Weiß.
Blendendes, endloses Weiß.
Für einen Moment fühlte sich Lena schwerelos, schwebend in einem Licht, das brannte, aber nicht wehtat, einer Wärme, die sie bisher nur in ihren Träumen gespürt hatte. Irgendwo in dem blendenden Schein hörte sie Flüstern – alte Stimmen, die ihren Namen riefen, vertraut und doch unerreichbar.
Lena … Lena … erwache …
Das Licht zerbrach.
Die Realität traf sie wie eine kalte Welle.
Sie schlug hart auf dem Boden auf und rollte über Erde und Gras statt über Asphalt. Ihre Lungen verkrampften sich, als sich die Welt um sie herum heftig drehte. Der Regen war verschwunden und wurde durch den feuchten Geruch von Blättern und Erde ersetzt.
Ein Wald.
Ein Wald, der weit entfernt von Shadow City lag.
Ihre Sicht verschwamm, dann stabilisierte sie sich. Der Himmel über ihr war dunkel, mondlos, dicke Wolken wirbelten unnatürlich schnell und pulsierten mit einem schwachen Goldglanz wie Adern der Macht.
Sie setzte sich langsam auf, benommen. Das Relikt in ihrer Tasche fühlte sich warm an ihrem Brustkorb an – still, aber wach.
Was habe ich getan?
Sie hatte kaum Zeit zu atmen, als ein Stöhnen wenige Meter entfernt zu hören war.
Lenas Herz setzte einen Schlag aus.
Dominic.
Er kniete halb auf dem Boden, den Kopf gesenkt, eine Hand in den Dreck gestützt, während er versuchte, zu Atem zu kommen. Das Leuchten ihrer Kraft flackerte noch immer schwach auf seinem Mantel und umgab ihn mit einem gespenstischen Licht.
Er lebte.
Sie wusste nicht, ob sie das erleichterte oder erschreckte.
Dominic hob den Kopf und seine silbernen Augen fixierten sie durch seine regennassen Haare.
„Lena“, krächzte er.
Instinktiv wich sie zurück.
Er hob eine Hand. „Ich werde dir nichts tun.“
„Das hast du vorher auch gesagt“, flüsterte sie mit rasendem Puls, „und dann kam dein Vater mit einer Armee aus dem Rauch.“
Er presste die Kiefer aufeinander.
Er leugnete es nicht.
Das konnte er nicht.
Lena drückte ihre Tasche fest an ihre Brust. „Wo sind wir?“
Dominic stand langsam auf und verzog das Gesicht. „Im Wald außerhalb der Stadt. Deine Kraft ... hat uns hierher versetzt. Du hast uns teleportiert.“ Sein Blick wurde scharf. „Wusstest du nicht, dass du das kannst?“
„Nein“, schnauzte sie. „Ich wusste auch nicht, dass ich explodieren kann!“
Dominic lächelte fast – müde, angespannt, aber aufrichtig. „Du bist nicht explodiert. Du hast göttliche Schockenergie freigesetzt. Für jemanden ohne Training sehr kontrolliert.“
„Ohne Training?“, wiederholte sie. „Ich trainiere für nichts. Ich will nichts mit der göttlichen Blutlinie zu tun haben. Ich will mein Leben leben.“
„Dafür ist es zu spät“, sagte er leise.
Lena stockte der Atem.
Dominic trat langsam und vorsichtig auf sie zu. „Hör mir zu. Es gibt etwas, das du über die Moretti verstehen musst ...“
Ein entfernter Schuss hallte durch den Wald.
Lena zuckte zusammen.
Dominic erstarrte und drehte den Kopf in Richtung des Geräusches. „Sie sind nah.“
„Wer?“, flüsterte sie. „Die Soldaten deines Vaters?“
„Nein.“ Er schüttelte einmal den Kopf, sein Gesichtsausdruck verdüsterte sich. „Nicht nur sie.“
Ihr sank das Herz. „Du meinst ... andere Syndikate?“
„Alle“, antwortete er. „Jede große Familie hat göttliche Fährtenleser. Als du diese Kraft freigesetzt hast, war die Signatur enorm. Sie werden ihr folgen wie Wölfe.“
Lenas Puls raste. „Also müssen wir fliehen.“
Dominic nickte einmal. „Ja. Aber zuerst ...“
Er trat näher, seine Stimme war leise und eindringlich.
„Lena ... was weißt du noch über deine Mutter?“
Sie erstarrte.
Eis durchströmte ihre Adern.
„Meine Mutter?“, wiederholte sie. „Warum – warum fragst du?“
Seine Augen suchten ihre. „Weil die Blutlinie der Vassilis nicht verschwunden ist. Nicht durch Zufall. Sie wurden gejagt. Bis auf den letzten – außer deiner Mutter.“
„Ich will nicht darüber reden“, flüsterte Lena zittrig. „Sie starb, als ich klein war.“
„Wirklich?“, fragte Dominic leise.
Ihr Atem stockte.
„Wovon redest du?“, flüsterte Lena. „Ich habe ihre Leiche gesehen. Ich war dabei. Sie – sie starb im Fluss, als sie versuchte, dich zu retten ...“
„Als sie versuchte, dich zu retten“, beendete Dominic ihren Satz. „Weil dich schon damals jemand jagte.“
Lena schüttelte heftig den Kopf. „Hör auf. Hör auf zu reden.“
Aber Dominic hörte nicht auf.
Er trat näher und senkte seine Stimme.
„Mein Vater sucht dich seit der Nacht, in der deine Mutter verschwunden ist. Genauso wie alle anderen Familienoberhäupter. Du bist nicht nur eine Göttin – du bist die Erbin des ursprünglichen göttlichen Bundes. Du bist diejenige, die dazu bestimmt ist, ...“
Ein Zweig knackte.
Dominic packte sofort ihren Arm und zog sie hinter einen Baum.
Sie schnappte nach Luft und stieß ihm gegen die Brust, aber er legte einen Finger auf seine Lippen.
Schritte.
Schnell.
Berechnend.
Sie kamen näher.
Stimmen folgten, gedämpft durch die Bäume.
„Sie kann nicht weit sein – ihre Kraftsignatur ist noch frisch.“
„Haltet die Augen offen. Die Morettis könnten sie zuerst gefunden haben.“
Lena presste ihre Hand auf den Mund, um ihr Atmen zu unterdrücken.
Dominic beugte sich vor und flüsterte ihr mit kaum hörbarer Stimme ins Ohr: „Beweg dich nicht. Egal, was passiert.“
Ein Schauer lief ihr über den Rücken.
Drei Männer gingen zwischen den Bäumen vor ihnen vorbei – schwer bewaffnet, mit dem dunkelgrünen Abzeichen der Sorenti-Familie, einem der gewalttätigsten Syndikate südlich des Flusses.
Ein Mann trat vor und schnüffelte wie ein Tier in der Luft.
„Sie war hier. Ich kann es spüren.“
Lenas Magen verkrampfte sich.
Dominic drückte seine Hand leicht gegen ihren Rücken, um sie zu stabilisieren und versteckt zu halten. Seine Wärme fühlte sich zu beständig, zu sicher an, und sie hasste es, dass sie sich nicht von ihm löste.
Die Sorenti-Männer verteilten sich mit erhobenen Waffen.
Dominic beugte sich zu ihr hinunter und flüsterte so leise, dass sie die Worte kaum hören konnte.
„Wenn ich dir sage, dass du weglaufen sollst, dann rennst du. Verstanden?“
Lena nickte.
Seine Hand glitt ihren Arm hinunter, seine Finger umschlossen für einen kurzen Moment ihre – beruhigend, erdend –, bevor er sie ganz losließ.
Dominic verlagerte sein Gewicht und bereitete sich auf den Angriff vor.
Doch bevor er sich bewegen konnte –
Ein schreckliches Geräusch durchdrang den Wald.
Ein Knurren.
Tief.
Feucht.
Unmenschlich.
Die Sorenti-Fährtenleser erstarrten.
Einer flüsterte: „Was war das?“
Die Antwort kam schnell.
Ein riesiger Schatten sprang aus der Dunkelheit hervor.
Der erste Fährtenleser schrie, als etwas ihn in die Bäume zog – Knochen brachen, Fleisch riss. Blut spritzte über die Blätter.
Die anderen beiden schossen wild um sich.
Der Wald explodierte mit Knurren und zerreißenden Geräuschen.
Lena schluckte ein Schluchzen hinunter.
Dominic packte ihre Hand.
„Jetzt“, zischte er. „Lauf.“
Sie sprinteten durch den Wald, Äste peitschten an ihnen vorbei, Schlamm spritzte unter ihren Füßen. Lenas Atem riss ihr die Lungen auseinander, während rohe Angst sie vorantrieb.
„Was war das für ein Ding?“, keuchte sie.
„Eine Schattenbestie“, antwortete Dominic zwischen zwei Atemzügen. „Sie erscheinen nur, wenn eine göttliche Präsenz erwacht.“
„Du meinst ... ich?“
„Ja.“
„Das ist nicht gerade beruhigend!“
„Das sollte es auch nicht sein.“
Die Bäume verschwammen um sie herum, als sie tiefer in den dunklen Wald hineinliefen.
Aber das Knurren kam wieder – näher.
Lenas Brust schnürte sich vor Angst zusammen.
Ihre Kraft pulsierte wild und reagierte auf ihre Angst.
Dominic packte ihr Handgelenk. „Beruhige dich – deine Kraft zieht es an!“
„Ich kann mich nicht beruhigen, wenn mich etwas fressen will!“
Das Knurren wurde lauter.
Ein riesiger Schatten bewegte sich schnell durch die Bäume hinter ihnen.
Zu schnell.
Dominic schob Lena vor sich her. „Lauf! Nicht stehen bleiben!“
Sie stolperte über eine Wurzel, rannte aber weiter. Ihr Herz hämmerte in ihrer Brust, ihre Sicht verschwamm vor Panik.
Hinter ihnen knackten Äste.
Das Tier war ihnen fast auf den Fersen.
Dominic wirbelte herum und schoss in die Dunkelheit.
Ein Schrei antwortete auf die Kugeln.
„Nicht zurücksehen!“, bellte er.
Doch plötzlich gab der Boden unter Lenas Füßen nach.
Sie stürzte nach vorne –
die Welt kippte –
Luft strömte um sie herum –
Sie hatte den Rand einer Schlucht erreicht.
Sie fiel.
Lena schrie, als sie auf den weit unten liegenden Fluss zufiel.
In letzter Sekunde sprang Dominic ihr hinterher und fing sie mit einem Arm um die Taille, während sie beide durch die Luft stürzten.
Sie schlugen mit knochenbrechender Wucht auf dem eisigen Wasser auf.
Die Strömung zog sie sofort nach unten.
Die Kälte verschlang sie vollständig.
Ihre Brust brannte.
Ihre Glieder froren ein.
Dominic tauchte als Erster auf, keuchend, und zog sie mit sich nach oben. Sie wurden heftig flussabwärts geworfen, schlugen gegen Felsen und Wellen.
„Halt dich fest!“, schrie er.
Sie spürte ihre Finger nicht mehr.
Ihre Sicht verschwamm.
Und dann –
hallte ein Brüllen über dem Fluss wider.
Die Schattenbestie stürzte sich von der Klippe auf sie.
Lena schrie.
Dominic umklammerte ihre Taille noch fester.
Plötzlich –
entflammte das Relikt in ihrer Tasche mit sengender Hitze.
Lena schnappte nach Luft, als ihre Kraft erneut anschwoll –
unkontrolliert –
instabil –
explosiv –
Goldenes Licht brach unter der Wasseroberfläche hervor –
Und der Fluss um sie herum begann sich in zwei Teile zu spalten.
Dominics Gesicht zeigte pure Fassungslosigkeit.
„Lena – was machst du da –“
Das Wasser teilte sich heftig, stieg wie Mauern um sie herum empor und knisterte vor göttlicher Energie. Die Schattenbestie brüllte von der Klippe –
– und ein riesiges goldenes Symbol erstrahlte unter der Oberfläche und leuchtete nach oben wie ein sich öffnendes Tor.
Lena spürte, wie ihr Bewusstsein schwankte und ihre Kraft außer Kontrolle geriet.
„Dominic …“, flüsterte sie.
Ihre Knie gaben nach.
Er fing sie auf, seine Augen weiteten sich mit etwas, das sie noch nie zuvor gesehen hatte.
Angst.
Nicht vor ihr.
Um sie.
„Lena – bleib wach!“
Aber das goldene Licht schwoll an –
Der Fluss explodierte nach oben –
Und etwas Uraltes antwortete auf ihren Ruf.
Eine tiefe, hallende Stimme flüsterte durch die Bäume:
„Die Göttin ist erwacht.“
Dominic schlang seine Arme fester um sie, als sie völlig zusammenbrach und ihre Sicht sich verdunkelte.
Und das Letzte, was sie hörte, bevor die Welt verschwand, war das Geräusch von Dutzenden – nein, Hunderten – von Schritten, die sich dem Flussufer näherten, begleitet von einer vertrauten, erschreckenden Stimme:
„Findet sie. Lebendig.“
Don Moretti hatte sie gefunden.