chapter 2

1143 Words
KAPITEL 2 Ellas Perspektive Mein Vater hat mir beigebracht, wie man kämpft. Ob Mann oder Frau, sagte er, ein Wolf sollte immer wissen, wie man sich verteidigt. In diesem Moment dankte ich ihm innerlich. Ich stieß meinen Ellbogen in den Mann hinter mir, packte in diesem Bruchteil einer Sekunde der Überraschung seinen Arm, trat das Messer weg und fing es auf, bevor es den Boden berührte. Anmutig? Nein. Wirkungsvoll? Ja. Ich richtete es sofort auf ihn. „Wer bist du?" „Das sollte ich dich fragen," knurrte er und trat näher. Ich hielt die Klinge zentimetergenau vor seinem Gesicht, bereit zuzustechen, wenn er auch nur verdächtig blinzelte. „Wie kannst du es wagen? Du bist wohl nicht ganz bei Sinnen." Seine Stimme war selbstsicher, tiefer als erwartet. Eine schwarze Haarsträhne fiel über seine Wange. Seine Augen waren goldbraun, intensiv — und ärgerlich attraktiv. Warum kommt Gefahr immer mit gutem Haar? „Wie kannst du es wagen, den Nordflügel zu betreten? Du musst sterben," sagte er, als würde er das Wetter ankündigen. Er war gutaussehend, ja. Aber arrogant? Absolut. „Du wirst derjenige sein, der bestraft wird, wenn ich dem Alpha melde, dass ein Eindringling ein Messer auf mich gerichtet hat," konterte ich. Er lachte — ein scharfes, ungläubiges Geräusch. „Du bist wohl nicht ganz bei Sinnen." „Ich suchte nur die Toilette," schnappte ich. „Und sieht dieser Ort für dich wie eine Toilette aus?" gab er zurück. Ich öffnete den Mund… und schloss ihn dann wieder. Ein berechtigter Einwand. Ich umfasste das Messer fester. Bevor ich reagieren konnte, keuchte er plötzlich und trat zurück. Seine Hand flog zu seinem Gesicht, und er taumelte in die Schatten, schrie, als würden Klauen in ihn graben. Das Messer entglitt meinen Händen. Panik durchzuckte mich. „Geht es Ihnen gut?" Ich sank auf die Knie und beugte mich vor, obwohl die Stimme in meinem Kopf flüsterte: Ella, das ist keine gute Idee. „Komm nicht näher!" schrie er und hob den Kopf. Ich erstarrte. Mein Atem stockte. Der Alpha. Selbst mit seiner Hand, die die Hälfte seines Gesichts bedeckte, erkannte ich ihn sofort — der maskenlose Alpha, über den alle redeten. „Raus!" brüllte er. „RAUS!" Ich schrie auf und rannte so schnell, dass ich vielleicht einen persönlichen Rekord gebrochen hätte. Ich suchte nicht mal mehr nach Lydia. Sie konnte der Mutter des Alphas selbst sagen, dass ihre Kandidatin durch den nächsten Ausgang geflüchtet war. Ich hielt ein Taxi an und fuhr direkt nach Hause, noch immer außer Atem. Vater war noch nicht zurück. Ich ging schnurstracks zum Kühlschrank, griff nach einer Flasche Wasser und trank die Hälfte in einem Zug. Könnte das der Grund sein, warum der Alpha kaum nach draußen trat? Warum er sich immer hinter einer Maske versteckte? Er trat in die Sonne und schrie. Schrie. Irgendetwas stimmte ganz und gar nicht. Vater kehrte am Abend zurück, und ich brachte es nicht über mich, ihm zu erzählen, was passiert war. Sein Gesicht sah ausgelaugt aus; was auch immer bei dem Treffen vorgefallen war, war eindeutig schiefgelaufen. „Ich verstehe nicht, warum Ältester Gideon darauf besteht, mit dem benachbarten Rudel zu kämpfen," stöhnte er. „Wir könnten ihnen einfach geben, was sie wollen, und Blutvergießen vermeiden." Ich reichte ihm eine Tasse Wasser. Er trank einen Schluck mit einem müden Seufzer. „Ältester Gideon — der Direktor von Moonlight High?" fragte ich. Vater nickte. Ältester Gideon war einflussreich — zu einflussreich. Nur Ältester Kael stand über ihm, und er war stark in die Kriegsstrategie eingebunden. Außerdem der Direktor der Schule, über die ich offenbar den ganzen Tag nicht aufhören konnte nachzudenken. „Genug vom Treffen. Wie lief es im Rudelhaus?" fragte Vater schließlich. Ich ließ mich ins Polster sinken und versuchte — erfolglos — das Bild des Alphas zu verdrängen, der im Sonnenlicht schrie. „Es lief gut," log ich. „Dem Alpha ging es nicht gut, also haben wir ihn nicht getroffen." Vater zuckte zusammen. „Sag mir nicht, dass es wieder angefangen hat," murmelte er. „Was hat wieder angefangen?" fragte ich. Er schüttelte den Kopf. „Du solltest schlafen." Er zwang sich zu einem Lächeln. Ich nickte, obwohl meine Gedanken nicht aufhörten zu rasen. Könnte der Alpha allergisch gegen Sonnenlicht sein? Nein, das klang verrückt. Andererseits hatte ich gerade einen erwachsenen Mann gesehen, der vor Tageslicht schrie, als wäre es siedendes Öl. Ich lag im Bett und starrte an die Decke. Der Schlaf wollte nicht kommen. Dann — RUMMS. Mein Körper schoss aufrecht. Ich öffnete meine Tür und trat leise ins Wohnzimmer. „Vater?" rief ich. Keine Antwort. Ich schaltete das Licht an. Mein Atem gefror. Vater lag auf dem Boden in einer Blutlache. „Vater!" schrie ich und rannte zu ihm. Meine Beine zitterten, als ich neben ihm niederkniete. Tränen trübten meinen Blick. „Vater…" flüsterte ich, von Angst erfüllt. Er hustete heftig — er lebte. „Ich hole den Rudelarzt," sagte ich und stand auf, aber er umklammerte mein Bein mit erstaunlicher Kraft. „Moon… light… High," flüsterte er. Mein Herz machte einen Sprung. „Was? Vater, was sagst du?" „Du musst…" Er rang nach Luft. „Geh nach Moonlight High…" Seine Hand glitt weg. Seine Augen blieben auf mich gerichtet. „Nein… nein, Vater…" Ich schüttelte verzweifelt den Kopf. „Vater!" schrie ich, Tränen strömten über mein Gesicht. Auf seiner Brust waren tiefe Klauenspuren — die Spuren des Wolfes, der ihn getötet hatte. Es ergab keinen Sinn. Vater war ein ausgebildeter Beta. Wer konnte ihn töten, ohne dass er sich wehrte? Ein lauter Schlag erschütterte die Tür. „Aufmachen! Der Alpha befiehlt uns, eure Tochter zu holen!" Der Alpha? Warum ich? Panik schoss durch mich. Ich handelte schnell. Ich warf einen letzten Blick auf Vaters Körper und zwang mich weiterzugehen. Ich packte, was ich konnte, die Hände zitternd. Auf dem Stuhl lag der Umschlag, den Vater an jenem Morgen erhalten hatte. Ich griff ihn und floh durch die Hintertür. Ich rannte, ohne mich umzublicken, Tränen trübten meinen Blick. Stunden später hielt ich an einem Gasthaus, warf der Wirtin Münzen hin, ohne ihr Gesicht auch nur anzusehen, sperrte die Tür des Zimmers ab und ließ mich auf dem Boden nieder. Mein Herzschlag beruhigte sich schließlich genug, um den Umschlag zu öffnen. Der Brief zitterte in meinen Händen. Vaters Mörder hatte eine Verbindung zu Moonlight High. Ein Name blitzte in meinem Kopf auf: Ältester Gideon. Von hier aus hatte ich keine Möglichkeit, gegen ihn vorzugehen. Der einzige Weg, Beweise zu bekommen, war, ihm näherzukommen. Das bedeutete… Ich musste mich an der Moonlight High einschreiben. Eine Schule für Männer. Ich griff nach der Schere auf der Kommode. Mein tränenüberströmtes Spiegelbild starrte mich an. Ich holte tief Luft. Schnipp. Schnipp. Mein Haar fiel zu Boden, mit jedem Schnitt kürzer. „Ich schwöre, Vater," flüsterte ich, meine Stimme fest vor Wut, „egal was es kostet… ich werde deinen Mörder finden."
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