Der Preis des Verrats

1374 Words
Die Hubschrauber ließen die Kiefern erzittern und schleuderten eiskalte Kondenswassertröpfchen in mein Gesicht. „…mit sofortiger Wirkung eliminiert.“ Die Stimme vibrierte in meinem Brustbein. Die Ironclaw-Wachen gingen auf ein Knie, ihre Karabiner auf den Himmel gerichtet, doch ihre Haltung war vor Panik starr. Die Vollstrecker des Hohen Rates aus der Hauptstadt waren keine gewöhnlichen Soldaten; sie waren Elite-Henker. Gideon zuckte nicht einmal mit der Wimper. Stattdessen verstärkte er seinen Griff um meine Taille und zog mich an sich. Die Wärme seines Körpers brannte durch meinen Canvas-Mantel, während die Partnerbindung wie wild pulsierte und verlangte, dass ich mich noch enger an ihn schmiegte. „Gideon“, keuchte ich und packte sein Revers. „Dein Vater … er hat dich verraten.“ „Er hat mich nicht nur verraten“, knurrte Gideon, seine Stimme sank in eine Tonlage, die mehr nach Wolf als nach Mensch klang. „Er hat die Falle gestellt.“ „Commander!“, brüllte der Anführer über das Dröhnen der Rotorblätter hinweg. „Die Einsatzteams seilen sich am westlichen Bergrücken ab. In dreißig Sekunden haben sie uns umzingelt!“ „Zum gepanzerten Transporter“, befahl Gideon. „Bildet einen Verteidigungsring. Nicht feuern, solange sie nicht das Feuer eröffnen.“ „Sir“, zögerte der Wachmann. „Der Rat hat ihre Hinrichtung angeordnet. Wenn wir eine Streunerin verteidigen, wird Ihr Vater uns aus dem Dienst entfernen …“ „Mein Vater ist nicht hier“, fuhr Gideon ihn an. Seine Alpha-Stimme traf den Soldaten wie eine körperliche Ohrfeige. „Ich bin euer Commander. Bewegt euch!“ Der Wachmann zuckte zusammen und sprintete zum Fahrzeug. Gideon wandte sich mir zu, seine Hand umfasste meinen Nacken. Sein Daumen lag auf meinem Puls und spürte den hektischen, rasenden Rhythmus meines Blutes. „Kannst du laufen?“, fragte er, seine goldenen Augen brannten. „Ich kann kämpfen“, fauchte ich und zog meine Silberklinge. „Nicht gegen fünfzig gepanzerte Henker“, erwiderte Gideon gelassen. Bevor ich protestieren konnte, hob er mich einfach auf seine Arme. „Heb dir deinen Kampf für meinen Vater auf.“ „Lass mich runter, Sterling!“, schrie ich. „Ich habe Beine!“ „Und ich habe einen kugelsicheren Transporter“, erwiderte er und sprintete mit beängstigender Geschwindigkeit durch das Unterholz. Er wich Felsbrocken und Ästen aus, ohne auch nur einen Schritt langsamer zu werden. Hinter uns ertönte ein lautes Knacken. Taktische Seile hingen aus den schwarzen Bäuchen der Hubschrauber. „Ziel erfasst!“, rief eine Stimme aus dem Nebel. „Der Erbe versteckt die Streunerin. Schaltet sie aus. Setzt den Erben außer Gefecht, falls nötig.“ Den Erben außer Gefecht setzen. Mein Blut gefror. Sie waren nicht nur wegen mir hier; Gideons Vater hatte angeordnet, seinen eigenen Sohn mit Gewalt festzusetzen. Ein Hagel silberspitziger Pfeile zischte durch die Luft und bohrte sich mit scharfen Klack! in die Bäume. Gideon duckte sich hinter eine gewaltige Eiche, seine Brust hob und senkte sich schwer. Ich roch den scharfen, metallischen Geruch von frischem Blut, das unter seinem Verband hervorquoll. Die Anstrengung, mich zu tragen, zusammen mit der noch nicht verheilten Wunde vom Fluss, riss sein Fleisch wieder auf. „Gideon, du blutest“, flüsterte ich und legte meine Hand an seinen Kragen. In dem Moment, in dem meine Haut die offene Wunde berührte, loderte die Partnerbindung auf. Ein elektrischer Hitzestoß schoss von meiner Handfläche in seine Brust. Gideon stieß einen scharfen, rauen Laut aus – „Hnn!“ – und sein Kopf prallte gegen die Baumrinde. Die Erschöpfung in seinem Gesicht glättete sich augenblicklich. Meine königliche Magie floss in seine Adern, dämpfte seinen Schmerz und schoss wie rohes Feuer durch seine Glieder. Gideon sah mich mit weit aufgerissenen Augen an. „Was hast du gerade getan?“ „Ich habe es dir gesagt“, hauchte ich, mein Herz raste. „Ich bin kein Trophäenweibchen. Und jetzt stell mich auf meine Füße.“ Er ließ mich herunter, doch seine Hand blieb fest an meinem unteren Rücken. Zehn Meter entfernt stand die mattschwarze Silhouette eines gepanzerten SUVs mit laufendem Motor. Die Wachen hatten Stellung bezogen, ihre Waffen auf den näher kommenden Nebel gerichtet. „Macht den Weg frei!“, brüllte Gideon und zog eine silber-schwarze Pistole. Er trat hinter der Eiche hervor und gab drei präzise Schüsse ab. Peng! Peng! Peng! Drei Henker brachen zwischen den Farnen zusammen. Ich schoss an seine Seite, meine Klinge fing das Licht der Suchscheinwerfer ein. Ein Soldat stürzte sich mit erhobenem Elektroschocker auf mich. Ich duckte mich unter dem Schlag weg, rammte ihm die Schulter gegen die Brust, um ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen, und fegte ihm die Beine weg. Noch bevor er in den Schlamm fiel, schlug ich ihm den Griff meines Messers gegen das Visier. Krach! „Rein. Sofort!“, rief Gideon und riss die verstärkte Hintertür auf. Ich kletterte hinein und zog meinen Rucksack hinter mir her. Gideon warf sich hinein und schlug die Tür zu, gerade als ein weiterer Hagel silberner Pfeile nutzlos gegen das kugelsichere Glas prasselte. Der Fahrer trat aufs Gaspedal. Der Motor heulte auf und das Fahrzeug ruckte nach vorn, durchbrach junge Bäume und raste mit halsbrecherischer Geschwindigkeit auf die schlammige Forststraße. Im Inneren des Wagens legte sich eine schwere Stille über uns. Ich sank in den Ledersitz, keuchend, meine Fingerknöchel weiß um den Griff meines Messers. Mein Canvas-Mantel war zerrissen und mit Schmierfett verschmiert – ein krasser Gegensatz zu dem luxuriösen Innenraum. Neben mir lehnte Gideon sich zurück, die Augen geschlossen, und atmete tief und kontrolliert. Langsam öffnete er seine bernsteinfarbenen Augen. „Du hast mich geheilt“, sagte er leise. „Ich habe dich nicht geheilt“, log ich und wandte den Blick ab. „Ich habe nur … deine Alpha-Widerstandskraft verstärkt. Das ist eine Eigenschaft der königlichen Blutlinie.“ „Es fühlte sich wie Feuer an“, murmelte Gideon. Er streckte die Hand über den Abstand zwischen uns und schloss seine behandschuhten Finger um mein Handgelenk. Die Hitze seiner Berührung ließ mich scharf einatmen. „Du hast mich schon wieder gerettet, Lyra.“ „Damit schuldest du mir jetzt zweimal etwas, Sterling“, sagte ich und versuchte, meine Stimme kühl zu halten. „Wo fahren wir hin?“ „Zur Zitadelle“, sagte Gideon, und sein Gesichtsausdruck wurde tödlich. „Mein Vater glaubt, er hätte gerade dein Todesurteil unterschrieben. Er glaubt, der Rat würde sich um das Problem kümmern, während er sich darauf vorbereitet, die Grenze an Silas zu übergeben.“ „Und wenn wir lebendig in seinem Sitzungssaal auftauchen?“ Ein langsames, beängstigendes Lächeln erschien auf Gideons Lippen. „Dann führen wir eine feindliche Übernahme durch.“ Zwei Stunden lang fuhren wir den Berg hinunter. Die wilden Kiefern wichen asphaltierten Straßen und Hochsicherheitskontrollen. Dies war das westliche Territorium – kein Wald, sondern eine industrielle Festung. Wolkenkratzer ragten aus dem Talboden empor und leuchteten unter den Neonlichtern der Sicherheitsanlagen. Der Geruch von Kiefern wurde von Ozon, Diesel und kaltem Stahl verdrängt. Das Fahrzeug fuhr in die unterirdische Garage der Ironclaw-Zitadelle, eines Turms aus schwarzem Glas, der die gesamte Skyline beherrschte. „Wir sind da“, sagte Gideon. Er betrachtete meinen schlammverschmierten Mantel und mein zerzaustes Haar. „Meine privaten Gemächer befinden sich im obersten Stockwerk. Du hast eine Stunde, um dich zu waschen und vorzubereiten.“ „Auf was?“ „Mein Vater hält eine Notfall-Vorstandssitzung ab“, sagte Gideon und streckte mir die Hand entgegen. „Er verkündet mein ‚Verschwinden‘ und erklärt den Silverfangs den Krieg.“ Ich nahm seine Hand und trat auf den polierten Marmorboden. Der Kontrast zwischen meinem Leben in den Bergen und dieser sterilen Welt war überwältigend. „Und was soll ich tun?“ Gideon beugte sich zu mir herab, seine bernsteinfarbenen Augen bohrten sich in meine. „Du wirst an meinem Arm in diesen Sitzungssaal marschieren“, flüsterte er. „Du wirst die Farben des Ironclaw-Erben tragen, meinem Vater in die Augen sehen und jeder Familie in diesem Tal zeigen, dass die königliche Blutlinie nicht zurückgekehrt ist, um um Frieden zu betteln …“ Er machte eine Pause, ein bösartiger Glanz trat in seine Augen. „…Sie ist gekommen, um sich die Krone zu holen.“
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