RIAN
Ich fülle die Kaffeetassen mit kochendem Wasser und rühre die Milch hinein.
„Marina will, dass ich euch zusammenbringe.“
Ich sehe meine Schwester an. „Du machst Witze, oder? Ich habe überhaupt kein Interesse an Marina.“
„Rian“, seufzt Johanna. „Du hast an niemanden mehr Interesse.“
„Doch, schon. Ich mag es so.“ Ich reiche ihr die Kaffeetasse.
„Danke.“ Sie schaut mich genau an.
Ich rolle mit den Augen. „Was?“
„Wann lässt du dich endlich mal glücklich sein?“ fragt sie.
„Ich bin glücklich. Wovon redest du?“
„Ich meine richtig glücklich… eine eigene Familie, Frau, Kinder.“
„Das sehe ich nicht in meiner Zukunft.“
„Warum nicht?“
„Ich war da schon, habe das Ganze Ehe-Ding durch. Dorthin will ich nicht zurück.“
„Seb“, seufzt sie, „Yvette war einfach ein schlechter Fang. Es hätte keine Rolle gespielt, wen sie geheiratet hätte, sie hätte es jedem angetan. Und diese andere Frau… die—“
„Vianne“, unterbreche ich sie, bevor sie den Namen ausspricht.
Ihre Augen halten die meinen einen Moment lang. „Ich sage nur… du kannst den Rest deines Lebens nicht in der Vergangenheit verbringen.“
„Tu ich nicht. Ich habe nur nicht mehr die Erwartungen, die ich früher hatte.“
„Willst du wirklich alleine in diesem riesigen Haus leben?“
„Ich bin vollkommen zufrieden, wie es ist.“ Ich werfe einen Blick auf den goldenen Labrador, der vor dem Feuer ausgestreckt liegt. „Und ich lebe nicht allein. Ich lebe mit Bentley.“ Ich grinse gegen meine Kaffeetasse.
„Warum gehst du eigentlich nicht aus?“ frage ich, um das Thema zu wechseln.
„Ich habe tatsächlich ein Date am Samstagabend.“
„Wirklich?“
„Ja.“ Sie lächelt.
„Mit wem?“
„Du kennst ihn nicht.“ Ihre Antwort kommt viel zu schnell.
Ich starre sie einen Moment an. „Weißt du, Vi, ich habe inzwischen ein Gespür dafür, wann jemand lügt.“
Sie rollt mit den Augen.
„Lügst du mich an?“
Sie grinst.
„Also… ich kenne ihn doch.“
„Ich will es nur nicht verhext machen.“ Sie lächelt.
Ich runzle die Stirn. „Gefällt er mir?“
„Hast du je einen meiner Freunde gemocht?“ Ich schmunzle, weil ich weiß, dass sie mich erwischt hat. „Nein.“
„Also, kann ich dich mit Marina zusammenbringen?“
„Auf keinen Fall.“
Wir schweigen eine Weile. Ich liebe meine Schwester. Sie ist wie ich Single, und da Nalim mit seiner neuen Frau auf der anderen Seite des Landes lebt, fühlt sie sich manchmal einsam. Wir essen ein paar Abende pro Woche zusammen. Sie ist zu meinem Fels geworden.
„Ich habe sie gesehen“, gestehe ich schließlich.
„Wen?“
„Vianne.“
Sie runzelt die Stirn. „Wo?“
„Letzte Woche im Kunstmuseum bei einer Wohltätigkeitsauktion.“
„Habt ihr gesprochen?“
„Man könnte es so nennen.“ Ich nippe an meinem Kaffee. „Wir haben uns im Garderobenbereich gezofft.“
„Natürlich“, meint sie schmunzelnd. „Wie geht es ihr?“
„Immer noch schön.“
Johanna pustet in ihren Kaffee. „Und total falsch für dich, Rian. Vergiss sie sofort.“
„Egal.“ Ich zucke beiläufig mit den Schultern. „Sie war mit jemand anderem. Vielleicht einem Freund. Einen Ehering hatte sie nicht.“
„Du hast auf ihre Hand geschaut?“ fragt sie trocken.
Ich verzerrt die Lippen, will es nicht noch einmal laut zugeben, hasse aber, dass ich es getan habe.
„War er bei ihr?“ Sie meint ihren Freund oder was auch immer er ist.
„Ja, er spielt Fußball. Ziemlich gut, habe ich gehört. Bei Manchester United.“ Ich überlege kurz, „Vielleicht Arsenal, ich weiß den Verein nicht genau.“
„Gut. Ich hoffe, sie heiratet ihn morgen und bleibt dir verdammt noch mal fern.“
Ich lächle meiner überfürsorglichen Schwester zu und lasse mich zurück in meine Gedanken sinken – etwas, das ich in letzter Zeit oft tue.
Die Wut der Erinnerung. Ich schweife zurück zu all den Jahren zuvor, wie es war, in ihren Armen zu sein. Für eine Weile war alles perfekt.
Mein Magen dreht sich, wenn ich daran denke, wie schlecht es endete.
Ich habe viele Bedauern in meinem Leben. Diese Woche, diese Nacht und die Monate danach. Sie gehören alle zu den größten.