Gold verschlang alles.
Blendend, brennend, lebendig.
Lenas Schrei löste sich in Licht auf, als die Göttin sie durch einen Strudel wirbelnder Symbole zog. Uralte Stimmen sangen um sie herum – rhythmisch, anschwellend, wie alte Kriegstrommeln, die in ihrem Blut pochten.
Ihre Beine knickten ein.
Ihre Lungen versagten.
Sie spürte, wie etwas zerriss – nicht in ihrem Körper, sondern in ihrer Seele.
Und dann –
Stille.
Das Licht verschwand.
Lena stürzte auf den festen Boden und schnappte nach Luft. Sie stützte sich auf ihre zitternden Handflächen und blinzelte.
Sie befand sich nicht mehr im unterirdischen Heiligtum.
Sie befand sich in einer riesigen Kammer aus schimmerndem Obsidian, die von goldenen Adern durchzogen war, die sich durch den Stein zogen. Riesige Säulen, in die göttliche Figuren gemeißelt waren, säumten den Saal. Die Luft fühlte sich schwer an und vibrierte vor göttlicher Kraft.
Am anderen Ende stand die Göttin.
Ihr Strahlen war nun verblasst und enthüllte eine Gestalt, die erschreckend schön war – menschlich und doch nicht menschlich zugleich.
Lenas Herz schlug heftig. „Wo … wo bin ich?“
Die Göttin drehte sich langsam um.
„In den Überresten unseres Pantheons“, sagte sie. „Im letzten Heiligtum deiner Blutlinie.“
Lena schluckte schwer, Angst und Ehrfurcht vermischten sich in ihr.
„Du hast mich mitgenommen“, flüsterte sie.
„Ich habe dich gerettet“, korrigierte die Göttin. „Der Erbe der Moretti hätte dich seinem Vater ausgeliefert.“
„Das stimmt nicht“, entgegnete Lena scharf. „Dominic hätte ...“
Ihre Stimme stockte.
Was hätte er?
Alles für sie riskiert?
Sich für sie gegen seinen Vater gestellt?
Sie gerettet, obwohl sie nichts als Gefahr in Menschengestalt war?
Die Göttin trat auf sie zu, ihr Gesichtsausdruck kühl. „Du vertraust einem Jungen, der von Mördern aufgezogen wurde?“
„Er ... er hat mich gerettet“, stammelte Lena.
Die Göttin hob eine Augenbraue. „Und du glaubst, das war seine Entscheidung?“
Lena erstarrte.
„Was meinst du damit?“
Die Göttin umkreiste sie wie ein flammenumhüllter Schatten. „Die Moretti-Linie war schon immer mit unserer verbunden. Geschworene Beschützer. Diener des Pantheons. Er kann nicht anders, als sich zu dir hingezogen zu fühlen.“
Lena stockte der Atem. „Du meinst, er ist magisch dazu gezwungen?“
„Nein.“ Die Göttin schenkte ihr ein kaltes Lächeln. „Gezwungen ... ist zu einfach. Die Verbindung ist tiefer. Älter. Gefährlicher.“
Lenas Haut kribbelte.
„Welche Verbindung?“
Die Göttin blieb vor ihr stehen und legte eine leuchtende Fingerspitze auf Lenas Herz.
„Diese hier.“
Eine sengende Hitze flammte zwischen ihnen auf.
Bilder strömten in Lenas Kopf –
Ein Schlachtfeld aus zerbrochenen Bergen.
Eine goldene Göttin, die eine Armee anführte.
Ein Krieger, der zu ihren Füßen kniete.
Ein Symbol, das zwischen ihren Händen leuchtete.
Ein Schwur, gesprochen in einer alten Sprache.
Und im Gesicht des Kriegers –
Dominic.
Oder jemand, der er hätte sein können.
Lena taumelte zurück und umklammerte ihre Brust.
„Nein … nein, das ist unmöglich – er war nicht – er konnte nicht –“
„Das war er nicht“, sagte die Göttin ruhig. „Aber sein Blut trägt den Eid derer, die uns einst dienten. Und du hast diese Verbindung geweckt.“
Lenas Magen verkrampfte sich.
„Er hat mir also nicht geholfen, weil er sich um mich sorgt. Er hat mir geholfen, weil er dazu verpflichtet ist.“
Die Göttin sagte nichts.
Das war schlimmer als eine Lüge.
Lenas Atem stockte. Etwas in ihr zerbrach.
Sie wandte sich ab, Tränen brannten in ihren Augen. „Warum hat er mir nichts gesagt?“
„Weil er es nicht weiß“, antwortete die Göttin. „Sein Blut erinnert sich. Er nicht.“
Lena presste eine Hand gegen ihr Gesicht und versuchte, ihren Atem zu beruhigen.
Dominic hatte sein Leben für sie riskiert – mehrfach.
Er hatte sie gerettet.
Sie beschützt.
Sich zwischen sie und den Tod gestellt.
War das echt?
War irgendetwas davon echt?
Die Göttin trat näher und sprach mit leiserer Stimme.
„Du bist das letzte Kind des göttlichen Pantheons. Die Welt wird sich für dich drehen. Sich in dich verlieben. Für dich töten. Seine Loyalität ist keine Liebe, Lena. Es ist Abstammung.“
Lenas Herz zog sich schmerzhaft zusammen.
Sie wollte ihr nicht glauben.
Aber das Bild in ihrem Kopf – dieser alte Krieger, der kniete – hatte sich zu real angefühlt. Zu vertraut.
„Was willst du von mir?“, flüsterte Lena.
„Alles“, flüsterte die Göttin.
Sie legte beide Hände auf Lenas Schläfen.
Lena würgte einen Schrei herunter, als Wärme durch ihren Schädel strömte.
„Hör auf – bitte –!“
Eine Flut von Bildern drängte sich in ihren Kopf –
Ihre Mutter, die mit einem Kleinkind im Arm durch den Wald rannte.
Don Morettis Soldaten, die sie verfolgten.
Eine Schlacht am Fluss.
Ein goldener Schild, der zerbrach.
Ihre Mutter, die schrie, als sie das Relikt in Lenas kleine Hände warf.
Eine Stimme:
„Lauf, meine Tochter. Lebe.“
Lena schluchzte und sank auf die Knie.
Die Göttin hörte nicht auf.
Weitere Bilder –
Eine in Stein gemeißelte Prophezeiung.
Ein Symbol zweier miteinander verflochtener Blutlinien.
Eine maskierte Gestalt, die das Pantheon auseinanderriss.
Ein letzter Satz, der sich wie ein brennendes Brandmal in Lenas Gedächtnis einprägte:
DIE GÖTTIN DES KRIEGES WIRD AUFSTEHEN
UND DIE STADT WIRD BRENNEN ODER WIEDERGEBOREN WERDEN.
Die Göttin ließ sie los.
Lena sank zu Boden und zitterte heftig.
„Das ist dein Schicksal“, sagte die Göttin. „Shadow City wird sich beugen – oder zu Asche werden.“
Lena starrte zitternd auf den Boden. „Ich will das nicht.“
„Du hast keine Wahl“, antwortete die Göttin. „Du hast es in dem Moment geerbt, als du deinen ersten Atemzug getan hast.“
Lena biss sich fest auf die Lippe und schmeckte Blut. „Dominic ... er hat es nicht verdient, da mit hineingezogen zu werden. Er ist nicht – er ist nicht Teil deines Krieges.“
Der Gesichtsausdruck der Göttin verdüsterte sich.
„Er ist bereits ein Teil davon.“
Lena blickte auf, ihr Herz pochte. „Warum?“
Die Göttin hob eine Hand.
Ein schimmerndes Portal öffnete sich und zeigte eine Vision wie ein Fenster.
Lena stockte der Atem.
Dominic kämpfte.
Er war durchnässt, verwundet und wütend, als er sich durch das Labyrinth der Ruinen kämpfte. Seine Stimme hallte durch den Saal, heiser und rau:
„LENA!“
Sie schlug vor Schreck die Hand vor den Mund.
Er suchte nach ihr.
Als hinge sein Leben davon ab.
Als wäre es schlimmer als der Tod, sie zu verlieren.
Die Göttin sah unbeeindruckt zu.
„Er wird sich umbringen“, sagte sie. „Das ist alles, wozu die Moretti-Erben gut sind.“
Lena fuhr sie an, Wut loderte in ihren Adern. „Wage es nicht, so über ihn zu sprechen.“
Die Göttin hob eine Augenbraue. „Du verteidigst ihn.“
„Er hat alles für mich riskiert“, fuhr Lena sie an. „Was auch immer sein Blut für einen alten Schwur hält – er wusste es nicht. Er hat sich entschieden, mir zu helfen. Er hat sich entschieden, sich zwischen mich und den Tod zu stellen. Er hat sich entschieden, ...“
Sie unterbrach sich, bevor ihr die letzten Worte herausrutschten.
Er hat sich entschieden, sich um mich zu kümmern.
Er entschied sich für mich.
Der Gesichtsausdruck der Göttin veränderte sich. Nicht zu Wut.
Zu Neugier.
„Interessant“, murmelte sie. „Du hängst an ihm.“
Lenas Gesicht wurde heiß. „Das tue ich nicht – das ist nicht – er hat mir das Leben gerettet.“
„Und du hast seines gerettet.“
Lena zuckte zusammen. „Das ist etwas anderes.“
„Ist es das?“
Die Göttin umkreiste sie erneut. „Ich könnte das uralte Band durchtrennen. Seine Verbindung zu dir für immer zerstören.“
Lena stockte der Atem.
Ihr Herz zog sich schmerzhaft zusammen.
Sie verstand nicht, warum dieser Gedanke ihr wehtat.
Warum es sich anfühlte, als würde sie etwas verlieren, von dem sie nicht gewusst hatte, dass es ihr wichtig war.
Die Göttin neigte den Kopf.
„Du willst nicht, dass es zerbricht“, stellte sie fest. „Du willst, dass die Verbindung ... echt ist.“
„Das habe ich nicht gesagt“, flüsterte Lena.
„Das musstest du auch nicht.“
Die Göttin trat näher, ihre goldenen Augen brannten.
„Du musst dich entscheiden, meine Tochter. Das Pantheon ... oder der Junge.“
Lenas Brust zog sich zusammen, Panik stieg in ihr auf.
„Das ist nicht fair“, flüsterte sie. „Warum muss ich mich entscheiden?“
„Weil das Schicksal es verlangt.“
Lena wich zurück. „Nein. Das akzeptiere ich nicht.“
„Du hast keine ...“
Eine donnernde Explosion erschütterte den gesamten Raum.
Das Portal hinter ihnen flammte heftig auf.
Dominic taumelte ins Blickfeld – durch Rauch, Trümmer und einstürzende Wände –, seine Augen loderten vor Wut und Angst.
Er sah sie.
Erleichterung überflutete sein Gesicht wie eine Flutwelle.
Er streckte die Hand nach ihr aus.
„LENA!“
Die Göttin trat mit erhobener Hand zwischen sie.
Dominic knurrte: „Geh weg von ihr!“
Er stürmte auf sie zu.
Die Göttin schnippte mit den Fingern.
Dominic wurde nach hinten geschleudert und prallte mit knochenbrechender Wucht gegen eine Säule. Er hustete, Blut tropfte aus seinem Mundwinkel, aber er zwang sich, wieder aufzustehen.
Lena schrie: „Dominic, hör auf! Du bringst dich noch um!“
„Ich lasse dich nicht zurück“, knurrte er und taumelte vorwärts.
Die Göttin hob erneut ihre Hand, und es knisterte vor Energie.
„GENUG.“
Goldene Energie schoss auf Dominic zu –
„NEIN!“, schrie Lena und warf sich zwischen die beiden.
Die Explosion traf stattdessen sie.
Schmerz durchzuckte ihren Körper wie ein Blitz –
ihr Blick verschwamm –
ihr Blut entflammte –
und eine goldene Schockwelle brach aus ihrer Brust hervor.
Die Göttin taumelte zurück, ihre Augen weiteten sich vor Schreck.
Dominic fiel auf die Knie und starrte Lena entsetzt an.
Die Kammer barst, Säulen bebten.
Und Lena brach vornüber, bewusstlos –
in Dominics Arme.
Das Letzte, was sie hörte, war das fassungslose Flüstern der Göttin:
„Unmöglich … sie ist zu schnell erwacht …“
Dann verschlang die Dunkelheit alles.