Mittags habe ich Telefonate mit drei unserer größten Kunden – jenen Kunden, die uns in Krisenzeiten den Rücken freihalten. Ich überlege, sie abzusagen. Ich glaube nicht, dass ich die Kraft habe, ruhig zu klingen, wo doch selbst gerade nichts ruhig ist.
Ich tue es trotzdem. Ich setze meine übliche Investorenstimme auf, ruhig und gelassen, und verbringe vierzig Minuten damit, Leuten, die die Wahrheit nicht wissen müssen, zu versichern, dass alles in Ordnung ist, dass es sich um eine normale Umstrukturierung handelt und dass sich unsere Strategie nicht geändert hat. Meine Hände zittern die ganze Zeit unter dem Schreibtisch. Niemand am anderen Ende der Leitung kann das sehen. Das ist der einzige Trost in der ganzen Sache.
Als das letzte Gespräch beendet ist, klopft Priya erneut. „Jemand ist da. Ohne Termin. Sagt, es ist dringend. Sie heißt Grace – hat vor ein paar Jahren hier in der Finanzabteilung gearbeitet.“
Ich kenne den Namen nicht, aber irgendetwas in mir sagt mir, dass das kein normales Gespräch wird. „Schick sie rein.“
Grace kommt herein, eine abgenutzte Tasche über der Schulter, und wirft einen Blick zurück zur Tür, bevor sie diese hinter sich schließt. Sie ist vielleicht Ende dreißig, schlicht gekleidet, und wirkt nervös, wenn man etwas Wichtigeres als den eigenen Komfort in den Vordergrund stellt.
„Mr. Cole. Entschuldigen Sie, dass ich einfach so auftauche. Ich habe früher in der Finanzabteilung gearbeitet, bevor Sie die gesamte Etage erweitert haben. Ich bin vor etwa zwei Jahren gegangen.“
„Ich glaube, wir haben uns noch nicht kennengelernt“, sage ich vorsichtig.
„Sie würden sich nicht an mich erinnern. Dafür war ich nicht hochrangig genug. Aber ich höre immer noch einiges. Und ich habe von der Umstrukturierung gehört.“ Sie wirft erneut einen Blick zur Tür. „Ich habe früher eng mit Kunden aus Marcus Delaneys Firma zusammengearbeitet. Bevor ich gegangen bin.“
Mein ganzer Körper erstarrt, ohne dass ich es richtig steuern kann. „Was ist mit ihnen?“
„Es gab Unregelmäßigkeiten“, sagt sie, jetzt leiser. „Die Zahlen stimmten nicht. Ich habe damals versucht, das mit meinem Vorgesetzten zu besprechen, aber man sagte mir, ich solle es dabei belassen. Kurz darauf wurde ich entlassen. Offiziell hieß es, es läge an Budgetkürzungen. Das habe ich nie so recht geglaubt.“
Sie greift in ihre Tasche und zieht ein gefaltetes Blatt Papier heraus. Sie schiebt es mir über den Schreibtisch zu, genau wie David es eine Stunde zuvor getan hatte, als wäre dieses Büro plötzlich zu einem Ort geworden, an dem mir alle nur noch Papier bringen, weil sie der digitalen Welt nicht trauen.
„Ich habe ein paar Sachen aufgehoben. Nur für alle Fälle. Angesichts der aktuellen Lage dachte ich, Sie sollten das sehen.“
Ich falte es auseinander. Eine ausgedruckte Tabelle, die Tinte leicht verblasst, die Transaktionsdaten reichen fast vier Jahre zurück. Mein Blick wandert die Spalte entlang, bis er auf einem Namen ruht, der den Raum um mich herum leicht kippen lässt.
Maya Reyes.
Derselbe Name. Dasselbe Jahr wie die Kapitalstruktur, die David gefunden hat. Eine Transaktion, die direkt mit Delaneys Firma in Verbindung steht, datiert ein ganzes Jahr, bevor Vantage überhaupt als Idee zwischen uns existierte.
„Was ist das?“, frage ich mit zitternder Stimme.
„Ich weiß nicht genau, was es bedeutet“, sagt Grace. „Ich weiß nur, dass ihr Name immer wieder in Akten seiner Firma auftauchte, lange bevor sie hier anfing. Damals dachte ich, es sei Zufall. Ein recht häufiger Name. Aber dann hörte ich, dass sie für die Umstrukturierung gestimmt hat, und da kam es mir nicht mehr wie Zufall vor.“
Ich blicke von der Seite auf. „Danke, dass du mir das gebracht hast.“
Sie nickt schnell und unruhig, als bereue sie schon, wie lange sie geblieben ist, und geht wortlos.
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Ich sitze noch lange allein mit dem Papier vor mir, nachdem sie gegangen ist. Mayas Name. Vier Jahre her. Mit Delaney verbunden, bevor wir beide voneinander wussten.
Ich denke wieder an das Foto. Das private Zimmer. Die Mappe, die keiner von beiden geöffnet hat. Ihre Hände, so fest in ihrem Schoß gefaltet.
Ich denke an die unterdrückte Nummer, die Nachricht von letzter Nacht in meinem Posteingang. *Frag sie nach vor vier Jahren.
Jemand wollte, dass ich genau das finde. Jemand wollte, dass ich an diesem Schreibtisch sitze, auf diese Seite starre und spüre, wie mir der Boden unter den Füßen weggezogen wird, den ich über die Frau zu wissen glaubte, die ich zwei Jahre lang geliebt habe.
Mein Handy vibriert noch einmal. Wieder Maya.
*Können wir heute Abend reden? Ich glaube, ich bin endlich bereit, dir alles zu erzählen.*
Ich starre auf diese Worte, bis sie an den Rändern leicht verschwimmen. *Alles.* Ich weiß nicht einmal mehr, was dieses Wort bedeutet. Ich weiß nicht, ob es die Wahrheit bedeutet, die uns rettet, oder die Wahrheit, die uns endgültig und vollständig zerstört.
Ich tippe ein Wort zurück.
Na gut.
Dann falte ich Graces Zettel in der Mitte, schiebe ihn in meine Schreibtischschublade neben das Foto, das ich immer wieder anstarre, und sitze still in meinem Büro. Ich warte auf eine Nacht, für die ich mir nicht sicher bin, ob ich bereit bin – und frage mich, ob die Frau, der ich gleich gegenübersitzen werde, dieselbe ist, in die ich mich verliebt habe, oder jemand, den ich eigentlich nie wirklich kennengelernt habe.