Kapitel 3

1511 Words
„Das Fusionsdokument?“ frage ich und werfe einen Blick auf seinen Computerbildschirm. Er nickt, und ich drücke auf „Drucken“, bevor ich zurück zum Drucker gehe. Sein Dokument wird ausgedruckt. Ich hefte es zusammen und reiche es ihm. Theo beobachtet jede meiner Bewegungen. Sein intensiver Blick lässt mich unbehaglich fühlen, aber ich kann meinen Blick nicht abwenden. Nach ein paar angespannten Sekunden dreht er sich um und geht wortlos hinaus. Ich atme tief ein, ohne zu bemerken, dass ich die Luft angehalten hatte. Ich mache mich auf den Weg zurück zu meinem Schreibtisch. Theo verhält sich seit letzter Woche seltsam. Ich habe ihn öfter dabei ertappt, wie er mich anstarrt, als ich zählen könnte. Auch Tobias ist in letzter Zeit angespannt. Ich habe die beiden neulich über etwas streiten hören. Ich habe versucht, es so gut wie möglich zu ignorieren – ihre Beziehung geht mich nichts an. Aber es macht die Stimmung im Büro etwas unangenehm und angespannt, und Theos merkwürdige Blicke helfen da nicht gerade. Tobias bleibt den größten Teil des Tages in seinem Büro und scheint in einer seiner Launen gefangen zu sein. Das einzige Mal, dass ich von ihm höre, ist, wenn ich Anrufe zu seiner Leitung durchstelle. Ehe ich mich versehe, ist es bereits 17:30 Uhr. Wo ist der Tag nur hin? Mr. Kane und Mr. Madden gehen um 17:00 Uhr. Ich schließe alles ab, schalte die Lichter aus und mache mich auf den Weg zum Parkplatz. Dort angekommen, hole ich mein Ladegerät und warme Kleidung zum Umziehen aus dem Auto und packe alles in meine Handtasche. Ich muss zu meinem Auto zurückkehren, bevor Tom abschließt. Tom arbeitet ein paar Stunden am Morgen und kehrt dann abends zurück, um den Müll zu leeren und die Böden zu schrubben, bevor er um 21:00 Uhr die Garage abschließt und die Tore herunterlässt. Das gibt mir genug Zeit, meine Mutter zu besuchen, bevor ich zurückkehre. Als ich durch die leere Parkgarage gehe, komme ich im Erdgeschoss auf der Parkseite heraus. Ich schneide durch den Park und gehe in Richtung des großen blauen Neonschilds, das auf dem Krankenhaus gegenüber von Kane und Madden Industries thront: Mater Hospital. Jeden Tag gehe ich hinüber, um nach ihr zu sehen. Ich mache mich auf den Weg in den zweiten Stock und gehe zu den Stationen: Zimmer 18, Bett 5. Ich habe Glück, dass das Krankenhaus so nah an meinem Arbeitsplatz liegt; ich kann mir nicht vorstellen, im Berufsverkehr festzustecken und kostbare Zeit mit ihr zu verlieren. Meine Mutter ist seit etwas mehr als vier Monaten hier. Ich setze mich in das sterile Zimmer. Ich hasse Krankenhäuser. Sie riechen immer nach Desinfektionsmittel, und diese besondere Station stinkt nach Tod. Nein, meine Mutter hat keine schwere chronische Krankheit. Ich wünschte, das wäre der Fall. Nein, meine Mutter, Lila Riley, liegt im Koma. Sie war auf dem Heimweg von einer örtlichen Bar, in der sie arbeitete, als ein betrunkener Fahrer eine rote Ampel überfuhr und in sie hineinraste. Ihr Auto war ein Totalschaden; sie mussten hydraulisches Rettungsgerät einsetzen, um sie aus dem Fahrzeug zu holen. Seitdem liegt sie im Koma. Die Ärzte sagten mir, dass sie hirntot sei und dass die einzigen Dinge, die sie noch am Leben halten, die Maschinen sind, an die sie angeschlossen ist. Das Krankenhaus sagte, sie könnten sie nicht ewig in diesem Zustand halten und versuchten letzten Monat, ihre lebenserhaltenden Maßnahmen abzuschalten. Nachdem ich gegen ihre Entscheidung, die Geräte abzuschalten, Berufung eingelegt hatte, konnte ich es auf fast fünf Monate hinauszögern. Ich warte immer noch auf eine Entscheidung von der Ethikkommission des Krankenhauses. Ich weiß, dass es ein Kampf ist, den ich verlieren werde. Aber vorerst hat es mir ein paar zusätzliche Tage mit ihr geschenkt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie den Stecker ziehen und mir sagen, dass ich mich verabschieden muss – auch der Grund, warum ich in meinem Auto lebe. Die Arztrechnungen meiner Mutter sind enorm, und selbst wenn die Zeit kommt, sie abzuschalten, werde ich noch mindestens zwei Jahre lang in meinem Auto leben müssen, um die Schulden abzubezahlen. Meine Krankenversicherung deckt nur ein unterhaltsberechtigtes Kind oder einen Ehepartner ab, also nützt sie mir nichts. Meine Mutter hatte nicht einmal eine Krankenversicherung. Sie arbeitete schwarz und hatte Schwierigkeiten, lange in einem Job zu bleiben. Ich weiß, dass die meisten Leute denken, es sei reines Wunschdenken, dass sie aufwachen wird, aber ich kann nicht aufgeben. Sie hat mir beigebracht, zu laufen, zu sprechen, einen Löffel zu benutzen und Fahrrad zu fahren. Von Anfang an war sie an meiner Seite. Sie war meine erste Freundin. Genau genommen ist sie meine einzige Freundin. Sie hat mich von Geburt an als alleinerziehende Mutter großgezogen. Mein Vater verließ uns, als er erfuhr, dass sie schwanger war. Ich habe diesen Mann nie kennengelernt; ehrlich gesagt, es interessiert mich auch nicht, ihn kennenzulernen. Ich verlor unser Haus nach drei Wochen, in denen ich die Hypothek nicht mehr zahlen konnte. Es stellte sich heraus, dass wir schon Monate im Rückstand waren, als der Unfall passierte, und meine Mutter hatte es vor mir geheim gehalten. Ich musste die Entscheidung treffen, entweder meine Mutter am Leben zu halten oder das Haus zu behalten. Also habe ich sie gewählt. Ich weiß, dass sie dasselbe für mich getan hätte. Ich weiß, dass ich das Unvermeidliche nur hinauszögere, aber wie tötet man seine Mutter? Wie bringt man die eine Person um, die einen das ganze Leben lang geliebt und unterstützt hat? Wenn die Zeit kommt, muss ich wissen, dass ich alles versucht habe, sonst werde ich mit der Schuld nicht leben können. Ich blicke auf meine Mutter hinunter; sie sieht aus, als würde sie schlafen, abgesehen von dem Schlauch, der aus ihrem Mund ragt und sie zwingt zu atmen, sie am Leben hält. Unzählige Schläuche hängen aus ihren dünnen Armen heraus. Meine Mutter war früher stark, lebendig und glücklich. Sie sah jünger aus, als sie war. Mit ihrem blonden Haar, das knapp unter ihre Schulterblätter fiel, hatte sie eine ausgezeichnete Haut, keine Falten, volle rosa Lippen und einen gebräunten Teint. Sie sah großartig aus für eine 45-Jährige. Aber jetzt ist ihre Haut grau geworden, da sie kein Sonnenlicht mehr bekommt, und ihr Haar ist fettig und schlaff, da sie es nicht mehr selbst pflegen kann. Sie hat all ihr Gewicht und ihre Muskelmasse verloren und besteht jetzt nur noch aus Haut und Knochen. Sie vergeht in diesem Krankenhausbett, ein lebender Leichnam. Ich rücke auf dem blauen Stuhl näher heran und greife nach ihrer Hand. „Hey Momma, ich vermisse dich.“ Ich streiche ihr Haar von der Stirn, das an ihrer Haut klebt. Ich lausche dem Piepen des Herzmonitors, das regelmäßig ertönt, und dem Geräusch des Beatmungsgeräts, das sie zum Atmen zwingt. Es sind dieselben Geräusche wie jeden Tag. Früher kam ich stundenlang her, um ihr von meinem Tag zu erzählen oder ihr vorzulesen. Aber nach ein paar Monaten sage ich ihr nur noch, dass ich sie liebe. Mir fehlen die Worte. Ich vermisse ihre sanfte Stimme, die mir sagt, dass alles in Ordnung sein wird. Ich vermisse die Art, wie sie alles mühelos erscheinen ließ. Lila Riley war vielleicht nicht die perfekte Mutter, aber für mich war sie perfekt. Ja, sie hatte ein Alkoholproblem, aber abgesehen davon weiß ich, dass sie mit den Karten, die das Leben ihr gegeben hatte, ihr Bestes tat. Es fehlte nie an Liebe, und egal, wie sehr ich Mist gebaut habe, sie war immer da, um mir zu helfen, die Scherben wieder zusammenzusetzen. Wenn ich sie anschaue, denke ich an all die Dinge, die sie verpassen wird und an all die Erinnerungen, an denen sie nicht teilhaben kann. Nachdem ich eine Weile bei ihr gesessen habe, husche ich schnell ins kleine Badezimmer. Die Krankenschwester Sally hat heute Nachtschicht und lässt mich immer hier duschen. Es ist die einzige Zeit, in der ich warm duschen kann. Nicht heiß, aber wie lauwarmes Badewasser, da die Duschen temperaturgeregelt sind. Trotzdem beschwere ich mich nicht. Warmes Wasser ist viel besser als kaltes. Die anderen Menschen in diesem Zimmer sind pflegebedürftig und bettlägerig, genau wie meine Mutter, also muss ich mir keine Sorgen machen, dass jemand die Tür öffnet, aber ich schließe sie immer ab, falls ein Reinigungspersonal oder eine Krankenschwester hereinkommt. Ich dusche schnell, wasche mein Haar und meinen Körper und schrubbe besonders gründlich, solange ich das warme Wasser zur Verfügung habe. Als ich fertig bin, steige ich aus der Dusche, trockne mich ab und schlüpfe in meine Jogginghose, damit ich mich nicht im beengten Auto umziehen muss. Außerdem ziehe ich Socken an, bevor ich in ein paar flache Schuhe schlüpfe. Dann stopfe ich alles wieder in meine übergroße Handtasche und mache mich auf den Weg zurück zu meiner Mutter, um mich zu verabschieden. Auf dem Tisch neben meinem aufladenden Handy liegen ein paar Clubsandwiches. Sally muss hereingekommen sein, während ich geduscht habe. Sie kennt meine Situation und weiß, dass ich nach der Bezahlung des Krankenhauses kaum noch etwas übrig habe. Bei jeder ihrer Schichten finde ich daher Sandwiches oder übrig gebliebenes Essen aus der Cafeteria auf dem Tisch, das auf mich wartet.
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