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1042 Words
MAYA „Wer bist du?“ flüstere ich und weiche zurück. „Deiner“, antwortet er leise. „Du hast mich gerufen – genau wie in unserem letzten Leben.“ Der Raum kippt zur Seite. Ich versuche, mich irgendwo festzuhalten, doch meine Knie geben nach, und ich stürze zu Boden. Meine Augenlider fallen zu. Etwas Glitzerndes rieselt auf mein Kleid. Ich blinzle – es regnet Feenstaub. Ich sehe mich um, verwirrt. Ich bin nicht mehr in meinem Zimmer. Ringsum stehen hohe, schimmernde Bäume, als wäre ich in einem verzauberten Wald. Ich senke den Blick. Was… was trage ich da? Ein weißes Bauernkleid? Es ist dunkel. Ich stehe auf, torkle zwischen den Bäumen umher, suchend nach einem Ausweg. Dann bleibe ich abrupt stehen: Etwas in den Büschen leuchtet blau. Es raschelt. Langsam gehe ich darauf zu, zähle meine Schritte. Doch als sich das Wesen hinter den Zweigen zeigt, gefriert mir das Blut in den Adern. Ich hebe den Kopf – und sehe in seine Augen. Er ist pure Sünde. Schwarzes, leicht gewelltes Haar, das ihm bis knapp unter das Kinn fällt. Tiefe, violette Augen. Lippen, voll und leicht zu einem spöttischen Lächeln verzogen. Sein Hemd – violett, halb geöffnet – gibt den Blick frei auf helle, glatte Haut mit einem schwachen Schimmer von Mitternachtsblau. Was ist er? Mein Blick wandert tiefer. Enge schwarze Hosen, Ketten und Ringe an der Taille. Sein Körper wirkt nicht geschaffen für Kampf – sondern für Versuchung. Oh Gott. Mein ganzer Körper zittert. Er kommt näher, in einem geschmeidigen, katzenhaften Gang, die Arme ausgebreitet. Jetzt steht er direkt vor mir, unser Atem vermischt sich. „Du gehörst wieder mir“, flüstert er und hebt meine Kinnspitze an. Und dann— Beeep, beeep, beeep! Der schrille Ton meines Weckers zerreißt die Luft. Ich reiße die Augen auf, schieße hoch und blicke mich panisch um. Mein Zimmer. Mein Bett. Nachtkleidung. Kein Wald. Keine Sünde auf zwei Beinen. Ich atme tief aus. Nur ein Traum. Doch als ich an den Saum meines Schlafshirts fasse, spüre ich etwas. Staubig, rau. Ich sehe hinunter – Glitzer. Echter Glitzer. Ich reibe ihn zwischen den Fingern. Er ist real. Ich richte mich auf, schnuppere in die Luft. Ein zarter Duft liegt im Raum – blumig, wie Lavendel… und etwas Dunkleres, Tieferes darunter. Er hat so gerochen. Nein. Unmöglich. Ich schüttle den Kopf. Das war nur ein Traum. Ich seufze, beuge mich über die Bettkante. „Cynthia.“ Ich strecke die Hand aus, um meine kleine Katze zu kraulen, doch sie faucht, schnauft – und dreht sich trotzig um. Wie immer. Die Ereignisse der letzten Nacht schießen mir wieder durch den Kopf: der Sturm, die Flut, der zerrissene Himmel. Ich gähne, strecke mich und blicke zum Fenster. Draußen: strahlender Sonnenschein. Kein Wasser, keine Spur von Chaos. Verwirrt gehe ich zum Spiegel. Der Riss, durch den der Fremde gekommen ist, ist noch da. Und mein Zimmer – immer noch verwüstet von der Nacht. Ich greife nach meinem Handy. Keine Nachrichten, keine Schlagzeilen. Keine Berichte über den Sturm. Es ist, als hätte er nie existiert. Habe ich den Zauber gesprochen, bevor ich die Box geöffnet habe? Bzzz… bzzz… Was war das? Ich sehe nach oben, putze mir die Ohren – ein seltsames Summen erfüllt das Zimmer. Ich gehe zur Wand, lege mein Ohr dagegen. Das Summen wird lauter, als würde es in der Wand vibrieren. Ich folge dem Geräusch. Beim Schrank wird es leiser. Am Fenster wieder lauter. Das Mal auf meinem Arm beginnt zu glühen, pulsiert im Takt des Brummens. Ich gehe weiter – bis zur Tür. Ich stehe auf Zehenspitzen und spähe durch das Schlüsselloch. Schatten bewegen sich draußen, Licht flackert. Ding Dong! Ich zucke zusammen, halte die Luft an. Wahrscheinlich mein Nachbar. Der Einzige, der Cynthia manchmal zum Schnurren bringt. „Bin gleich da!“, rufe ich, während ich die Tür aufschließe. Doch draußen steht kein Nachbar. Vor mir: eine Gruppe Männer in langen, altmodischen Roben, mit merkwürdigen Symbolen auf der Haut und seltsamen Frisuren. Ein halbes Kostümfest. Habe ich mir den Kopf gestoßen? „Maya Carter?“ fragt einer mit tiefer Stimme. „Wir sind Wächter der Blood Valley Academy. Wir sind gekommen, um Ihnen zu helfen.“ Ich verenge die Augen. Ich kenne sie nicht. Und ich habe zu viele True-Crime-Dokus gesehen, um Fremde einfach hereinzulassen. „Falsche Wohnung“, sage ich kühl und will die Tür schließen. Doch der Größte von ihnen stellt seinen Fuß dazwischen. „Sie müssen mit uns kommen“, sagt er und drängt die Tür weiter auf. „Ihr leichtsinniger Akt gestern war gefährlich. Sie haben ein versiegeltes Artefakt geöffnet – diese Box ist seit Jahren verboten. Jedes Mal, wenn sie geöffnet wird, schwächt sich ein Tor.“ „Raus aus meiner Wohnung! Ich rufe die Polizei!“ Ich taste hinter mich, suchend nach meinem Handy… oder einem Messer. „Sie haben den Lauf der Zeit gestört“, sagt ein anderer ruhig. Ein breitschultriger Mann mit eisblauen Augen. „Und damit gelten Sie als potenzielle Bedrohung. Wir bringen Sie zur Akademie – damit Sie lernen, Ihre Kräfte zu kontrollieren.“ „Raus!“ Ich schreie, lauter als ich wollte. Das Mal auf meinem Arm beginnt heller zu leuchten. Sie bemerken es – und bleiben völlig ruhig. Ich sehe mein Spiegelbild im Fenster und erstarre. Meine Haarspitzen – die gestern noch kastanienbraun waren – brennen jetzt in glühendem Orange, bis etwa zu meinen Ohren. Ich fasse sie an. Warm. Echt. Was passiert mit mir? Zwei Männer greifen mich an den Armen. Ich schreie, strample, Tränen steigen mir in die Augen. Einer legt seine Hand auf mein Mal – und augenblicklich erstarrt mein Körper. Ich kann mich nicht bewegen. Sie murmeln Beschwörungen. Ein schwarzes, wirbelndes Portal öffnet sich, Schatten kreisen darum, schreien und toben. Ich starre entsetzt hinein. Es klingt, als wimmern darin verlorene Seelen. „Bitte“, flehe ich. „Ich habe ein Leben hier. Einen Job. Meine Katze… Cynthia!“ Aber niemand hört mich. Der Sog erfasst mich – und im nächsten Moment werde ich hineingestoßen, zusammen mit ihnen. Ich strecke den Hals, sehe noch einmal mein zerstörtes Apartment, das zersprungene Fenster, die Kerzen – und wie alles im Licht verblasst. Dann nur noch gleißendes Weiß. Und mein Schrei, der darin verschwindet.
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