Kapitel 1
Ivy – Perspektive
Der Himmel wurde dunkel, und alles fühlte sich falsch an. Plötzlich färbte er sich rot. Drei Silhouetten erschienen vor mir, ihre Gesichter verborgen in der Dunkelheit.
„Du musst mit uns kommen“, sagten sie gleichzeitig.
Ein unheimliches Gefühl überkam mich, und ich wagte nicht zu zögern. Ich rannte los und blickte nicht zurück.
Einen Moment lang glaubte ich, ihnen entkommen zu sein. Doch dann—da standen sie, direkt vor mir.
„Du kannst uns nicht entkommen.“
Sie packten mich. Ich schrie.
Dann wachte ich auf, schweißgebadet. Meine Augen suchten panisch den Raum ab, um sicherzugehen, dass ich wirklich wach war und nicht noch träumte.
„Es war nur ein Traum. Es war nur ein Traum… Es war nur ein Traum, Ivy…“, flüsterte ich, während sich meine Brust schnell hob und senkte.
„Ivy! Ivy, warum schreist du?“ Nana stürmte herein.
„Wasser“, flüsterte ich und ignorierte ihre Frage.
„Gib mir einen Moment“, sagte sie und eilte hinaus. Kurz darauf kam sie mit einem Glas Wasser zurück und reichte es mir.
Ich trank es hastig aus. Es fühlte sich an, als hätte mich der Marathon aus dem Traum auch im echten Leben erschöpft.
„Geht es dir gut?“ fragte sie, Sorge und Angst in ihren Augen.
„Ich habe diesen Traum wieder gesehen“, antwortete ich mit zitternder Stimme. „Ich habe Angst, Nana.“
„Ich habe es dir doch schon gesagt. Du musst keine Angst haben. Du bist ein sehr mächtiges Mädchen, und dein Schicksal wird dich bald finden“, sagte Nana.
„Nana, ich will dieses Schicksal nicht. Es fühlte sich gefährlich an. Und warum wurde der Himmel rot?“ fragte ich.
Nana lachte kurz. „Du kannst ihm nicht entkommen, das habe ich dir doch gesagt—du bist die Auserwählte. Mach dir keine Sorgen, ja?“ sagte sie erneut.
„Okay, Nana“, murmelte ich und versuchte, ihren Worten zu glauben. Aber ich verstand nicht, was sie mit „Auserwählte“ oder „Schicksal“ meinte. Die Leute im Dorf nannten mich schon genug Namen. War das nicht genug?
„Ivy, steh jetzt auf. Wir brauchen Kräuter für den Patienten“, sagte Nana.
Nana ist eine Heilerin. Sie ist die einzige Familie, die ich je hatte. Sie hat mir immer gesagt, dass sie nicht meine leibliche Mutter ist—dass sie mich am Flussufer gefunden hat, als ich gerade zwei Jahre alt war. Sie hat nie geheiratet oder eigene Kinder gehabt, aber sie hat mich aufgezogen, als wäre ich ihr eigenes.
Ich nahm den Beutel und ging in den Wald, um die Kräuter zu suchen. Die Bäume raschelten, als würden sie Geheimnisse flüstern. Sie reagierten immer, wenn ich vorbeiging—ein weiterer Grund, warum die Dorfbewohner mich fürchteten. Sie sagen, ich sei seltsam. Eine Außenseiterin.
Aber mir gefiel es so. Nur Nana und ich.
Nach ein paar Stunden auf dem Rückweg sah ich Rauch aus dem Dorf aufsteigen, und mein Herz sackte ab. Ich begann zu rennen, schneller und schneller, bis ich unsere Hütte erreichte – nur um sie völlig niedergebrannt vorzufinden.
Menschen hatten sich davor versammelt, einige weinten, andere flüsterten. Ich stand wie erstarrt da. Meine Augen suchten verzweifelt die Menge nach ihr ab.
Wo ist Nana?
Ich ging auf eine Dorfbewohnerin zu. Meine Lippen zitterten.
„Wo ist meine Nana?“ fragte ich, meine Stimme kaum hörbar.
„Sie ist mit dem Haus verbrannt“, sagte die Frau tonlos.
Ich starrte sie an, unfähig zu atmen. Ihre Worte hallten in meinen Ohren nach.
Nein.
Meine Beine gaben nach, und ich fiel zu Boden.
„Nein… das ist nicht möglich. Nana war noch gesund, als ich vor ein paar Stunden gegangen bin“, schluchzte ich.
Meine Welt war zusammengebrochen.
„Warum weinst du jetzt? Bist du nicht der Grund, warum sie tot ist?“ rief jemand aus der Menge.
Ich erstarrte. Meine Tränen versiegten für einen Moment. Was meinte sie damit?
Nana zu verlieren war schon zu viel. Warum sollte jemand meinen Schmerz noch vergrößern?
„Ja, sie hat recht!“ stimmte eine andere Stimme zu. „Das erinnert mich an das, was die Seherin sagte, als Nana sie vor achtzehn Jahren hierherbrachte. Die Seherin warnte, sie sei gefährlich, aber Nana wollte nicht hören. Sie sagte, das Baby sei harmlos… Und jetzt ist unsere gute Heilerin tot.“
Mein Herz sank noch tiefer in meiner Brust. Ich wusste, dass sie mich nie mochten, aber das hier?
„Sie sollte nicht leben dürfen!“ schrie eine Frau. „Menschen wie sie bringen den Tod. Bevor sie den Rest von uns tötet, müssen wir sie aufhalten.“
„Wir sollten sie steinigen!“ rief jemand anderes.
„Nein!“ Eine feste Stimme unterbrach sie. Die Menge verstummte.
Der Kronprinz des Dorfes war erschienen, seine Wachen dicht hinter ihm.
„Bringt sie in die Zelle“, befahl er kalt. „Sie bleibt dort, bis mein Vater entscheidet, was mit ihr geschieht.“
Bevor ich blinzeln konnte, packten mich die Wachen grob. Sie schleppten mich fort.
Nun saß ich allein in der dunklen Zelle, der kalte Boden unter mir. Mein Körper schmerzte, aber das war nichts im Vergleich zu dem Schmerz in meiner Brust.
Nana war fort.
Und der einzige Mensch, den ich auf dieser Welt hatte, war mir genommen worden.
Plötzlich brach ein heftiger Sturm über die Zelle herein. Das kleine Fenster klapperte, und ein seltsames Licht erfüllte den Raum.
Ich drehte mich verwirrt um, und da war sie—Nana. In Weiß gekleidet, leuchtend und umgeben von etwas, das ich nicht erklären konnte. Mein Herz setzte für einen Moment aus.
„Nana“, rief ich mit zitternder Stimme, Tränen stiegen mir in die Augen. Ich wollte zu ihr laufen, doch sie hob sanft die Hand.
„Warte“, sagte sie leise. „Wir sind jetzt zwei verschiedene Seelen. Ich bin nur gekommen, um dir zu sagen—dein Schicksal beginnt jetzt, meine Königin.“
Ich blinzelte verwirrt. „Warum nennst du mich eine Königin?“
„Weil du es bist“, sagte sie. „Und du musst dein Schicksal annehmen. Hör auf, dir die Schuld an meinem Tod zu geben—es war bestimmt.“
Ich schüttelte den Kopf, Tränen liefen mir über das Gesicht. „Nana—“
„Du musst jetzt gehen. Die Tür wird sich öffnen. Lauf, meine Prinzessin. Lauf so schnell du kannst“, sagte sie und verblasste langsam.
In genau diesem Moment flog die Zellentür auf—genau wie im Traum.
Ich japste.
Es war kein Traum mehr.
Ich rannte durch den Wald, mein Herz schlug so heftig, als würde es gleich zerspringen. Ich wusste nicht, wohin ich lief, aber eines wusste ich - ich musste weg. Vielleicht würde ich ein anderes Dorf finden… oder eine Stadt. Irgendwohin, nur nicht hier.
Ich rannte weiter, bis mein Fuß an einer Wurzel hängen blieb und ich hart zu Boden fiel. Stöhnend richtete ich mich langsam auf.
Dann erstarrte ich.
Drei Männer standen direkt vor mir. Das Mondlicht ließ ihre Gesichter aufblitzen—es waren dieselben aus meinem Traum. Und in diesem Moment veränderte sich der Himmel—tiefrot, genau wie im Traum.
„Sie ist es“, sagte einer von ihnen.
Sie kamen näher.
Ich taumelte auf die Füße und wich zurück, aber es war zwecklos. Einer packte meinen Arm, dann ein anderer.
„Lasst mich los!“ schrie ich und wehrte mich panisch.
Doch dann sprachen sie wieder, und ihre Worte trafen etwas tief in mir—etwas, das ich nicht erklären konnte.
„Gefährtin“, sagten alle drei gleichzeitig.
Ich starrte sie verwirrt an.
Gefährtin?
Dieses Wort gab es nur in Werwolf-Geschichten. In den alten Büchern, die Nana unter ihrem Bett versteckt hatte. Aber das waren doch nur Geschichten…
Oder?