STURMs POV
„Was für Veränderungen?“, hätte ich ihn fast gefragt, als ich die Menge überblickte. Sein Blick traf meinen kurz, begleitet von einem Grinsen, bevor er wegschaute. Plötzlich fühlte sich das Schlucken wie eine Herkulesaufgabe an, und ich begann nervös, die Hände zu ringen, während ich mich auf ihn konzentrierte.
„Zunächst einmal habe ich kein Interesse daran, der Alpha aller drei Rudel zu sein.“ Ich blinzelte, verblüfft über sein Eingeständnis. „Die drei Rudel werden hiermit zu einem vereint und nehmen den Namen Navarre an. Das Rudel wird vom ehemaligen Alpha angeführt.“
Neugierig reckte ich den Hals, um Richards Reaktion zu sehen. Sein Gesichtsausdruck war angespannt, und er starrte entschlossen auf seine Füße, ohne Kierans Ankündigung zur Kenntnis zu nehmen. Stolz blitzte in Danielles Augen auf, und sie leuchteten vor Aufregung. Ich suchte ihren Körper nach blauen Flecken ab, aber sie schienen verschwunden zu sein. Ihr Wolf musste ihre Heilung mit seiner Magie unterstützt haben.
Kieran bedeutete Richard, auf die Bühne zu kommen, und er näherte sich mit hängenden Schultern und ausdrucksloser Miene.
„Er wird das Rudel anführen“, erklärte Kieran und deutete auf ihn. „Aber …“
Ich hätte es vorhersehen sollen. Kieran machte nie einen Schritt, ohne ein „aber“ in die Gleichung einzufügen.
„Er wird mir jederzeit Bericht erstatten. Er muss meine Erlaubnis einholen, bevor er Entscheidungen trifft oder Aufgaben übernimmt. Und wenn ich nicht erreichbar bin, kann er jederzeit Beta Ian konsultieren.“ Kieran deutete mit einem Grinsen auf den Mann hinter ihm.
Ein Alpha, der einem Beta untersteht? Allein der Gedanke brachte mich zu einem unterdrückten Lachen. Das war das unglückliche Ergebnis von Richards rücksichtslosen Entscheidungen. Ich bemerkte, wie sein Stirnrunzeln tiefer wurde, als Kieran die neuen Regeln aufzählte.
„Zweitens“, fuhr Kieran fort, „bleibt die Zusammensetzung der Ratsvorsitzenden unverändert. Es wird keine zusätzlichen Mitglieder geben.“
Jubel brach aus der Menge aus. Sie waren bereits ganz vernarrt in ihren neuen Alpha.
„Drittens möchte ich eine Belohnung für den Sieg im Rudel einheimsen.“ Alle beugten sich näher; gespannte Erwartung lag in der Luft. Was um alles in der Welt konnte er sich nur wünschen? Wir hielten alle den Atem an, als er endlich die Hände hob und mir den Blick zuwandte.
„Mrs. Storm Evire. Könnten Sie kurz hier runterkommen?“
Avira nickte und drückte mir beruhigend die Hand, während ich mich auf den Weg zur Bühne machte. Bei jedem wackeligen Schritt pochte mein Herz laut in meinen Ohren.
Als ich die Bühne erreichte, wies mich Kieran an, mich neben ihn zu stellen. Seine Hand legte sich auf meinen Rücken. Instinktiv versteifte sich mein Rücken bei seiner Berührung.
„Ich möchte sie mitnehmen … als meine Belohnung“, verkündete er und leckte sich die Lippen.
„Sie ist immer noch beim Alpha!“, rief jemand aus dem Publikum, und in seiner Stimme klang der Schock deutlich.
Kieran kicherte. „Er hat eine Geliebte. Alle Rudel kennen die Geschichte, und jetzt muss er sie zurückweisen.“
Ein lautes Keuchen ging durch die Menge. Avira presste eine Hand auf den Mund, und Richards Gesichtsausdruck nahm einen knallroten Farbton an.
Einen Moment lang überlegte ich, Kieran dafür zu umarmen, dass er mich aus diesem Gefängnis einer Ehe befreit hatte. Aber war es wirklich besser? War es besser, bei meinem untreuen Ehemann zu bleiben oder als Belohnung von jemandem freigelassen zu werden, dem ich in der Vergangenheit Unrecht getan hatte?
„Komm schon, sag es“, drängte Kieran, und seine Stimme war ungeduldig, während seine Hand auf meinem Rücken blieb.
„Ich, Richard Evire, stoße Storm Evire hiermit ab und entbinde sie von unserem heiligen Bund. Sie kann tun, was sie will, solange sie im Rudel bleibt und sich an alle Regeln hält“, erklärte er mit fest geschlossenen Augen.
Jedes Wort fühlte sich an, als würde ein kalter Eimer Wasser über mich geschüttet. Eine Welle des Jubels brach aus der Menge der drei Rudel aus. Ich hatte keine Ahnung, dass sie mich so sehr schätzten. Tränen traten mir in die Augen, als ich überwältigt ihre Gesichter betrachtete. Kierans Hand glitt von meinem Rücken und hinterließ eine anhaltende Wärme.
Er ergriff meine Hand, und Elektrizität durchströmte mein ganzes Wesen. Meine Wölfin regte sich in mir, ihr Flüstern wirbelte vor Aufregung, doch ich konnte ihre Worte inmitten des ganzen Chaos nicht richtig verstehen. Ich spürte eine Heilung an meinem Hals, als die Bisswunde zu heilen begann.
„Du bist jetzt frei, Stormy“, murmelte Kieran über das Geheul und den Jubel hinweg.
Eine Welle der Dankbarkeit stieg in mir auf und drohte, herauszubrechen, aber ich beherrschte mich. Dies war nicht der richtige Zeitpunkt für Sanftmut. Ich nickte nur und täuschte Zuversicht vor.
„Also, meine Damen und Herren, dieser Abend ist meinem Sieg im Kampf, meinem Aufstieg als Alpha und der Befreiung von Miss Storm Tevaro gewidmet.“
Die rasche Erwähnung meines Mädchennamens jagte mir einen Schauer der Erkenntnis über den Rücken. Das Rudel würde erwarten, dass Kieran und ich uns bald paaren würden. Und sobald das geschah, würden die Ältesten zweifellos anfangen, nach Erben zu suchen. Dem zukünftigen Alpha.
Er muss meine Angst gespürt haben, denn er fügte hinzu: „Beruhige dich, Storm. Ich bin nicht hier, um dir wehzutun. Wir können jetzt feiern.“
Als mir der Gedanke kam, eine Party zu schmeißen, sank mir das Herz, als ich mir vor Augen führte, wie lange Avira und ich wohl brauchen würden, um alles vorzubereiten. Wir hatten uns den Ruf als inoffizielle Eventplaner des Lock Heart-Rudels erworben. Nein, Moment mal … des Navarre-Rudels. Es würde dauern, bis wir uns an diese Veränderungen gewöhnt hatten.
Als wir endlich den Veranstaltungssaal betraten, strahlte alles – Essen, Getränke, Dekoration, alles perfekt arrangiert. Die Menge strömte schnell zum Buffet, während ich mich in eine Ecke zurückzog und über mein zukünftiges Leben nachdachte. Es fühlte sich an, als würde ich durch einen Sturm navigieren.
„Luna“, rief Beta Ian, als er auf mich zukam. „Kieran sucht dich.“
„Wo ist er?“, fragte ich stirnrunzelnd.
„Auf der Terrasse. Er wartet auf dich.“
„Sag ihm, ich komme“, antwortete ich. Kurz bevor er ging, unterbrach ich ihn. „Du nennst ihn beim Namen?“
Ian nickte, und ein Lächeln huschte über sein Gesicht. „Verhalte dich nicht so wie Alpha oder Gamma. Er mag es lieber, wenn du die Förmlichkeiten fallen lässt.“
An Ian hatte sich anscheinend nichts geändert. Ich ließ vor Aufregung mein Saftglas fallen und eilte zurück in mein Zimmer, um mein Make-up aufzufrischen. Ich musste für alles, was Kieran vorhatte, perfekt aussehen.
Zum Glück hat mich niemand aufgesucht. Die Party hatte die Aufmerksamkeit aller in Anspruch genommen.
Ich drängte mich durch die Menge, schaffte es schließlich zur Terrasse und fand Kieran dort wartend vor.
„Du bist nicht gekommen“, stellte er fest und drehte mir immer noch den Rücken zu.
„Woher kommen?“, fragte ich verwirrt und runzelte die Stirn.
„In dieser Nacht“, antwortete er mit tiefer und schwerer Stimme.
Er erinnerte sich.
Scheiße!