Kapitel 2

1728 Words
Kleiner Brünetter Julians POV Ich bekomme diesen kleinen Brünetten einfach nicht aus dem Kopf. Seit dem Kaffee-Zwischenfall sind vierundzwanzig Stunden vergangen, und ich denke immer noch daran. Nicht, weil mich das ruinierte Hemd interessiert – Dads Kreditkarte kann problemlos ein Dutzend neue bezahlen. Es ist die Art, wie er mich danach angesehen hat, die mich nicht loslässt. Als wäre ich der Böse gewesen. Als wäre ich irgendein Monster und nicht das Opfer, das mit heißem Kaffee übergossen wurde. Diese Respektlosigkeit frisst mich auf. Ich lasse so etwas niemals einfach durchgehen. Niemals. Wenn man an einem Ort wie Blackridge ganz oben in der Nahrungskette steht, bleibt man nur dort, indem man dafür sorgt, dass jeder seinen Platz kennt. Und dieser Austauschstudent weiß ganz offensichtlich nicht, wo seiner ist. „Du bist heute ungewöhnlich still“, sagt Marcus und lässt sich mir gegenüber in der Mensa auf den Stuhl fallen. „Alles in Ordnung?“ Ich zucke mit den Schultern und stochere in meinem Mittagessen herum. Um uns herum hat sich wie immer die übliche Gruppe versammelt. So läuft es hier nun einmal – egal, wo ich mich hinsetze, die Leute folgen mir. Das ist schon seit dem ersten Studienjahr so. Kapitän des Hockeyteams zu sein, den Namen Hayes zu tragen und so auszusehen, wie ich nun einmal aussehe … all das sorgt für eine gewisse Anziehungskraft, der sich die meisten nicht entziehen können. „Ich denke nur nach“, antworte ich. „Worüber?“ Bevor ich antworten kann, setzt sich Jake neben Marcus. Kurz darauf folgen Tyler und Sean. Mein engster Kreis ist komplett – bereit für jede Unterhaltung oder jedes Schauspiel, das ich ihnen biete. „Habt ihr gestern den Neuen gesehen?“, fragt Tyler, während er sein Sandwich auspackt. „Den Typen, der Julian mit Kaffee überschüttet hat?“ Ich presse die Kiefer aufeinander. „Er hat mich nicht überschüttet. Er ist in mich hineingerannt, als wäre er blind.“ „Trotzdem“, lacht Jake, „dich da völlig durchnässt stehen zu sehen, war schon ziemlich witzig.“ „Zum Brüllen komisch“, erwidere ich trocken. Die Wahrheit ist: Es war überhaupt nicht lustig. Es war demütigend. Und die Art, wie dieser Typ mich danach angesehen hat – als wäre er von mir enttäuscht oder so –, hat alles nur noch schlimmer gemacht. Für wen hält der sich eigentlich? Während meine Freunde weiterreden, lasse ich den Blick durch die Mensa schweifen. Ohne es wirklich zu wollen, suche ich nach ihm. Ich will ihn wiedersehen. Ich will noch eine Gelegenheit, ihn an seinen Platz zu erinnern. Er soll endlich verstehen, wie die Dinge hier laufen. Und dann entdecke ich ihn. Er sitzt allein an einem Tisch am Fenster und ist völlig in ein Lehrbuch vertieft. Sein dunkles Haar glänzt im Sonnenlicht, und sogar von hier aus sehe ich, dass er wieder irgendein trauriges Outfit trägt, das vermutlich aus einem Billigladen stammt. Ein schlichtes graues T-Shirt, das ihm viel zu groß ist, und Jeans, die eindeutig schon bessere Tage erlebt haben. Perfekt. „Leute“, sage ich und unterbreche Jake mitten im Satz. „Seht mal, wer sich doch tatsächlich wieder blicken lässt.“ Ich nicke in Richtung des Tisches des Brünetten, und alle drehen sich gleichzeitig um. Marcus grinst. „Oh, das wird gut.“ Das Problem daran, einen gewissen Ruf zu haben, ist, dass damit auch Erwartungen verbunden sind. Die Leute erwarten etwas von dir. Sie erwarten, dass du sie unterhältst, dass du selbstbewusst bist und niemals vor irgendetwas zurückweichst. Und genau jetzt sehen sie mich alle an, als würden sie auf eine Vorstellung warten. Perfekt. „Leute“, sage ich und unterbreche Jake mitten im Satz. „Seht mal, wer sich doch tatsächlich blicken lässt.“ Ich nicke in Richtung des Tisches des Brünetten, und meine Freunde drehen sich alle gleichzeitig um. Marcus grinst breit. „Oh, das wird gut.“ Das Problem daran, einen gewissen Ruf zu haben, ist, dass damit auch gewisse Verpflichtungen einhergehen. Die Leute erwarten etwas von dir. Sie erwarten, dass du sie unterhältst, selbstbewusst bist und niemals vor irgendetwas zurückweichst. Und genau jetzt schauen sie mich alle an, als würden sie auf eine Show warten. Ich kann sie nicht enttäuschen. „Kommt“, sage ich und stehe auf. „Gehen wir mal Hallo sagen.“ Mein Stuhl schrammt über den Boden, und mehrere Leute an den Nachbartischen schauen auf. Gut. Ein Publikum macht alles besser. Mit meiner typischen Selbstsicherheit durchquere ich die Mensa – dieser Gang, der dafür sorgt, dass die Leute automatisch hinschauen. Meine Freunde folgen mir wie immer auf dem Fuß, bereit, sich meinem Tempo anzupassen. Ich spüre die Blicke der anderen Studierenden und höre bereits das erste Geflüster, das sich durch den Raum ausbreitet. Der Austauschstudent bemerkt uns nicht. Er ist viel zu sehr in irgendein langweiliges Lehrbuch vertieft. Wirtschaftswissenschaften, glaube ich. Wie passend. Ich bleibe direkt vor seinem Tisch stehen, so nah, dass mein Schatten über sein Buch fällt. „Na, sieh mal einer an“, sage ich und achte darauf, dass meine Stimme laut genug ist. „Wenn das nicht der Kaffeelieferant von gestern ist.“ Sein Kopf fährt hoch, und seine dunklen Augen treffen auf meine. Für den Bruchteil einer Sekunde sehe ich Überraschung, dann Wiedererkennen und schließlich etwas, das verdächtig nach Beklommenheit aussieht. Gut. „Erinnerst du dich an mich?“, fahre ich fort, laut genug, dass die halbe Mensa es hören kann. „Du weißt schon, der Typ, den du gestern als Zielscheibe benutzt hast.“ Sein Gesicht läuft rot an, aber er sagt nichts. Er starrt mich nur mit diesen großen dunklen Augen an, als würde er darauf warten, dass alles endlich vorbei ist. „Was ist? Keine Entschuldigung?“, frage ich und neige den Kopf leicht. „Kein Angebot, die Reinigung zu bezahlen? Das ist aber kein besonders zivilisiertes Verhalten.“ Inzwischen haben sich mehrere Leute zu uns umgedreht. Ich höre Geflüster und sehe, wie Handys gezückt werden. An Blackridge verbreitet sich alles über Social Media in Windeseile, und jeder liebt Drama – besonders wenn ich darin die Hauptrolle spiele. „Ich habe mich entschuldigt“, sagt er leise. So leise, dass ich mich zu ihm vorbeugen muss, um ihn überhaupt zu verstehen. „Ach, hast du das?“ Ich tue so, als müsste ich darüber nachdenken. „Hm... Dann war sie wohl nicht besonders einprägsam.“ Marcus kichert hinter mir, und ich spüre, wie mein Selbstvertrauen wächst. Genau das kann ich gut – einen Raum beherrschen, Menschen zum Lachen bringen und im Mittelpunkt stehen. „Weißt du“, fahre ich fort und deute auf seine Kleidung, „vielleicht liegt das Problem ja daran, dass du nicht siehst, wohin du läufst, weil deine Klamotten viel zu groß sind. Hast du schon mal darüber nachgedacht, in der Damenabteilung einzukaufen? Vielleicht findest du dort etwas, das dir tatsächlich passt.“ Das Gelächter meiner Freunde ertönt sofort und laut. Auch andere Studierende stimmen ein, und ich sehe, wie das Gesicht des Austauschstudenten immer röter wird. Aber seine Augen... Sie wirken nicht mehr beschämt. Sie sind wütend. Richtig wütend. Für einen kurzen Moment glaube ich sogar, dass er aufstehen und sich wehren wird. Ein Teil von mir wünscht sich fast, dass er es tut. Es wäre interessant zu sehen, was dieser kleine Niemand glaubt, gegen mich ausrichten zu können. Stattdessen beginnt er, seine Bücher einzupacken. Ich bemerke, dass seine Hände zittern. Sie zittern tatsächlich, während er sein Lehrbuch hastig in seinen Rucksack schiebt. Er schaut mich nicht mehr an. Er schaut niemanden an. Den Kopf gesenkt konzentriert er sich nur darauf, seine Sachen zusammenzupacken. „Willst du schon gehen?“, frage ich. „Dabei haben wir uns doch gerade erst kennengelernt.“ Ohne ein Wort zu sagen, steht er auf und schwingt sich den Rucksack über die Schulter. Für einen kurzen Augenblick treffen sich unsere Blicke erneut. Und ich sehe etwas, womit ich nicht gerechnet habe. Keine Angst. Keine Scham. Enttäuschung. Er geht davon, ohne sich noch einmal umzudrehen, und ich sehe ihm nach, während mich das Gelächter und der Beifall meiner Freunde und der halben Mensa umgeben. „Verdammt, Julian“, sagt Jake und klopft mir auf die Schulter. „Das war brutal.“ „Der Arme sah aus, als würde er gleich losheulen“, fügt Tyler grinsend hinzu. Sie alle sehen mich an, als hätte ich gerade irgendeinen großen Sieg errungen. Als hätte ich etwas Wichtiges bewiesen. Doch während ich beobachte, wie der Austauschstudent durch die Türen der Mensa verschwindet, fühle ich... ...nichts. Leer. Hohl. Als hätte ich etwas gewonnen, das den Sieg überhaupt nicht wert war. „Kommt“, sage ich schließlich und verdränge dieses Gefühl. „Zurück zum Essen.“ Wir gehen wieder an unseren Tisch, und das Gespräch dreht sich schon bald um andere Dinge. Hockeytraining, Pläne fürs Wochenende und das Mädchen, das Jake endlich um ein Date bitten will. Ganz normale Gespräche. Doch immer wieder wandert mein Blick zu den Fenstern, an denen der Brünette eben noch gesessen hat. Und ich bekomme das Bild seiner zitternden Hände nicht aus dem Kopf, als er seine Bücher eingepackt hat. Später am Abend sitze ich in meinem Wohnheimzimmer und versuche, mich auf meine Hausaufgaben zu konzentrieren, als mein Handy vibriert. Dad: Party zum Kennenlernen der Schule diesen Samstag im Morrison-Anwesen. Sorge dafür, dass das ganze Team erscheint. Gut für den Zusammenhalt. Ich starre eine Weile auf die Nachricht. Eine Party bedeutet, dass wahrscheinlich die gesamte Studentenschaft auftauchen wird. Die reichen Kids von Blackridge lassen sich schließlich keine Gelegenheit entgehen, teuren Alkohol zu trinken und ihre Designerklamotten zur Schau zu stellen. Das bedeutet auch... ...dass der Austauschstudent dort sein könnte. Der Gedanke sollte mich eigentlich nerven. Stattdessen frage ich mich, ob er tatsächlich kommen wird. Ob er den Mut hat, sich nach der Demütigung von heute noch einmal blicken zu lassen. Ein Teil von mir hofft, dass er erscheint. Eine weitere Gelegenheit, ihn an seinen Platz zu verweisen, wäre schließlich nicht schlecht. Ich schreibe Dad zurück: Verstanden. Ich sage dem Team Bescheid. Doch selbst als ich die Nachricht abschicke, kann ich nicht aufhören, an diese dunklen Augen zu denken. Und an die Art, wie sie mich angesehen haben. Als wäre ich jemand, von dem sie mehr erwartet hätten. Als wäre ich weniger, als sie gedacht hatten. Dieses Gefühl beschäftigt mich mehr, als es eigentlich sollte.
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