprach. „Faye...das ist Alpha Alexander von Blood Crescent. Dein Vater und ich haben mit ihm gesprochen. Wir haben ihm angeboten, dass du den Platz deiner Schwester einnimmst.“ Er zögerte. „Aber...vielleicht ist das gar nicht nötig“, sagte er schließlich.
Ich starrte ihn verwirrt an. „Was meinen Sie damit?“
Alpha Wells atmete zittrig aus. „Alpha Alexander hat die Änderung der Vereinbarung abgelehnt...“
Bevor er zu Ende sprechen konnte, hob der Mann, den ich nun als Alpha Alexander kannte, seine Hand und unterbrach ihn. Es wurde still im Raum.
Er trat näher, seine sturmgrauen Augen ruhten auf meinen. Mein Puls raste, als mir die Erinnerung an den Baum durch den Kopf schoss.
Er blieb nur wenige Schritte entfernt stehen und sprach dann mit ruhiger, kalter Stimme.
„Ich nehme sie.“
Die Worte trafen mich wie ein Schlag, und meine Brust zog sich so schmerzhaft zusammen, dass ich kaum atmen konnte.
Ich konnte weder sprechen noch mich bewegen. Ich konnte nur in diese Augen starren und versuchen zu verstehen, was gerade passiert war und was es für mich bedeutete.
Da geht meine einzige Hoffnung dahin.