Partyeinladung
Brysons POV
Mein Handy vibriert seit drei Tagen ununterbrochen.
Jedes Mal, wenn ich darauf schaue, wartet schon die nächste Nachricht von Mom auf mich. Jede einzelne ist aufgeregter als die vorherige, voller Herz-Emojis und Ausrufezeichen, die meine Brust vor Schuldgefühlen eng werden lassen.
„Wie laufen deine Vorlesungen? Hast du schon Freunde gefunden?“
„Denk daran, worüber wir gesprochen haben – das ist deine Chance, endlich irgendwo richtig dazuzugehören!“
„Richard sagt, dass der Campus großartige Clubs und Freizeitangebote hat. Du solltest unbedingt etwas Neues ausprobieren!“
Ich starre auf ihre letzte Nachricht, während ich auf meinem Bett im Wohnheim sitze und überlege, wie ich antworten soll.
Wie soll ich ihr sagen, dass die Freunde des Sohnes ihres neuen Ehemanns mich zu ihrer persönlichen Unterhaltung gemacht haben? Wie soll ich erklären, dass ich den Campus kaum überqueren kann, ohne Geflüster über den Vorfall in der Mensa zu hören?
Ich kann es nicht.
Sie ist viel zu glücklich.
Mom hat dieses Glück verdient – nach allem, was sie durchmachen musste. Nachdem Dad gestorben war, arbeitete sie in zwei Jobs gleichzeitig, nur damit wir über die Runden kamen. Sie hat Richard verdient, sein schickes Haus und ein Leben, in dem sie sich keine Sorgen mehr ums Geld machen muss. Sie hat es verdient zu glauben, dass alles perfekt ist. Dass ihr Sohn an dieser teuren Universität aufblüht, die sie sich allein niemals hätte leisten können.
Auch wenn es eine Lüge ist.
„Alles läuft super, Mom. Ich lebe mich noch ein, aber es gefällt mir hier.“
Ich drücke auf Senden, bevor ich es mir anders überlegen kann.
Die Wahrheit ist, dass seit dem Vorfall in der Mensa alles nur noch schlimmer geworden ist.
Ich habe herausgefunden, dass der bildhübsche Mistkerl Julian Hayes heißt, und anscheinend regiert er diese ganze Universität.
Egal, wohin ich gehe, ich höre seinen Namen.
Mädchen reden darüber, wie heiß er ist. Jungs diskutieren über Hockeystatistiken und Partys bei ihm zu Hause. Professoren erwähnen die großzügigen Spenden seiner Familie an die Universität.
Er ist praktisch der König des Campus.
Und ich bin der Bauer, der es gewagt hat, dem Prinzen Kaffee überzukippen.
Das Schlimmste daran ist, dass ich nicht aufhören kann, an ihn zu denken.
Nicht auf eine gute Art – na ja, zumindest nicht ausschließlich.
Jedes Mal, wenn ich ihn mit seinem perfekten Haar und diesem selbstsicheren Lächeln über den Campus laufen sehe, kocht mein Blut vor Wut.
Doch unter dieser Wut steckt noch etwas anderes.
Etwas, worüber ich lieber gar nicht nachdenken möchte.
Er ist umwerfend.
Selbst wenn er sich wie ein kompletter Arsch benimmt. Selbst wenn er mich vor der halben Universität bloßstellt.
Er ist trotzdem der attraktivste Typ, den ich je gesehen habe.
Und genau deshalb hasse ich ihn noch mehr.
Mein Handy vibriert erneut.
Noch eine Nachricht von Mom.
„Oh! Richard hat erwähnt, dass seine Familie total hockeybegeistert ist. Vielleicht solltest du versuchen, ins Team zu kommen! Wäre das nicht großartig?“
Ich lache tatsächlich laut auf.
Das Geräusch hallt bitter und scharf durch mein leeres Wohnheimzimmer.
Hockey.
Natürlich.
Denn genau das brauche ich: mich noch mehr zu blamieren – diesmal auf dem Eis vor einer ganzen Arena.
Doch dann lese ich weiter.
„Ich weiß, dass es beängstigend klingt, aber du bist doch so sportlich! Erinnerst du dich daran, wie gut du in der Highschool Fußball gespielt hast? Richard sagt, dass die Familie Hayes seit Generationen mit dem Hockeyprogramm von Blackridge verbunden ist. Das wäre doch eine wunderbare Möglichkeit, Anschluss zu finden!“
Die Familie Hayes.
Ich frage mich, ob sie mit diesem Julian Hayes verwandt ist, der mein Leben zur Hölle macht.
Wahrscheinlich nicht.
Hayes ist schließlich kein seltener Nachname, und an dieser Universität gibt es jede Menge wohlhabende Familien.
Der Gedanke ist so absurd, dass ich ihr fast sofort zurückschreibe, um ihr zu erklären, wie unmöglich das Ganze ist.
Doch dann denke ich daran, wie aufgeregt sie gestern Abend am Telefon klang.
Wie sie unaufhörlich von Familientraditionen sprach und davon, unsere beiden Familien zusammenzuführen.
Sie wünscht sich das so sehr.
„Ich werde darüber nachdenken.“
Das ist die Antwort, die ich ihr schicke.
Und es ist nicht einmal gelogen.
Ich denke tatsächlich darüber nach.
Ich denke darüber nach, wie vollkommen verrückt es wäre, das Eis zu betreten, obwohl ich in meinem ganzen Leben noch nie Schlittschuh gelaufen bin.
Eine Ausrüstung zu tragen, die ich mir nicht leisten kann.
Nur um mich schließlich von Julian Hayes vor der gesamten Mannschaft fertigmachen zu lassen.
Aber ich denke auch an Moms Stimme, wenn sie von unserer „neuen Familie“ spricht.
Ich denke daran, wie sehr sie sich bemüht, dass das alles funktioniert.
Wie sehr sie möchte, dass ich hier glücklich bin.
Ich liebe sie genug, um für ihr Glück beinahe alles zu tun.
Sogar wenn ich mich dabei noch mehr blamiere.
Die Woche zieht sich dahin wie eine einzige Folter.
Julians Freunde haben es zu ihrem neuen Hobby gemacht, mich zu schikanieren. Nichts, was offensichtlich genug wäre, um es zu melden – dafür sind sie zu clever. Stattdessen sind es die kleinen, ständigen Gemeinheiten. Sie rempeln mich auf den Fluren an. Machen Bemerkungen, laut genug, dass ich sie hören kann. Lachen, wenn ich an ihnen vorbeigehe.
„Da kommt ja wieder der Kaffeejunge“, höre ich Tyler sagen, als ich an ihrem Tisch in der Bibliothek vorbeilaufe.
„Meinst du, er hat inzwischen gelernt, darauf zu achten, wohin er läuft?“, fügt Marcus hinzu.
Ich halte den Kopf gesenkt und gehe einfach weiter, doch meine Hände ballen sich zu Fäusten.
Jedes Mal, wenn ich Julian irgendwo auf dem Campus sehe, mit diesem perfekten Lächeln im Gesicht, als würde ihm die ganze Welt gehören, möchte ich auf irgendetwas einschlagen.
Aber gleichzeitig kann ich nicht aufhören, ihn anzustarren.
Er bewegt sich, als wüsste er genau, dass ihn alle beobachten. Selbstbewusst. Mühelos. Als würden für ihn andere Gesetze der Schwerkraft gelten als für den Rest von uns.
Es ist zum Verrücktwerden.
Und irgendwie ist es auch faszinierend.
Was mich fast genauso sehr hassen lässt wie ihn.
Bis Donnerstag bin ich so weit, die Universität zu wechseln.
Ich recherchiere tatsächlich bereits die Bewerbungsfristen anderer Colleges, als mein Mitbewohner Danny die Zimmertür aufreißt.
„Alter, du musst morgen Abend unbedingt auf diese Party mitkommen“, sagt er, wirft seinen Rucksack in die Ecke und lässt sich auf sein Bett fallen. „Jeder redet darüber. Das wird legendär.“
„Welche Party?“
„Die Morrison-Party. Jake Morrisons Familie besitzt dieses riesige Haus außerhalb des Campus, und sie schmeißen wohl eine Mega-Party. Das gesamte Hockeyteam wird da sein. Und gefühlt die halbe Uni.“
Mein Magen zieht sich zusammen.
Das Hockeyteam bedeutet Julian.
„Ich passe“, sage ich und wende mich wieder meinem Laptop zu. „Partys sind nicht so mein Ding.“
„Ach komm schon. Du hast dich die ganze Woche in diesem Zimmer verkrochen. Wann hattest du eigentlich das letzte Mal Spaß?“
Ehrlich gesagt kann ich mich nicht erinnern.
Aber das bedeutet noch lange nicht, dass ich an einen Ort gehen möchte, an dem ich von Leuten umgeben bin, die mich für einen Witz halten.
„Ich habe gesagt, ich passe.“
Doch Danny gibt nicht auf.
Die nächste Stunde versucht er ununterbrochen, mich zu überreden. Er zählt sämtliche Gründe auf, warum ich mitkommen sollte.
Gratis Alkohol.
Heiße Mädchen.
Gute Musik.
Die Chance, „meinen Freundeskreis zu erweitern“.
Was er nicht versteht, ist, dass mein Freundeskreis hier praktisch nur aus ihm und dem Mädchen aus meinem Wirtschaftskurs besteht, das mir manchmal einen Kugelschreiber leiht.
Der Freitag beginnt mit einem weiteren Summen meines Handys.
Moms Nachrichten sind inzwischen zu ganzen Romanen geworden – über Hockey-Auswahltrainings, Familienzusammenhalt und darüber, wie stolz sie auf mich ist, weil ich mich „unter die Leute mische“.
Dabei habe ich mich überhaupt nicht unter die Leute gemischt.
Ich habe mich wie ein Feigling versteckt.
Vielleicht ist genau das ein Teil des Problems.
„Du kommst heute Abend mit“, verkündet Danny, als er von seinen Nachmittagsvorlesungen zurückkommt. „Ich habe den Leuten schon gesagt, dass du dabei bist.“
„Du hast was?“
„Hör zu, ich weiß, dass du Angst hast, hier Anschluss zu finden. Aber du kannst dich nicht ewig verstecken. Die Leute hier sind gar nicht so schlimm, wie du denkst.“
Wenn er nur wüsste.
Doch je weiter der Nachmittag voranschreitet, desto mehr verändert sich etwas in meinem Kopf.
Vielleicht liegt es an Moms ständigen Nachrichten darüber, mutig zu sein und neue Dinge auszuprobieren.
Vielleicht an der Erinnerung an Julians kaltes Lächeln in der Mensa.
Oder vielleicht habe ich einfach genug davon, mich wie ein Opfer zu fühlen.
Was auch immer es ist – als Danny anfängt, sich fertig zu machen, durchwühle ich plötzlich meinen Kleiderschrank nach etwas, das nicht völlig erbärmlich aussieht.
„Moment mal... kommst du tatsächlich mit?“, fragt Danny und hält mitten in der Bewegung inne, sein Shirt halb über den Kopf gezogen.
„Vielleicht“, antworte ich und ziehe das einzige halbwegs vernünftige Hemd heraus, das ich besitze.
Es ist nichts Besonderes.
Nur ein dunkelblaues Hemd mit Knopfleiste, das Mom mir zum Highschool-Abschluss gekauft hat.
Aber es ist sauber.
Und es sitzt ganz ordentlich.
„Alter, das ist großartig! Das wird dir richtig gefallen, versprochen.“
Da bin ich mir nicht so sicher.
Aber bei einer Sache bin ich mir sicher.
Ich habe es satt, dass alle an dieser Universität mich für irgendeinen zerbrechlichen Mitleidsfall halten, den man mit ein paar gemeinen Bemerkungen vertreiben kann.
Ich habe es satt, mich zu verstecken.
Wenn Julian Hayes und seine Freunde mich für schwach halten wollen, bitte.
Aber ich werde es ihnen nicht leicht machen, indem ich einfach verschwinde.
„Ja“, sage ich und betrachte mich im Spiegel.
„Gehen wir auf diese Party.“
Danny grinst breit und klopft mir auf die Schulter.
„Das ist die richtige Einstellung! Glaub mir, das wird legendär.“
Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob legendär das Wort ist, das ich dafür benutzen würde.