Chapter 3

1507 Words
Kälte. Das war das Erste, was Lena spürte, als sie wieder zu Bewusstsein kam. Eine schleichende, bis in die Knochen dringende Kälte, die sie noch nie zuvor erlebt hatte. Sie schlug die Augen auf. Über ihr erstreckte sich eine Decke aus rissigem Stein, beleuchtet von flackernden blauen Flammen in eisernen Wandleuchtern. In die Wände waren Symbole eingraviert – uralte, gewundene, gezackte Zeichen. Einige leuchteten schwach in ihrer Gegenwart und flüsterten wie ruhelose Geister. Dies war kein Krankenhaus. Kein Unterschlupf. Dies war ein Tempel. Ein sehr alter. Sie versuchte, sich aufzurichten, aber ihre Arme zitterten unter ihr. Die Welt schwankte. Ihr Atem dampfte in der Luft. Ein Umhang fiel über ihre Schultern. Lena zuckte zusammen. Dominic hockte neben ihr, tropfnass und halb blutverschmiert von ihrem Sturz in den Fluss. Sein dunkles Hemd klebte an ihm, an der Schulter halb zerrissen. Über seiner Augenbraue hatte er eine kleine Schnittwunde, aus der langsam Blut tropfte. „Du bist wach“, murmelte er. Seine Stimme war ruhiger, als sie erwartet hatte. Zu ruhig. Nur deshalb so beherrscht, weil die Panik drohte, durchzubrechen. „Wo ...“ Lenas Kehle war rau. „Wo sind wir?“ „In einer Ruine unter der Stadt“, sagte Dominic. „Einem vergessenen Tempel des Alten Pantheons. Wir sind hier gelandet, nachdem deine Kraft wieder explodiert ist.“ Sie rieb sich die Augen. „Wieder bedeutet, dass ich wieder ohnmächtig geworden bin?“ Sein Mund zuckte. „Du hast eine göttliche Schockwelle ausgelöst, die einen Fluss gespalten hat. Es ist dir zu verzeihen, dass du danach ohnmächtig geworden bist.“ Sie stöhnte. „Das war nicht meine Absicht. Ich wusste nicht einmal, dass ich das kann.“ „Das solltest du auch nicht können“, sagte er leise. „Nicht ohne Training. Nicht in deinem Alter. Die Kraft, die du besitzt … hätte dich längst töten müssen.“ Sie starrte ihn an. „Sehr beruhigend.“ Sein Gesichtsausdruck wurde weicher – kurz, bevor er wieder hart wurde. „Wir müssen darüber reden, was passiert ist“, sagte Dominic. Lena zog den Umhang enger um sich. „Fang mit dem Wichtigsten an: Wo ist Don Moretti?“ Dominic presste die Kiefer aufeinander. „Irgendwo über uns. Nah genug, dass seine Männer die äußeren Ruinen betreten haben. Weit genug, dass sie diese Kammer noch nicht gefunden haben. Er glaubt, du bist tot.“ „Gut“, flüsterte Lena. „Nicht gut“, sagte Dominic, stand auf und ging einmal auf und ab. „Denn er sucht nicht nach einer Leiche. Er sucht nach der Reliquie.“ Ihre Hand schoss zu ihrer Brust. Ihre Tasche – die Tasche ihrer Mutter – hing immer noch über ihrer Schulter. Die Reliquie darin pulsierte leise, warm, aber ruhend. Dominic blieb stehen. „Was auch immer das ist ... es reagiert auf deine Kraft. Du musst mir sagen, was es ist.“ Lena zögerte. „Es gehört mir“, sagte sie. „Das ist alles, was du wissen musst.“ Dominic starrte sie einen langen Moment an. „Du vertraust mir nicht“, sagte er leise. „Du hast versucht, mich auszuliefern“, fuhr sie ihn an. „Was erwartest du?“ Sein Kiefer spannte sich an, aber er sah nicht wütend aus. Er sah müde aus. Frustriert. Etwas Tieferes brodelte unter seiner Kontrolle. „Lena ...“ Er kniete sich vor sie hin, so nah, dass sie eine schwache Narbe an seinem Kiefer sehen konnte. „Ich brauche dich lebendig. Nicht wegen meines Vaters. Nicht wegen des Syndikats. Denn wenn du stirbst, wird die Kraft, die du in dir trägst, diese ganze Stadt zerstören.“ Ihr stockte der Atem. „Du sagst, ich bin gefährlich.“ „Ich sage, du bist wichtig“, korrigierte er sie. „Nicht nur für die Mafia.“ Sie schluckte schwer. Die Luft wurde kälter. Ein seltsames Summen vibrierte durch den Boden – tief, melodisch, uralt. Dominics Kopf schnappte zur Wand. „Bleib hinter mir.“ Die Symbole auf dem Stein leuchteten heller, als er mit erhobener Waffe dastand. Ein leises Kratzen hallte durch den Raum. Stein schleifte auf Stein. Die Luft veränderte sich. Etwas erwachte. Lena zwang ihre zitternden Beine, sich zu bewegen, und richtete sich auf. „Was ist das?“, flüsterte sie. Dominic schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht. Aber es kommt aus dem Allerheiligsten.“ Eine leise Stimme schwebte durch die Luft. Lena ... Ihr Herz setzte einen Schlag aus. Lena ... Kind von Vassilis ... Dominic erstarrte. „Wer ist da?“ Die blauen Flammen in den Wandleuchtern lodern plötzlich höher. Die Innenwand – markiert mit einem riesigen Spiralsymbol – beginnt sich langsam zu öffnen. Der Stein gleitet zur Seite und gibt den Blick frei auf einen dunklen Gang, der mit goldenen Schnitzereien verziert ist. Symbole leuchten sanft entlang des Bogens. Lenas Atem zittert. Die Stimme ruft erneut. „Komm, Tochter der letzten Göttin.“ Dominic packte ihren Arm. „Beweg dich nicht.“ Sie konnte nicht. Ihre Füße fühlten sich wie an den Boden genagelt an. Licht strömte aus dem Gang und wirbelte wie Staub aus Sternen. Es driftete auf sie zu, schlang sich um ihre Knöchel und glitt dann an ihrer Brust empor. Lena schnappte nach Luft. Dominic wollte sie zurückziehen – doch das Licht traf auch ihn. Er taumelte und schlug sich mit der Hand gegen den Kopf. „Was – was ist das?“, knurrte er. „Es ruft mich“, flüsterte Lena. „Nein.“ Dominics Hand umklammerte ihr Handgelenk fester. „Du gehst nicht in einen alten magischen Tunnel, nur weil es sich anhört wie dein Name. Du wirst dich umbringen.“ Aber das Licht umschlang sie wie sanfte Finger. „Erwache, Tochter der Göttlichen. Deine Mutter wartet ...“ Lenas Augen weiteten sich. „Meine Mutter?“ Dominic erstarrte. „... Lena. Sie lügen.“ „Tun sie das?“, flüsterte sie leise. „Denn du hast selbst gesagt, dass sie nicht so gestorben ist, wie man es mir erzählt hat.“ Dominics Gesichtsausdruck veränderte sich, Schuldgefühle und Konflikte kämpften in seinen Zügen. „Selbst wenn sie noch lebt“, sagte er langsam, „heißt das nicht, dass sie hinter dieser Tür ist.“ „Aber sie könnte es sein.“ „Und es könnte eine Falle sein.“ Lena zog ihre Hand aus seinem Griff. „In letzter Zeit war alles eine Falle. Wenn sie lebt ... muss ich es wissen.“ Dominic stellte sich zwischen sie und den Durchgang und versperrte ihr mit seinem Körper den Weg. „Ich kann dich nicht alleine hineingehen lassen.“ Lena hob ihr Kinn. „Dann tu es nicht.“ Er starrte sie an – lange, intensiv, suchend. Dann senkte er seine Waffe. „Na gut“, sagte er leise. „Aber wenn sich irgendetwas bewegt, atmet oder seltsam aussieht, stellst du dich hinter mich. Und wenn wir sterben, ist es deine Schuld.“ Sie brachte ein zittriges Lächeln zustande. „Abgemacht.“ Gemeinsam betraten sie das Heiligtum. Die Luft veränderte sich augenblicklich. Warm. Schwül. Uralt. Symbole leuchteten an den Wänden, als sie vorbeigingen. Lenas Herzschlag synchronisierte sich mit dem Rhythmus, ihre Haut kribbelte vor Kraft. Dominic hielt seine Hand in der Nähe seiner Waffe, Spannung strahlte in Wellen von ihm aus. Sie erreichten eine kreisförmige Kammer, die in goldenem Licht erstrahlte. In der Mitte stand ein großes, schwebendes Objekt – geformt wie eine zerbrochene Maske aus strahlendem Stein. Lena flüsterte: „Was ist das?“ Dominic antwortete nicht. Er konnte nicht. Seine Augen waren vor Schock weit aufgerissen. Die Maske drehte sich langsam, ihre Risse leuchteten wie geschmolzenes Gold. Und dann – trat eine Gestalt aus dem Licht hinter ihr hervor. Lenas Herz setzte einen Schlag aus. Es war eine Frau. Groß. Wild. Strahlend. Ihr Haar schwebte wie Flammen, ihre Augen leuchteten golden. Dominic stolperte zurück, packte Lena und schob sie hinter sich. Aber die Frau lächelte nur sanft. „Meine Tochter“, sagte die Göttin. Lenas Welt zerbrach. „Mutter?“, flüsterte sie. Dominic murmelte: „Oh, verdammt.“ Die Göttin streckte eine Hand nach Lena aus. Ein Kraftimpuls erschütterte den Raum. „Komm zu mir, mein Kind.“ Lena machte einen zitternden Schritt nach vorne – Dominic packte ihr Handgelenk. „Lena – nicht –“ Aber die goldenen Augen der Göttin wurden scharf und plötzlich kalt. „Sie gehört mir“, zischte die Göttin. „Und du – Moretti-Erbe – bist ein Fleck auf ihrem Schicksal.“ Bevor Dominic reagieren konnte – Ein goldener Kraftstoß brach aus der Handfläche der Göttin hervor und schlug zwischen ihnen auf den Boden. Dominic wurde quer durch den Raum geschleudert. Lena schrie seinen Namen – als die Hand der Göttin sich um ihren Arm schloss. Der Raum bebte. Das Relikt in Lenas Tasche entzündete sich mit blendendem Licht – und die Göttin flüsterte ihr ins Ohr: „Du gehörst zum Pantheon. Nicht zu dem Moretti-Jungen.“ Lena schrie auf – als die Welt in Gold explodierte.
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