Vor vier Jahren-a

1244 Words
Da ist noch mehr. Frag sie nach vor vier Jahren. Ich las es dreimal, bevor ich das Telefon vorsichtig auf den Schreibtisch legte, als könnte es in meiner Hand klingeln. Vor vier Jahren. Ich versuche, mich in diese Zeit zurückzuversetzen. Vor vier Jahren arbeitete ich noch in einem Coworking-Space in der 23. Straße und teilte mir die monatliche Gebühr mit zwei Typen, die Apps für Hundeausführer entwickelten. Maya hatte ich noch nicht kennengelernt. Erst ein Jahr später. Was auch immer das ist, es geschah vor meiner Zeit. Ich sitze einen Moment lang da und beobachte, wie das graue Licht draußen vor dem Fenster stärker wird, und dann tue ich das, was ich die ganze Nacht vermieden habe. Ich rufe David an. Er geht beim zweiten Klingeln ran, seine Stimme ist rau vom Schlafengehen. „Du bist wach.“ „Ich brauche alles, was du über Delaneys Firma finden kannst“, sage ich. „Fünf Jahre zurück. Vor Vantage.“ Eine Pause. „Warum fünf Jahre?“ „Mach es einfach, David.“ „Ethan.“ Seine Stimme verändert sich, vorsichtig jetzt, so wie sie immer klingt, wenn er glaubt, ich würde gleich etwas tun, von dem er mich später abbringen muss. „Was hast du gefunden?“ Ich betrachte das Foto, das noch immer auf meinem Bildschirm geöffnet ist. Mayas gefaltete Hände. Die leere Betreffzeile. Die unterdrückte Nummer, die mir ständig Nachrichten schickt, die ich nicht glauben will. „Ich weiß es noch nicht“, sage ich. „Deshalb brauche ich die Akten.“ Er hakt nicht weiter nach. Das ist typisch für David – er weiß, wann er durch Drängen mehr verliert, als er davon hat. „Gib mir ein paar Stunden“, sagt er und legt auf. --- Ich dusche im Büro. Im dritten Stock gibt es einen kleinen Fitnessraum mit Umkleidekabinen, die außer den beiden Ingenieuren, die am Wochenende Marathon laufen, niemand benutzt. Ich bleibe länger als nötig unter dem heißen Wasser stehen, bis meine Haut rosa wird, in der Hoffnung, dass ich so etwas von dem, was in den letzten zwölf Stunden passiert ist, abwaschen kann. Tut es aber nicht. Nichts von letzter Nacht lässt sich so einfach abwaschen. Als ich mich wieder angezogen habe, zeigt mein Handy sechs verpasste Anrufe an. Drei von Priya. Zwei von unbekannten Nummern, die ich nicht kenne und nicht zurückrufe. Einen von Maya. Keine Voicemail. Nur der verpasste Anruf, der da auf dem Display steht, wie eine Frage, die ich noch nicht beantworten kann. --- Gegen halb neun füllt sich das Büro langsam, und es ist ruhiger als sonst. Mir fallen die leeren Stellen auf, bevor mich jemand darauf anspricht. Drei leere Schreibtische in der Designabteilung. Ein vierter ist komplett leergeräumt, nur ein zusammengerolltes Ladekabel, das niemand mitgenommen hat, liegt darauf. Priya fängt mich am Aufzug ab, das Tablet schützend an die Brust gepresst. „Sarah hat gestern Nachmittag gekündigt. Marcus und Tim sind heute Morgen gegangen. Sie haben von der Umstrukturierung gehört und wollten nicht abwarten, ob sie auch betroffen sind.“ Sarah. Sie hatte mitgeholfen, den Blauton für unser allererstes Logo auszusuchen. Vierzig Minuten lang saß sie im Schneidersitz auf dem Boden dieser kalten Wohnung und diskutierte mit mir darüber, ob er nicht zu sehr dem Blau jeder anderen Tech-Firma ähnelte. „Gib sie ans Telefon“, sage ich. „Sie geht nicht ran, Sir. Ich habe es schon versucht.“ Ich nicke langsam und gehe weiter, vorbei an den leeren Schreibtischen, vorbei an einer Küchenzeile mit einer Kaffeemaschine, die niemand benutzt. Einen Moment lang bleibe ich einfach stehen und starre sie an, als ob sie mir etwas erklären sollte. Zwanzig Minuten später findet mich David dort, die Laptoptasche über der Schulter, die Augen rot angelaufen. „Du siehst schlimmer aus als gestern“, sagt er. „Danke.“ Er stellt die Tasche auf die Theke und holt einen Ordner heraus – richtiges Papier, nicht digital, so etwas macht er nur, wenn er E-Mails nicht traut. „Ich habe die Sondersitzung gefunden. Drei Wochen vor der Abstimmung. Delaney hat sie selbst einberufen, unter Ausschluss der Öffentlichkeit, ohne Einladung an den gesamten Vorstand. Ich stand nicht auf der Liste. Die meisten Vorstandsmitglieder auch nicht.“ „Wer denn?“ „Delaney. Und Maya.“ Er beobachtet mein Gesicht, als er ihren Namen ausspricht, als wolle er prüfen, wie viel es mich kostet, ihn zu hören. „Das ist alles. Nur die beiden.“ Das wusste ich schon. Das Foto hatte mir das gestern Abend schon verraten. Aber Davids Bestätigung, laut ausgesprochen, im Tageslicht, macht es irgendwie bedeutsamer. Es wirkt auf eine andere Art real. „Da ist noch etwas“, sagt David und schiebt mir ein ausgedrucktes Blatt über den Tresen. „Ich habe weiter zurückgesucht, wie du es gewünscht hast. Habe etwas in einer alten Due-Diligence-Unterlage aus unserer Series-A-Finanzierungsrunde gefunden. Bevor Delaney direkt in uns investierte, hatte seine Firma einen kleineren Deal mit einem anderen Startup abgeschlossen. Das ging schließlich pleite. Aber da ist ein Name in der Kapitalisierungsübersicht, mit dem ich nicht gerechnet hatte.“ Ich schaue auf das Blatt. Eine Liste von frühen Investoren und Beratern, Namen und Anteile, die Art von Dokument, die niemand liest, außer man sucht gezielt nach etwas. Dritter von unten. *M. Reyes – Finanzberater*. Vor vier Jahren. Eine andere Firma. Vor Vantage. Vor mir. „Das kann nicht sie sein“, sage ich, obwohl mir innerlich schon etwas sagt, dass sie es ist. „Ein recht häufiger Name“, sagt David, aber er klingt, als ob er es selbst nicht glaubt. „Ich weiß nicht, Ethan. Ich will nicht sagen, dass es etwas Schlimmes bedeutet. Vielleicht hat sie schon für seine Firma gearbeitet, bevor ihr euch überhaupt kennengelernt habt. Vielleicht ist es auch nichts.“ „Warum fühlt es sich dann so an?“ David antwortet nicht. Er schließt einfach die Mappe und schiebt sie mir zu. „Ich muss zurück, bevor jemand merkt, dass ich mit den Unterlagen verschwunden bin. Mach, was du damit machen musst. Aber sei vorsichtig. Falls das Ganze brenzlig wird, will ich, dass wir geschützt sind und nicht bloßgestellt werden.“ Er geht. Ich stehe da mit der Mappe in der Hand, die Kaffeemaschine summt leise neben mir, und zum ersten Mal an diesem Morgen erlaube ich mir, wirklich darüber nachzudenken. Maya. Delaney. Eine Verbindung, die Jahre zurückreicht, bevor Vantage überhaupt eine Idee war, geflüstert zwischen zwei erschöpften Menschen auf einem kalten Wohnungsboden. --- Gegen elf Uhr vibriert mein Handy erneut. Maya, diesmal per SMS. *Ich weiß, du bist wütend. Ich weiß, ich habe nichts erklärt. Bitte gib mir noch etwas Zeit.* Ich starre lange auf die Nachricht, mein Daumen schwebt darüber. Davids Ordner liegt immer noch offen auf meinem Schreibtisch, ihr Name in kleinen grauen Buchstaben, vier Jahre alt. *Wie viel Zeit brauchst du noch?*, tippe ich zurück. Die drei Punkte erscheinen sofort, als hätte sie mit dem Handy in der Hand gewartet. Dann verschwinden sie. Dann kommen sie wieder. Das passiert viermal, bevor endlich eine Antwort kommt. *Nicht mehr lange. Versprochen. Vertrau mir einfach noch ein bisschen.* Vertrauen. Nach einer Woche, in der ich zusehen musste, wie meine Firma auseinanderfiel, nachdem Sarahs Stuhl in der Designabteilung leer stand, nach einem privaten Meeting, zu dem ich nicht eingeladen war, und einem Namen auf einem vier Jahre alten Dokument, das eigentlich nichts bedeuten sollte und doch irgendwie alles bedeutet, will sie, dass ich ihr noch ein bisschen vertraue. Ich antworte nicht. ---
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