MAYA
„Was?“ Die Großmeisterin richtet ihre Aufmerksamkeit auf mich.
„Das Glasbild.“ Ich zeige darauf. Langsam gehe ich zur Wand und fahre mit den Fingern über die Kanten. Dasselbe Gesicht … dieselben Augen … und doch völlig anders. Das ist nicht das Mädchen aus Kalifornien; die Frau auf diesem Porträt sieht aus, als hätte sie tausend Leben gelebt, die ich nicht habe.
„Das ist nur ein Gemälde der alten Akademie“, sagt Kylie, ohne ein zweites Mal hinzusehen.
Ich neige den Kopf zur Seite, um die Akademie auf dem Bild besser zu erkennen, aber alles, was ich sehe, ist mein eigenes Spiegelbild – in königliche Gewänder gehüllt und zu mir zurückstarrend. „Siehst du die Frau nicht?“
„Wen?“ Sie runzelt die Stirn und blickt kurz hinüber. „Das sind nur Stein und dunkle Wolken.“
Ich drehe mich zu Kylie um. Sie kann wirklich nicht sehen, was ich sehe? „Vergiss es, wahrscheinlich bilde ich mir das nur ein, weil ich in dieser bescheuerten Akademie bin.“ Ich seufze, aber ein kalter Schauer läuft mir über den Rücken. Wenn diese Akademie keine Aufzeichnungen über mich hat … warum bin ich dann hier?
„Du solltest jetzt zu deinem Unterricht gehen.“
Ich nicke, dann laufe ich los. Keine Ahnung, wohin – Richtung Gemälde, Tür, egal – ich renne einfach, aber kaum berühre ich die Türklinke, verschwindet die Tür in der Luft.
„Türen öffnen sich hier nur, wenn wir es wollen.“ Die Stimme der Großmeisterin ist unheimlich ruhig. Sie glaubt wohl wirklich, dass ich nicht entkommen kann, was? „Du wirst alles mit der Zeit lernen.“
Ich drehe mich um und starre sie an, mein Herz schlägt laut gegen meine Brust.
„Also, versuchen wir es nochmal.“ Sie räuspert sich. „Du solltest jetzt wirklich zum Unterricht gehen.“ Ihr Tonfall ist diesmal hart, lässt keine Widerrede zu.
Aber natürlich widerspreche ich trotzdem. „Nein, ich will nach Hause, nicht irgendeinem komischen magischen Kult beitreten.“
„Du wirst dich mit der Zeit daran gewöhnen“, sagt sie mit einem verkniffenen Lächeln.
Meine Füße zucken. Mein Gehirn schreit mich an, wieder zu rennen – und fast tue ich es – aber ich halte mich zurück, weil ich Antworten brauche, nicht Flucht. Ich schnaube. „Na gut, ich gehe zum Unterricht. Ich melde mich gleich für Zauberstabwedeln und Monsteranatomie an, was?“
„So ist’s besser. Ich schicke jemanden, der dir eine Führung gibt.“ Sie lächelt; ihre ruhige Haltung ist zurück.
Ich setze mich wieder auf den Stuhl vor ihrem Schreibtisch, verschränke die Finger und sehe mich um – auf der Suche nach dem schnellsten Ausweg –, als plötzlich die Tür aufgestoßen wird. Ich drehe den Kopf – und wow. Alles im Hintergrund verblasst, während ich den Mann beobachte, der in Zeitlupe durch die Tür tritt.
Er ist groß und schlank, und verdammt, seine Haltung ist perfekt. Die Art, wie er in diesem schwarzen, maßgeschneiderten Anzug hereinkommt, zieht jede Aufmerksamkeit auf sich. Wenn ich dachte, der wolfsähnliche Typ aus meinem Spiegel oder der bläuliche Typ aus meinem Traum seien heiß, bin ich ein Narr – dieser Mann setzt meinen ganzen Körper in Flammen, und ich starre ihn schamlos an.
Aber da ist etwas seltsam Vertrautes an ihm, als hätten wir uns schon einmal getroffen … in einem früheren Leben vielleicht? Blödsinn! Mein Siegel glüht und brennt auf meiner Haut. Es ist seltsam – als würde es sich an etwas erinnern, was mein Gehirn vergessen hat.
Seine Haut ist sehr blass, sein schwarzes Haar perfekt zurückgestrichen, nur ein paar widerspenstige Strähnen fallen ihm auf die Stirn. Er hat karminrote Augen, markante Züge, eine gerade Nase, schmale Lippen. Alles an ihm ist verdammt attraktiv – sogar das silberne Tattoo an seinem Kiefer, das in den Kragen seines Anzugs hineinläuft. Und dann diese Aura … wie ein geheimnisvoller Prinz der Dunkelheit. Einer, dem ich besser nicht in die Augen sehen sollte – aber er schenkt mir ein leichtes Lächeln, bevor er sich setzt.
„Jaden Mcleech, willkommen an der Blood Valley Academy. Ich bin Kylie, die Großmeisterin der Akademie.“
„Es heißt Leech“, korrigiert er sie mit einer lässigen Bewegung.
Sie lächelt und tippt sich an die Schläfen. „Leech. Du bist ein Austauschschüler von der Shadows Academy und deinen Mitschülern weit voraus. Du hast Spitzenkenntnisse in Blutmagie – etwas, das hier keiner beherrscht. Du bist akademisch hervorragend. Willkommen!“ Sie wirft einen Blick auf das System auf ihrem Schreibtisch, tippt etwas ein und sieht dann zu mir. „Maya Carter wird vier der besten Schüler als Aufpasser und Trainer zugeteilt.“
„Vier?? Ist das nicht ein bisschen viel?“
Kylie antwortet nicht, aber ich sehe, wie sich ihre Finger kurz anspannen. Entweder bin ich gefährlich … oder wertvoll.
„Einen Moment.“ Kylie geht zu der leeren Stelle an der Wand, wo vorhin die Tür war. „Maya, falls du dich an Dinge erinnerst, die du nicht erklären kannst – sag es zuerst mir.“ Dann geht sie einfach durch die Wand und verschwindet.
Was zum … Ich halte mir die Brust, um mein Herz davon abzuhalten, herauszuspringen. Ich presse meine Finger so fest gegen die Stuhllehne, dass mich etwas Spitzes sticht. „Autsch!“ Ich hebe die Hand, um sie zu begutachten. Ich blute.
„Darf ich?“ Der heiße Austauschschüler – Jaden – deutet auf meinen Daumen. „Ich kann die Blutung stoppen.“ Sein Lächeln ist so hypnotisierend, dass ich kaum denken kann.
Ein Bild des wolfsähnlichen Typen, dem ich im Flur begegnet bin, schießt mir durch den Kopf. Er schien wütend, mich hier zu sehen – aber dieser blasse Typ hier? Er freut sich richtig, dass ich da bin. Ich kann nicht anders – ich spüre, dass beide etwas verbergen.
Ich nicke und halte Jaden meinen Daumen hin. Er nimmt ihn sanft, und ich sehe den großen Siegelring an seinem eigenen Finger. Dann fährt er mit seiner Zunge über meine Wunde, leckt das Blut ab. „Dein Blut schmeckt noch genauso süß wie ich es in Erinnerung habe.“
In Erinnerung?
Er hebt den Kopf und blickt mir direkt auf die Lippen – mit diesen sündigen Augen. „Also … die Königin kehrt endlich zurück?“
Königin? Okay, jetzt reicht’s. „Wie hast du mich gerade genannt?“
„Meine Königin. Selbst wenn das ganze unsterbliche Reich dich vergisst – ich niemals.“ Er neigt den Kopf, und wie auf Kommando leuchtet das Siegel auf meinem Arm so hell auf, dass ich mein Gesicht mit den Händen schützen muss.