Das Flussufer

1227 Words
Ich kauerte hinter einer zerklüfteten Kiefer, während mein Atem in weißen Wolken vor meinem Gesicht aufstieg und sich mit der eisigen Herbstnacht vermischte. Unter mir wälzte sich der Silberfluss dahin, eine angeschwollene Ader aus schwarzem Wasser, die nach drei Tagen Regen aus den Bergen über die Ufer getreten war. Hier verlief die Grenze. Ich gehörte zu keiner der beiden Seiten. Ich war ein Geist in einer ausgefransten Canvasjacke und schlammverkrusteten Stiefeln, der auf dem hauchdünnen Streifen neutraler Wildnis zwischen zwei verfeindeten Imperien ums Überleben kämpfte. Ich schloss die Augen und atmete ein. Unter dem Geruch feuchter Erde und verrottender Kiefernnadeln nahm ich ihn wahr: Kupfer, Ozon und den Moschusgeruch nassen Fells. Meine Hand glitt zu dem silberklingigen Jagdmesser, das an meinem Oberschenkel befestigt war. Bleib unsichtbar, erinnerte ich mich. Jeden Morgen zwang ich mich, einen bitteren Aufguss aus Silberwurzeltee hinunterzuwürgen, um mein inneres Tier zu unterdrücken und meinen Geruch so weit abzuschwächen, dass ich wie ein gewöhnlicher Mensch wirkte. In diesem Tal war eine alleinstehende Frau ohne Rudel entweder ein Ziel oder eine Trophäe. So oder so würde ich am Ende mit gebrochenem Genick daliegen. Knack! Ein toter Ast brach am anderen Flussufer. Ich presste meinen Rücken gegen die Rinde und zog die Kapuze tiefer ins Gesicht. Durch den grauen Nebel zeichneten sich drei Gestalten am kiesigen Ufer ab. Sie bewegten sich mit geschmeidiger, raubtierhafter Eleganz und trugen taktische graue Rüstungen. Vollstrecker des Silverfang-Rudels. Ich erkannte den schwarzen Wolfskopf, der über die Kehle ihres Anführers tätowiert war – das Zeichen der brutalsten Killer des Rudels. Dann sah ich ihre Beute. Ein Mann taumelte aus dem westlichen Waldsaum. Er war riesig, breitschultrig und hinterließ eine breite Blutspur, die aus einer gezackten Wunde quer über seine Brust rann. Obwohl er humpelte und völlig durchnässt war, ging von ihm eine Aura furchteinflößender, arroganter Autorität aus. Für einen Herzschlag durchbrach das Mondlicht die Wolken und beleuchtete die markante Linie seines Kiefers und das kalte, bernsteinfarbene Gold seiner Augen. Mein Herz setzte einen Schlag aus. Gideon Sterling. Der Erbe des Ironclaw-Konzerns. Der rücksichtslose Alpha in Ausbildung, der die westlichen Grenzen in eine eiserne Festung verwandelt hatte. Jeder Rogue in den Bergen fürchtete seinen Namen. Er war ein Mann von berechnender Logik und ohne jede Gnade. Und jetzt verblutete er im Schlamm. „Gib auf, Sterling!“, höhnte der Anführer der Silverfangs und watete ins seichte Wasser. „Deine Hightech-Wachen werden heute Nacht nicht kommen. Alpha Silas will deinen Kopf auf einem Pfahl sehen, noch vor Sonnenaufgang.“ Gideon wischte sich eine Mischung aus Regen und Blut aus den Augen. Ein tiefes, vibrierendes Knurren drang aus seiner Kehle – ein so ursprüngliches Geräusch, dass es selbst die Kiefernnadeln über meinem Kopf erzittern ließ. „Dann hol ihn dir“, krächzte Gideon, seine Stimme rau wie mahlender Kies. Die drei Wölfe sprangen auf ihn los. Die Gewalt war erschreckend schnell. Gideon kämpfte wie ein in die Enge getriebener Dämon. Obwohl er schwer verletzt war, packte er den ersten Angreifer an der Kehle. Knack! Mit einer einzigen brutalen Drehung brach er dem Vollstrecker das Genick und schleuderte den Körper in den reißenden Fluss. Doch seine Kräfte ließen nach. Der zweite Angreifer rammte ihn in den Schlamm, während der Anführer eine gebogene Klinge zog, die in einem matten, tödlichen Licht schimmerte. Silber. Die Klinge fuhr nach unten und bohrte sich in Gideons Schulter. Er stieß ein ersticktes Brüllen voller Qual aus – „Aaaagh!“ – und sank auf die Knie. Das Silbergift gelangte in seinen Blutkreislauf, und das Bernstein seiner Augen begann zu verblassen. Mir stockte der Atem. Ich hasste die Ironclaws. Ich hasste alles, wofür Gideon Sterling stand: das Geld, die Macht, die brutale Konzernherrschaft. Geh weiter, Lyra, sagte ich mir. Lass sie ihn töten. So bleibst du sicher. Der Anführer der Silverfangs hob die Klinge hoch, ein höhnisches Grinsen verzerrte sein Gesicht. „Für das Rudel!“ Etwas in mir riss. Ein uralter, tief vergrabener Instinkt durchbrach die Silberwurzel-Unterdrücker in meinen Adern wie ein Flächenbrand. Mein Blut verwandelte sich in flüssigen Blitz. Knack. Reiß. Knack. Meine Knochen verformten sich. Meine Muskeln rissen und bildeten sich neu. Meine Sicht wechselte von stumpfem Grau zu einer lebhaften Infrarot-Wärmekarte. Meine Canvasjacke zerfetzte, als dichtes, schneeweißes Fell explosionsartig meine Haut bedeckte. Ich brach aus dem Waldsaum hervor – nicht als Frau, sondern als gewaltige weiße Wölfin. Ich stürzte mich mit der Wucht eines weißen Wirbelsturms auf den Anführer der Silverfangs und rammte ihn mitten in der Luft. Meine Kiefer schlossen sich um seine Kehle, bevor die Silberklinge herabsausen konnte. Wir schlugen mit einem schweren Rumms auf dem Kies auf. Der Anführer wand sich, seine Augen vor Entsetzen geweitet – nicht wegen des Todes, sondern wegen dessen, was ich war. Eine weiße Wölfin. Der Geist der ausgestorbenen Königlichen Blutlinie. Ich gab ihm keine Gelegenheit zu schreien. Ich biss zu. Knack. Der letzte verbliebene Silverfang-Krieger keuchte und wich entsetzt zurück. Er starrte auf mein blutverschmiertes weißes Fell, winselte und machte kehrt, bevor er in die östlichen Wälder davonstürmte. Stille kehrte ein, nur das gleichmäßige Trommeln des Regens war noch zu hören. Ich stand über den Leichen, meine Brust hob und senkte sich schwer. Das Adrenalin wich einer Übelkeit erregenden Welle des Entsetzens. Ich hatte mich verraten. Ich hatte das Geheimnis preisgegeben, das ich jahrelang gehütet hatte. Ich wandte meinen schweren Kopf dem Mann im Schlamm zu. Gideon war kaum noch bei Bewusstsein. Sein Atem kam in rauen, keuchenden Zügen. Seine bernsteinfarbenen Augen waren halb geschlossen und vor Schmerz verschwommen. Ich trat näher. Ich beugte mich hinab, meine Nase streifte die warme, blutverschmierte Haut seiner Schulter. Ich wollte lediglich seinen Puls überprüfen – mehr nicht. In dem Moment, in dem mein Fell seine Haut berührte, riss eine Schockwelle durch meine Seele. Es fühlte sich an, als wäre ein Blitz direkt in meine Brust eingeschlagen. Ein phantomartiges Feuer entzündete sich entlang meiner Wirbelsäule. Meine Wölfin stieß ein hohes, verzweifeltes Winseln aus und senkte den Kopf, während ein betörender Duft meine Sinne überflutete: reichhaltiges Zedernholz, Regen und rohe Dominanz. Gideons Augen rissen auf. Die Benommenheit verschwand und wich einer intensiven, erschreckenden Klarheit. Seine zitternde Hand hob sich, seine blutigen Finger vergruben sich tief in dem dichten weißen Fell an meinem Hals. Er zog mich näher zu sich und sog meinen Geruch mit einem scharfen, verlangenden Atemzug ein. „Du …“, krächzte Gideon, seine Stimme vibrierte direkt durch meine Seele. Es war die Verbindung. Die uralte, unbestreitbare, furchterregende Verbindung der vom Schicksal bestimmten Gefährten. Panik – reine, eisige Panik – durchströmte meine Adern. Ich riss den Kopf zurück und entzog mich seinem Griff. Meine Wölfin wich auf dem glitschigen Kies zurück, den Schwanz eingeklemmt, das Herz wild hämmernd. Nein. Nein, nein, nein. Ich konnte nicht mit ihm verbunden sein. Die Ironclaws würden mich einsperren, mir Blut abzapfen oder mein königliches Blut benutzen, um ihre Herrschaft über das Tal zu festigen. Gideon versuchte, sich aufzurichten, seine Hand tastete durch die Dunkelheit nach mir. „Warte …“, keuchte er. Sein Körper zitterte, während das Silbergift ihn erneut zu Boden zwang. „Geh … nicht …“ Seine Augen rollten zurück, und er brach mit dem Gesicht voran in den Schlamm. Ich stand zitternd im eiskalten Regen. Die Verbindung zerrte an meiner Brust wie eine schwere Eisenkette und schrie mir zu, dass ich ihn beschützen musste. Stattdessen drehte ich mich um und floh in die stillen, dunklen Bäume.
Free reading for new users
Scan code to download app
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Writer
  • chap_listContents
  • likeADD