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1516 Words
ANN „Er ist was?“ keuche ich. „Ja. Er ist in letzter Zeit überall in den Nachrichten. Wie hast du das nicht mitbekommen?“ Mein Blut beginnt zu kochen. „Pures Glück, schätze ich.“ Benedikt runzelt die Stirn. „Kennst du ihn?“ Ich hebe die Augenbrauen, mir bewusst, wie seltsam das klingt. „Er kam früher in ein Café, in dem ich gearbeitet habe. Vor Jahren.“ Meine Nasenflügel beben, während ich versuche, diesen plötzlichen Zorn runterzuschlucken. „Er war ein echtes Arschloch.“ Benedikt lacht leise. „So kommt man vermutlich ins Amt.“ Ich lächle künstlich. Meine Wangen werden heiß, meine Laune kippt endgültig. Wie kann er es wagen, hier zu sein? Wie kann er es wagen, dieselbe Luft zu atmen wie ich? Vor meinem inneren Auge sehe ich sein Gesicht, wie er eben noch mit dem Handy am Ohr dastand, und ich presse die Zähne aufeinander. Ich hätte ihm eine reinhauen sollen. Direkt auf diesen dämlichen, kantigen Kiefer. Die Aufzugtüren öffnen sich, Benedikt nimmt meine Hand und führt mich in das große, verglaste Atrium. Ich zwinge mich zur Ruhe. Meine Wut gehört hier nicht her. Was zwischen uns war, ist Jahre her. Es ist mir egal, was er tut. Wirklich. Total egal. Ich sehe mich um. Sportmemorabilia, runde Tische, gut gekleidete Leute. „Willst du erst ein bisschen schauen, was alles versteigert wird, bevor wir zur Bar gehen?“, fragt Benedikt. Ich setze wieder dieses falsche Lächeln auf. „Klar.“ Wir gehen von Tisch zu Tisch, aber mein Kopf ist ganz woanders. Ich hätte etwas sagen sollen. Ich hätte ihm meine Meinung ins Gesicht schleudern sollen. Warum habe ich es nicht getan? So oft habe ich mir vorgestellt, was ich sagen würde, falls wir uns je wieder begegnen. Ich hasse es, dass ich damals wie ein Feigling weggelaufen bin. Dass ich nie die Chance hatte, alles loszuwerden. Jahrelang habe ich imaginäre Streitgespräche mit ihm geführt. Beim Autofahren. Unter der Dusche. Immer wieder dieselben Sätze. Die Dinge, die ich hätte sagen sollen. Die verletzenden Dinge, die er zu mir gesagt hat. Mein Magen zieht sich zusammen, als mich die Erinnerung an diese Nacht trifft. Ich hasse es, dass es mich immer noch berührt. Ich atme tief aus, schüttele leicht die Schultern. Vergiss es. Lass es los, Vianne. Sich darüber aufzuregen bringt nichts. Es ist okay. Total verdammt okay. Was kümmert er mich schon? Er ist nichts für mich. Ich werfe einen Blick zurück Richtung Aufzug. Und da ist er wieder. Rian tritt heraus. Und sofort sehe ich rot. Bastard. Ich stehe an der Bar und nippe an meinem grauenhaften Wein. Wenn man das überhaupt Wein nennen kann. Wer sucht für solche Events eigentlich die Getränke aus? Offenbar jemand ohne jeden Geschmack. Die Auktion läuft. Benedikt hat zehntausend Dollar für ein signiertes Surfboard von Kelly Slater geboten. Was er damit vorhat, keine Ahnung. Aber gut. Für einen guten Zweck. Wir haben ein paar Drinks gehabt, mit ein paar Leuten geplaudert, und jetzt sitzt Benedikt an einem Tisch mit sechs anderen Sportlern und schreibt Autogramme. Eine Stunde ist angesetzt. Danach können wir gehen. Rian steht auf der anderen Seite des Atriums mit zwei Männern. Einer blond, attraktiv. Der andere dunkel, düster, gefährlich gut aussehend. In etwa sein Alter. Beide eindeutig heiß. Ich schaffe es kaum, nicht ständig zu ihm rüberzusehen, und ärgere mich gleichzeitig über mich selbst, dass ich nichts gesagt habe. Aber was hätte ich sagen sollen? Ich weiß es ja selbst nicht. Hör auf. Ich ziehe mein Handy aus der Tasche und schreibe Liesel. Wer hätte gedacht, dass meine Erzfeindin aus der Rave-Cave-Zeit einmal eine meiner engsten Freundinnen wird? Du wirst nicht glauben, wer hier ist … Die Antwort kommt sofort. Wer? Ich schaue kurz zu Benedikt, während ich tippe. Rian Kronfeld. Wir sind uns im Aufzug begegnet. Anscheinend ist er jetzt stellvertretender Bundeskanzler. Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten. Oh Scheiße, stimmt ja. Hab ich diese Woche gesehen. Vergesse immer, dir davon zu erzählen. Ich hoffe, du hast ihm ins Gesicht gespuckt. Ich kichere. Wünschte ich. „Ist der Hocker frei?“, fragt ein Mann neben mir. „Ja, klar.“ Ich lächle. „Danke.“ Er nimmt den Hocker mit an seinen Tisch. Eine weitere Nachricht von Liesel ploppt auf. Scheiß auf ihn. Er ist einfach nur ein Arschloch. Sei froh, dass du ihn nie wieder sehen musst. Ich tippe zurück. Stimmt. Sprechen morgen. xoxo Ich stecke das Handy weg und lasse meinen Blick durch den Raum schweifen. Und da steht Rian und starrt mich an. Sein Gesicht ist vollkommen ausdruckslos. Dann hebt er langsam sein Weinglas. In meine Richtung. Wie ein verdammter Toast. Unsere Blicke verhaken sich. Adrenalin schießt durch meinen Körper. Willst du mich verarschen? Du hast wirklich die Dreistigkeit, mich anzusprechen? Sein blonder Freund schaut zu ihm rüber und sagt etwas. Rian lacht leise in sein Glas. Was ist so lustig, du Arsch? Mein Herz hämmert, als Scham und alter Schmerz mich überrollen. Der andere Freund sagt etwas, und alle drei lachen laut. Ich trinke einen Schluck. Es fühlt sich an, als würde der Himmel rot werden. Ich werde ihn nie wieder sehen. Nie die Gelegenheit haben, ihm zu sagen, was ich von ihm halte. Ich leere mein Glas, stelle es hart auf den Tisch. Und dann ist alles klar. Noch ehe ich richtig darüber nachdenken kann, marschiere ich auf seinen Tisch zu. Rian bemerkt mich erst, als ich direkt neben ihm stehe. „Ein Wort“, sage ich. Er hebt spöttisch eine Augenbraue. „Lieber nicht.“ Ich funkle ihn an. „Entweder du kommst jetzt mit raus oder du trägst gleich dein Getränk im Gesicht.“ Meine Stimme zittert vor Wut. „Ähm … wow.“ Der blonde Freund hebt ebenfalls die Augenbrauen. „Kennen wir uns?“ Ich wende mich ihm zu. Mein Blick reicht. Er verstummt. Der Dunkle grinst und streckt mir die Hand hin. „Elias Morgen.“ „Ist mir egal“, fauche ich. Der Blonde lacht. „Alter, wer ist das denn?“ „Raus. Jetzt.“ Ich drehe mich um und marschiere Richtung Foyer. Ich stapfe durch das Atrium wie der Hulk. So wütend war ich noch nie. Die Wut schmeckt bitter in meinem Mund. Im Foyer drehe ich mich um. Rian kommt hinter mir her. Auch er wirkt angepisst. Er steckt die Hände in die Hosentaschen. „Was willst du?“ zischt er. Ich deute auf die Garderobe. „Hier rein.“ Ich öffne die Tür. Leer. „Privat.“ „Ich hab dir nichts zu sagen.“ „Ich dir schon.“ Meine Stimme ist leise, aber gefährlich. Er geht an mir vorbei hinein. Ich folge ihm und schlage die Tür zu. „Ich hab keine Zeit für deinen Scheiß“, knurrt er. „Du nimmst dir jetzt Zeit, du eingebildeter, verdammter Arsch.“ Ich schreie. „Wie kannst du es wagen?“ Seine Augen weiten sich. Er zeigt auf sich selbst. „Wie ich es wagen kann?“ „Genau das.“ Er will etwas sagen. „Halt die Fresse und hör zu.“ Ich stoße ihn gegen die Brust. Sein Blick verengt sich, sein Kinn hebt sich trotzig. „Fass mich noch einmal an und du wirst sehen, was passiert.“ „Ich mache, was ich will, und du hörst mir jetzt zu. Erstens.“ Meine Stimme bricht. „Ich habe deinen Sohn nie angefasst. Kein einziges Mal. Wenn er in mich verknallt war, dann war das einseitig. Ich wusste nichts davon. Bis zu eurer Haustür.“ Er will widersprechen. „Halt die verdammte Klappe, Rian, oder ich schwöre bei Gott …“ Mein Brustkorb hebt und senkt sich hektisch. „Zweitens.“ Meine Stimme wird leise. „Du hast mich eine lügende Hure genannt.“ Sein Blick hält meinem stand. „Ja.“ Ich schlage ihm ins Gesicht. Der Knall hallt durch den Raum. Seine Augen lodern, und er packt mich, drückt mich gegen die Wand, nur um Abstand zu schaffen. „Ich bin niemandes Hure. Und schon gar nicht deine“, flüstere ich. Er hält mich fest, sein Gesicht ganz nah. „Bist du sicher?“ Ich stoße ihn von mir. Er taumelt zurück. „Du bezahlst für s*x, du erbärmliches Stück Scheiße, und wagst es, mich zu verurteilen?“ „Fahr zur Hölle.“ Seine Fäuste ballen sich. „Werde ich nicht.“ Ich lächle kalt. „Mein Gewissen ist rein. Ich bin ein guter Mensch mit einem guten Herzen. Und ohne Doppelmoral.“ Ich trete näher. „Und du bist nichts weiter als ein schmieriger, privilegierter Politiker.“ Seine Nasenflügel beben. Ich habe getroffen. „Halt dich von mir fern“, zische ich. Dann drehe ich mich um und gehe. Direkt zur Damentoilette. In der Kabine schließe ich die Tür, und die Tränen kommen. Mein Herz schlägt überall gleichzeitig. Ich vergrabe das Gesicht in den Händen, überwältigt von Wut. Ich hasse Rian Kronfeld. Ich hasse ihn. Ich hasse, dass er noch immer Macht über mich hat. Und ich hasse am meisten, dass ich ihn immer noch nicht losgelassen habe.
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