Kapitel 4

1412 Words
Wahrheit oder Pflicht? Julians POV Genau für solche Momente lebe ich. Das Haus der Morrisons ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Musik ist so laut, dass man sich nur schreiend unterhalten kann. Überall fließt Bier, und die Studenten von Blackridge betrinken sich und benehmen sich wie Idioten. Und sie alle sehen mich an, als wäre ich der Grund, warum diese Party überhaupt zählt. Ich habe es mir im größten Wohnzimmer auf der riesigen Couch bequem gemacht, während meine Teamkollegen links und rechts von mir sitzen wie Leibwächter. Marcus erzählt gerade irgendeine Geschichte vom gestrigen Training, aber ich höre nur mit halbem Ohr zu. Ich genieße viel mehr, wie die Leute ständig zu uns herüberschauen. Wie Gespräche verstummen, sobald ich lache. Wie die Mädchen immer wieder einen Vorwand finden, an unserer Ecke vorbeizulaufen. Das ist meine Welt. Das sind meine Leute. Jake taucht mit einer weiteren Runde Getränke auf – teurer Stoff, von dem seine Eltern vermutlich nicht einmal wissen, dass er aus ihrem Spirituosenschrank verschwunden ist. „Hayes“, sagt er und drückt mir ein Bier in die Hand. „Hast du gesehen, wie viele Leute gekommen sind? Die halbe Erstsemesterklasse ist nur hier, weil sie gehört hat, dass du auftauchst.“ Ich nehme einen Schluck und grinse. „Was soll ich sagen? Ich bin einfach unwiderstehlich.“ Die Jungs lachen, und ein paar Mädchen in der Nähe kichern, als hätte ich gerade den witzigsten Spruch des Abends gebracht. Es ist alles so einfach. So selbstverständlich. Genau hier gehöre ich hin – ins Zentrum der Aufmerksamkeit, wo jeder in meiner Nähe sein will. Ich lasse meinen Blick durch die Menge schweifen, registriere, wer alles da ist und wer sich besonders bemüht, meine Aufmerksamkeit zu bekommen. Dann entdecke ich etwas, das mich zweimal hinsehen lässt. Auf keinen Fall. Auf der anderen Seite des überfüllten Wohnzimmers, direkt neben dem Eingang zur Küche, steht ausgerechnet er. Der wandelnde Kaffeekatastrophen-Fall höchstpersönlich. Der kleine, dunkelhaarige Austauschstudent, der in letzter Zeit viel zu viel Platz in meinen Gedanken einnimmt. Was zum Teufel macht er hier? Er wirkt genauso fehl am Platz wie an seinem ersten Tag auf dem Campus. Seine Kleidung passt überhaupt nicht hierher. Ein schlichtes Hemd mit Knöpfen, das wahrscheinlich aus irgendeinem Kaufhaus stammt. Jeans, die nicht einmal richtig sitzen. Doch zu meiner Überraschung steht er nicht allein in einer Ecke herum, wie ich erwartet hätte. Er unterhält sich mit einer Gruppe Mädchen. Und sie lachen. Genervt beobachte ich, wie eine von ihnen ihm beim Reden leicht den Arm berührt. Er lächelt. Dieses schüchterne, ehrliche Lächeln, das sein ganzes Gesicht zum Strahlen bringt. Und plötzlich zieht sich etwas Heißes und Unangenehmes in meiner Brust zusammen. Seit wann finden Leute ihn charmant? „Erde an Julian.“ Tyler schnippt mit den Fingern direkt vor meinem Gesicht. „Alles klar, Mann? Du siehst aus, als hättest du gerade einen Geist gesehen.“ „Mir geht's gut“, murmele ich und zwinge mich, den Blick von dem Brünetten abzuwenden. Doch ich kann nicht aufhören, wieder hinzusehen. Jedes Mal, wenn ich den Kopf drehe, steht er immer noch dort. Er redet noch immer mit den Mädchen. Und er wirkt vollkommen entspannt – obwohl er von Menschen umgeben ist, die eigentlich weit außerhalb seiner Liga sein müssten. Es ist verdammt frustrierend. „Oh, das wird lustig!“, ruft jemand quer durch den Raum. „Zeit für Wahrheit oder Pflicht!“ Jubel bricht unter den Gästen aus. Ich beobachte, wie sich die Leute in der Mitte des Wohnzimmers versammeln und die Möbel zur Seite schieben, um Platz für einen großen Kreis zu schaffen. Verdammt kindisch. So ein Spiel haben wir zuletzt in der Mittelstufe gespielt. Aber auf Partys wie dieser tun die Leute alles, solange es sie unterhält. „Komm schon, Julian“, sagt Jake und erhebt sich. „Du kannst dir das doch nicht entgehen lassen.“ Er hat recht. Ich weiche niemals vor einer Herausforderung zurück – schon gar nicht bei Partyspielen, die mir eine weitere Gelegenheit geben, im Mittelpunkt zu stehen. Und wenn ich ehrlich bin… Ich bin neugierig, ob der Austauschstudent mitmacht. Ich muss nicht lange darauf warten. Als sich der Kreis bildet, sehe ich, wie die Mädchen, mit denen er eben gesprochen hat, ihn förmlich in den Kreis hineinziehen. Er wirkt nervös, aber nicht verängstigt. Als sich unsere Blicke über den Kreis hinweg treffen, entdecke ich etwas in seinen Augen. Trotz. Interessant. Das Spiel beginnt mit ein paar harmlosen Wahrheiten und langweiligen Mutproben. Sarah gibt zu, etwas mit ihrem Tutor gehabt zu haben. Tom muss seiner Ex eine Nachricht schreiben. Typischer College-Party-Kram. Doch je öfter die Flasche gedreht wird, desto ausgelassener wird die Stimmung, und die Aufgaben werden immer kreativer. Dann bleibt die Flasche vor ihm liegen. Der Brünette starrt auf den Flaschenhals, der direkt auf ihn zeigt. Für einen Moment wird es still. „Wahrheit oder Pflicht?“, ruft jemand. Ohne auch nur einen Augenblick zu zögern, antwortet er: „Pflicht.“ Seine Stimme ist ruhig. Fast schon selbstbewusst. Die Art, wie er das Wort ausspricht, klingt selbst wie eine Herausforderung. Als würde er uns auffordern, es ruhig zu versuchen, ihn bloßzustellen. „Tanz auf dem Couchtisch!“, ruft jemand auf der anderen Seite des Kreises. Ein paar Leute lachen. Doch der Brünette nickt einfach und steht auf. Ich rechne damit, dass er sich unbeholfen bewegt. Dass er sich blamiert. Dass wir alle etwas zu lachen haben. Ich liege völlig daneben. Die Musik wechselt zu einem Song mit einem kräftigen Beat. Er steigt auf den Couchtisch. Für einen kurzen Moment steht er einfach nur da. Dann beginnt er sich zu bewegen. Und verdammt… Er ist gut. Nein. Er ist richtig gut. Er tanzt nicht so steif und unbeholfen wie die meisten Typen auf College-Partys. Sein ganzer Körper bewegt sich fließend im Rhythmus der Musik. Selbstbewusst. Geschmeidig. Als hätte er das schon unzählige Male gemacht. Im Raum wird es still. Nur die Musik ist noch zu hören. Alle starren ihn an, während sich dieser stille Austauschstudent vor ihren Augen in jemanden völlig anderen verwandelt. In jemanden, der die Aufmerksamkeit aller auf sich zieht. Mehrere Leute pfeifen anerkennend. Ein paar Mädchen feuern ihn begeistert an. Ich dagegen bringe keinen einzigen Ton heraus. Ich schaffe es kaum noch zu atmen. Als das Lied endet, springt er vom Tisch herunter. Sein Gesicht ist vom Tanzen gerötet. Seine Haare sind zerzaust. Auf seinen Lippen liegt dieses kleine Lächeln… Als wüsste er ganz genau, dass ihn immer noch alle ansehen. Sein Blick findet meinen auf der anderen Seite des Kreises. Und darin liegt etwas. Als würde er fragen: „Und? Was hältst du jetzt von mir?“ Mein Mund ist plötzlich staubtrocken. Die Flasche dreht sich erneut. Diesmal zeigt sie auf mich. Sofort erfüllt erwartungsvolles Gemurmel den Raum. Jeder weiß, dass ich niemals vor einer Mutprobe zurückschrecke. Alle warten gespannt darauf, wofür ich mich entscheide. „Wahrheit oder Pflicht, Hayes?“, fragt Jake grinsend, als wüsste er die Antwort bereits. „Pflicht“, antworte ich automatisch. Obwohl mir wegen dieses Tanzes immer noch der Kopf schwirrt. Für einen Moment tuscheln alle aufgeregt miteinander und überlegen sich eine passende Aufgabe. Schließlich ruft jemand aus dem Kreis: „Küss die heißeste Person im Raum!“ Der ganze Raum explodiert förmlich vor Gelächter und Jubel. Genau die Art von Aufgabe, die man mir geben würde. Etwas, das perfekt zu meinem Ruf passt. Etwas, bei dem ich mich in Szene setzen kann. Ich sollte eines der Mädchen wählen, das mich den ganzen Abend schon anschmachtet. Jemanden, der sicher ist. Jemanden, den jeder erwartet. Ich sollte genau das tun, womit alle rechnen. Stattdessen richte ich meinen Blick direkt auf den Brünetten auf der anderen Seite des Kreises. Sein Gesicht ist vom Tanzen noch immer gerötet. Und er sieht mich immer noch an… Als würde er auf irgendetwas warten. Er ist die heißeste Person in diesem Raum. Der Gedanke trifft mich wie ein Schlag. Ich schüttle den Kopf und zwinge mich, den Blick abzuwenden. Was zum Teufel denke ich da eigentlich? „Komm schon, Julian!“, ruft jemand. „Such dir endlich jemanden aus!“ Ich lasse meinen Blick durch den Kreis schweifen und entscheide mich für die erstbeste sichere Wahl. Ein blondes Mädchen, das mich den ganzen Abend über angesehen hat. Sie quietscht begeistert auf, als ich zu ihr hinübergehe und sie küsse. Die Menge jubelt. Doch während des ganzen Kusses spüre ich einen dunklen Blick, der mich von der anderen Seite des Kreises aus beobachtet.
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