MAYA
Ich halte mir die Hände vor den Mund und huste, der salzige, säuerliche Geschmack brennt in meinem Hals. Mühsam richte ich mich auf. Unter meinen bloßen Füßen spüre ich ein leichtes Beben.
Wo bin ich?
Ich blicke mich um. Ich stehe mitten auf einem steinernen Balkon. Ich versuche, die Treppe zu erkennen, aber sie reicht so tief hinunter, dass ich ihr Ende nicht sehe. Stattdessen taste ich mich seitlich entlang, halte mich am Geländer fest, als der Wind stärker wird – und erstarre.
Ich stehe auf einem Gebäude über dem Meer. Einem blutroten Meer.
Was zum Teufel?
Blasen steigen auf, Dampf schießt in die Höhe. Kocht das Wasser? Ich kneife die Augen zusammen. Das ganze Gebäude scheint zu… schwimmen? Ich neige den Kopf – das Bauwerk ruht auf einem riesigen Felsen, der aus dem Meer ragt.
Was geht hier vor?
Ich recke den Hals, um die Spitze des Gebäudes zu sehen, aber alles, was ich erkenne, sind Wolken und dicker Nebel.
„Die Großmeisterin der Akademie erwartet Sie“, sagt einer meiner Entführer. Er wartet keine Antwort ab und verschwindet bereits durch das Tor.
„Wo bin ich?“ Ich folge ihm.
Das Innere ist gewaltig – Treppen, Balkone, Gänge, Türen auf mehreren Etagen. Das soll eine Akademie sein? Der Raum ist nur schwach erleuchtet; ein paar Lampen werfen gelbliches Licht auf die uralten Steinwände. Überall sehe ich Symbole, in die Wände und Decke eingraviert. Ein ungutes Gefühl kriecht mir den Rücken hinauf.
Ich drehe mich um und renne zurück zum Eingang – doch bleibe abrupt stehen. Die Treppe und der Balkon brechen auseinander, stürzen ins Meer, lösen sich zischend in Dampf auf.
Mein Atem wird unruhig. Alles, was das Wasser berührt, schmilzt.
Wenn ich da hinein falle… selbst wenn ich überlebe – wie soll ich jemals nach Hause finden?
Ich bleibe wie versteinert stehen. Oder sollte ich bleiben? Dieses Gebäude erkunden, vielleicht einen sicheren Weg zurückfinden? Ich zögere – und da fällt die Tür hinter mir zu. Sie schleudert mich rückwärts zu Boden.
In dem Moment wird alles still. Zu still.
Meine Haut prickelt, das Mal auf meinem Arm beginnt wieder zu leuchten – genau wie damals, als er zum ersten Mal erschien. Ich spüre es, bevor ich mich umdrehe: Er ist hier.
„Alles in Ordnung?“ Eine tiefe, raue Stimme. Schritte nähern sich, kräftig, sicher. Hände umfassen meine Taille und helfen mir auf. Ich werde weich wie Wachs.
Ich hebe den Kopf – und mir bleibt die Luft weg. Unter der Kapuze eines Wolfspelzes sehe ich ein Gesicht, so schön, dass es weh tut.
Er ist es. Der Fremde, der durch meinen Spiegel kam.
Ich versuche, ruhig zu atmen, aber mir ist heiß. Zu heiß. Meine Schenkel brennen, als seine Finger sich fester um meine Taille schließen. Seine Augen – bernsteinfarben, mit schmalen Pupillen – fixieren mich, voller widersprüchlicher Gefühle. Dann beugt er sich zu mir, sein Atem streift meinen Hals.
Ich kann nicht atmen.
Er schließt die Augen, atmet mich ein – und plötzlich ändert sich etwas in seinem Blick. Er lässt mich los, tritt zurück, als hätte er sich verbrannt.
„Warum bist du hier?“ Seine Stimme ist nun tief, fast wütend.
Ich taumle zurück. „Was redest du da? Wer bist du?“ flüstere ich.
Er schüttelt den Kopf, funkelt mich an. „Du hättest nicht kommen dürfen.“ Dann dreht er sich um und verschwindet, bevor ich überhaupt reagieren kann.
„Warte!“ rufe ich, aber eine andere Stimme donnert durch die Halle:
„Maya Carter – sofort in mein Büro!“
Die Stimme ist so mächtig, dass der Boden bebt. Ein Windstoß fährt durch den Raum, mein Kleid flattert – und plötzlich verwandelt sich der Stoff. Ich blicke hinunter: Eine weiße Bluse mit Abzeichen, karierter Rock, schwarze Stiefel.
„Magie“, keuche ich. Das Mal auf meinem Arm kühlt ab.
Ich laufe in Richtung der Stimme, sehe den Wächter nach links abbiegen und vor einer massiven Holztür stehen bleiben. Er klopft einmal, dann verschwindet er.
Die Tür öffnet sich. Ich trete zögernd hinein – und zucke zusammen, als sie hinter mir mit einem Krachen zufällt.
Das Büro ist erstaunlich ordentlich. Bücherregale, Porträts, glitzernde Ornamente auf dem Schreibtisch. Elegant, fast modern – ein seltsamer Kontrast zum Rest dieses uralten Ortes.
Hinter dem Schreibtisch sitzt eine Frau – groß, muskulös, Tattoos über die Arme verteilt. Ihr blondes Haar ist zu einem hohen Pferdeschwanz gebunden, die Seiten rasiert. In einem ärmellosen Shirt sieht sie aus, als könnte sie Mauern zertrümmern. Und dann lächelt sie.
„Ich bin Kylie, Großmeisterin der Akademie.“
Das war also ihre Stimme auf dem Flur? Ich hätte bei diesem Titel eher an eine Frau in Robe und Hexenhut gedacht – nicht an eine Kriegerin aus einem Fantasy-Comic.
„Willkommen an der Blood Valley Academy“, sagt sie. „Die Ausbildung wird hart sein, aber—“
„Moment mal!“ Ich reiße die Hände hoch. „Hier liegt ein Irrtum vor. Ich bin nur ein ganz normales Mädchen, keine von… euch. Also ruft bitte die Typen mit dem Seil zurück, damit sie mich wieder heimbringen.“
Kylie blinzelt, ungerührt. „Die Wächter irren sich nie. Sie spüren Macht – und sie haben sie in dir gespürt. Diese Akademie bildet übernatürliche Wesen aus, die ihre Reiche beschützen sollen.“
Ich lache nervös. „Ich hab kein Reich. Ich komme aus Kalifornien, und ich will einfach nur nach Hause. Wenn das hier ein Scherz ist, ist er verdammt schlecht!“ Ich schlage auf den Tisch – und schreie fast, als meine Hände plötzlich daran festkleben.
Ein brennender Schmerz kriecht meine Finger hinauf. Ich beiße die Zähne zusammen, um nicht zu schreien.
„Sprich nie wieder so mit mir“, sagt sie ruhig, fast sanft.
Ich nicke heftig. „Ja, Ma’am.“
Sie schnippt mit den Fingern – der Schmerz verschwindet. Ich reibe meine Hand, ungläubig.
„Du bist hier, um deine Kräfte zu meistern“, sagt sie weiter. Dann hält sie inne, runzelt die Stirn und legt die Hand an die Schläfe, als würde sie nach etwas suchen. Ihre Augen weiten sich. „Es gibt… keinen Eintrag über dich.“
„Hab ich ja gesagt, es ist ein Fehler.“
„Unmöglich“, murmelt sie. „Ich spüre deine Energie – aber die Akademie erkennt dich nicht.“ Sie lehnt sich vor. „Wir wissen, dass jemand mit einem verbotenen Artefakt Magie entfesselt hat. Dabei wurde ein Tor geschwächt. Was bist du, Maya?“
Ich ziehe den Ärmel über mein leuchtendes Mal, doch sie bemerkt es, greift nach meinem Arm. „Dieses Siegel… woher hast du es?“
„Ein blöder Zauber, den ich ausprobiert habe“, murmele ich.
Ihre Finger berühren das Zeichen, und sofort beginnt alles um uns violett zu glimmen – Bücher, Ornamente, sogar die Luft vibriert. Ihre Augen weiten sich.
„Du bist… nicht einfach menschlich“, flüstert sie. Eine gespannte Stille folgt. „Du bist ein Hybrid.“
Ich blinzele. „Ein… was?“
„Von unbekannter Art.“ Sie greift nach einem alten Buch und blättert darin. „Wir werden es herausfinden. Aber du wirst spezielles Training brauchen. Du bekommst ein Zimmer im Wohnheim, ein Handbuch – und persönliche Aufsicht durch unsere drei besten Schüler: Malek, den Werwolf, Miles, den Inkubus, und Morien, den Drachengestaltwandler.“
Ich starre sie an. „Wie bitte?“
„Du musst bis zum zehnten Rang aufsteigen – der höchsten Stufe der Akademie. Nur dann kannst du dein Reich retten.“
Mein Reich? Ich habe ja nicht mal eine eigene Wohnung, die bezahlt ist.
„Und wann darf ich nach Hause?“
„In ein paar Monaten. Wenn du überlebst.“ Sie wendet sich einem metallischen Gerät auf dem Schreibtisch zu. „Ja. Schick den Transfer-Schüler rein.“
Ich trommle nervös mit den Fingern auf den Tisch. Dann spüre ich es wieder – das Kribbeln in meinem Arm. Mein Blick fällt auf ein großes Gemälde an der Wand.
Darauf eine Frau in königlichen Gewändern, geschmückt mit Juwelen. Ihr Haar – dunkles Kastanienbraun, mit orangenen Strähnen, die im Licht glühen. Eine Krone auf dem Kopf. Und ihre Augen… grau, durchdringend.
Mir stockt der Atem. Diese Augen. Dieses Gesicht.
Ich trete näher. Es ist… mein Gesicht. Nur älter. Stärker.
Ich flüstere: „Das bin ich?“