Penthouse

1685 Words
Die Penthouse-Suite an der Spitze der Ironclaw-Zitadelle fühlte sich weniger wie ein Zuhause und mehr wie eine Festung an. Unter mir erstreckte sich durch die Fenster das industrielle Tal wie ein leuchtendes Gitter aus Stahl, Neon und Rauch. Ich stand in der Mitte des riesigen Marmorbadezimmers, der Dampf der Wasserfall-Dusche haftete noch immer an den kalten Spiegeln. Auf der Granitablage lagen die Kleidungsstücke, die Gideo​​ns persönliche Bedienstete mir gebracht hatten. Es gab keine Wolle, keine Leinwand und keinen Bergschlamm. An ihrer Stelle lag ein Kleid aus nachtblauer Seide, glatt und schwer, mit dezenten silbernen Stickereien entlang der Verstärkung des Mieders. Daneben lag ein Paar silberner Dolche, schlanke, taktische Klingen, die dafür entwickelt worden waren, in mit Samt ausgekleideten Unterarmscheiden verborgen zu werden. Sie wollten nicht nur, dass ich wie eine Dame des hohen Hofes aussah. Sie wollten, dass ich wie eine Waffe aussah. Ich strich mit meinen Fingern über die kalte Seide, mein Herz schlug einen unregelmäßigen Rhythmus gegen meine Rippen. Drei Jahre lang hatte ich mich hinter matten Farben und unterdrückenden Kräutern versteckt und so getan, als wäre ich nichts weiter als ein Geist im Wald. Mich so zu kleiden und ins Licht der hohen Familien zu treten bedeutete, mein Heiligtum niederzubrennen. Es gibt kein Zurück, sagte ich mir und umklammerte den Rand des Marmorspülbeckens. Wenn du jetzt davonläufst, werden sie dich für immer jagen. Ich zog das Kleid an. Die Seide passte wie eine zweite Haut, zunächst kalt, dann warm an meinem Fleisch. Sie schmiegte sich um meine Taille und fiel gerade bis zum Boden, mit einem hohen Schlitz am linken Oberschenkel, der schnelle Bewegungen erlaubte. Ich befestigte die verborgenen Klingenscheiden an meinen Unterarmen, schob die silbernen Dolche hinein, bevor ich die langen, spitz zulaufenden Seidenärmel darüberzog. Als ich in den Spiegel sah, stockte mir der Atem. Mein dunkles Haar war zu einem kunstvollen Zopf hochgesteckt, der mit silbernem Faden gebunden war. Meine goldenen Augen, nicht länger durch Silberwurzeltee getrübt, brannten hell und klar gegen meine blasse Haut. Ich sah nicht mehr wie eine Ausgestoßene aus. Ich sah aus wie das Blut der Königlichen Linie. Die schweren Doppeltüren der Suite klickten auf. Ich trat aus dem Badezimmer in die private Lounge. Gideon wartete nahe der Glaswand und blickte über die Stadt. Er hatte sich in einen maßgeschneiderten dreiteiligen Anzug aus anthrazitfarbener Wolle gekleidet, makellos und scharf genug, um daran zu bluten. Der weiße Verband unter seinem dunklen Hemd war verborgen, seine Haltung aufrecht, imposant und absolut. Als meine Absätze auf dem Marmor klackten, drehte Gideon sich um. In dem Moment, in dem seine bernsteinfarbenen Augen mich trafen, erstarrte er. Die kalte Maske des Konzernkommandanten glitt vollständig ab. Sein Blick glitt über die dunkle Seide meines Kleides hinunter und verweilte auf der freiliegenden Haut meiner Kehle, bevor er zu meinen Augen zurückschnellte. Sein Kiefer verspannte sich fest, seine breite Brust hob sich, als er scharf und tief durch seine Nase einatmete. Durch das Band schoss eine Welle reiner, schwerer Hitze zwischen uns, intensiv, besitzergreifend und erfüllt von dunklem Verlangen. „Lyra“, krächzte Gideon. Seine Stimme war ein tiefes Knurren, das direkt bis zum Mark meiner Knochen vibrierte. „Besteht es die Inspektion, Commander?“, fragte ich und hielt mein Kinn hoch, obwohl mein Puls unter seinem intensiven Blick schneller wurde. Gideon ging auf mich zu, seine schweren Stiefel klangen wie ein langsamer Countdown auf dem Marmor. Er hielt erst an, als er direkt vor mir stand, seine große Gestalt blockierte das Licht der Stadt unter uns. Er streckte die Hand aus, seine nackten Finger strichen über die nackte Haut meiner Schulter, direkt über dem Seidenausschnitt. Wo seine Haut meine berührte, entzündeten sich unsichtbare Funken. Mein Atem stockte, meine Hände ruhten instinktiv auf den Revers seines dunklen Anzugs. „Du siehst atemberaubend aus“, flüsterte Gideon, sein Daumen zeichnete die scharfe Linie meines Schlüsselbeins nach. Seine goldenen Augen flammten mit einem urtümlichen Licht auf. „Der Vorstand meines Vaters wird entsetzt sein.“ „Gut“, sagte ich leise und sah in seine Augen. „Denn ich beabsichtige, ihnen einen Grund dafür zu geben.“ Gideon lächelte, eine Krümmung seiner Lippen, die meinen Magen umdrehte. Er streckte mir seinen Arm entgegen. „Die Vorstandssitzung begann vor zehn Minuten. Es ist Zeit, die Trauerrede meines Vaters zu unterbrechen.“ Ich nahm seinen Arm und schob meine Hand in die Beuge seines Ellbogens. Die Wärme seines Körpers strahlte durch den feinen Stoff, ein stetiger Halt in dem Sturm, in den wir gleich hineingehen würden. Wir nahmen den privaten Aufzug für Führungskräfte dreißig Stockwerke nach unten. Die Stille innerhalb der gläsernen Kabine war schwer, aufgeladen mit der unausgesprochenen Spannung des Bandes und der unmittelbar bevorstehenden gewaltsamen Konfrontation, die uns unten erwartete. Als sich die Aufzugtüren öffneten, nahmen die beiden bewaffneten Wachen vor den Türen des großen Sitzungssaals aus Mahagoni sofort Haltung an. Als sie Gideon erkannten, wurden ihre Gesichter geisterhaft blass. „C-Commander Sterling“, stotterte die Wache, seine Hand schwebte nahe seiner Seitenwaffe. „Sie … Ihr Vater hat Sie an der Grenze als vermisst gemeldet …“ „Tretet beiseite“, befahl Gideon, seine Stimme sank in jene furchterregende Alpha-Tonlage, die keinen Raum für Diskussion ließ. Die Wache schluckte schwer, trat sofort zurück und drückte ihre Handfläche gegen das biometrische Schloss. Die massiven Doppeltüren entriegelten sich mit einem schweren mechanischen Klicken. Im Inneren der großen Ratskammer saßen dreißig hochrangige Rudelfunktionäre, Clanälteste und Vorstandsmitglieder eines Konzerns um einen kolossalen Tisch aus poliertem schwarzem Granit. Am Kopfende des Tisches stand Alpha Marcus Sterling, Gideo​​ns Vater. Marcus war eine ältere Version von Gideon, breitschultrig mit ergrauendem dunklem Haar und kalten, rücksichtslosen grauen Augen. Er hielt ein Glas bernsteinfarbenen Whiskey in der Hand, mitten im Satz, seine Stimme dröhnte durch die Lautsprecher: „…und so übernehme ich in der tragischen Abwesenheit meines Sohnes das direkte Kommando über die taktischen Grenztruppen, um eine großangelegte Offensive gegen … zu starten.“ Gideon stieß die schweren Türen auf, das Holz schlug mit einem ohrenbetäubenden Geräusch gegen die Steinwände. Der gesamte Raum verfiel in Schweigen. Dreißig Köpfe schnellten zum Eingang. Flüstern brach sofort wie ein Schwarm wütender Hornissen aus, als die Vorstandsmitglieder den Erben erkannten, von dem sie dachten, er sei tot. „Gideon?“, hauchte Alpha Marcus und ließ sein Glas fallen. Der Whiskey zerschellte auf dem Marmorboden, aber der alte Alpha sah nicht nach unten. Seine grauen Augen waren auf seinen Sohn gerichtet und wanderten dann langsam zu mir. Gideon ging mit langsamer, bewusster Autorität in den Raum, sein Arm fest mit meinem verschlungen. Jeder Blick im Raum folgte uns und nahm meine mitternachtsblaue Seide, meine goldenen Augen und die unverkennbare, dominante Präsenz von uns beiden wahr, die Seite an Seite gingen. „Du bist spät zu deiner Rede, Vater“, sagte Gideon glatt, seine Stimme hallte von den hohen Decken wider. „Obwohl ich sehe, dass du keine Zeit damit verschwendet hast, meinen Nachruf zu schreiben.“ Marcus richtete seine dunklen Manschetten, sein Gesicht verhärtete sich zu einer Maske kalter Wut, während er ein enges, künstliches Lächeln erzwang. „Gideon. Du überlebst einen Silverfang-Hinterhalt und dennoch kommst du unangekündigt hier herein. Du solltest in der Krankenstation sein.“ „Mir geht es gut“, sagte Gideon und blieb zehn Fuß vom Kopfende des Tisches entfernt stehen. Er ließ meinen Arm nicht los. „Und ich habe den Grund mitgebracht, warum ich überlebt habe.“ Ein alter Clanältester mit tiefen Narben über seinem Hals beugte sich vor, seine dunklen Augen auf mich gerichtet. „Wer ist dieses Mädchen, Gideon? Sie trägt keinen Ironclaw-Geruch. Ist sie eine Ausgestoßene aus der neutralen Zone?“ „Sie ist nicht nur eine Ausgestoßene“, verkündete Gideon, seine Stimme erklang mit absoluter Klarheit und traf die Ratsmitglieder wie ein körperlicher Schlag. „Sie ist Lyra Vance. Tochter der Königlichen Linie, rechtmäßiges Blut des Berges …“ Gideon drehte sich leicht, seine Hand bewegte sich, um fest auf meinem unteren Rücken zu ruhen, und zog mich einen halben Zoll näher. „…und sie ist meine vom Schicksal bestimmte Gefährtin.“ Keuchen hallte durch den Sitzungssaal. Zwei Führungskräfte standen tatsächlich vor Schock von ihren Stühlen auf. Alphas Marcus’ Gesicht wurde gewalttätig dunkelrot. „Schweigen“, brüllte er und schlug seine schwere Faust auf den Granittisch. „Die königliche Blutlinie wurde vor zwanzig Jahren ausgelöscht. Sie ist eine Straßenratte, eine Ablenkung und eine illegale Eindringlingin.“ Marcus zog eine silberne Seitenwaffe aus seinem Schulterholster und richtete den Lauf direkt auf meine Stirn. „Wachen. Eskortiert diese Ausgestoßene vom Gelände oder erledigt sie.“ Die Wachen nahe den Türen zögerten und blickten nervös zwischen dem alten Alpha und dem jungen Commander hin und her. Ich wartete nicht darauf, dass sie eine Entscheidung trafen. Bevor Marcus den Abzug ziehen konnte, trat ich von Gideo​​ns Seite hervor. Meine Wolfsmagie schoss wie reiner flüssiger Blitz durch meine Adern. Ich griff nach unten, zog einen meiner verborgenen silbernen Dolche und warf ihn mit blendender, übernatürlicher Geschwindigkeit. Die silberne Klinge schnitt sauber durch den Lederriemen von Marcus’ Holster und nagelte seinen Anzugärmel direkt an die hohe hölzerne Rückenlehne seines Führungsstuhls, wobei sie die Handfeuerwaffe aus seinem Griff schlug. Sie klapperte nutzlos über den Granittisch. Der gesamte Raum erstarrte in absolutem Entsetzen. Ich stand aufrecht, meine Seidenärmel fielen zurück und enthüllten die zweite silberne Klinge, die in meiner Hand glänzte. Meine goldenen Augen flammten mit einem brillanten, königlichen Licht auf, das durch den Raum widerhallte und jeden anwesenden Wolf die erdrückende Last der Dominanz seiner Vorfahren spüren ließ. „Leg deine Waffe weg, Marcus“, sagte ich, meine Stimme tief, glatt und trug die unbestreitbare Macht meiner Blutlinie. „Du sprichst mit der zukünftigen Alpha-Weibchen dieses Rudels.“ Gideon trat neben mich, ein dunkles, stolzes Lächeln auf seinem Gesicht. Er zog seine eigene Waffe, legte den schweren Lauf beiläufig auf die Rückenlehne des Stuhls seines Vaters, direkt neben Marcus’ Ohr. „Die Vorstandssitzung ist vertagt, Vater“, flüsterte Gideon und beugte sich hinunter. „Jetzt werden du und ich ein privates Gespräch darüber führen, warum du den Kapitalrat autorisiert hast, meine Gefährtin hinzurichten.“
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