Alpha Marcus Sterling stand erstarrt da, sein rechter Arm war durch meinen Dolch sicher an die hohe hölzerne Rückenlehne seines Führungssitzes gepinnt. Seine silberne und schwarze Handfeuerwaffe lag nutzlos auf dem polierten Granittisch, nur drei Zoll außerhalb seiner Reichweite. Die grauen Augen des alten Alphas brannten mit einer Mischung aus Schock, Demütigung und absolutem Hass.
Hinter uns wagte es kein einziges Vorstandsmitglied zu atmen. Die uralte, königliche Frequenz in meiner Stimme hatte sich wie ein körperliches Gewicht über den Raum gelegt und zwang selbst die arrogantesten Clanältesten, ihre Augen zu senken.
Gideon stand neben mir, seine breite Gestalt eine Wand aus kalter anthrazitfarbener Wolle, der schwere Lauf seiner Waffe beiläufig an die Seite des Schädels seines Vaters gelehnt.
„Wachen“, sagte Gideon leise. Seine Stimme wurde nicht lauter, aber die Alpha-Macht in seinem Ton ließ die Luft im Raum eiskalt werden. „Bringt Marcus in die untere Führungshaftzelle. Nehmt ihm seine Kommunikationsgeräte, seine biometrische Zugangsberechtigung und seine Seitenwaffen ab.“
Die beiden Wachen an der Tür rissen sich aus ihrem Schock. Sie blickten zu Marcus, dann zu Gideon, bevor sie sich schnell durch den Raum bewegten. Sie zogen den silbernen Dolch aus dem Stuhl, befreiten Marcus’ Ärmel und zwangen die Arme des alten Alphas hinter seinen Rücken, bevor sie schwere, silbergefütterte Handschellen um seine Handgelenke klickten.
Marcus richtete sich zu seiner vollen Größe auf und klopfte seine Revers so gut es mit gefesselten Händen möglich war ab.
„Du glaubst, du hast gewonnen, Junge?“, spuckte Marcus aus, ein grausames, höhnisches Lächeln verzog seine dünnen Lippen, während die Wachen ihn zum Ausgang zogen. Er blieb neben Gideon stehen, beugte sich näher zu ihm, seine kalten grauen Augen wanderten zu mir.
„Du hast keine Ahnung, worauf du dich eingelassen hast. Du glaubst, Silas will Grenzland? Du glaubst, er kümmert sich um Mineralrechte?“
Ich verengte meine Augen und trat näher zu Gideon. „Wovon redet er?“
„Silas weiß, was du bist, kleine Ausgestoßene“, höhnte Marcus, seine Stimme sank zu einem tiefen, rauen Flüstern, das mir einen Schauer über den Rücken jagte. „Er will dich nicht töten.
Er sucht seit zwanzig Jahren nach dem letzten königlichen Wolf, um das Blutgewölbe unter der High Ridge Lodge zu öffnen. In dem Moment, in dem du neutrales Gebiet betrittst, wird er dich vollständig aussaugen, das Siegel der Vorfahren nehmen und beide unsere Rudel zu Staub reduzieren. Genieße deinen Sieg, solange er anhält, Sohn.“
Die schweren Doppeltüren schlugen hinter Marcus zu und hinterließen ein hohles Echo im weitläufigen Sitzungssaal.
Gideon gab den fassungslosen Vorstandsmitgliedern keine Zeit, die Enthüllung zu verarbeiten. Er richtete seinen Blick über den langen Granittisch, seine bernsteinfarbenen Augen blitzten vor absoluter Dominanz.
„Die Notsitzung ist beendet“, verkündete Gideon kalt. „Das Ironclaw-Rudel steht nun unter meinem direkten Kommando. Sichert den Perimeter, verdoppelt die Wachen auf den unteren Ebenen und bereitet meinen privaten Transport zur High Ridge Lodge vor.“
Ohne auf eine Antwort zu warten, schlang Gideon seine Hand fest um meine Taille und führte mich aus dem Sitzungssaal, wobei er die Türen hinter sich über dem Meer aus flüsternden Ältesten schloss.
Zwanzig Minuten später klickten die schweren Doppeltüren von Gideons Penthouse-Suite hinter uns zu.
Die angespannte Atmosphäre des Sitzungssaals löste sich in eine ruhige, erstickende Stille auf. Unter uns erstreckte sich die Industriestadt durch die raumhohen Glasfenster, ein Meer aus flackerndem Neonlicht und Stahl unter einem grauen, bewölkten Himmel.
Ich streifte die silbernen Absätze ab, die sich in meine Füße gegraben hatten, und trat mit nackten Sohlen auf den kühlen Marmorboden. Ich drehte mich um, mein mitternachtsblaues Seidenkleid raschelte in der Stille.
„Das Blutgewölbe?“, verlangte ich und verschränkte die Arme vor meiner Brust, meine dunklen Augenbrauen fest zusammengezogen. „Wovon hat dein Vater gesprochen, Gideon? Welches Siegel der Vorfahren?“
Gideon hatte seine Anzugjacke ausgezogen und sie beiläufig auf das dunkle Ledersofa geworfen. Er knöpfte die beiden obersten Knöpfe seines dunklen Hemdes auf und enthüllte den makellosen weißen Verband darunter. Er ging zur Bar, schenkte zwei Fingerbreit dunklen, bernsteinfarbenen Whiskey in ein Kristallglas und kippte ihn in einem einzigen Schluck hinunter.
„Es ist eine alte Berglegende“, sagte Gideon und stellte das Glas mit einem leisen Klirren auf die Marmorablage. Er drehte sich zu mir um, seine bernsteinfarbenen Augen dunkel und unergründlich. „Angeblich versiegelte der Erste Königliche Alpha die Kernmagie des Tals in einem Gewölbe unter den Bergen, bevor deine Familie abgeschlachtet wurde. Es heißt, dass derjenige, der den Blutschlüssel besitzt, den Willen jedes Wolfes in Blackwood beherrscht.“
„Und mein Onkel glaubt, dass ich dieser Schlüssel bin“, hauchte ich, die Erkenntnis lag schwer in meinem Magen. „Deshalb hat er meine Familie gejagt. Nicht aus Hass, sondern aus Gier.“
„Er wird dich nicht anfassen“, sagte Gideon leise.
Er trat von der Bar weg, seine schweren Stiefel erzeugten einen bewussten Rhythmus auf dem Boden, während er die Entfernung zwischen uns schloss.
Die Veränderung im Raum war augenblicklich. Die Luft wurde d**k, warm und aufgeladen mit einem berauschenden Duft von Zedernholz, Regen und roher, territorialer Magie. Das Gefährtenband unter meiner Haut flammte zum Leben und schickte einen Schwall flüssiger Hitze direkt in meine Adern.
Ich trat einen Schritt zurück, meine Absätze berührten das kalte Glas des Panoramafensters.
Gideon trat näher, so nah, dass ich die intensive, ausgestrahlte Hitze spüren konnte, die von seiner breiten Brust ausging. Er hob eine Hand und legte seine Handfläche flach gegen das Glas direkt neben meinem Kopf, wodurch er mich effektiv gegen seine Gestalt gefangen hielt.
„Gideon“, warnte ich, meine Stimme verriet ein leichtes Zittern, als mein Atem in meiner Kehle stockte.
„Du hast dich dort hinten meine zukünftige Alpha-Weibchen genannt“, murmelte Gideon, seine Stimme sank zu einem tiefen, samtigen Krächzen, das einen Schauer direkt meine Wirbelsäule hinunterjagte. Seine freie Hand streckte sich aus, seine langen, warmen Finger fingen sanft die Seite meines Halses ein, sein Daumen ruhte direkt über meinem pochenden Puls.
„Es war ein taktischer Zug“, fauchte ich, meine Hände erhoben sich und pressten sich flach gegen seine breite Brust, um einen Zentimeter Abstand zwischen uns zu halten. Ich konnte die harte, feste Muskulatur unter seinem Hemd spüren, das schnelle, schwere Pochen seines eigenen Herzens, das mit meinem übereinstimmte. „Wir haben einen Deal gemacht. Du hast gesagt, wir würden dieses Band vortäuschen, um deinen Vater zu Fall zu bringen.“
„Tun wir“, flüsterte Gideon und beugte sich hinunter, bis seine Lippen einen Bruchteil eines Zolls über der empfindlichen Haut direkt unter meinem Ohr schwebten. Sein warmer Atem strich über meinen Hals und ließ meine Knie weich werden. „Aber mein Wolf kümmert sich nicht um taktische Züge, Lyra. Mein Wolf hat gehört, wie du vor dreißig Ältesten Anspruch auf mich erhoben hast.“
„Ich habe die Macht beansprucht, Sterling. Nicht dich“, log ich, meine Finger gruben sich in den Stoff seines dunklen Hemdes, während das Gefährtenband gewaltsam an meiner Brust zog und mich anschrie, meinen Kopf zurückzulegen und seine Lippen meine Haut berühren zu lassen.
Gideon stieß ein tiefes, vibrierendes Knurren tief aus seiner Kehle aus, ein Geräusch, so dunkel und urtümlich, dass es meine Rippen erschütterte. Seine Finger zogen sich sanft an meinem Nacken zusammen und neigten mein Gesicht nach oben, sodass meine goldenen Augen gezwungen waren, direkt in seine brennenden bernsteinfarbenen Augen zu blicken.
„Belüge dich selbst, so viel du willst, kleine Wölfin“, knurrte Gideon leise, sein Blick senkte sich auf meine Lippen, bevor er zu meinen Augen zurückkehrte. „Ich habe gespürt, wie deine Magie sprang, als ich dich berührte. Ich habe gespürt, wie dein Herz gegen deine Rippen hämmerte, als ich dich meine Gefährtin nannte. Du kannst bis ans Ende der Erde laufen, aber du gehörst genau hierher.“
„Ich gehöre niemandem“, krächzte ich, mein Stolz loderte wie eine Fackel. „Ich bin eine Ausgestoßene. Ich bin königliches Blut. Ich bin kein Preis, den man gewinnen kann, oder eine Gefährtin, die man einsperren kann.“
Eine lange Sekunde lang dachte ich, er würde mich trotzdem küssen. Die Hitze zwischen uns war elektrisch, ein straff gespanntes Kabel, das bis zu seinem absoluten Bruchpunkt gespannt war. Gideons Blick brannte vor einem wilden, besitzergreifenden Hunger, der meinen ganzen Körper mit einer uralten, gefährlichen Sehnsucht schmerzen ließ.
Dann berührte langsam ein bösartiges, dunkles Grinsen den Mundwinkel.
„Ich werde dich nicht einsperren, Lyra“, flüsterte Gideon, sein Daumen zeichnete leicht die Linie meiner Unterlippe nach und ließ meinen Atem erneut stocken. „Ich werde zusehen, wie du unsere Feinde zerreißt.“
Bevor die Spannung explodieren konnte, begann ein hartes, sich wiederholendes rotes Licht von der privaten Konsole auf Gideons Schreibtisch zu blinken. Ein scharfer, hochfrequenter Notfallton zerschmetterte die Stille des Penthouses.
Gideons Kiefer verspannte sich. Er schloss für einen kurzen Moment die Augen und holte tief und gleichmäßig Luft, um seine Fassung wiederzugewinnen, bevor er zurücktrat und meinen Hals losließ. Der plötzliche Verlust seiner Körperwärme fühlte sich an, als wäre ich in Eiswasser geworfen worden.
Er ging zum Schreibtisch und drückte einen Knopf auf der Glaskonsole. Eine Projektion seines leitenden taktischen Offiziers erschien mitten in der Luft.
„Bericht“, befahl Gideon, sein Ton wechselte sofort zurück zu dem eines kalten, rücksichtslosen Kommandanten.
„Commander Sterling, wir haben einen Notfall in der neutralen Zone“, berichtete der Offizier, sein Gesicht war blass im blauen Licht. „Alpha Silas und zweihundert Silverfang-Krieger haben den Silver River überquert. Sie haben die High Ridge Lodge zwei Tage früher als geplant umstellt.“
Ich trat neben Gideon, meine Augen weiteten sich. „Was ist mit den Friedenswächtern?“
„Silas hat den gesamten neutralen Rat als Geiseln genommen, Ma’am“, antwortete der Offizier und sah mich mit neu gewonnener Dringlichkeit an. „Er hat gerade eine offene Funkübertragung über alle Rudelfrequenzen ausgestrahlt.“
Gideon beugte sich über den Schreibtisch, seine Hände flach auf das dunkle Holz gelegt. „Was hat Silas gesagt?“
Der Offizier schluckte schwer. „Er sagte, wenn Commander Sterling den weißen Wolf bis heute Mitternacht zu den Stufen der High Ridge Lodge bringt … wird er jede Geisel abschlachten und den Berg zu Asche verbrennen.“