RIAN
Ich fahre mir mit beiden Händen durch die Haare und versuche, mich zu beruhigen. Verdammt. Was macht sie hier?
Ich war fest davon ausgegangen, dass sie zurück in die Schweiz gegangen ist.
Ich kneife mir in den Nasenrücken und bleibe noch einen Moment allein in der Garderobe stehen. Ihre Worte hallen in mir nach.
Du … bist einfach nur ein schmieriger … privilegierter … Politiker.
Schlampe.
Das war’s. Ich bin hier raus.
Ich reiße die Tür auf und marschiere entschlossen hinaus.
Sie taucht hier auf, droht mir, mir einen Drink überzukippen, wenn ich nicht mit ihr rede, schlägt mir ins Gesicht und nennt mich dann privilegiert.
Was zum Teufel?
„Rian.“
Ich höre eine weibliche Stimme hinter mir.
Ich drehe mich um und sehe Gisselle. Eine alte Freundin, zu der ich vor Kurzem wieder Kontakt aufgenommen habe. Seit ein paar Wochen schreiben wir und telefonieren regelmäßig.
Scheiße. Schlechtestes Timing überhaupt.
„Gisselle, hi.“
Ich setze ein falsches Lächeln auf und küsse sie auf die Wange.
Ich blicke an ihr herunter und obwohl ich viel zu wütend bin, um sie wirklich wahrzunehmen, mache ich ihr ein Kompliment.
„Du siehst wunderschön aus.“
„Danke.“
Sie strahlt, und ich erinnere mich daran, warum ich überhaupt wieder angefangen habe, ihr zu schreiben. Sie ist umwerfend.
„Ich wusste gar nicht, dass du heute hier bist. Hast du einen schönen Abend?“
„Hab ich.“
Ich zögere kurz.
„Leider bin ich gerade auf dem Weg nach draußen. Ich habe noch einen beruflichen Termin.“
Ihr Gesicht fällt ein wenig.
„Ich rufe dich morgen an. Vielleicht gehen wir auf einen Kaffee oder so?“
Ich biete es an.
„Das würde mir gefallen.“
„Okay.“
Ich beuge mich vor, küsse sie auf die Wange und gehe an ihr vorbei.
Ich betrete wieder das Atrium und gehe direkt auf Spence zu.
„Ich gehe“, sage ich.
„Warum?“
Bjarne runzelt die Stirn.
„Weil ich keinen Bock mehr auf dieses verdammte Drecksloch habe. Kommt ihr mit oder nicht?“
„Morgen!“
Spence ruft zu Elias hinüber, der gerade mit jemandem spricht.
„Wir gehen. Kommst du?“
Aven runzelt die Stirn, noch immer auf sein Gespräch fixiert. Er hebt den Finger, um Spence einen Moment zu bedeuten. Sekunden später wendet er sich uns zu.
„Was?“
„Wir gehen“, sage ich und steuere bereits auf den Ausgang zu.
„Warum?“
„Bitte sag mir, dass es wegen dieser unfassbar heißen blonden Schlampe ist“, sagt Bjarne und folgt mir nach draußen.
„Schlampe trifft es ganz gut. Was war eigentlich ihr Problem?“
Morgen hebt trocken eine Augenbraue.
„Ich find’s ja heiß, wenn Frauen zickig sind“, sagt Bjarne, während wir durch das Foyer gehen.
„So ein richtiges: Ich mag dich nicht, aber fick mich trotzdem hart.“
„Kannst du bitte den Mund halten?“
Ich verdrehe die Augen.
„Der Scheiß, den du manchmal redest, Bjarne. Ehrlich.“
„Es ist eine feine Linie, ob sich das b***h-Level lohnt“, wirft Morgen ein.
„Aber heiß war sie schon.“
„Ich habe gesagt, haltet verdammt noch mal die Klappe.“
Wir steigen in den Fond meines wartenden Wagens.
„Wohin?“
Der Fahrer dreht sich zu uns um. Die Jungs schauen mich an.
„Habt ihr Hunger?“ frage ich.
„Meinetwegen.“
Beide zucken mit den Schultern.
„Hugo’s in Kensington, bitte.“
Der Wagen setzt sich in Bewegung und gleitet durch die Straßen Berlins. Die Jungs reden miteinander, während ich aus dem Fenster starre, den vorbeiziehenden Verkehr beobachte und in meinen Gedanken versinke.
Du … bist einfach nur ein schmieriger … privilegierter … Politiker.
„Wer war die Frau?“
Morgen reißt mich aus meinen Gedanken.
„Niemand.“
„Ach komm. Sie sah ziemlich nach jemand aus. Sie zerrt dich ins Foyer, und danach kommst du zurück, als hättest du einen Geist gesehen.“
„Halt. Die. Klappe“, zische ich.
„Woher kennst du sie?“
Sie werden nicht aufhören, also muss ich ihnen etwas geben.
„Wir waren vor ein paar Jahren zusammen. Es lief schlecht.“
Ich schüttele kaum merklich den Kopf.
„Das war das erste Mal, dass ich sie seitdem gesehen habe, und—“
„—und jetzt will sie dir den Schwanz abschneiden“, beendet Bjarne den Satz für mich.
„Im Grunde ja.“
Ich starre wieder aus dem Fenster.
„Na ja, mal sehen, ob sie es mit den Zähnen schafft“, meint Morgen.
Bjarne lacht. „Genau.“
Morgens Handy piept. Er liest die Nachricht und verdreht die Augen.
„Verdammt noch mal“, murmelt er.
„Was?“
Spence schaut zu ihm.
„Kalina geht mir wegen dieser Renovierung für Willow tierisch auf die Nerven.“
Ich stelle mir vor, wie Kalina meinen schlecht gelaunten Freund zur Schnecke macht, und grinse.
„Warum?“ frage ich.
Er hält uns das Handy hin und schaut uns ausdruckslos an. Zwei Bilder. Zwei verschiedene Teppiche.
„Wer denkt an einem Samstagabend über Teppiche nach?“
Er hebt die Augenbrauen.
„Mal ehrlich.“
Bjarne und ich lachen, und ich spüre, wie ein Teil meiner Wut langsam abebbt.
Ich sehe wieder hinaus, während sich die Welt langsam normalisiert und mein Gleichgewicht zurückkehrt.
Ich habe die besten Freunde der Welt. Und das ist alles, was zählt.