Kapitel 13

1131 Words
ALISA SICHT Die Morgenluft schmeckte gleichzeitig nach Freiheit und Gefahr. Ich stand im stillen Foyer von Kaels Penthouse, die Skyline der Stadt glitzerte weit unter den bodentiefen Fenstern. Sonnenlicht strömte über den Marmor und fing sich in dem schlichten schwarzen Kleid, das ich gewählt hatte – elegant, dezent, perfekt für die Ratskammern. Kein schwerer Schleier. Kein familiärer Druck. Nur ich, eine schlichte silberne Kette um den Hals mit dem Schlüssel zu Kaels Herz und die schwache Anspruchsmarkierung, die er mir in der Nacht zuvor hinterlassen hatte. Er beobachtete mich von der Türschwelle aus, die dunklen Augen weicher, als ich sie je bei dem rücksichtslosen Partner von Draven & Blackwood gesehen hatte. Sein anthrazitfarbenen Anzug betonte die breiten Schultern; die Narbe entlang seines Kiefers fing das Licht wie eine Warnung. Seine Hand lag tief auf meinem Rücken, fest und warm. „Bist du bereit, kleiner Wolf?“ Seine Stimme war tief, rau von der Knotenbindung der vergangenen Nacht. Ich drehte mich um, stellte mich auf die Zehenspitzen und küsste ihn – langsam, tief, mit dem Geschmack des Kaffees, den wir geteilt hatten, und dem Versprechen, das wir gleich wahr machen würden. „Bereit, vor der Welt deine Frau zu sein. Bereit, aus dieser Ehe heraus und geradewegs in die Ewigkeit zu gehen.“ Sein antwortendes Knurren war reine Alpha-Zufriedenheit. „Mein“, murmelte er gegen meine Lippen. „Für immer mein.“ Der Aufzug fuhr schweigend hinunter. Die Sicherheitsleute – drei seiner vertrauenswürdigsten Betas – fuhren in unauffälligen schwarzen Anzügen mit. Niemand sprach. Niemand musste es. Die Ratskammer lag im obersten Stockwerk der alten Packhalle, einem turmhohen Bau aus Stein und Glas, der nach Kiefernharz, alter Macht und alten Groll roch. Viktor wartete am Kopf des langen Eichentisches, flankiert von fünf weiteren hochrangigen Alphas und ihren Omega-Gefährtinnen. Die Spannung knisterte wie statische Aufladung. Meine Mutter saß am anderen Ende, die Lippen so dünn zusammengepresst, dass sie weiß waren, und weigerte sich, mir in die Augen zu sehen. Kael führte mich zu dem Stuhl neben sich. Nicht dem zu seiner Linken. Dem direkt gegenüber von Viktor. Gleichberechtigt. Nicht unterwürfig. Nicht ängstlich. Die Anhörung begann ohne Umschweife. Viktor beugte sich vor, die Stimme ölig. „Draven. Du glaubst immer noch, du könntest den Retter spielen? Eine Blutschuld verjährt nie. Dein Vater hat meinen Sohn getötet. Wir haben Zeugen.“ Kael blinzelte nicht. „Mein Vater hat niemanden getötet. Er hat einen Vergewaltiger hingerichtet. Ich war achtzehn. Ich habe deinen Sohn im Krieg ersetzt. Dreiundzwanzig Tote auf meiner Seite. Alles Väter, Ehemänner, Brüder. Du hast nie gefragt, warum ich gegangen bin. Du hast nie gefragt, warum ich etwas Sauberes aufgebaut habe, anstatt alles niederzubrennen.“ Der Raum verschob sich. Ich spürte das Gewicht jedes Blicks. Kael fuhr fort, die Stimme ruhig und tödlich. „Aber heute sind wir nicht wegen Schulden hier. Wir sind hier wegen Gerechtigkeit. Meine Mandantin – Alisa Moretti – hat bereits ausgesagt. Die Ehe war eine Tarnung. Jeff Moretti ist schwul. Er hat sie benutzt, um Pack-Allianzen aufrechtzuerhalten. Emotionale Vernachlässigung ist dokumentiert. Finanzielle Nötigung ist bewiesen. Das Restaurant gehört ihr. Volle Eigentumsrechte. Scheidung in Abwesenheit, falls nötig. Und das alte Pack wird sich zurückhalten. Oder ich werde jeden Einzelnen von euch dort, wo ihr sitzt, erledigen.“ Erstaunen ging durch den Raum. Das Gesicht meiner Mutter verlor alle Farbe. Viktors Augen verengten sich. „Du drohst uns? Womit genau, Draven? Mit deinem neuen kleinen Omega-Spielzeug?“ Kaels Hand fand die meine unter dem Tisch – die Finger verschränkten sich fest. „Nenn sie noch einmal so, und ich lasse sie für mich kämpfen. Sie hat bereits bewiesen, dass sie es kann.“ Ich drückte zurück. Das Band summte, golden und warm. Meine Wölfin wollte hier und jetzt die Fangzähne zeigen, aber ich lächelte stattdessen – sanft, siegreich, unantastbar. Die Richterin – eine neutrale, ältere Beta-Frau – erhob sich. „Der Rat hat die Aussagen gehört. Die Version der Klägerin stimmt mit den forensischen Unterlagen überein. Die vorläufigen Anordnungen bleiben bestehen. Die Blutschuld wird privat verhandelt, außerhalb dieser Mauern. Die Handlungen von Herrn Draven in der Unterstadt sind vermerkt, aber für dieses Verfahren irrelevant. Die Sitzung ist geschlossen.“ Der Hammer fiel. Chaos brach aus. Alphas stürmten vor, Stimmen erhoben sich in Streit und Anschuldigungen. Meine Mutter stand auf und umklammerte ihre Handtasche wie eine Rüstung. „Alisa, das ist Wahnsinn. Deine Familie—“ „Familie?“ unterbrach ich sie, die Stimme klar und durchdringend. „Du hast den Ruf über deine Tochter gestellt. Du hast Jeffs Lügen über meine Sicherheit gestellt. Ich brauche dich nicht.“ Sie starrte mich an, schockiert in Schweigen versunken. Kael erhob sich und zog mich sanft auf die Beine. „Die Sitzung ist vorbei. Geht, oder ich sorge dafür, dass jedes Wort davon bis heute Abend dem gesamten Pack-Rat zugespielt wird.“ Sie gingen in einem Sturm aus Gemurmel und Drohungen. Nur Viktor blieb zurück und zögerte an der Tür. Er sah mich an – wirklich an – und zum ersten Mal erblickte ich so etwas wie Bedauern in seinen Augen. „Pass auf sie auf, Draven“, sagte er leise. „Oder ich komme wegen euch beiden.“ Kaels Lächeln war messerscharf. „Das hast du schon. Zweimal.“ Viktor nickte einmal und ging hinaus. Der Raum leerte sich in Sekunden. Ich drehte mich zu Kael um, das Herz pochte vor Triumph und etwas Weicherem. „Wir haben es geschafft.“ „Wir haben es.“ Er nahm mein Gesicht in die Hände, die Daumen strichen über meine Wangen. „Aber ich bin noch nicht fertig mit dem Feiern.“ Er hob mich auf den langen Tisch, Papiere flogen auseinander, und küsste mich, als wäre die Welt gerade gerettet und dann verloren worden. Meine Beine schlangen sich um seine Hüften, das Kleid rutschte hoch, seine Hände schoben mein Höschen beiseite. Kein Vorspiel nötig – nur Hunger. Er stieß hart und tief in mich, der Tisch knarrte unter uns. Das Band flammte weißglühend auf. Ich kam sofort, schrie seinen Namen und preßte mich um ihn, während er mit einem tiefen, besitzergreifenden Knurren folgte. Der Knoten verband uns fest. Er blieb in mir begraben, die Arme um mich geschlungen, die Stirn an meiner. „Frau“, flüsterte er, die Stimme von Emotion zerrissen. „Danach keine Verzögerungen mehr. Heute Abend. Private Zeremonie. Nur wir. Dann knote ich dich, bis du nicht mehr gehen kannst.“ Tränen liefen über meine Wangen – glücklich, erleichtert, frei. „Ja. Tausend Abschiede von allem, was war. Hallo zu dir.“ Er küsste sie fort. „Tausend Abschiede.“ Wir blieben auf dem Tisch verbunden, die Herzen synchron hämmernd, während die Stadt draußen summte und das Band seine letzte, unzerbrechliche Note sang. Ich war Alisa Moretti. Ich war Kael Dravens Gefährtin. Und ich war noch nie freier gewesen.
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