Chapter 4

1072 Words
KAPITEL 4 Ellas Perspektive Chris erstarrte mitten im Ausholen, sein Grinsen schwankte zum ersten Mal. Seine Freunde tauschten unbehagliche Blicke aus. „Hast du mich gerade aufgehalten, Roy?" fragte Chris, Unglaube tropfte aus jeder Silbe. „Ja," sagte Roy ruhig und trat zwischen uns. „Ich empfehle dir, zu gehen, bevor du dich noch schlechter dastehen lässt." Chris lachte. „Du glaubst, ich hätte Angst vor dir?" Roy sagte nichts, sein Blick auf Chris gerichtet, als hätte er eine ganze Packung Stahlfallen verschluckt. Chris' Kiefer verkrampfte sich. Schließlich schnaubte er und fing den Ball im Drehen auf. „Tss. Wie auch immer." Seine Augen glitten zu mir, brennend vor Verachtung. „Pass auf dich auf, Rang Fünf. Du hast heute Glück gehabt. Das heißt nicht, dass du es morgen haben wirst." Er warf den Ball weg und stolzierte davon, seine Freunde folgten ihm wie widerwillige Schatten. Ich atmete aus und bemerkte erst jetzt, dass ich die Luft angehalten hatte. „Danke," murmelte ich, halb vorsichtig, halb genervt. Roy grinste. „Nicht der Rede wert. Du warst etwa zwei Sekunden davon entfernt, einen Zahn zu verlieren." Ich runzelte die Stirn. „Was soll das mit diesem Rang-Unsinn?" Er lachte. „Ich hatte fast vergessen, dass du neu bist." Wir begannen, über den Hof zu gehen. Er erklärte, seine Stimme lässig, aber seine Augen scharf. „Moonlight High ist nicht wie normale Schulen," begann er. „Dieser Ort bildet zukünftige Alphas, Betas und Krieger aus. Alle hier kommen aus einem Rudel, manche aus königlichen Blutlinien. Die Zahlen auf unseren Uniformen? Das ist dein Rang. Niedrigere Zahlen bedeuten höheren Status." „Also ist Rang Eins…" „Ganz oben in der Kette," sagte er schlicht. „Meist ein Alpha." Ich warf einen Blick auf die goldene 5 auf meinem Ärmel. „Und Rang Fünf bedeutet…?" „Dass du ein uneingestufter Wolf bist — oder schlimmer noch, keine anerkannte Blutlinie." Er schenkte mir ein mitfühlendes Lächeln. „Was bedeutet, dass Typen wie Chris denken werden, du bist ein leichtes Ziel." Ich schnaubte. „Sollen sie es ruhig versuchen." Das brachte ihn zum Lachen. „Vorsicht, Elliott. Diese Jungs sind Ärger, und nicht die angenehme Sorte." Ich antwortete nicht. Meine Gedanken schweiften ab und kreisten um den Brief, den Vater in seiner Tasche gehalten hatte, und den schwachen, anhaftenden Geruch seines Blutes. „Wer genau ist er?" fragte ich schließlich. „Chris Rivera?" sagte Roy. „Rang Zwei. Sohn von Alpha Hugo Rivera — derjenige, der das östliche Territorium führt. Die Familie ist berüchtigt dafür, machtgierig zu sein." Ich lehnte mich an die Wand und ließ es sacken. Rivera. Ein Name, der bereits Gewicht trug. „Und Rang Eins?" fragte ich vorsichtig. Roys Grinsen verblasste leicht. „Das wäre Lucian Blackwood. Er ist… anders." „Anders wie?" „Du wirst es sehen," sagte er und legte das Gerät weg, an dem er herumgefummelt hatte. „Alle hier fürchten ihn entweder… oder verehren ihn. Er ist der oberste Alpha-Erbe, und Gerüchten zufolge ist er stärker als die meisten reinblütigen Wölfe." Mein Puls stockte. Blackwood… unbekannt, aber gefährlich. Bevor ich mehr fragen konnte, hallte das scharfe Läuten einer Glocke über den Campus. Roys Kopf fuhr hoch. „Das ist die Vollversammlung! Komm schon." Bevor ich reagieren konnte, ergriff er meine Hand und zog mich durch den belebten Korridor. Schüler schwärmten in alle Richtungen, manche hasteten, manche stolzierten, als gehörte ihnen der Ort. Die Aula war riesig. Kronleuchter funkelten wie gefrorene Sterne. Das Wappen von Moonlight High leuchtete stolz hinter der Bühne. Ein großer Mann stand in der Mitte. Seine Stimme trug mühelos durch die ganze Halle. „An alle neuen Schüler," begann er, „willkommen in Moonlight High. Herzlichen Glückwunsch zum Beginn einer neuen Saison." Ich beugte mich näher zu Roy und flüsterte: „Wer ist das?" „Das ist der Direktor," murmelte er. „Ältester Gideon." Mein Magen zog sich zusammen. Ältester Gideon. Endlich würde ich dem Mann, den ich verdächtigte, meinen Vater getötet zu haben, von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen. Ich ballte die Fäuste unauffällig. Da stand er, ruhig unter den Lichtern, silbernes Haar tadellos gekämmt, Augen schwach funkelnd — aber das höfliche Lächeln erreichte sie nie. Ich stellte mir vor, schnurstracks auf die Bühne zu marschieren, ihn am Kragen zu packen und alles aus ihm herauszupressen. Neben mir verschränkte Roy die Arme, unbeeindruckt. „Kein Interesse an der Party?" fragte ich. Er zuckte mit den Schultern. „Nicht wirklich." „Magst du… keine Mädchen?" neckte ich ihn leicht. Er blickte auf, überrascht, dann grinste er. „Und du?" Mein Atem stockte. „Ich?" Er lachte leise. „Du siehst nicht aus wie jemand, der überhaupt mit einem reden kann." Ich blinzelte. Wirklich? Das denkt er? Ich zwang mich zu einem Grinsen. „Da wärst du überrascht." „Du gehst also nicht hin?" fragte er. Roy schüttelte den Kopf. „Nein. Ältester Gideon und das Personal werden anfangs da sein, aber nach einer Weile gehen sie." Mein Puls beschleunigte sich. „Wirklich?" Er nickte, ahnungslos gegenüber den Ideen, die sich in meinem Kopf drehten. „In dem Fall," sagte ich und täuschte beiläufiges Interesse vor, „sollte ich hingehen. Es wäre doch unhöflich, nicht zu erscheinen, oder?" „Elliott…" Er zögerte. „Schüler mit Rang Fünf dürfen nicht in die Halle." Ich starrte ihn an und runzelte die Stirn. „Warum nicht?" Er schaute nach unten, seine Stimme leise. „Das ist die Regel. Nur Rang Vier und darüber gelten als ‚Vertreter.' Niedrigere Ränge werden nicht zu offiziellen Veranstaltungen eingeladen." Die Worte stachen. Ich schnaubte und zwang mich zu einem Grinsen. „Alles arbeitet einfach gegen die Niedrigrangierten." Bevor er antworten konnte, drehte ich mich um und ging davon, ihn mit einem besorgten Gesichtsausdruck zurücklassend, den ich nicht die Absicht hatte zu sehen. ****** Zurück in unserem Schlafsaalzimmer sperrte ich die Tür hinter mir ab. Langsam löste ich das Klebeband, das meine Brust band. Ein Seufzer entwich meinen Lippen, als die Enge nachließ — wie Ausatmen nach dem Luftanhalten für eine Ewigkeit. Ich ließ mein Haar herabfallen, nahm die Brille ab und zog ein Kleid aus meiner Tasche — ein weiches mitternachtsblaues Kleid, das einzige weibliche Kleidungsstück, das ich mitgebracht hatte. „Die Party beginnt in einer Stunde," flüsterte ich, ein Grinsen zog sich auf meine Lippen. Wenn Ränge Mauern waren, würde ich heute Nacht geradewegs durch sie hindurchgehen. Sollen sie ruhig denken, ich sei nur ein weiteres Besuchermädchen. Sie haben keine Ahnung, was auf sie zukommt.
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