Kapitel 4

1422 Words
„Lass los“, flüsterte Sloane, obwohl sie sich nicht von ihm löste. Die Luft zwischen ihnen war schwer, roch nach Zedernholz und hatte den scharfen, metallischen Beigeschmack von Ozon. „Du wolltest den Fehler finden“, sagte Silas mit leiser, vibrierender Stimme, die jetzt so nah war, dass sie seinen Atem auf ihrer Haut spüren konnte. „Du wolltest den Mann hinter der Maschine sehen. Nun, hier ist er. Nur Fleisch und Blut, Sloane. Genauso zerbrechlich wie der Vater, den du so verzweifelt retten willst.“ Die Erwähnung ihres Vaters war wie ein Eimer Eiswasser über ihrem Kopf. Der emotionale Schutzschild, den sie aufgebaut hatte – die „unpolierte“ Härte und die sarkastischen Sticheleien – zerbrach und ließ sie völlig ungeschützt zurück. Sie riss ihre Hand zurück, wobei die Reibung seiner schwieligen Haut eine feurige Spur auf ihrer Handfläche hinterließ. Die Tür schlug zu, der schwere Riegel glitt mit einem Geräusch wie eine Guillotine zurück an seinen Platz. „Raus hier“, befahl Silas durch die Wand. Die Verletzlichkeit von vor einem Augenblick war verschwunden, ersetzt durch diese erschreckende, klinische Distanz. „Jax bringt dich zurück in den Ostflügel. Wir sind für heute fertig.“ Sloane stand in der schummrigen Eingangshalle, ihre Brust hob und senkte sich heftig. Sie blickte auf ihre Hand – die Hand, die gerade den „Ghost“ berührt hatte – und verspürte ein widerliches Gefühl des Verrats. Nicht von ihm, sondern von sich selbst. Sie hätte die Hitze nicht spüren dürfen. Sie hätte den Hass spüren müssen. Der Weg zurück in ihre Suite war wie im Nebel. Jax wartete am Aufzug, sein Gesichtsausdruck unlesbar, obwohl sein Blick auf ihren zitternden Fingern verweilte. Er fragte nicht, was passiert war. Das musste er auch nicht. Im Thorne-Imperium hatten die Wände Ohren und die Schatten Augen. In ihrem Zimmer kam ihr der Luxus wie eine Verhöhnung vor. Die tiefschwarze Seide ihres Kleides war ein Käfig, und der polierte Schraubenschlüssel auf dem Nachttisch war ein Grabstein für das Mädchen, das sie einmal gewesen war. Mit hektischen, ungeschickten Bewegungen riss sie sich das Kleid vom Leib und ließ den teuren Stoff in einem Haufen auf den Boden fallen. Sie holte ihren alten, ölverschmierten Overall aus dem Schrank – den, den die Stylisten wegwerfen wollten – und zog ihn an wie eine Rüstung. Sie setzte sich auf die Bettkante, der Geruch von Motoröl und Pfefferminze war schwach, aber deutlich im Stoff zu spüren. Es war das Einzige, das sich in diesem Friedhof aus Gold „menschlich“ anfühlte. Stunden vergingen. Die Lichter der Stadt Oakhaven funkelten unter ihr, doch Sloane blickte auf die Kamera in der Ecke des Raumes. „Ich weiß, dass du zusiehst“, sagte sie in die Stille hinein. „Du glaubst, du hast gewonnen, weil du mich zum Blinzeln gebracht hast. Du glaubst, weil du das Herz meines Vaters in einer Schachtel hast, gehört auch meines dir.“ Sie nahm den Schraubenschlüssel in die Hand, dessen kaltes Silber das Mondlicht reflektierte. „Aber ein Mechaniker weiß, dass die Teile, die am heißesten werden, als erste kaputtgehen“, fuhr sie fort, wobei ihre Stimme zu einem leisen, gefährlichen Zischen sank. „Und du brennst vor Hitze, Silas. Ich habe es gespürt.“ Der Lautsprecher knisterte, ein leises, scharfes Geräusch in dem stillen Raum. „Schlaf, Sloane“, antwortete Silas, seine Stimme klang hohl. „Morgen kommen die Anwälte. Es gibt noch mehr Papiere zu unterschreiben. Mehr Lügen zu glätten.“ Der nächste Morgen war eine emotionale Tortur. Die Anwälte waren nicht wegen einer Heiratsurkunde da; sie waren da, um die „Geheimhaltung des Geistes“ zu besprechen. Sie legten ihr einen Stapel Dokumente vor, in denen die Strafen für die Enthüllung von Silas’ Gesicht detailliert aufgeführt waren – Strafen, die den sofortigen Entzug der medizinischen Versorgung für ihren Vater und eine Klage beinhalteten, die sie für zehn Leben begraben würde. Sloane unterschrieb jede Seite, ohne sie zu lesen. Die Tinte fühlte sich an wie Blut. Als die Anwälte den Raum verließen, trat Jax herein. Er trug kein Sakko; seine Ärmel waren hochgekrempelt und gaben den Blick auf eine Narbe an seinem Unterarm frei, die wie eine alte Verbrennung aussah. „Die Chirurgen haben angerufen“, sagte Jax leise. „Dein Vater ist wach. Er fragt nach dir.“ Die Erleichterung kam so plötzlich, dass Sloane die Knie nachgaben. Sie griff nach der Tischkante, um sich abzustützen. „Kann ich gehen? Jetzt?“ „Silas sagt, du hast eine Stunde Zeit“, antwortete Jax. „Aber du gehst als die Mrs. Thorne, die die Welt gestern gesehen hat. Keine Arbeitskleidung. Kein Schmierfett.“ Der Konflikt zerriss sie. Um ihren Vater zu sehen, musste sie die Maske der Frau tragen, die sie hasste. Sie musste die „Papierkönigin“ sein. „Na gut“, spuckte sie, das Wort schmeckte nach Kupfer. Der Besuch war ein Albtraum der anderen Art. Ihr Vater war blass, seine Stimme nur ein schwacher Flüsterton, doch seine Augen waren scharf. Er blickte auf ihr Seidenkleid, auf den teuren Schmuck, den Jax ihr aufgedrängt hatte, und dann auf die schwarze Limousine, die vor dem Fenster stand. „Sloane“, keuchte er, seine Hand zitterte, als er nach ihrer griff. „Woher kommt das? Der Laden … die Steuern … Miller sagte …“ „Es ist okay, Dad“, log sie, ihre Stimme brach. „Ich … ich habe einen Job. Einen großen. Als Beraterin für die Thorne Group. Sie bezahlen alles.“ Die Augen ihres Vaters trübten sich vor einer Mischung aus Stolz und Angst. „Thorne? Sei vorsichtig, mein Vögelchen. Diese Leute … sie kaufen keine Dinge. Sie verschlingen sie.“ Sloane verbrachte den Rest der Stunde damit, seine Hand zu halten, seinen schwachen Puls zu spüren und das Gewicht der Lüge zu spüren, die sie ihm erzählte. Als Jax sie abholte, hatte sie das Gefühl, ein Stück ihrer Seele in diesem Krankenhausbett zurückzulassen. Auf der Rückfahrt war die Stille im Auto erdrückend. Jax warf ihr immer wieder Blicke im Rückspiegel zu. „Es geht ihm besser“, sagte Jax, sein Tonfall überraschend sanft. „Er glaubt, ich sei Beraterin“, sagte Sloane, den Blick auf die regennasse Scheibe gerichtet. „Er glaubt, ich sei erfolgreich. Er weiß nicht, dass ich eine Geisel bin.“ „In diesem Haus ist jeder eine Geisel von irgendetwas, Sloane“, antwortete Jax, wobei seine Stimme eine Oktave tiefer wurde. Das Auto fuhr durch das Thorne-Tor, und die Realität ihres neuen Lebens legte sich wie ein Leichentuch über sie. Sie wurde zurück in den Ostflügel geführt, zurück zu den Kameras und der Seide. In dieser Nacht dröhnte der Lautsprecher nicht. Er flüsterte. „Er ist ein guter Mann, dein Vater“, sagte Silas. „Er hat etwas mit seinen eigenen Händen aufgebaut. Das ist mehr, als die meisten meiner Vorstandsmitglieder von sich behaupten können.“ „Sprich nicht von ihm“, fuhr Sloane ihn an, ihre Stimme rau und ungeschliffen. „Du hast kein Recht, seinen Namen zu erwähnen, nach allem, was du getan hast.“ „Ich habe ihn gerettet“, entgegnete Silas. „Du hast ihn gekauft“, korrigierte sie ihn. „Und mich hast du auch gekauft. Aber du kannst dir nicht kaufen, wie ich dich ansehen werde, wenn ich endlich dein Gesicht sehe, Silas. Und das werde ich. Ich werde einen Weg finden.“ Ein leises Glockenspiel hallte durch den Raum. Eine versteckte Wandverkleidung glitt auf und gab den Blick auf eine kleine, gekühlte Schublade frei. Darin befand sich eine einzige alte Glasflasche mit dem billigen Limonade, das Sloane früher in der Garage getrunken hatte – die Sorte, die es nur im „The Pit“ gab. Daneben lag eine kleine, handgeschriebene Notiz. Die Schrift war ungleichmäßig, als wäre die Person, die sie geschrieben hatte, nicht daran gewöhnt, einen Stift zu halten. Es ist kein Champagner, aber es schmeckt nicht nach einer Lüge. Sloane nahm die Flasche in die Hand, ihr Herz setzte einen Schlag aus. Sie war kalt. Echt. Doch als sie auf die Notiz blickte, fiel ihr etwas anderes auf. Auf der Rückseite des Papiers war ein schwacher, roter Fleck. Ein Fingerabdruck. Silas war unvorsichtig gewesen. Oder er stellte sie auf die Probe. Sie griff nach einer Lupe auf dem Schminktisch, ihre Mechanikeraugen verengten sich, als sie die Wirbel des Abdrucks studierte. „Ich habe das Leck gefunden, Silas“, flüsterte sie in den leeren Raum. „Und es ist deine eigene Menschlichkeit.“
Free reading for new users
Scan code to download app
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Writer
  • chap_listContents
  • likeADD