Kapitel 2

1817 Words
Tobias ist der Erste, der aus dem Aufzug tritt. Heute trägt er seinen schwarzen Anzug, dazu ein weißes Hemd und eine silberne Krawatte. Sein Kopf ist gesenkt, die Augen auf sein Handy gerichtet. Er greift nach seinem Kaffee vom Tablett, ohne mich auch nur eines Blickes zu würdigen, und marschiert direkt in sein Büro. Theo hingegen trägt einen grauen Anzug, und die obersten drei Knöpfe seines weißen Hemdes sind offen, sodass ein Teil seiner Brust zu sehen ist. Ich habe ihn noch nie so adrett wie Tobias gesehen, geschweige denn mit einer Krawatte. Theo hält inne, schnappt sich seine Tasse und nimmt einen Schluck. „Guten Morgen, Imogen“, sagt er mit einem Augenzwinkern, bevor er in sein Büro gegenüber von Tobias geht. Tobias schließt seine Tür, was mich aus meiner Benommenheit reißt, und ich kann das Erröten nicht verhindern, das sich über mein Gesicht ausbreitet und meinen ganzen Körper erwärmt. Schnell stelle ich das Tablett zurück in die Küche und schnappe mir das Tablet von meinem Schreibtisch. Zögernd stehe ich vor der Tür zu Tobias' Büro und halte mir in Gedanken eine kleine Motivationsrede, während ich hoffe, dass er heute in guter Stimmung ist und nichts Schweres in der Nähe hat, das er nach mir werfen könnte. Gerade als ich klopfen will, ertönt seine Stimme. „Wirst du eintreten oder den ganzen Tag da draußen stehen?“ Seine rauchige, tiefe Stimme lässt mich zusammenzucken, und ich öffne schnell die Tür gerade so weit, dass ich hineinschlüpfen kann. Tobias sitzt an seinem Schreibtisch, die Finger tippen unablässig auf seinem Laptop. Noch immer hat er nicht aufgeblickt. Ich stehe da und verlagere unsicher das Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Mr. Kane – ich habe ihn immer als sehr einschüchternd empfunden. Er ist stets so formell, so ernst. Als ich nicht spreche, schaut er auf, seine Augen heften sich an mir fest, und ich schlucke nervös. Meine Hände zittern leicht unter seinem intensiven Blick. Er legt den Kopf leicht schief und wartet darauf, dass ich spreche, was mich aus meiner Starre reißt. Das Tablet in meinen Händen wie ein Schutzschild haltend, trete ich näher und überprüfe seinen Terminkalender. „Sie haben um zwölf Uhr ein Meeting mit Mr. Jacobs. Ich habe die Vorschläge für Ihr Meeting bereits weitergeleitet, und ich sende Ihnen gerade die Antworten auf die E-Mails zu, die nach der Konferenz letzten Donnerstag eingegangen sind.“ Ich bin stolz darauf, dass meine Stimme professionell und klar bleibt, auch wenn meine Finger zittern. „Ist das alles?“ Er hebt eine Augenbraue und wartet auf mehr. „Nein, Sir, ich benötige Ihre Unterschrift für die Wohltätigkeitsveranstaltung zugunsten des Krankenhauses“, antworte ich und suche nach den entsprechenden Unterlagen. Habe ich sie liegen lassen? Verdammt! „Also, wo ist das Dokument?“ Imogen, du Idiotin! Das eine Dokument, das erforderlich war, habe ich auf meinem Schreibtisch vergessen. Innerlich schlage ich mir die Hand vor die Stirn. Verlegen über meine Dummheit hebe ich den Finger. Tobias verdreht die Augen und wartet ungeduldig mit ausgestreckter Hand auf das Dokument. „Äh, einen Moment, Sir.“ Er seufzt genervt, das steht außer Frage. Ich eile hinaus, hole das Dokument und laufe zurück, meine Absätze klackern laut, während ich versuche, nicht auf dem gefliesten Boden auszurutschen. Vor seinem Schreibtisch komme ich schlitternd zum Stehen, schwanke kurz und lege das Dokument hastig vor ihm ab. Ohne einen Blick darauf zu werfen, unterschreibt er es und reicht es mir zurück. Seine gesamte Aufmerksamkeit gilt erneut seinem Laptop. In seiner Welt existiere ich nicht mehr, also nutze ich den Moment, um ihn heimlich zu beobachten. Solche gestohlenen Augenblicke, in denen ich meine Chefs betrachten kann, sind selten, und ich nutze sie immer voll aus. Mit weit aufgerissenen Augen wie ein heimlicher Stalker kann ich nicht anders, als zu bemerken, dass er erschöpft aussieht. Dunkle Ringe zeichnen sich unter seinen normalerweise lebhaften blauen Augen ab, und seine Haut ist blasser als sein üblicher sonnengebräunter Teint. Ich starre ins Leere und vergesse dabei völlig, was ich eigentlich tun sollte, zu beschäftigt damit, meinen Chef zu bewundern und einem weiteren dieser völlig unangemessenen Tagträume nachzugehen. Mr. Kane räuspert sich und reißt mich aus meinen Gedanken. Er hebt eine Augenbraue und erwischt mich dabei, wie ich ihn anschaue. Das passiert normalerweise nicht. Habe ich ein Geräusch gemacht? „Oh, Entschuldigung, Sir.“ Ich stolpere über die Worte und senke meinen Kopf, um meine roten Wangen zu verbergen. Er schüttelt den Kopf über mich, doch ich höre ein leises Lachen, als ich aus dem Raum flüchte und die Tür schließe. Beide Männer bringen mich immer durcheinander. In ihrer Gegenwart habe ich mich schon immer benommen gefühlt, als ob ich in einem Nebel stünde; manchmal habe ich sogar vergessen zu atmen. Das letzte Mal, als das passierte, bin ich ohnmächtig geworden. Um fair zu sein, ich hatte nichts gegessen, also war mein Gehirn ohnehin schon Matsch. Als ich wieder zu mir kam, beugte sich Theo besorgt über mich, während Tobias mich einfach nur ansah, als wäre ich geistig zurückgeblieben. Ernsthaft, wer vergisst zu atmen? Das sollte doch eine primäre Körperfunktion sein. Instinkt! Und ich konnte nicht mal das richtig hinbekommen. Das war der Tag, an dem ich herausfand, warum niemand diesen Job wollte. Es ist schwer, sich in ihrer Nähe auf die Arbeit zu konzentrieren, fast unmöglich. Sie können ohne Absicht zu einer Ablenkung werden. Seitdem habe ich festgestellt, dass Mr. Kane ziemlich furchtbar sein kann. Ich glaube nicht, dass er merkt, welche schrecklichen Dinge er sagt, wenn er wütend ist. Glücklicherweise für ihn habe ich eine dicke Haut und brauche diesen Job dringend. Ich sorge auch immer dafür, dass ich mein Tablet in der Hand habe, wenn ich in sein Büro gehe, für den Fall, dass er etwas nach mir wirft. Einmal habe ich beobachtet, wie er dem IT-Typen in einem Wutanfall eine Getränkeflasche an den Kopf geworfen hat. Ernsthaft, der Mann hat Wutprobleme und braucht eine Therapie oder so etwas. Alle bewegen sich wie auf Eierschalen um ihn herum, naja, außer Theo. Der IT-Typ ist seitdem nicht mehr zurückgekommen, was ich ihm nicht verdenken kann. Sitzend an meinem Schreibtisch kichere ich bei der Erinnerung, bevor ich mich wieder meinem Computer zuwende. Mein Job ist überraschend einfach, und dazu noch gut bezahlt. Es erfordert nicht viel körperliche Anstrengung, es sei denn, man zählt das Telefonieren und das Tragen von Akten dazu. Das Einzige, was wirklich anspruchsvoll ist, sind die Arbeitszeiten. Ich bin buchstäblich rund um die Uhr auf Abruf. Nicht nur als Sekretärin, sondern auch als persönliche Assistentin, wobei sie mich nicht oft um etwas bitten, es sei denn, es ist arbeitsbezogen. Die Arbeitszeiten können manchmal grausam sein, besonders wenn es darum geht, bis in die frühen Morgenstunden zu arbeiten, um wichtige Fristen einzuhalten. Aber wenigstens muss ich an solchen Tagen nicht an die Kälte denken. Ich drücke auf die Drucktaste und gehe in den Druckerraum, der neben der kleinen Küche liegt. Während ich auf mein gedrucktes Dokument warte, gibt der Drucker einen Piepton von sich, und eine Fehlermeldung erscheint. Das Papierfach ist leer. Ich beuge mich hinunter, öffne die Tür des Druckers und ziehe das Fach heraus, bevor ich zur Schublade gehe, um Papier zu holen. Der Schrank ist leer. Seufzend gehe ich in den Vorratsraum. Als ich die Tür öffne, schalte ich das Licht ein und schaue mich in den Regalen um. Ich seufze, als ich sehe, wo das Papier platziert wurde. Und dennoch bin ich nicht überrascht; es ist das zweite Mal, dass irgendein Idiot beschlossen hat, es auf das oberste Regal zu stapeln, und zwar als einen großen Haufen. Ich ziehe die Trittleiter hinter der Tür hervor, setze mich darauf, ziehe meine Absätze aus und klettere hinauf. Ich muss mich auf die Zehenspitzen stellen, um die Kiste zu erreichen. Mit den Fingerspitzen greife ich danach und ziehe sie an den Rand, wodurch der Stapel Papier zu wackeln beginnt. „Brauchst du Hilfe?“ fragt Theo direkt hinter mir. Ich keuche und springe vor Schreck hoch; ich schwanke, als ich das Gleichgewicht verliere. Schnell krall ich mich mit den Fingerspitzen am Regal fest, stabilisiere mich und finde meinen Halt wieder. Mein Herz hämmert in meiner Brust aufgrund dieses knappen Moments. Als mein Puls sich beruhigt, werde ich plötzlich der Hand bewusst, die meinen Hintern umfasst. Langsam schaue ich nach unten zu meinem Chef; Theos Hand hält mich fest, indem er mich an meinem Hintern packt. Seine große Hand ist fest durch meine Hose auf meinem Po gedrückt; ich spüre seine Handfläche, seinen Daumen, der sich zwischen meine Beine schmiegt und genau dort Druck ausübt, wo mein Zentrum ist. Gott sei Dank trage ich heute eine Hose und keinen Rock. „Ähm, Boss“, sage ich und blicke auf seine Hand hinab. Er bemerkt endlich, wo er mich gepackt hat. Ein leichtes Grinsen schleicht sich auf sein Gesicht. Das Gefühl seiner großen Hand auf mir lässt meine Haut brennen und mein Inneres schmelzen. Ein ungewohntes Gefühl überkommt mich. Was ist los? Ich muss mich regelrecht zwingen, nicht die Oberschenkel zusammenzuklemmen, um das plötzliche Verlangen dazwischen zu stoppen. Anstatt mich wie ein normaler Mensch loszulassen, streicht er mit seiner Hand über die Rundung meines Hinterns und hinunter an die Innenseite meines Oberschenkels, bevor er an meinem Knöchel innehält. Erst dann zieht er seine Hand zurück. Meine Haut errötet vor Verlegenheit über meinen Schwarm für meinen schwulen Chef. Theo hält inne und neigt den Kopf, um mich anzusehen; ein schelmisches Lächeln breitet sich auf seinem Gesicht aus, als er meine Verlegenheit bemerkt. Dann greift er hinüber und schnappt sich die blöde Kiste, die ich mühsam zu erreichen versucht habe, schiebt den restlichen Papierstapel zur Seite und holt sie mühelos herunter. Schnell steige ich von der Leiter, ziehe meine Absätze wieder an und nehme ihm die Kiste ab, während ich es vermeide, ihm ins Gesicht zu sehen. „Hast du nach etwas gesucht?“ frage ich, während ich vom Vorratsraum zurück zum Drucker gehe. Er folgt mir mit demselben kleinen Grinsen auf den Lippen. „Ja, ich wollte etwas ausdrucken, als ich merkte, dass der Drucker kein Papier mehr hatte“, antwortet Theo und lehnt sich an die Theke neben dem Drucker. Ich lege schnell das Papier in das Fach und schiebe es in den Drucker. Nachdem ich den Fehler behoben habe, drücke ich auf „Drucken“. Die Maschine druckt die Dokumente aus, und ich nehme meine, um sie ihm aus dem Weg zu schaffen. Ich hefte die Papiere zusammen und lege sie auf die Theke. Als keine weiteren Blätter herauskommen, drehe ich mich zu Theo um. „Bist du sicher, dass du auf ‚Drucken‘ gedrückt hast?“ frage ich und hebe eine Augenbraue. Theo scheint nachzudenken, bevor er spricht. „Ich glaube schon.“ Ich verdrehe die Augen und gehe in sein Büro. Er folgt mir und bleibt im Türrahmen stehen, lehnt sich dagegen und beobachtet mich mit diesen durchdringenden Augen.
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