25

954 Words
ANN Wir fahren mit dem Aufzug in den obersten Stock, und meine Nerven sind auf Hochspannung. Ich werfe einen Blick auf mein Spiegelbild in den Türen. Schwarze High Heels, ein schwarzer Bleistiftrock, dazu ein passendes Jacket über einer cremefarbenen Seidenbluse, dazu schwarze, transparente Strümpfe. Mein blonder Bob fällt in lockeren Wellen, das Make-up ist minimal. Es ist mein erster Arbeitstag unterwegs mit Torvald Kühnert, und ich muss zugeben, dass mir das echt Angst macht. Marek ist mit dabei, Torvalds persönlicher Assistent, der ihm überallhin folgt. Ich sehe zu Marek, der neben der Tür steht. Anfang dreißig, sehr gutaussehend, perfekt sitzender Anzug, schokoladenbraune Haare, große grüne Augen. Er ist anscheinend seit sechs Jahren Torvalds Assistent. Sehr freundlich. Die Dynamik zwischen den beiden habe ich noch nicht ganz durchschaut. Vielleicht sind sie zusammen, sie wirken vertraut. Aber vielleicht liegt das nur daran, dass sie so lange zusammenarbeiten – mein Kopf spielt da schon wieder verrückt. Nur weil er sein PA ist, heißt das nicht, dass sie… na ja. Oder vielleicht habe ich doch ein richtiges Bauchgefühl, und sie sind tatsächlich zusammen. Die Zeit wird es zeigen. Es gibt so viel zu lernen, und ein kleiner Nervenkitzel durchläuft mich bei der Aussicht auf all die neuen, aufregenden Dinge. Die Türen öffnen sich, Marek tritt hinaus und geht direkt zum Empfang. Er zieht sofort seinen Laptop aus der Tasche. Am Eingang steht ein Metallscanner, außerdem zwei Sicherheitsleute. Hä? Ein Metalldetektor? Ich sehe zu Torvald, frage mich, wen wir gleich treffen werden. „Du musst deinen Laptop rausnehmen und durch die Sicherheitskontrolle“, sagt Torvald, während er seine Laptoptasche auspackt. Er legt Handy und Schlüssel auf ein Tablett. „Schuhe aus“, befiehlt der Sicherheitsmann, während er den Metalldetektor über meinen Körper führt. Ich ziehe die Schuhe aus und lege sie aufs Tablett. Torvald hätte uns den Zeitplan letzte Woche per Mail schicken sollen, aber nichts kam an, und ich wollte nicht aufdringlich wirken. Nachdem wir die Kontrolle passiert haben, schlüpfe ich wieder in meine Schuhe und sammle meine Sachen zusammen. Schließlich treten wir in einen weiteren großen Empfangsbereich. Schwarzer Marmorboden, so prunkvoll wie nur möglich. „Guten Morgen, Torvald.“ Die Empfangsdame lächelt. „Morgen, Marek.“ Ihre Augen kommen fragend zu mir. „Rebecca, das ist Vianne“, stellt Torvald mich vor. „Sie ist meine neue Assistentin und wird ab sofort mit mir reisen.“ „Hallo.“ Rebecca lächelt gezwungen, mustert mich von oben bis unten. Ich höre fast ihre stillen Urteile. „Hallo“, erwidere ich freundlich. Warum sind Frauen zu anderen Frauen so fies? Wahrscheinlich steht sie auf Torvald – oder auf Marek. Er ist in ihrem Alter. „Geh einfach rauf in sein Büro. Er erwartet dich.“ „Danke.“ Torvald deutet mir den Weg. Ich folge ihm den langen Flur entlang. Marek biegt ab in ein Büro links. „Bis bald“, sagt er und setzt sich an einen Schreibtisch. Torvald und ich stehen vor zwei großen schwarzen Doppeltüren. Torvald klopft einmal. „Herein!“ ruft eine Stimme. Torvald öffnet die Tür. „Hallo, mein Freund.“ Er tritt ein. Ich sehe auf die Person hinter dem großen Mahagonischreibtisch, und mein Herz bleibt stehen. Es ist Rian Kronfeld. Oh, verdammt. Er sieht mich und rollt die Lippen. „Torvald“, sagt er trocken, die Augen auf mich gerichtet. „Rian.“ Torvald lächelt und deutet auf mich. „Das ist Vianne Falkenrath, meine neue Assistentin. Sie wird ab sofort eng mit mir zusammenarbeiten. Vianne, das ist Rian Kronfeld, der Mann, der derzeit unser Land mitführt.“ Rians Blick bleibt an meinem hängen, er streckt die Hand zum Händedruck aus. „Hallo, Vianne. Schön, dich kennenzulernen.“ Sein Tonfall bleibt völlig emotionslos. Verdammt, verdammt, doppelt verdammt. Das passiert nicht. „Hallo“, grimasse ich. „Bitte, nimm Platz.“ Er deutet auf die Stühle am Schreibtisch. Oh nein… das ist schlecht. Richtig schlecht. Ich setze mich, um nicht umzufallen. Ich könnte diese Situation nicht erfinden, wenn ich wollte. Mein Herz rast, ich wische mir die Stirn ab, mir wird fast schwindelig. Rian lehnt sich in seinem Stuhl zurück, die Augen noch immer auf mich gerichtet. Er hebt das Kinn in stiller Herausforderung. Perfekt sitzender dunkelblauer Anzug, dunkles, leicht gewelltes Haar, tief olivfarbene Haut, die im Kontrast zum knallweißen Hemd steht. Arroganz pur. „Also, ich habe unsere Optionen recherchiert.“ Torvald ist sofort im Geschäftsmode. Rians Augen heben sich kurz zu ihm. Aber mein Blick bleibt auf Rians Gesicht. Er ist älter als bei unserem letzten Treffen, ein wenig gezeichnet, aber immer noch unglaublich schön. Rian Kronfeld ist immer noch der attraktivste Mann, dem ich je begegnet bin – leider. Mein Herz zieht sich zusammen, während ich seiner tiefen Stimme lausche, wie er mit Torvald spricht. Ich sehe vor meinem inneren Auge, wie er zu mir hochblickt, der Kopf zwischen meinen Beinen, die Lippen glänzen, und ich beiße mir auf die Unterlippe, um die Erinnerung loszuwerden. Hör auf! Er ist ein kompletter Arsch. Der Bastard aller Bastarde. Ich erinnere mich an seine Küsse, wie er mein Gesicht in die Hände nahm, die Augen schloss, und ich alles bis in die Zehenspitzen spürte. Verdammt, stopp. Ich hasse, dass er mich immer noch so beeinflusst. Torvald und Rian reden weiter über geschäftliche Dinge – irgendwas mit einer Autobahnbrücke, Gesetze, irgendwas anderes – aber ich kriege kein Wort mit, obwohl es wirklich wichtig ist. Eine halbe Stunde sitze ich da, wie eingefroren. Rian hat mich kein einziges Mal angesehen. Torvald kramt in der Tasche und nimmt sein klingelndes Handy heraus. „Sorry, ich muss ran. Bin gleich zurück. Macht euch bekannt.“ Er steht auf und verlässt den Raum, die Tür hinter sich schließend. Wir sind allein.
Free reading for new users
Scan code to download app
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Writer
  • chap_listContents
  • likeADD