Chapter 3

1049 Words
KAPITEL 3 Ellas Perspektive Drei Tage waren seit dem Tod meines Vaters dahingeschlichen, und die Nachricht davon hatte sich wie ein Lauffeuer durch das Rudel verbreitet. „Ich habe gehört, seine Tochter wird vermisst." „Glaubst du, sie wurde auch getötet?" „Jemand sagte, da war Blut — vielleicht ist sie verletzt geflohen." Das Flüstern hörte nie auf. Es schlängelte und ringelte sich wie Rauch durch jeden Winkel. Das Rudelhaus gab keine wirkliche Erklärung zu Vaters Tod. Sie sagten nur, die Ermittlungen seien „im Gange" und seine Tochter werde noch gesucht. Aber ich wusste es besser. Hinter seinem Tod steckte mehr. Und meine Antworten warteten in Moonlight High. ***** Ein Klopfen riss mich aus meinen Gedanken. Ich öffnete die Tür, und die Wirtin erstarrte mitten im Atemzug. Ihre Augen musterten mein Gesicht — und wurden dann groß. „Ist das nicht dasselbe Zimmer?" fragte sie und kniff die Augen zusammen, als würde sie versuchen, eine schwierige Rechenaufgabe zu lösen. Ich rückte ruhig meine Brille zurecht. „Aber… es war ein Mädchen, das jene Nacht eingecheckt hat," murmelte sie und senkte das Tablett verwirrt. Ich lächelte höflich, nahm ihr das Tablett aus den Händen und schloss die Tür, bevor sie Schlüsse ziehen konnte, die niemals gezogen werden sollten. Zurück vor dem Spiegel erkannte ich mich kaum wieder. Die dicken Gläser ließen meine Augen leblos wirken. Meine Brust war fest unter mehreren Lagen Klebeband gebunden. Mein Haar war unter einer Mütze versteckt. Ehrlich gesagt würde selbst ich bezweifeln, ob ich noch ich war. Ich griff nach einem Burger vom Tablett, stopfte das restliche Essen in meine Tasche und packte schnell. Als ich nach unten ging, nahm die Wirtin den Schlüssel wortlos entgegen und starrte mich immer noch so an, als könnte sie sich nicht entscheiden, ob ich der Gast war… oder ein höflicher Dieb, der ihn imitierte. ***** Das große Tor von Moonlight High stand hoch vor mir, polierter schwarzer Stahl glänzte, das Wappen eines Mondes und Reißzähne darin eingraviert. Ich atmete tief aus und trat vor. Ich hatte kaum zehn Schritte gemacht, als mir jemand so hart in die Seite lief, dass meine Knochen bebten. „Hey! Pass auf, wo du hinläufst," schnappte der Junge, Verärgerung blitzte über sein Gesicht, bevor er davonsprintete wie ein Verbrecher, der einen Tatort flieht. Ich blinzelte, rückte meine Brille zurecht und murmelte: „Ich wurde angerempelt, aber ich soll aufpassen? Tss. Diese Jungs haben wirklich keine Manieren." Eine Hand tippte auf meine Schulter. Ich fuhr herum. „So sind die halt," sagte ein Junge mit einem lockeren Lächeln. „Versuch, solchen Typen aus dem Weg zu gehen." Ich räusperte mich und machte meine Stimme tiefer. „Oh — äh, danke." „Neuling?" fragte er. Ich zögerte und warf einen Blick auf den zerknitterten Brief in meiner Hand. Der Zulassungsbrief, adressiert an meinen verstorbenen Cousin — nicht an mich. „Ja," sagte ich schließlich. Er grinste. „Ich bin Roy. Erstes Jahr. Schön, dich kennenzulernen." „Elliott," antwortete ich und borgte mir den Namen meines Cousins, so wie ich mir sein ganzes Leben borgte. „Also dann, Neuling. Bis später — versuch, keinen Ärger zu machen." Er winkte und lief davon. Als wäre Ärger nicht mein Schatten. ****** Ich kam beim Verwaltungsbüro an und reichte den Brief dem Sachbearbeiter. Er stempelte ihn, ohne mich auch nur anzusehen. „Schlafsaal 205," sagte er und schob mir einen Schlüssel entgegen mit der Begeisterung einer sterbenden Schnecke. Der Schlafsaal erstreckte sich über zwei Flügel, gesäumt von identischen braunen Türen. „200… 201…" zählte ich leise, bis — „205." Bevor ich klopfen konnte, schwang die Tür auf. „Elliott?" Roy. Natürlich. „Das ist dein Zimmer?" fragte er. Ich nickte. „Perfekt. Du kannst das Bett neben meinem nehmen. Nur nicht das da." Er zeigte auf das große, luxuriös aussehende Bett an der gegenüberliegenden Wand. „Warum?" runzelte ich die Stirn. „Es benutzt es doch niemand." „Das gehört unserem dritten Mitbewohner. Er ist… eigen, was seinen Bereich angeht," sagte Roy mit einem nervösen Lachen. „Du wirst ihn bald kennenlernen." Er warf mir ein Kissen und eine Decke zu und ging dann hinaus, mich mit dem gleichmäßigen Summen des Deckenventialtors zurücklassend. Ich starrte auf das große bequeme Bett, dann auf mein kleines trauriges. „Ungerecht," murmelte ich. „Für wen hält er sich? Sohn eines Alphas?" Dabei ahnte ich nicht, wie nah ich der Wahrheit war… Ich setzte mich auf das kleine Bett und atmete aus. „Elliott," flüsterte ich. Mein verstorbener Cousin, der vor drei Jahren gestorben war. Wir sahen uns so ähnlich, dass die Leute uns früher mit Zwillingen verwechselten. Der an ihn adressierte Zulassungsbrief war kein Fehler — es war das Paket, das Vater an dem Morgen erhalten hatte, an dem er starb. „Was hattest du vor, Vater?" Je schneller ich seinen Mörder fand, desto früher konnte ich diesen Ort verlassen. Aber zuerst… musste ich Ältesten Gideon finden. ****** Draußen summte der Campus vor Leben. Jungen in Uniformen scharten sich um den Hof, lachten, schubsten einander und forderten sich zu Schaukämpfen heraus. Von ihnen umgeben zu sein war… erdrückend. Jede laute Stimme erinnerte mich daran, dass ich nicht hierher gehörte. Thunk. Ein scharfer Schlag traf meinen Hinterkopf. „Hey!" Ich zuckte zusammen und fuhr herum. Drei Jungen standen hinter mir mit identischen selbstgefälligen Grinsen. Der vorne ließ einen Basketball auf seinem Finger kreisen, die Augen funkelten auf eine Art, die mir nicht gefiel. „Pass auf, wo du stehst, Rang Fünf." Rang Fünf? Ich warf einen Blick auf die goldgestickte Zahl auf meiner Jacke. Wunderbar. Seine Uniform trug eine „2", seine Freunde hatten „3en." Hierarchie. Herrlich. „Ich rede mit dir," schnappte er und ließ den Ball einmal… zweimal auftippen… dann leicht wieder gegen meinen Kopf prallen. Mein Kiefer verkrampfte sich. Erster Tag und der Ärger hatte mich bereits im Würgegriff. „Senk deinen Blick," befahl er. „Weißt du, wer vor dir steht?" Die Schüler um uns herum wurden nervös. Manche hasteten davon. Andere blieben, flüsterten und genossen das Schauspiel. Aber ich senkte den Kopf nicht. Oh nein. Ich erwiderte seinen Blick. Er erstarrte ungläubig. Sein Arm hob sich — „Genug, Chris." Die Stimme schnitt klar durch die Luft. Die Menge teilte sich, als Roy vortrat, sein Gesichtsausdruck verfinstert. Ich atmete einen winzigen Seufzer aus. „Roy?"
Free reading for new users
Scan code to download app
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Writer
  • chap_listContents
  • likeADD