Meine Hände zitterten so heftig, dass der hölzerne Becher gegen meine Zähne klapperte. Ich saß auf dem Boden meiner versteckten Hütte, in eine dicke Wolldecke gehüllt, und beobachtete, wie das graue Licht der Morgendämmerung durch die Ritzen der hölzernen Fensterläden kroch.
Der Sturm war vorübergezogen und hatte einen schweren, erdrückenden Nebel zurückgelassen, der sich an die Bergkiefern klammerte. Doch keine noch so große Menge Regen konnte die phantomartige Hitze fortwaschen, die entlang meines Schlüsselbeins brannte.
Der Gefährtenbund.
Er pulsierte unter meiner Haut wie ein zweiter Herzschlag – stetig, beharrlich und erschreckend lebendig. Selbst jetzt, kilometerweit vom Fluss entfernt, konnte ich den schwachen, entfernten Zug seiner Gegenwart spüren. Ein goldener Faden, der meine Seele an einen sterbenden Alpha-Erben band.
„Du bist eine Idiotin, Lyra“, murmelte ich vor mich hin und presste meine Handballen gegen meine Augen. „Eine rücksichtslose, selbstmörderische Idiotin.“
Ich hatte in einer einzigen Nacht jede Überlebensregel gebrochen. Ich hatte meine wahre Gestalt angenommen, mein weißes Fell offenbart, einen Silverfang-Vollstrecker getötet und mich versehentlich an Gideon Sterling gebunden.
Wenn mein Onkel, Alpha Silas, herausfand, dass eine königliche Wölfin an seiner Grenze lebte, würde er sein gesamtes Rudel schicken, um mich in Ketten zurückzuschleifen. Wenn die Ironclaws davon erfuhren, würden sie mich als politisches Druckmittel benutzen.
Ich musste fort.
Heute.
Ich warf die Decke ab und begann, meine wenigen Habseligkeiten in einen Canvas-Rucksack zu stopfen: zwei zusätzliche Hemden, meine Leder-Trackingstiefel, getrocknetes Fleisch und jedes Bündel Silberwurzelkraut, das ich besaß. Ich würde nach Norden gehen, weit über das Blackwood Valley hinaus, in die tiefe Wildnis, wo mich keine Rudelhierarchie jemals erreichen konnte.
Ich schnallte mein silbernes Jagdmesser an meinen Oberschenkel, zog meinen dunklen Mantel an und warf mir den Rucksack über die Schulter.
Ich warf einen letzten Blick auf die kleine Hütte, die drei Jahre lang mein Zufluchtsort gewesen war. Dann entriegelte ich die schwere Holztür und trat hinaus in den Morgennebel.
Der Wald war vollkommen still.
Keine Vögel zwitscherten in den hohen Ästen. Kein Nagetier raschelte in den feuchten Kiefernnadeln. Das gedämpfte, natürliche Summen des Berges war von einer unheimlichen, künstlichen Stille verschluckt worden.
Mein Blut gefror.
Wandler.
Ich ging in die Hocke, während meine Hand instinktiv zum Griff meines Messers glitt. Die Luft war erfüllt vom Geruch feuchter Erde und Kiefern. Darunter lag ein scharfer, metallischer Geruch, der einen Alarmstoß direkt durch meine Wirbelsäule jagte.
Taktisches Ozon. Schweres Leder. Reine, erdrückende Dominanz.
Bevor ich rückwärts ins Unterholz springen konnte, tauchten vier dunkle Gestalten aus dem dichten Nebel auf und umzingelten meine Hütte in einem weiten, präzisen Kreis.
Sie trugen weder die Pelzgewänder noch die Knochenamulette der Silverfangs. Stattdessen waren sie in elegante, dunkelgraue taktische Rüstungen gekleidet und mit schallgedämpften Militärkarabinern und Waffen mit Silbermunition bewaffnet.
Auf der Brustplatte jedes Wächters prangte ein eingeprägtes Emblem: ein Wolfskiefer aus Stahl, der sich um einen Amboss schloss.
Die Vollstrecker des Ironclaw-Rudels.
„Nicht bewegen“, befahl eine tiefe, mechanisch klingende Stimme hinter einem dunklen Visier. „Hände dorthin, wo wir sie sehen können, Ausgestoßene.“
Langsam hob ich meine Hände auf Schulterhöhe, während meine Gedanken rasten.
Wie hatten sie mich gefunden?
Ich trank doch Silberwurzel!
Mein Geruch sollte nicht wahrnehmbar sein.
„Ich befinde mich auf neutralem Boden“, sagte ich und hielt meine Stimme ruhig und gleichmäßig, obwohl ich das Zittern in meiner Brust zu verbergen versuchte. „Ihr habt hier keine Befugnis, Ironclaws.“
Der Anführer der Wachen antwortete nicht. Er trat einfach zur Seite und nahm Haltung an, bevor er stramm salutierte.
Aus den Schatten der nebelverhangenen Baumgrenze trat eine große Gestalt.
Er war nicht länger mit Flussschlamm bedeckt und trug auch keine zerrissene Kleidung mehr. Stattdessen trug er einen makellos geschnittenen, dunkel anthrazitfarbenen Anzug über einem schwarzen Hemd, das perfekt an seinen breiten Schultern saß. Unter seinem geöffneten Kragen war ein dickes, makellos weißes Verbandspaket zu sehen, das die Wunde von der Silberklinge bedeckte.
Gideon Sterling.
Er sah erholt, gefährlich und … atemberaubend aus.
Doch es war sein Gesicht, das mir die Luft aus den Lungen presste. Die kalte, berechnende Beherrschung des Ironclaw-Erben war vollständig zurückgekehrt.
Bis auf seine Augen.
Seine Augen waren von einem intensiven, brennenden Bernstein, erfüllt von einem raubtierhaften Leuchten, während sie sich direkt auf meine richteten.
Der unsichtbare Faden in meiner Brust spannte sich mit einem Ruck an und schickte eine so gewaltige Hitzewelle durch meinen Körper, dass ich laut nach Luft schnappte und einen halben Schritt zurückwich.
Gideons Kiefer spannte sich an. Seine breite Brust hob sich, als er scharf durch die Nase einatmete und meinen schwachen Geruch aus der Morgenluft in sich sog.
Er kam näher. Seine Stiefel knirschten leise auf dem frostbedeckten Gras.
Die vier taktischen Wachen richteten ihre Waffen neu aus, doch Gideon hob eine einzige behandschuhte Hand, um sie aufzuhalten.
„Lasst uns allein“, befahl Gideon.
Seine Stimme war ein tiefes, samtiges Raunen, das direkt durch meine Haut vibrierte.
„Sir“, zögerte der Anführer der Wachen. „Die Ausgestoßene könnte gefährlich sein.“
„Ich sagte, geht.“
Gideon knurrte die Worte, und die Alpha-Macht in seiner Stimme war so absolut, dass selbst die ausgebildeten Wachen sichtbar zusammenzuckten. Sie zogen sich hastig in den Nebel zurück, um einen größeren Sicherheitsring zu bilden.
Stille legte sich über die Lichtung.
Dicht und erdrückend.
Gideon blieb etwa anderthalb Meter von mir entfernt stehen. Aus der Nähe konnte ich ihn riechen: Zedernholz, frischer Herbstregen und der schwache, süße Duft meiner eigenen Wolfsmagie, der an seiner Haut haftete.
„Du bist schnell, kleiner Wolf“, murmelte Gideon, während seine bernsteinfarbenen Augen über meinen Körper glitten und meine Canvasjacke, meinen Rucksack und das Messer an meinem Oberschenkel musterten. „Am Fluss hätte ich beinahe deine Spur verloren.“
„Du hättest mir überhaupt nicht folgen sollen“, fauchte ich und blieb stehen, obwohl mein Herz wie ein gefangener Vogel gegen meine Rippen hämmerte. „Ich habe dir das Leben gerettet. Du schuldest mir einen Vorsprung, keinen Trupp bewaffneter Soldaten.“
„Du hast mir das Leben gerettet?“
Gideon machte einen weiteren Schritt nach vorn und verringerte die Distanz zwischen uns, bis ich den Kopf in den Nacken legen musste, um ihm in die Augen zu sehen.
„Du hast zwei Silverfang-Vollstrecker getötet, einem Captain das Genick gebrochen und bist wie ein Geist in der Nacht verschwunden.“
Er streckte die Hand aus.
Ich zuckte zusammen, doch er griff nicht nach meiner Waffe.
Seine langen, von Leder umhüllten Finger erfassten sanft eine lose Strähne meines dunklen Haares, die mir ins Gesicht gefallen war, und strichen sie hinter mein Ohr.
Seine Knöchel streiften meinen Wangenknochen, und dort, wo seine Haut meine berührte, schoss ein Funke reinen, elektrischen Feuers durch meine Adern.
Mir entwich ein leises, unwillkürliches Keuchen.
Ein dunkles, gefährliches Lächeln umspielte Gideons Mundwinkel.
„Du kannst den gesamten Silberwurzeltee des Tals trinken, Lyra“, flüsterte Gideon, seine Stimme sank zu einem tiefen, vertrauten Schnurren. „Du kannst deinen Geruch vor jedem Wolf in diesen Bergen verbergen. Aber vor mir kannst du dich nicht verstecken.“
Er kannte meinen Namen.
Panik flammte in meiner Brust auf.
„Wie?“
Gideon griff in seine Anzugjacke und zog ein kleines, durchsichtiges Glasfläschchen hervor. Darin befand sich ein einziges, schneeweißes Wolfshaar, dessen Wurzel mit seinem eigenen Blut befleckt war.
„Der Bund lügt nicht“, sagte Gideon leise, während sein goldener Blick sich in meinen brannte. „Als dein Blut am Flussufer mein Blut berührte, hast du meine Seele gezeichnet. Ich könnte dir bis ans Ende der Welt folgen.“
Ich verengte die Augen und ließ meine Hand zu meinem Messergriff sinken.
„Und was jetzt, Sterling? Willst du mich in einen Silberkäfig sperren? Mich deinem Alpha-Vater ausliefern?“
„Mein Vater will den Konflikt mit den Silverfangs nutzen, um sich die Rechte an den Bodenschätzen der Berge zu sichern“, sagte Gideon, seine Stimme wurde kalt wie Eisen. „Er glaubt, ich sei von einer gewöhnlichen Spähertruppe überfallen worden. Er weiß nicht, dass eine weiße Wölfin mein Leben gerettet hat. Er weiß nicht, dass die Königliche Blutlinie noch lebt.“
Ich versteifte mich.
„Wenn du weißt, was ich bin, dann weißt du auch, warum ich gehen muss. Dein Rudel und das Rudel meines Onkels werden dieses Tal zerstören, nur um mir ein Halsband anzulegen.“
„Dann lass sie nicht“, sagte Gideon schlicht.
Er trat zurück und hielt mir die Hand entgegen. Auf seinem schweren silbernen Siegelring fing das Ironclaw-Wappen das schwache Morgenlicht ein.
„Mein Vater hat in drei Tagen einen Friedensgipfel mit Alpha Silas in der High Ridge Lodge arrangiert“, erklärte Gideon, während sein Blick sich mit absolutem Ernst in meinen bohrte. „Silas will einen Vertrag erzwingen, der die Macht zwischen den beiden alten Alphas konsolidiert. Die einzige Möglichkeit, ihre Kontrolle zu brechen und einen offenen Krieg zu verhindern, der jeden Ausgestoßenen in diesen Wäldern abschlachten würde, besteht darin, sie zu überraschen.“
„Wie?“, fragte ich.
„Indem wir gemeinsam auf diesem Gipfel erscheinen“, sagte Gideon. „Du kommst mit mir zum Ironclaw-Anwesen. Du trägst feine Seide, stehst an meiner Seite und gibst vor, meine auserwählte Gefährtin zu sein. Eine politische Allianz, die beide Rudel in eine Pattsituation zwingt.“
„Einen Gefährtenbund vortäuschen?“, spottete ich, obwohl meine Seele bei dem Wort vortäuschen aufschrie. „Mit dir? Bist du verrückt? Der Bund ist echt, Gideon. Wenn wir uns zu nahekommen, wenn wir dieses Spiel vor zwei feindseligen Rudeln spielen, werden wir nicht dagegen ankämpfen können.“
„Dann kämpfe nicht dagegen an“, flüsterte Gideon und machte einen Schritt näher.
Seine große Gestalt ragte über mir auf – warm, dunkel und überwältigend.
„Hilf mir, unsere Väter zu stürzen, Lyra. Hilf mir, dieses Tal zu beschützen. Im Gegenzug gebe ich dir mein Wort als Alpha: Sobald der Vertrag gebrochen ist, werde ich dir deine Freiheit geben, und kein Wolf wird jemals wieder Jagd auf dich machen.“
Ich starrte auf seine ausgestreckte Hand.
Es war ein Pakt mit dem Teufel.
Das Ironclaw-Anwesen zu betreten bedeutete, direkt in die Höhle des Löwen zu gehen.
Doch wegzulaufen bedeutete, für den Rest meines Lebens gejagt zu werden.
Ich schluckte schwer und sah in seine brennenden bernsteinfarbenen Augen.
„Keine Käfige. Keine Befehle. Wir sind hierbei gleichgestellt.“
„Gleichgestellt“, stimmte Gideon leise zu.
Ich holte tief Luft und streckte meine Hand aus, um meine nackte Handfläche in seine zu legen.
In dem Moment, in dem sich unsere Handflächen berührten, schoss eine Welle flüssiger Hitze meinen Arm hinauf und ließ meine Knie nachgeben.
Gideon fing mich mühelos an der Taille auf und zog meinen Körper eng an seine Brust. Sein kräftiger Arm schlang sich wie ein Eisenband um mich und hielt mich sicher an ihn gepresst.
Für einen Moment senkte sich sein Kopf. Seine Lippen streiften die empfindliche Haut direkt unter meinem Kiefer, während er tief meinen Duft einatmete.
„Gott, du riechst unglaublich“, presste er gegen meine Haut hervor und verstärkte seinen Griff.
Bevor ich antworten konnte, heulte ein lauter, schriller Alarm aus dem taktischen Funkgerät, das an der Schulter des Anführers befestigt war.
Der Wachmann brach durch den Nebel, sein Gesicht blass, die Waffe erhoben.
„Commander Sterling. Wir haben einen Durchbruch an der äußeren Absperrung.“
Gideon riss den Kopf hoch. Seine Augen blitzten gefährlich golden auf, während er weiterhin einen Arm fest um meine Taille gelegt hielt.
„Bericht.“
„Es sind keine Silverfang-Vollstrecker, Sir“, rief der Wachmann gegen das Rauschen des Funkgeräts an. „Es ist der Hohe Rat aus der Hauptstadt. Ihr Vater hat Ihren Standort verraten. Er hat ihnen gesagt, Sie seien von einer Ausgestoßenen kompromittiert worden.“
Durch die Bäume hallte das schwere, rhythmische Dröhnen von drei taktischen Militärhubschraubern durch das Tal. Blendende Suchscheinwerfer schnitten direkt über meiner Hütte durch den dichten Morgennebel.
Eine kalte, mechanische Stimme dröhnte vom Himmel über uns:
„Gideon Sterling, leisten Sie keinen Widerstand. Auf Befehl des Alpha-Rates ist die weiße Ausgestoßene in Ihrem Besitz unverzüglich zu eliminieren.“