Als ich noch zögerte, verdrehte sie die Augen und legte die Decke selbst um mich.
Ihre Hände verweilten nur eine Sekunde auf meinen Schultern, und ich hörte auf zu atmen.
„Besser?“ fragte sie.
Ich nickte, traute meiner Stimme nicht.
Sie lächelte nun sanfter und weniger verspielt.
„Du bist süß, weißt du das? Wirklich freundlich, und das ist selten.“
(Süß, freundlich und selten) Gute Worte, sichere Worte, aber Freundschaftsworte.
„Ich sollte gehen“, sagte ich und begann, die Decke abzulegen.
„Behalte sie, aber bring sie morgen zurück, wenn du die Blume bringst.“
„Morgen?“
„Nun, du hörst jetzt nicht auf, das haben wir geklärt.“
„Aber du hast mich erwischt, und das Spiel ist vorbei.“
„Wer hat gesagt, dass es ein Spiel war?“ Sie neigte den Kopf und musterte mich.
„Ich wollte mich nur persönlich bedanken. Wissen, wer meine Morgen schöner macht.“
Meine Morgen schöner machen, nicht sie verliebt machen noch sie mich als etwas mehr sehen lassen als eine süße, freundliche und seltene Geste?
Nur ihre Morgen schöner machen, wie eine gute Tasse Kaffee oder ein schöner Sonnenaufgang.
„Okay“, flüsterte ich.
„Okay“, wiederholte sie lächelnd.
Dann tat sie etwas, das mein Herz komplett stoppte.
Sie umarmte mich.
Nicht lange, vielleicht drei Sekunden.
Nur ihre Arme um mich, ihre Wange kurz an meiner Schulter, und ihr Duft (Kiefernnadel, Tau und etwas einzigartig ihr Eigenes) durchflutete meine Sinne.
Meine erste richtige Umarmung seit fünf Jahren.
Ich bewegte mich nicht, atmete nicht und umarmte nicht zurück.
Ich hatte zu viel Angst, etwas zu zerstören, was auch immer das war.
Als sie sich zurückzog, lächelte sie immer noch.
„Bis morgen früh, Ash. Gleiche Zeit?“
„Gleiche Zeit“, bestätigte ich, kaum hörbar.
Sie ging hinein und die Tür klickte zu.
Ich stand da, in ihrer Decke eingewickelt, roch nach ihr und mein Wolf schnurrte so laut, dass ich sicher war, der ganze Rudel könnte es hören.
Die Sonne ging auf und ich bewegte mich zehn Minuten lang nicht.
Dann kehrte ich schließlich benommen zu den Omega-Quartieren zurück.
Marcus warf einen Blick auf mich und die Decke, auf mein Gesicht, und seufzte.
„Du bist schon weg, oder?“
„Ich weiß nicht, was du meinst.“
„Du bist in sie verliebt.“ Er bellte.
Dieses Mal bestritt ich es nicht und er schüttelte traurig langsam den Kopf.
„Kind, ich sage dir das, weil es sonst niemand tun wird. Sie ist die Tochter des Betas. Du bist ein Omega. Das ist keine Lücke, die du überbrücken kannst, das ist ein Abgrund.“
„Vielleicht…“
„Es gibt kein Vielleicht.
Die Realität ist, dass sie mit einem Krieger, einem Beta, einem Sohn eines Alphas oder jemandem mit Status und Macht verbunden wird. Jemandem, der nicht du bist.“
Seine Worte trafen mich wie physische Schläge, aber ich konnte nicht aufhören.
„Sie hat die Blumen behalten“, sagte ich leise.
„Sie hat alle behalten und die Farbfolgen bemerkt.
Sie sagte, ich sei freundlich und selten und dass ich ihre Morgen schöner mache.“
Marcus‘ Gesichtsausdruck wurde weicher, etwas wie Trauer darin.
„Ash, freundlich und selten nennt man einen Freund, keinen Gefährten.“
„Das weißt du nicht.“
„Ich habe dreiundvierzig Jahre in diesem Rudel gelebt und diese Geschichte schon oft gesehen.
Es endet nie gut für den Omega.“
„Vielleicht werde ich anders sein.“
„Vielleicht bist du tot.“ Seine Stimme wurde scharf.
„Liebe macht uns dumm, und dumme Omegas überleben nicht.“
Er ging weg, ließ mich allein mit der Decke und dem nachlassenden Duft von Kiefer.
Mein Wolf flüsterte: „Er liegt falsch.“
„Er muss falsch liegen.“
Aber eine leisere Stimme, die ich ignoriert hatte, flüsterte zurück:
„Was, wenn er es nicht ist?“
Am nächsten Morgen brachte ich die Decke mit einer weißen Blume zurück.
Elara wartete, dieses Mal jedoch nicht an der Tür, sondern saß auf ihren Verandatreppen, in eine Jacke gewickelt, der Atem in der Kälte sichtbar.
„Du bist gekommen“, sagte sie, als ob es Zweifel gäbe.
„Ich habe gesagt, ich würde kommen.“
„Die Leute sagen viele Dinge, aber tun sie nie.“
Sie nahm die weiße Blume, eine zarte sternförmige Blüte, und betrachtete sie genau.
„Diese hier ist anders, die habe ich noch nie gesehen.“
„Sie heißt Geisterorchidee. Sie blüht nur einmal im Jahr, nur unter bestimmten Bedingungen und nur nachts.“
„Du bist im Dunkeln herumgelaufen, um eine seltene, nachtblühende Blume zu suchen?“
Ich zuckte mit den Schultern. „Du hast gestern Weiß getragen.“
Sie starrte mich lange an, etwas Unlesbares in ihrem Ausdruck.
Dann stand sie auf, überbrückte die Distanz zwischen uns und steckte die Blume diesmal hinter mein Ohr.
„So“, sagte sie leise.
„Damit du dich erinnerst, dass auch du selten bist.“
Meine Kehle schloss sich und bevor ich antworten konnte, nahm sie die Decke aus meinen Händen.
„Gleiche Zeit morgen?“
Ich nickte, traute meiner Stimme nicht.
„Gut.“ Sie lächelte, warm und echt.
„Ich fange an, mich mehr auf diese Morgen zu freuen als auf das Training.“
Sie ging hinein.
Ich stand da, mit Blumen hinter dem Ohr und meinem Herzen in Stücken, das sich irgendwie ganz anfühlte.
Am Nachmittag kam die Ankündigung und Alpha Silverclaw stand in der Mitte des Trainingsplatzes, das ganze Rudel vor ihm versammelt.
„Wie viele von euch wissen“, dröhnte seine Stimme über das Gelände, „mein Neffe hat seine Ausbildung beim Königlichen Rudel abgeschlossen und kehrt morgen zu uns zurück, stärker, weiser und bereit, Silverclaw mit Ehre zu dienen.“
Jubel brach aus.
Alle jubelten.
Alle außer mir.
„Morgen Nacht feiern wir ein Fest zur Rückkehr von Kael Stormborn!“
Noch mehr Jubel, jetzt lauter.
Ich stand hinten bei den anderen Omegas, still und unsichtbar.
Aber meine Augen fanden Elara in der Menge.
Sie lächelte hell und aufgeregt.
Die Art von Lächeln, die ich nur gesehen hatte, wenn sie über Dinge sprach, die sie liebte.
Mein Wolf schwieg.