Kapitel 2

1959 Words
Rebeccas Perspektive Ich war erst vor wenigen Stunden aufgewacht. Nicht im Himmel, sondern an dem Tag, an dem ich ihn heiratete. Ich war fest entschlossen, nicht zuzulassen, dass sich die Geschichte wiederholte. Dennoch saß ich auf dem Bett, während Leon vor mir aufragte. „Behaltet sie im Auge. Ich will sie nicht aus eurer Sichtweite haben. Wenn sie verschwindet, werdet ihr wegen Hochverrats angeklagt.“ Die Wachen wurden bleich. „Ja, Eure Majestät“, echoten sie alle. Seine Augen fielen auf mich, erfüllt von Feuer. „Wage es ja nicht, den heutigen Tag zu ruinieren, sonst bist du so gut wie tot.“ Damit drehte er sich um und ging. Ich saß auf dem Bett, und mein Herz sank mit jedem vergehenden Moment tiefer. Leons Befehle waren eindeutig: Ich war gefangen, eine Gefangene in dem Leben, von dem ich dachte, ich könne ihm entkommen. Sein Blick brannte sich in mich ein, als er ging, seine Worte hallten in meinem Kopf wie ein Todesurteil nach. *Wenn du verschwindest, ist es Hochverrat.* Ich starrte aus dem Fenster, die Sonne ging über den fernen Bergen unter und warf lange Schatten über das Land. Es gab keinen Ausweg. Die Wachen beobachteten mich wie Habichte, ihre Augen unnachgiebig, ihr Schweigen erstickend. Jede meiner Bewegungen wurde überwacht, jeder Atemzug war ein Risiko. Ich spürte das vertraute Gewicht der Verzweiflung, das auf mich drückte. Ich hatte gedacht, mir wäre eine zweite Chance gegeben worden, aber jetzt fühlte es sich wie nichts weiter als ein grausamer Scherz an. Was brachte es, erneut fliehen zu wollen, wenn sie mein Schicksal bereits besiegelt hatten? Der Gedanke, wieder zu sterben – wieder zu versagen – war unerträglich. Dann flog die Tür auf. Diane stürmte herein, ihre Augen weit vor Sorge. „Rebecca, was ist los?“ Sie klang panisch und blickte zwischen mir und den Wachen hin und her. „Warum führt Leon sich so auf? Er sagt, du hättest kalte Füße.“ Ich konnte zuerst nicht sprechen. Der Verrat, der immer noch in meiner Brust brannte, war zu frisch, zu roh. Ihre Worte fühlten sich an, als kämen sie von einer Fremden; die Frau, die ich einst meine beste Freundin nannte, war nur noch ein Schatten der Vergangenheit. „Hör auf mit dem Mist“, sagte ich. „Ich weiß, dass du mit ihm schläfst.“ Ich spuckte die Worte förmlich aus. Sie blinzelte, fassungslos. Sie lief zu mir und setzte sich neben mich. Ich wich zurück. „Was passiert nur mit dir?“, jammerte sie. „Wie kannst du mich so etwas Abscheulichem beschuldigen?“ Ihre Augen waren gefüllt mit falschem Schmerz, der mich einfach nur schreien lassen wollte. „Spar dir das Theater. Ich weiß es“, sagte ich erneut mit kalter Stimme. „Gib dein falsches Mitleid also jemand anderem.“ Sie war für einen Moment still, bevor sie anfing zu lachen. Sie stand auf und begann zu klatschen. „Ich schätze, wir haben dich unterschätzt. Hat ja lange genug gedauert.“ Sie wandte sich an die Wachen. „Lasst uns einen Moment allein“, sagte sie. Sie nickten und gehorchten. Ich konnte sie nur anstarren. Plötzlich fühlte ich mich taub gegenüber dem Verrat. Er hätte mich länger schmerzen sollen. Sie war immerhin meine beste Freundin, aber ich hatte weitaus wichtigere Dinge zu erledigen. Eine vorgetäuschte Freundschaft im Vergleich zu meinem Leben – es war offensichtlich, wo meine Prioritäten lagen. Ich wollte einfach nur entkommen. Ich wollte leben. Dianes Lachen erfüllte den Raum, der Klang war scharf und zerrte an meinen ohnehin erschütterten Nerven. Sie hörte auf zu klatschen und starrte mich mit einem verzerrten Grinsen an. „Nun, nun, Rebecca. Hat ja lange genug gedauert, bis du es kapiert hast.“ Ihre Stimme war voller Spott. „Du warst immer so blind für das, was direkt vor deiner Nase lag.“ Ich kniff die Augen zusammen, meine Fäuste ballten sich an meinen Seiten. „Du bist genauso krank wie er.“ „Krank?“ Diane grinste und stolzierte vor mir auf und ab. „Du denkst, ich bin krank? Ich bin einfach nur klüger als du. Das war ich schon immer.“ „Warum bist du dann hier?“, fragte ich mit leiser, aber fester Stimme. „Was, versuchst du die besorgte beste Freundin zu spielen?“ Ihr Lächeln geriet für einen Sekundenbruchteil ins Wanken, bevor es noch kälter zurückkehrte. „Nein, Rebecca. Ich bin hier, weil ich wissen will – willst du wirklich gehen?“ Die Frage traf mich wie ein Schlag. „Natürlich will ich das“, zischte ich, unfähig, die Rohheit in meiner Stimme zurückzuhalten. „Ich will raus aus dieser Hölle. Es ist mir egal, was es kostet.“ Sie lehnte sich vor, ihre Augen glitzerten. „Dann kann ich dir helfen.“ Ich erstarrte, Unglaube flutete meine Adern. „Du? Mir helfen?“ Sie kicherte dunkel. „Ja. Du hast recht. Ich werde diejenige sein, die er wirklich will, sobald du weg bist. Und wenn du gehst, steht es mir frei, meinen Platz an seiner Seite einzunehmen. Denk darüber nach – das nützt uns beiden.“ Ich spürte, wie mir das Blut aus dem Gesicht wich, als ihre Worte einsickerten. „Du würdest mir wirklich helfen?“ „Ich tue es nicht aus reiner Herzensgüte“, gab sie mit einem Achselzucken zu. „Aber wenn du gehst, bekomme ich ihn. Kein Verstellen mehr. Stell dir vor – kein Verstellen mehr. Er wird mein sein. Du bist raus, und ich werde diejenige an seiner Seite sein, für immer.“ Ich starrte sie an, die Überraschung lähmte mich. Sie bot mir einen Ausweg an, aber irgendwo musste es einen Haken geben. Mein Vertrauen in sie war völlig zerbrochen. „Du bist eine Lügnerin“, spie ich aus. „Glaubst du, ich nehme dir ab, dass du mich einfach so gehen lässt? Dass du mir wirklich helfen würdest?“ Dianes Lächeln wurde nur noch breiter. „Es ist deine Entscheidung, Rebecca. Aber wenn du bleibst, ändert sich nichts. Du wirst immer nur ein Werkzeug sein, ein Hybrid, für den sich niemand interessiert.“ Mir stockte der Atem. Konnte ich ihr wirklich trauen? Sollte ich? Sie wartete nicht auf eine Antwort, sondern wandte sich bereits der Tür zu. „Denk darüber nach. Ich werde dir einen Ausweg verschaffen. Aber du musst dich schnell entscheiden.“ Sie drehte sich um, und ich spürte, wie meine Chance auf Flucht mir durch die Finger glitt. Wenn ich entkommen wollte, musste ich tun, was immer nötig war. Sogar dem Miststück vertrauen, das mich in fünf Jahren umbringen würde. „Diane“, rief ich. Sie hielt inne und drehte sich um. „Wie wirst du es anstellen? Die Wachen –“ „Ich werde ein Ablenkungsmanöver starten“, antwortete sie leichtfertig. „Und ich bringe dich in einen Raum mit einem unterirdischen Gang. Durch den kannst du entkommen.“ „Das ist verrückt“, flüsterte ich. Es schien zu gut, um wahr zu sein. „Das ist es wohl“, erwiderte sie achselzuckend. Ich zögerte, aber Dianes Worte hallten immer noch in meinem Kopf nach. Mir lief die Zeit davon. Wenn ich diese Chance nicht ergriff, wäre ich für immer gefangen. „Schön“, murmelte ich und schluckte meinen Stolz hinunter. „Ich mache es.“ Sie nickte, ihr Grinsen wurde breiter. „Gut. Warte hier. Ich sorge dafür, dass die Wachen abgelenkt sind.“ Bevor ich ein weiteres Wort sagen konnte, war sie verschwunden. Ich saß da, die Spannung in meiner Brust zog sich immer enger zusammen, jede Sekunde zog sich wie eine Ewigkeit hin. Plötzlich brach im Raum Chaos aus. Schreie erfüllten die Flure. „Feuer!“, schrie jemand. Panik breitete sich wie ein Lauffeuer aus. Draußen vor dem Zimmer gab es einen lauten Lärm. War das die Ablenkung? Die Wachen zögerten zuerst, aber die Panik wuchs, und Rauch begann in den Raum zu ziehen. Das Geschrei wurde lauter, und plötzlich stürmten die beiden Männer an der Tür vorbei, ihre Aufmerksamkeit war abgelenkt. Diane erschien Augenblicke später mit einer Tasche in der Hand. „Beeil dich“, sagte sie und zog mich auf die Beine. „Das ist unsere Chance.“ Wir schlüpften durch die Gänge und bahnten uns den Weg durch das Chaos. Die Luft war d**k vor Panik, Menschen schrien und rannten in alle Richtungen. Diane führte den Weg an und zog mich durch das Durcheinander. Schließlich erreichte sie eine Tür, schloss sie schnell auf und schob mich hinein. Der Raum war dunkel, und in meinem Hals bildete sich ein Kloß. „Wo ist der –“ Aber bevor ich mich bewegen konnte, spürte ich einen scharfen Stich in meinem Nacken. Das Licht ging an. Ich keuchte und wirbelte herum, nur um Diane hinter mir stehen zu sehen, eine Spritze in der Hand. „Du dachtest, ich lasse dich gehen?“ Sie spottete, ihre Augen waren kalt. „Ich bin noch nicht fertig mit dir. Danach wirst du keine Würde mehr besitzen. Du wirst nichts weiter als eine Hure sein.“ Die Welt neigte sich, als die Droge zu wirken begann; meine Knie gaben nach. „Nein...“ Ich versuchte zu sprechen, aber meine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Diane trat zurück, ein grausames Lächeln umspielte ihre Lippen. „Du solltest niemals gehen, Rebecca. Nicht, bevor er mit dir fertig war. Ich mache meinen Mann glücklich. Ich bereite ihm keinen Ärger.“ Der Raum drehte sich, meine Sicht verdunkelte sich, als ich auf den Boden sackte. Sie ließ mich dort zurück, mein Kopf schwindelte und meine Sicht war verschwommen. Mein Körper fühlte sich wie Blei an. Ich konnte nicht aufstehen. Eine seltsame Hitze sammelte sich in meinem Unterleib. Was hatte sie mir gespritzt? Es spielte keine Rolle. Ich musste trotzdem aufstehen. Ich musste dagegen ankämpfen. Ich zwang mich hoch, mein Körper schrie protestierend auf. Mein Körper fühlte sich wie Stein an, jede Bewegung war ein Kampf gegen das Gewicht der Droge. Der Boden drehte sich, mein Kopf pochte, während ich zur Tür stolperte, verzweifelt darauf bedacht, zu entkommen. Meine Sicht verschwamm, meine Gliedmaßen zitterten, aber ich durfte jetzt nicht aufhören. Ich musste hier raus. Doch gerade als ich die Tür erreichte, schwang sie auf, und ich stolperte direkt in die Arme eines Fremden. Sein Duft – dunkel, moschusartig und rau – traf mich wie eine Welle und überlagerte alles andere. Der Schmerz in mir veränderte sich, ersetzt durch eine Hitze, die ich nicht ignorieren konnte. Ich klammerte mich an ihn, verzweifelt, sehnte mich nach ihm auf eine Weise, die ich nicht erklären konnte. Sein Griff um mich wurde fester, und in einem Moment der Klarheit wurde mir klar, dass ich eine letzte Hoffnung hatte. Ich musste von einem anderen beansprucht werden. Seine Aura war stark, gebieterisch, und ich brauchte diese Dominanz, brauchte sie, um alles auszulöschen, was Leon mir angetan hatte. Ich küsste ihn, hart, drängend, meine Lippen verzweifelt gegen die seinen. „Markiere mich“, hauchte ich. „Bitte. Rette mich. Mach mich zu deiner.“ Zu meinem Schock küsste er mich mit noch mehr Hitze zurück, seine Hände zogen mich näher, als wäre er derjenige, der mich genauso dringend brauchte. Der Kuss vertiefte sich, leidenschaftlich und wild, und ich wusste tief im Inneren, dass dies meine letzte Chance war. Er zog mich an sich, hob mich hoch und schlang meine Beine um seine Taille. Er unterbrach unseren Kuss nicht, seine Zunge drang vor und dominierte meinen Mund. Ich bekam keine Luft mehr, und ich war mir nicht sicher, ob ich es überhaupt wollte. Ich bog mich gegen ihn, meine Arme um seinen Nacken, und zog ihn noch näher. Das Letzte, was ich hörte, bevor das überwältigende Vergnügen mich übermannte, war das Reißen meines Hochzeitskleides.
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