Das Flussufer
Ich kauerte hinter dem Stamm einer Kiefer, während mein Atem in der eisigen Herbstnacht als Nebel vor meinem Gesicht stand. Unter mir wälzte sich der Silberfluss dahin, schwarz und angeschwollen von drei Tagen heftigen Bergregens. Er war die Grenzlinie.
Ich gehörte zu keinem von ihnen. Ich war eine Ausgestoßene. Ein Geist in einer abgetragenen Canvasjacke und schlammverschmierten Stiefeln, der auf dem schmalen Streifen neutraler Wildnis zwischen zwei Armeen lebte.
Ich schloss die Augen und atmete tief ein, sog die feuchte Bergluft in meine Lungen. Unter dem Geruch von nasser Erde und zerfallenen Kiefernnadeln nahm ich ihn wahr. Kupfer, Ozon und nasses Fell.
Meine Hand glitt instinktiv zu dem silbernen Jagdmesser, das an meinem Oberschenkel befestigt war. Als einsamer Wolf bedeutete Überleben, unsichtbar zu bleiben. Jeden Morgen trank ich meinen abscheulich schmeckenden Silberwurzeltee, um mein inneres Biest zu unterdrücken und meinen Geruch so schwach und menschlich wie möglich zu halten. Wenn eines der Rudel eine allein jagende Wölfin an seinen Grenzen entdeckte, würden sie keine Fragen stellen, bevor sie mir das Genick brachen.
Das scharfe Knacken eines toten Astes hallte über das Flussufer.
Ich presste meinen Rücken gegen den Kiefernstamm und zog die dunkle Kapuze tief über mein Gesicht. Durch den dichten Schleier aus grauem Nebel tauchten drei Gestalten am kiesigen Ufer auf.
Sie bewegten sich mit geschmeidiger Anmut. Wandler.
Sie trugen taktische, dunkelgraue Rüstungen, doch ihre Gesichter waren unbedeckt und zu einem wilden Grinsen verzogen. Silverfang-Vollstrecker. Ich erkannte das Tattoo eines schwarzen Wolfskopfes, das sich über den Hals ihres Anführers zog.
Sie waren auf der Jagd.
Dann sah ich ihre Beute.
Ein Mann taumelte auf der westlichen Seite des Flusses aus dem Wald. Er war riesig, breitschultrig und groß, und aus einer gezackten Wunde quer über seiner Brust floss reichlich Blut. Selbst hinkend und mit dunklem Blut überströmt, strahlte er eine erschreckende, arrogante Autorität aus. Sein dunkles Haar klebte an seiner Stirn, und seine Kleidung war völlig zerfetzt, von schweren Klauen zerrissen.
Ein Ironclaw. Und nicht irgendein einfacher Fußsoldat.
Das Mondlicht brach für einen kurzen Moment durch die Gewitterwolken und ließ die scharfen, harten Konturen seines Kiefers erkennen – ebenso wie das erschreckend kalte, bernsteingoldene Leuchten seiner Augen.
Mein Herz setzte einen heftigen Schlag gegen meine Rippen.
Gideon Sterling.
Der Erbe des Ironclaw-Konzernimperiums. Der rücksichtslose Alpha in Ausbildung, der in den vergangenen drei Jahren die Grenzen seines Rudels in eine eiserne Festung verwandelt hatte. Jeder Ausgestoßene in den Bergen kannte seinen Namen. Er war berüchtigt für seinen kalten, berechnenden Verstand und seinen völligen Mangel an Gnade.
Und jetzt verblutete er an einem kiesigen Flussufer.
„Gib auf, Sterling“, höhnte der Anführer der Silverfangs und watete durch das seichte Wasser am Ufer. „Deine Hightech-Grenzwachen werden heute Nacht nicht kommen. Alpha Silas will deinen Kopf auf einem Pfahl, bevor die Sonne aufgeht.“
Gideon wischte sich eine Mischung aus Regen und dunklem Blut aus den Augen. Sein bernsteinfarbener Blick heftete sich auf die drei Männer, die auf ihn zukamen. Ein tiefes, vibrierendes Knurren entwich seiner Kehle – ein Laut, so dunkel und ursprünglich, dass die Kiefernnadeln über meinem Kopf erzitterten.
„Dann hol ihn dir“, krächzte Gideon, seine Stimme rau wie Kies.
Die drei Silverfang-Wölfe sprangen gleichzeitig auf ihn zu.
Was folgte, war brutale, Übelkeit erregende Gewalt.
Gideon kämpfte wie ein in die Enge getriebener Dämon. Obwohl er schwer verletzt war, packte er den ersten Wolf an der Kehle und brach dem Vollstrecker mit einem widerlichen Knacken das Genick, bevor er den leblosen Körper in den reißenden Fluss schleuderte.
Doch seine Kräfte schwanden schnell.
Der zweite Angreifer rammte ihn in den Schlamm, während der Anführer eine gebogene Klinge zog, die matt und tödlich glänzte.
Silber.
Die Klinge sauste nach unten und bohrte sich direkt in Gideons Schulter.
Gideon stieß einen erstickten Schrei vollkommenen Schmerzes aus. Das brennende Gift des Metalls drang in seinen Blutkreislauf ein, und er brach auf die Knie zusammen. Seine Hände gruben sich in den nassen Kies, während das bernsteinfarbene Leuchten seiner Augen langsam erlosch.
Mir stockte der Atem.
Ich hasste die Ironclaws. Ich hasste alles, wofür Gideon Sterling stand – sein Geld, seine Macht, sein eiskaltes Konzernrudel.
Ich hätte mich umdrehen und in der Dunkelheit verschwinden sollen.
Es war nicht mein Kampf.
Geh weg, Lyra, sagte ich mir. Lass sie ihn töten. So bleibst du in Sicherheit.
Der Silverfang-Anführer hob die Silberklinge hoch über Gideons entblößten Hals. Ein siegessicheres Grinsen verzerrte sein Gesicht.
„Für das Rudel“, knurrte er.
Etwas in mir zerbrach.
Es war ein uralter, tief vergrabener Instinkt, der wie ein Lauffeuer durch die Unterdrückungsmittel in meinen Adern brach. Mein Blut brannte heiß und verwandelte sich in reine, flüssige Elektrizität.
Ich streifte meine menschliche Haut ab.
Knochen knackten und formten sich neu. Muskeln rissen und bildeten sich erneut. Meine Sicht wandelte sich von stumpfem Grau zu einem lebhaften, gestochen scharfen Infrarotbild. Die Canvasjacke fiel zu Boden, während ein dichtes, schweres Fell explosionsartig meine Haut bedeckte.
Ich brach aus dem Wald hervor – nicht als Frau, sondern als riesiger weißer Wolf.
Ich stieß mich vom schlammigen Ufer ab und flog über die Lücke zwischen den Bäumen und dem Flussufer. In der Luft prallte ich gegen den Silverfang-Anführer. Meine Kiefer schlossen sich um seine Kehle, bevor seine Silberklinge Gideons Haut berühren konnte.
Der Aufprall schleuderte uns beide auf den scharfkantigen Kies. Der Anführer wand sich unter mir, seine Augen vor purem Entsetzen geweitet, als er zu meinem Gesicht hinaufblickte.
Nicht, weil ich ihn tötete.
Sondern wegen dessen, was ich war.
Ein weißer Wolf.
Ein Geist der ausgestorbenen Königlichen Blutlinie.
Ein Anblick, den man im Blackwood Valley seit über zwanzig Jahren nicht mehr gesehen hatte.
Ich gab ihm keine Zeit zu schreien.
Ich biss mit voller Kraft zu und brach ihm das Genick.
Der letzte verbliebene Silverfang-Wolf schnappte erschrocken nach Luft und taumelte beim Anblick seines toten Anführers zurück. Er starrte auf mein schneeweißes Fell, das mit dem Blut seines Befehlshabers getränkt war, und wich rückwärts in den reißenden Fluss zurück. Dann wandte er sich um und rannte davon, zurück in die dunklen Wälder des Ostens.
Stille legte sich über das Ufer, unterbrochen nur vom schweren Prasseln des Regens und dem Rauschen des Flusses.
Ich stand über den toten Vollstreckern, meine Brust hob und senkte sich schwer, mein weißes Fell mit Blut bespritzt. Das Adrenalin begann nachzulassen und wurde von einer plötzlichen, Übelkeit erregenden Welle des Entsetzens überrollt.
Ich hatte mich verraten.
Ich hatte meine wahre Gestalt offenbart.
Ich drehte meinen schweren Wolfskopf und blickte auf den Mann, der hinter mir im Schlamm lag.
Gideon war kaum noch bei Bewusstsein. Sein Atem kam in abgehackten, keuchenden Stößen, während das Silbergift durch seine Wunde strömte. Seine bernsteinfarbenen Augen waren halb geschlossen, von Schmerz und Blut getrübt.
Er sah zu mir auf.
Als riesiger, blutüberströmter weißer Wolf trat ich näher und fixierte ihn mit meinen goldenen Augen.
Ich beugte mich hinunter, meine Nase strich über die warme, blutverschmierte Haut seiner unverletzten Schulter.
Ich wollte nur überprüfen, ob er noch atmete. Mehr nicht.
In dem Moment, in dem mein Fell seine Haut berührte, riss eine Schockwelle durch meine Seele.
Es fühlte sich an, als wäre ein Blitz direkt in meine Brust eingeschlagen und hätte mich auf die Knie gezwungen. Ein phantomartiges Feuer entzündete sich entlang meiner Wirbelsäule und zerriss unsichtbare Fäden tief in meinem Innersten.
Meine Wölfin stieß ein hohes, verzweifeltes Winseln aus und senkte den Kopf, während ein überwältigender, berauschender Duft meine Sinne überflutete – reichhaltiges Zedernholz, Regen und rohe, ursprüngliche Dominanz.
Gideons Augen rissen weit auf.
Der matte Schleier in seinem goldenen Blick war verschwunden und einer intensiven, erschreckend klaren Wachheit gewichen.
Seine zitternde Hand hob sich. Seine langen, blutverschmierten Finger vergruben sich tief in dem dichten weißen Fell an meinem Hals. Er zog mich ein wenig näher zu sich, während sich seine Brust hob und er meinen Geruch tief in seine Lungen sog.
„Du …“, krächzte Gideon.
Seine Stimme vibrierte direkt in meiner Seele und jagte einen heftigen Schauer über meinen Rücken.
Es war die Verbindung.
Der uralte, unausweichliche, erschreckende Schicksalsgefährtenbund.
Panik – reine, eisige Panik – überflutete meine Adern.
Ich riss den Kopf zurück und entzog mich seinem Griff. Meine Wölfin stolperte auf dem rutschigen Kies rückwärts, den Schwanz zwischen die Hinterläufe geklemmt, während ihr Herz wild gegen ihre Rippen hämmerte.
Nein.
Nein, nein, nein.
Ich konnte keinen Gefährten haben.
Schon gar nicht ihn.
Keinen Ironclaw-Alpha-Erben.
Nicht den Mann, dessen Familie mich einsperren, mir Blut abzapfen oder mein königliches Blut benutzen würde, um über das Tal zu herrschen.
Gideon versuchte, sich aufzurichten, und streckte im Dunkeln die Hand nach mir aus.
„Warte …“, keuchte er. Sein Körper zitterte, während das Silbergift ihn immer tiefer in die Bewusstlosigkeit zog. „Geh … nicht …“
Seine Augen verdrehten sich, und er fiel mit dem Gesicht voran in den Schlamm.
Reglos.
Still.
Ich stand am Flussufer und zitterte heftig im eiskalten Regen.
Der Gefährtenbund zog an meiner Brust wie eine schwere Eisenkette und schrie förmlich danach, dass ich zu ihm ging, seine Wunden leckte und das beschützte, was nun mir gehörte.
Stattdessen drehte ich mich um, stieß mich vom blutverschmierten Kies ab und floh tief hinein in die dunklen, schweigenden Bäume.