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MAYA
„Ich kann diese beiden Mistkerle nicht einfach ihr Happy End genießen lassen, das sie nicht verdienen – nicht nach dem, was sie mir angetan haben. Ich werde sie ruinieren.“
Ich flüstere es meinem Spiegelbild zu, während sich ein bösartiges Lächeln auf meinen Lippen abzeichnet.
Mein Plan ist einfach: Ich schleiche mich in sein Haus und sabotiere die dumme kleine Verlobungsparty, die mein Freund – mein Ex-Freund – für meine beste Freundin schmeißt.
Ich reiße meinen Kleiderschrank auf und ziehe mir eine abgewetzte Jeans, eine schwarze Lederjacke und Stiefel an, in denen ich mich leise bewegen kann. Meine zu schwere Tasche werfe ich mir über die Schulter und verlasse mein winziges Apartment.
Ich renne die Straße hinunter und werfe einen Blick auf meine Uhr, um sicherzugehen, dass ich nicht zu spät bin.
„Oh, das wird ein Riesenspaß.“ Ich lache laut und beschleunige meine Schritte.
Dann bleibe ich stehen und blicke nach oben – es wird gleich regnen. Der Himmel grollt, Blitze zucken und für einen Moment scheint die Welt stillzustehen. Meine Augen wandern nach unten, als der Boden unter meinen Füßen zu beben beginnt.
Ich drehe mich um und renne, um nicht in Gefahr zu geraten. Plötzlich ist alles dunkel. Der Wind pfeift heftig, zerrt an meiner Kleidung und droht, mich umzuwerfen. Verdammt! Ausgerechnet heute, an dem Tag, an dem mein großer Racheplan stattfinden sollte.
Der Regen fällt nicht in einem sanften Niesel – er prasselt wütend herab. Menschen schreien und rennen in ihre Häuser. Das Wasser wird immer kälter, meine Haut beginnt zu brennen vor Kälte. Kein Mensch ist mehr auf der Straße. Ich schreie laut, aus purer Angst. Zum ersten Mal in meinem Leben fühle ich mich wirklich allein – und es macht mir höllische Angst.
Das Wasser rauscht in wütenden Strömungen dahin, reißt alles mit sich: Strommasten, Straßenlaternen, Bäume, Dächer. Der Boden reißt auf, und schwarzes, grünlich schimmerndes Wasser mit einem beißenden Gestank schießt hervor, verschlingt Erde und alles, was darauf steht. Die Stadt wird überschwemmt.
Für einen Moment frage ich mich, ob dieser Sturm meinetwegen tobt – wegen des Racheeids, den ich vor dem Spiegel geschworen habe.
Während ich rückwärtslaufe, entdecke ich in einer Gasse einen kleinen Kiosk. Ich bin hier schon hundertmal vorbeigegangen, aber noch nie ist mir der Laden aufgefallen. Das Schild darüber ist so verblasst, dass es aussieht, als wäre es seit Jahrhunderten dort – und hätte nur auf mich gewartet. Ich haste hinüber und stelle mich unter das Vordach, um den Regen abzuwarten.
„Wie kann ich Ihnen helfen?“
Ich schreie erschrocken auf und fahre herum. Hinter dem Tresen sitzt eine alte Frau, umgeben von Gläsern und Büchern, die wie Zaubertränke aussehen. Ihr langes graues Haar fällt über faltige Schultern, und ihr Umhang erinnert an einen Fantasyfilm.
Wie sie mir helfen will? Wahrscheinlich ist sie einfach nur eine verschrobene Alte, die sich verkleidet. Ich drehe mich wieder zur Straße.
„Was willst du, kleines Mädchen? Ich habe einen Zauber, der all deine Probleme löst.“
Ihre Stimme klingt selbstsicher, fast verheißungsvoll.
Das lässt mich innehalten. Langsam drehe ich mich wieder zu ihr um und trete vorsichtig an ihren Tisch heran. Sie sieht wirklich gruselig aus – wie eine Hexe. Ich gehe mit Bedacht, bereit, jeden Moment loszurennen, falls sie mich anfassen will.
„Alle meine Probleme?“
Sie nickt.
Ich schüttle den Kopf. Sie versteht wohl nicht, was ich meine. Also sage ich es klarer:
„Haben Sie einen Zauber, der meine Eltern ihre Scheidung und meinen Schmerz bereuen lässt? Einen Zauber, der meine beste Freundin und meinen Freund leiden lässt, weil sie mich betrogen haben?“
Die Alte lacht laut auf, hebt die Arme zum Himmel – und der Regen wird noch stärker, Blitze zucken ringsum. Entsetzt starre ich sie an.
„Warte, mein Kind“, sagt sie. „Ich bereite dir einen alten Rachezauber.“
Ich bin nicht dein Kind, alte Frau.
Ein unruhiges Gefühl breitet sich in meinem Bauch aus. Vielleicht ist sie verrückt. Ich sollte rennen – aber wohin? Es ist ein Wunder, dass der Kiosk überhaupt noch steht bei diesem Sturm.
Sie kriecht unter den Tisch, hinter einen schwarzen Vorhang. Ich kann nichts sehen, aber ich höre sie in einer fremden Sprache murmeln – und ein Chor antwortet.
Ich blicke mich um – aber außer Regen ist niemand hier. Der Sturm wird heftiger, Wasser spritzt unter das Dach. Unter dem Vorhang scheint etwas zu leuchten, und ich höre Trommeln.
Okay, das wird mir zu seltsam. Ich sollte gehen.
Da kommt sie wieder hervor – mit einer kleinen, metallisch glänzenden Schachtel in der Hand, kaum so groß wie ein Buch. Sie schimmert in Blau und Violett.
Ich nehme sie, zucke aber sofort, als mir ein elektrischer Schlag durch die Finger fährt. Magie gibt es nicht. Oder? „Wie öffne ich das?“, frage ich, während ich die Box drehe und nach einem Knopf suche. „Gibt es eine Anleitung oder so?“
„Er hat dich gesucht, Kind. Diese Schachtel wird ihn zu dir führen“, sagt sie mit einem schiefen, zahnlosen Lächeln. „Wenn die Zeit reif ist, wird sie sich öffnen.“
Ich runzle die Stirn. Warum redet sie so in Rätseln? Ist das alles echt?
„Lauf“, ruft sie plötzlich mit angespannter Stimme. „Los, geh!“
„Warum? Ich wollte warten, bis der Regen aufhört.“
„Geh!!!“ schreit sie jetzt, richtet sich auf – als würde sie sich verwandeln oder auf mich losgehen wollen.
„Okay, okay!“ Ich renne los, wieder hinaus in den Regen. Nach ein paar Schritten fällt mir ein, dass ich sie gar nicht bezahlt habe. Ich drehe mich um.
„Also, wie viel—“
Doch der Kiosk ist verschwunden. Komplett. Ich schreie laut. Oh Gott – mit wem habe ich gerade gesprochen?
Ich bleibe stehen, während der Regen mir ins Gesicht peitscht, und starre auf die Schachtel. Soll ich sie wegwerfen oder behalten?
„Ich werde den Zauber heute Nacht sprechen“, murmele ich. „Was ist schon das Schlimmste, das passieren kann?“
Ich versuche, die Box zu öffnen – vergeblich. Erst später, in meinem Bett, als ich kurz vorm Einschlafen bin, höre ich ein Klicken.
Langsam öffnet sich der Deckel. Ich kippe den Inhalt auf den Boden: ein Dutzend Kerzen, weiße Kreide und eine alte, staubige Schriftrolle – bestimmt tausende Jahre alt. Die Anweisungen darauf sind halb Englisch, halb eine fremde Sprache.
Ich lache, aber aus Langeweile beschließe ich, den Fake-Zauber einfach auszuprobieren. Ich öffne mein Fenster; der Regen prasselt noch immer herein. Dann zeichne ich, wie beschrieben, einen magischen Kreis und zünde die Kerzen an – sie flackern kein bisschen. Es ist, als würde eine unsichtbare Kraft sie schützen.
Ich starre fassungslos. So verhält sich kein normales Feuer.
Ich lösche das Licht, setze mich mit gekreuzten Beinen in die Mitte und lese die Worte laut vor.
Nichts passiert. Ich lache. Natürlich nicht.
Doch dann – ein violettes Leuchten breitet sich über dem Kreis aus. Mein Lachen erstirbt.
„Was… was passiert hier?“
Plötzlich schlägt ein Blitz durch das offene Fenster. Ich reiße die Arme hoch, ducke mich – der Blitz trifft meine Kaffeemaschine, sie explodiert. „Oh mein Gott!“ Ich springe auf, zitternd, und sehe auf meinen Arm: Ein glühendes Symbol erscheint auf meiner Haut. Ich schreie, schleudere die Hände, trete gegen den Kreis.
Dann – Stille.
Ich blicke mich um. Nichts bewegt sich. Schließlich gehe ich zu meinem Bett. Da höre ich ein Knacken – Glas.
Ich drehe mich zum Spiegel – und sehe nicht mich, sondern einen Mann.
Mein ganzer Körper spannt sich an.
Er trägt dunkle, eng anliegende Hosen und ein graues Hoodie-Cape, das sein Gesicht teilweise verdeckt. Schwarzes Haar fällt wirr über seine Stirn, als käme er gerade aus einem Sturm. Seine Haut glänzt wie Glas, und seine Augen… sind das glühende, senkrechte Pupillen?
Ich atme schwer. Und diese Fangzähne – unter seinen Lippen?
Er ist groß, breitschultrig, muskulös. Ich versuche, nicht hochzusehen. Seine Hände – sind das Krallen?
„Gefunden“, flüstert er und tritt aus dem Spiegel, direkt auf mich zu…