Kapitel 4: EX-ALPHA

1148 Words
STURMs POV Kieran starrte mich mit einer Intensität an, die mein Herz rasen ließ. Seine auffälligen grünen Augen waren unverkennbar, und mir stockte der Atem. „Kieran?“, brachte ich heraus. Er legte den Kopf schief und betrachtete mich neugierig. Wie sein Blick über meinen Körper schweifte, ließ mich innerlich zusammenzucken. Ich bedauerte, wie Richard meinen Verstand verdreht und mein Selbstvertrauen erschüttert hatte. „Was machst du hier?“, fragte ich mit leicht zitternder Stimme. Seine Lippen verzogen sich zu einem Grinsen, in seinen Augen blitzte ein boshaftes Funkeln. „Willst du deinen neuen Alpha nicht kurz begrüßen?“ Der Schock seiner Worte traf mich wie ein Schlag in die Magengrube. Ich klammerte mich an den Gegenstand hinter mir, um mich zu stützen, und kämpfte gegen das Schwindelgefühl an, das mich zu überwältigen drohte. Sein Grinsen wurde breiter, als er meine Unsicherheit bemerkte. Kieran war ein Geist aus meiner Vergangenheit, den ich nie wiederzusehen erwartet hatte. Tief in meinem Inneren spürte ich, dass seine Ankunft etwas mit dem Kampf zu tun hatte, der gerade stattgefunden hatte, etwas mit mir. Sein Blick wanderte zu den getrockneten Blutspritzern auf meiner Kleidung. „Habe ich das getan?“, fragte er mit gespieltem Mitgefühl, und ich ballte die Fäuste. Doch selbst in meiner Wut wirkte sein vertrauter Geruch seltsam beruhigend. Als ich nicht antwortete, schnalzte er abweisend mit der Zunge. Jetzt war ich an der Reihe, ihn zu mustern. In seiner Lederjacke, einem engen schwarzen Hemd, schwarzen Jeans und robusten Stiefeln wirkte er lässig und doch kultiviert. Sein Blick wanderte über das Mal an meinem Hals, und ich tat so, als schaue ich weg, da ich wusste, wonach er suchte. Dieses Mal, obwohl ich es nicht wahrhaben wollte, weckte es bei anderen Eifersucht. Großartig. „Also, wo gehst du hin?“, fragte ich und versuchte, den Fokus zu verschieben. „Um die Ratsmitglieder kennenzulernen“, antwortete er und nickte in Richtung der Tür, durch die ich gerade gekommen war, wobei sein pechschwarzes Haar wild wehte. Mein Wolf sprühte vor Energie und wollte ihm unbedingt näher kommen. Hatte ich mich nicht schon einmal so gefühlt? Ich konnte nicht mehr dasselbe Mädchen sein wie früher … und doch hatte sich in manchen Teilen von mir nichts verändert. „Würdest du sie wenigstens nicht wechseln lassen?“, fragte ich und hegte einen Funken Hoffnung, dass er nicht gekommen war, um sich an mir zu rächen. „Willst du sie hier haben?“, konterte er. Ich nickte sanft. „Sie werden bleiben. Aber glaub mir, ich werde eine Menge ändern.“ Er musterte mich ein letztes Mal von Kopf bis Fuß, bevor er sich auf dem Absatz umdrehte und wegging. Sein schwacher Geruch lag in der Luft und vermischte sich mit dem Geräusch seiner Stiefel, das auf dem Boden widerhallte. Danielle blieb im Flur stehen, und obwohl ich spürte, wie sie mich anzog, versuchte ich, an ihr vorbeizugehen, ohne anzuhalten, aber sie rief: „Wird Richard wirklich ersetzt?“ „Der neue Alpha ist hier, um die Macht zu übernehmen. Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, was er mit euch beiden machen wird“, antwortete ich. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, und Verwirrung überkam mich. Warum weinte sie? Sie war es, die zu unserer Niederlage beigetragen hatte, doch abgesehen von ein paar frischen Prellungen hatte sie keine sichtbaren Verletzungen. Ich hätte sie am liebsten gefragt, woher sie diese hatte, doch ich schwieg. Schließlich hatte sie verdient, was ihr zukam. Eine unerklärliche Energie zog mich zu ihr hin. Ich schüttelte den Kopf und zwang mich, die Augen für einen Moment zu schließen, bevor ich entschlossen davonging. Aber dann rief sie mich wieder: „Hat Richard Sie jemals vergewaltigt?“ Ich erstarrte. Trotz der Aufregung in mir kam sie näher, Tränen strömten ihr über das Gesicht. „Er hat mich heute Abend vergewaltigt. Ich habe ihm gesagt, dass ich es nicht will, aber es war ihm egal“, gab sie mit zitternder Stimme zu. Ich schüttelte verneinend den Kopf. „Er hat mich nie ohne meine Zustimmung berührt.“ Weitere Tränen strömten aus ihren Augen, Trauer verzerrte ihr Gesicht. Jetzt ergab alles einen Sinn, der unerträgliche Schmerz, den ich nach der Konfrontation in meinem eigenen Körper gespürt hatte. Ich wurde misstrauisch, doch ich verdrängte es. Sie hatte mir Richard weggenommen, weil sie glaubte, sie würde die zukünftige Luna werden. Vielleicht hätte sie noch eine Chance, wenn sie Kieran irgendwie bezaubern könnte. Aber tief in meinem Inneren wusste ich, dass Kieran sie nicht eines zweiten Blickes würdigen würde. Ich strich ihr unbeholfen übers Haar, als ich mich zum Gehen umdrehte, und mein Kopf wurde überflutet von unerwünschten Bildern ihrer Panik und Verzweiflung. --- Ich starrte zum gefühlt tausendsten Mal in meinen Kleiderschrank und suchte nach einer Ablenkung, nach etwas, das mich von meinem Selbstmitleid und meiner Schlaflosigkeit befreien würde. Mein funkelndes schwarzes Kleid fiel mir ins Auge – die perfekte Abhilfe nach so vielen Wochen Trübsalblasens. Mit Kieran als unserem neuen Alpha müsste ich mir vielleicht keine Strategien überlegen, um nachts die Kontrolle zurückzugewinnen. Endlich schnappte ich mir das Kleid und kombinierte es mit meinen schwarzen Heels. Ein Gefühl der Stärke durchströmte mich. Zum ersten Mal seit drei Monaten kleidete ich mich wieder wie ich selbst. Die übergroßen Klamotten, die mich so eingehüllt hatten, waren verschwunden. Eigentlich sollte ich den Verlust meines Rucksacks betrauern, aber irgendwie fühlte sich dieses Gefühl fehl am Platz an. Avira kreuzte meinen Weg im Flur. Ihr atemberaubendes lila Kleid funkelte im Dämmerlicht. Sie musste zweimal hinschauen, als sie mich sah. „Hast du vor, heute Abend alle zu verführen?“, neckte sie mit einem Funkeln der Erregung in den Augen. Ich warf meinen hohen Pferdeschwanz über die Schulter und lachte. Wir hakten uns unter und gingen gemeinsam in Richtung Flur. In der Halle herrschte reges Treiben. Wölfe aus allen Rudeln strömten vor Begeisterung her. Vorne blieb ein breiter Raum frei, der den Ratsvorsitzenden vorbehalten war. Er hat also sein Wort gehalten. Interessant. Ich ließ mich neben Avira nieder und spürte ein Gefühl der Kameradschaft. Lincoln, Richards Beta, kam mit gesenktem Kopf auf mich zu. „Es tut mir leid, dass wir den Kampf verloren haben, Ma’am. Und ich entschuldige mich für Alphas Verhalten.“ „Ex-Alpha“, korrigierte ich ihn, und er schenkte mir ein kleines, dankbares Lächeln, bevor er davondriftete. Stille breitete sich im Saal aus, als die Tür aufging und Kieran hereinschritt, dicht gefolgt von seinem Beta. Kierans selbstbewusste Schritte erregten Aufmerksamkeit, und die Menge brach in Jubel aus. „Guten Abend, Navarre, Blood Moon und zu guter Letzt das Lock Heart-Rudel. Ich bin Kieran Blackwood und ich bin dankbar für die schnelle Unterwerfung des Lock Heart-Rudels nach einem so leichten Kampf. Ich bin jetzt hier“, erklärte er mit einem Hauch Autorität in der Stimme. „Das Rudel braucht eindeutig eine bessere Führung. Es stehen Veränderungen bevor.“
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