Ich fühle mich traurig für sie.

1474 Words
Naomis Sicht Ich wusste nicht, welches Wort ich wählen sollte, um zu beschreiben, wie außer mir vor Wut ich über Patricks Umgang mit Sara war. Sie ist seine Frau – um Himmels willen! – und nicht seine Dienerin oder Sklavin. Für ihn existierte sie in seiner Welt überhaupt nicht; warum also musste er sie ausgerechnet dort, vor den Augen des gesamten Restaurants, so schlecht behandeln? Als ich den Anruf von Emily erhielt, die mir berichtete, was sich dort zugetragen hatte, war ich zu fassungslos, um sofort zu reagieren. Für wen zum Teufel hielt er sich eigentlich? Ich wollte ihn zur Rede stellen, weil er die Hand gegen Sara erhoben hatte. Alexander hatte mir gegenüber niemals auch nur die Stimme erhoben. Wie konnten wir bloß einen Sohn wie Patrick haben? Wo war mir bei seiner Erziehung ein Fehler unterlaufen? Er stand kurz davor, sie zu schlagen, hielt sich jedoch im letzten Moment zurück – und ich war heilfroh darüber; denn hätte er heute Abend tatsächlich die Hand gegen die unschuldige Sara erhoben, hätte ich ihn niemals mehr als meinen Sohn anerkannt. Ich brauche keinen Gewalttäter als Sohn. „Glaubst du wirklich, dass wir das Richtige getan haben, als wir sie mit unserem Sohn verheirateten?“, fragte ich Alexander, zutiefst beunruhigt über die Geschehnisse von vorhin. Wir saßen in unserem Schlafzimmer auf dem Bett, eingekuschelt unter der Decke. Er seufzte tief und blickte auf. „Ich kann jetzt nicht mehr behaupten, dass wir in ihrem Sinne entschieden haben. Wir haben ihr ohnehin schon zerrüttetes Leben vollends ruiniert“, sagte er mit trauriger Stimme, und ich spürte, wie mir die Tränen in die Augen stiegen. „Er wusste nicht, was sie all die Jahre durchgemacht hat, und ich glaube nicht, dass er ihren Schmerz jemals begreifen wird. Er ist einfach …“ (ich seufzte) „… hoffnungslos.“ Eine Träne löste sich aus meinem Augenwinkel; ich wischte sie sofort fort, nachdem ich ausgesprochen hatte, was mir auf dem Herzen lag. „Halt ihn so gut es geht von ihr fern, Naomi. Das ist das Einzige, was wir für sie tun können, wenn wir verhindern wollen, dass sie noch einmal verletzt wird.“ Alexanders Worte trafen mich mitten ins Herz. Sara verkörperte das Idealbild einer Tochter – genau jene Traumtochter, die man sich nur wünschen könnte. Ich empfand tiefes Mitleid mit dem Schicksal ihres Vaters – damit, dass er sich niemals um sie gekümmert hatte. Er war eine wahre Schande für jeden, der sich Vater nennt. Alexander legte mir von hinten die Hand auf die Schulter und drückte meinen Kopf an seine. „Können wir sie nicht von hier wegschicken? Wir haben so viele Niederlassungen in verschiedenen Ländern. Wir könnten sie an jede beliebige Zweigstelle versetzen. Ich bin sicher, dass sie damit einverstanden wäre.“ Ich blickte hoffnungsvoll zu ihm auf; nachdenklich presste er die Lippen zusammen. „Ich glaube, das lässt sich machen. Es wird etwas Zeit in Anspruch nehmen … Aber“, er wandte sich wieder mir zu und lächelte. „Wir kriegen das hin.“ Diesmal war es an mir zu lächeln. Es würde ihr guttun, wenn sie weit weg von hier wäre. Dann müsste sie sich weder mit ihrem Vater noch mit meinem Sohn – ihrem Ehemann – auseinandersetzen. „Ich … glaube … ich sollte vor dem Schlafengehen noch einmal nach ihr sehen … Was meinst du?“ fragte ich ihn besorgt. Ich wusste nicht genau, warum ich gerade jetzt den Drang verspürte, sie zu sehen. „Du solltest gehen; sonst wirst du ohnehin kein Auge zubekommen“, sagte er mit einem fürsorglichen Lächeln im Gesicht. Ich gab ihm sofort einen flüchtigen Kuss auf die Lippen und lächelte zurück. „Ich bin gleich wieder da“, sagte ich und eilte beinahe schon aus dem Zimmer hinüber zu ihrem. Ich klopfte an ihre Tür, doch sie antwortete nicht. Ich klopfte erneut, doch wieder blieb sie stumm. Ich nahm an, sie sei bereits eingeschlafen – doch dieses Gefühl wollte sich in meinem Bauch einfach nicht festsetzen. Ich wusste, dass es falsch war, ihr Zimmer ohne ihr Wissen aufzuschließen; doch mein Herz raste mir nun förmlich in der Brust. Ich stürmte hinüber ins Arbeitszimmer, wo wir die Ersatzschlüssel für sämtliche Räume aufbewahrten – während sich ein schrecklicher Gedanke in mein Herz schlich. Ich nahm den Schlüssel zu ihrem Zimmer an mich und kehrte dorthin zurück. Langsam schloss ich die Tür auf; denn falls sie tatsächlich schlief, wollte ich sie keinesfalls wecken. Sie hatte für diesen Tag bereits genug durchgemacht. Mein Herz setzte einen Schlag aus, als ich ihr Bett leer und kalt vorfand. Ihre Handtasche und ihr zerbrochenes Handy lagen auf dem Bett, doch von ihr selbst fehlte jede Spur. Ich ging hinüber zum Badezimmer und lauschte an der Tür, ob ich Stimmen oder Geräusche aus dem Inneren vernehmen konnte. Erleichtert atmete ich auf, als ich das Rauschen des Wassers hörte. Sie hatte die Angewohnheit, abends vor dem Zubettgehen zu duschen. Ich atmete erleichtert aus. Ich lächelte und verließ dann lautlos das Zimmer. Ich beschloss, ihr eine heiße Schokolade zuzubereiten. Das war das beste Mittel gegen Traurigkeit – oder zumindest dachte ich das. Ich bereitete die heiße Schokolade selbst für sie zu, da um diese späte Stunde kein Dienstmädchen mehr im Haus war. Ich stellte die Tasse auf ein Tablett und ging wieder nach oben zu ihrem Zimmer. Sie müsste inzwischen eigentlich schon aus dem Badezimmer gekommen sein. Also beschloss ich, noch einmal anzuklopfen. Sie antwortete nicht, und ich spürte ein seltsames, ungutes Gefühl. Ich hatte fast eine halbe Stunde gebraucht, um die heiße Schokolade zuzubereiten, und es war nun schon mehr als zwei Stunden her, dass sie in ihr Zimmer gestürmt war. Das schreckliche Gefühl, das mein Herz verlassen hatte, nachdem ich das Rauschen des Wassers im Badezimmer gehört hatte, stürmte nun mit aller Macht in mein Herz zurück. „Mom … was ist los? Warum klopfst du um diese Zeit an ihre Tür?“ Ich hörte Patricks verschlafene Stimme und blickte zu ihm hinüber. Er sah genervt aus, doch ich schenkte ihm kein Gehör; stattdessen nahm ich den Schlüssel von dem Tablett – auf das ich ihn zuvor gelegt hatte – und öffnete ihre Tür. „Mom … spinnst du?“ rief er entsetzt, doch ich scherte mich einen Dreck um sein Gemecker, denn ich geriet nun in Panik, und meine Angst trübte mein Urteilsvermögen. Alles, was ich wollte, war, sie aus dem Badezimmer kommen zu sehen. Mein Herz setzte für einige Sekunden aus, als ich sah, dass das Zimmer noch immer leer war. Hinter mir hörte ich Schritte. Hastig stellte ich das Tablett auf das Bett und rannte auf das Badezimmer zu. Ich lauschte erneut an der Tür, und zu meinem Entsetzen rauschte das Wasser immer noch. „Mom … was machst du da?“ herrschte Patrick mich an, doch ich klopfte gegen die Tür. „Sara … bist du da drin, Liebling?“ fragte ich mit panischer Stimme. Es kam keine Antwort, und meine Hand begann vor Angst zu zittern. Ich hämmerte gegen die Tür, als ich ihre Stimme nicht hörte. Patrick schrie mich sofort an: „Mom … bist du völlig von Sinnen? Lass sie doch einfach baden!“ „Wenn ich mich nicht irre, ist sie schon seit über einer halben Stunde im Badezimmer – du dummes Arschloch!“, schrie ich zurück, und seine Augen weiteten sich vor Schreck. Eigentlich fluchte ich ungern, doch er ging mir mittlerweile gewaltig auf die Nerven. Panisch hämmerte ich erneut gegen die Tür, während ich ihren Namen rief. „Was ist hier los?“, hörte ich Alexander hinter mir fragen, doch ich hörte nicht auf, gegen die Tür zu trommeln. „Hol den Schlüssel aus dem Schloss, Alex! Sie ist schon seit über einer halben Stunde im Bad und reagiert nicht!“, wies ich Alex schreiend an, während die Angst mein Herz fest umklammerte. „Hier!“, rief Alex mir zu, und ich sah einen Schlüssel vor mir. Ich griff nach dem Schlüssel und versuchte, ihn ins Schloss zu stecken, doch meine Hände zitterten heftig. „Mom, gib mir den Schlüssel!“, bat mich Patrick, doch ich ignorierte ihn völlig. „Naomi, gib mir den Schlüssel!“, bat mich nun Alex, während er mir von hinten die Hand auf die Schulter legte. Ich gab ihm den Schlüssel, hielt mir jedoch die Hand vor den Mund, um mein Weinen zu unterdrücken. In diesem Moment wurde mir klar, dass ich weinte. Bitte, bitte sei in Sicherheit, Sara. Bitte sei in Sicherheit, betete ich still in meinem Herzen, während ich zusah, wie Alex die Tür öffnete. Ich stieß ihn beiseite und stürmte hinein, sobald er die Tür einen Spalt breit geöffnet hatte. „Sara!“, schrie ich laut auf – doch mir blieb der Atem weg, als ich sie bewusstlos unter der Dusche liegen sah.
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