Kapitel 2

1262 Words
„Vor dir in Sicherheit?“ Sloanes Stimme brach, doch sie rang sich ein gequältes Lachen ab, trotz des Kloßes in ihrem Hals. „Du hast bereits meine Garage, meine Schulden und das Leben meines Vaters in die Hand genommen. Wovor soll ich mich denn noch ‚in Sicherheit‘ bringen?“ „Vor deiner eigenen Neugier“, dröhnte die Stimme hinter dem Schleier. Sie war tiefer als der Regen, hallte so nach, dass der Metallboden des Wagens unter ihren Stiefeln vibrierte. „Neugier ist ein Luxus, den Sie sich nicht mehr leisten können, Mrs. Thorne.“ Der Wagen ruckelte vorwärts und entfernte sich von dem einzigen Zuhause, das sie je gekannt hatte. Sloane sah zu, wie das flackernde Neonschild der Garage durch das regennasse Fenster verschwand. Sie fühlte sich wie ein Geist, der seine eigene Beerdigung verließ. „Nenn mich nicht so“, fuhr sie ihn an und wandte sich wieder dem Vorhang zu. Sie wollte ihn herunterreißen. Sie wollte das Monster sehen, das sich in der Dunkelheit versteckte. „Mein Name ist Sloane. Und mein Vater – bring mich ins Krankenhaus. Sofort.“ „Jax ist bereits auf dem Weg dorthin“, antwortete die Stimme. „Aber begreife Folgendes: Die Versorgung deines Vaters ist nun ein Posten in meinem Budget. Er wird die besten Chirurgen, die beste Suite und den besten Genesungsplan bekommen, den man für Geld kaufen kann. Im Gegenzug erwarte ich absolute Gehorsamkeit.“ „Gehorsamkeit“, flüsterte sie, das Wort schmeckte nach Kupfer. „Ich bin eine Ehefrau, kein Roboter.“ „In den Augen des Vorstands und der Öffentlichkeit bist du die geliebte, private Ehefrau von Silas Thorne“, sagte die Stimme, und sie konnte das kalte Grinsen in seinem Tonfall fast hören. „In diesem Auto und in meinem Haus bist du eine vertragliche Verpflichtung. Du wirst im Ostflügel wohnen. Ich werde im Westflügel bleiben. Wir werden uns nur zu ‚offiziellen‘ Anlässen treffen, und immer mit der Barriere zwischen uns. Solltest du jemals mein Gesicht sehen, ist der Vertrag ungültig, die Finanzierung für deinen Vater wird eingestellt, und du landest wieder in der Gosse.“ Die emotionale Last dieses Ultimatums traf sie wie ein physischer Schlag. Sie dachte an ihren Vater – den Mann, der ihr beigebracht hatte, den „Herzschlag“ eines Motors zu hören. Nun versagte sein eigenes Herz, und sein Leben wurde von einem Mann als Verhandlungsmasse benutzt, der Menschen wie Ersatzteile behandelte. Die Fahrt verlief danach schweigend, bis auf das rhythmische Rauschen der Scheibenwischer. Als sie im Krankenhaus ankamen, öffnete Jax – der Mann, den sie im Regen gesehen hatte – ihre Tür. Er sah nicht aus wie der Handlanger eines Milliardärs; er sah müde aus, und sein Blick wurde einen winzigen Moment lang weicher, als er den Blutfleck an ihren Knöcheln sah. „Er ist in Zimmer 402“, sagte Jax leise. „Die Chirurgen sind bereits bei ihm.“ Sloane wartete nicht darauf, dass Silas noch etwas sagte. Sie rannte los. Sie rannte durch die sterilen, weißen Flure des Krankenhauses, ihre schweren Arbeitsstiefel hallten wie Schüsse auf dem Linoleumboden wider. Sie fühlte sich fehl am Platz – eine ölverschmierte Mechanikerin in einer Welt aus poliertem Marmor und leisem Geld. Sie fand ihren Vater hinter einer Glaswand, verwickelt in Schläuche und Kabel. Er sah so klein aus. Der Riese, der einst Motorblöcke hochgehievt hatte, sah aus wie ein zerknülltes Stück Papier. „Sein Zustand ist stabil“, sagte eine Stimme hinter ihr. Sloane wirbelte herum. Es war Jax. Er stand in respektvollem Abstand, die Hände vor sich gefaltet. „Die Thorne Group hat die Rechnung vor zehn Minuten beglichen“, fuhr Jax fort. „Er wird in einer Stunde in einen privaten Genesungsflügel verlegt.“ Sloane ließ sich auf einen Plastikstuhl sinken und stützte den Kopf in die Hände. Das Adrenalin ließ nach und hinterließ eine leere, schmerzende Erschöpfung. „Warum sie?“, fragte sie mit gedämpfter Stimme. „Warum ich? Er hätte jede haben können. Eine Prominente. Ein Model. Jemand, der weiß, welche Gabel man benutzt.“ Jax trat näher, sein Schatten fiel über sie. „Er wollte niemanden, der sich anpasste. Er wollte jemanden, dem seine Welt egal war. Und Silas … er hat eine Art, die widerstandsfähigsten Dinge im Dreck zu finden.“ Sloane blickte auf, ihre Augen waren gerötet und tränten. „Ist er wirklich entstellt? Versteckt er sich deshalb?“ Jax zögerte, ein unlesbarer Ausdruck huschte über sein Gesicht. „Manche Narben sind sichtbar, Sloane. Manche nicht. Aber die Regel bleibt bestehen. Um deines Vaters willen, bleib auf deiner Seite der Grenze.“ Stunden später, nachdem ihr Vater verlegt worden war und die Monitore einen gleichmäßigen, rhythmischen Piepton von sich gaben, führte Jax sie zurück zum Auto. Aber sie fuhren nicht zurück in die Garage. Sie fuhren zum Upper Tier, durch Eisentore, die eher wie die einer Festung als die eines Wohnhauses aussahen. Das Thorne-Penthouse war eine Kathedrale aus Glas und Stahl. Jax führte sie zum Ostflügel – einer Reihe von Räumen, die eher wie ein Museum als wie ein Schlafzimmer wirkten. „Dort ist ein Schminktisch“, sagte Jax und deutete auf eine weitläufige Marmorplatte. „Und Kleidung. Alles, was du für die Pressekonferenz morgen brauchst.“ „Morgen?“, flüsterte Sloane. „Die Welt muss die neue Mrs. Thorne kennenlernen“, dröhnte eine Stimme aus einer in den Wänden versteckten Lautsprecheranlage. Silas. Er beobachtete sie. Sloane stand in der Mitte des Raumes, umgeben von Luxus, den sie hasste, und einer Stille, die schrie. Sie ging zum Fenster und blickte über die Stadt. In der Ferne konnte sie die Industrielichter von „The Pit“ sehen. Sie verspürte einen plötzlichen, heftigen Drang, etwas zu zerbrechen. Um zu beweisen, dass sie in diesem Friedhof aus Gold noch immer ein Mensch war. Sie griff nach einer Kristallvase auf dem Tisch – etwas, das wahrscheinlich mehr kostete als die Garage ihres Vaters – und hob sie über ihren Kopf. „Schaust du zu, Silas?“, schrie sie zur Decke. „Gefällt dir die Show?“ „Ich beobachte, wie ein Mädchen erkennt, dass sie nicht mehr die Kontrolle hat“, knisterte die Stimme. „Stell die Vase ab, Sloane. Du kannst dich hier nicht herauszerbrechen.“ Sloanes Hand zitterte. Sie blickte auf die Vase, dann auf die Kameralinse, die in der Ecke der Zierleiste versteckt war. Langsam senkte sie den Arm und stellte die Vase mit einem scharfen Klack zurück auf den Tisch. „Ich bin kein Mädchen“, sagte sie, wobei ihre Stimme zu einem leisen, gefährlichen Zischen sank. „Ich bin Mechanikerin. Und irgendwann werde ich den Riss in deinem Motor finden, Silas. Und wenn ich ihn finde, werde ich das ganze Ding auseinandernehmen.“ Auf ihre Drohung folgte Stille. Dann das Geräusch eines schweren Schlosses, das einrastete. Nicht an ihrer Tür, sondern an der, die ihren Flügel mit seinem verband. „Ich freue mich darauf“, flüsterte Silas durch den Lautsprecher. „Aber für heute Nacht: Schlaf gut. Morgen verkünden wir der Welt unser ‚Märchen‘. Oh, und Sloane? Auf dem Bett liegt ein Geschenk. Eine Erinnerung daran, wer du einmal warst.“ Sloane wandte sich dem Bett zu. Auf der Seidenbettdecke lag ihr alter, ölverschmierter Schraubenschlüssel aus der Garage. Er war gereinigt und poliert worden, bis er wie Silber glänzte, und in eine mit Samt ausgekleidete Schmuckschatulle gelegt worden. Es war eine Trophäe. Er hatte nicht nur ihr Leben gekauft; er hatte sie an die Wand geheftet wie einen Schmetterling in einer Sammlung.
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