ANN
Ich setze mich auf, erschrocken. Scheiße.
Oh verdammt… Ich atme aus und antworte hastig: „Hallo.“
„Vianne“, schnurrt seine tiefe Stimme durch die Leitung.
„Ich habe mit diesem Anruf gerechnet. Ich spreche mit Torvald und sage ihm Bescheid.“
„Worüber soll er Bescheid wissen?“
„Dass du nicht willst, dass ich in deinem Büro arbeite. Ich verstehe.“ Ich schließe frustriert die Augen. Natürlich macht er alles persönlich. „Danke, dass du mich informiert hast.“
Er pausiert. „Darum geht es nicht. Ich habe kein Problem damit, mit dir zu arbeiten.“
Hä?
„Warum hast du überhaupt noch meine Nummer?“ fragt er.
„Wie meinst du?“
„Warum hast du meine Nummer nicht gelöscht?“
„So wie du meine gelöscht hast, meinst du?“
„Ja.“
„Weil ich keine Nummern löschen muss, um mich selbst davon abzuhalten, Leute anzurufen, Rian. Ich habe da etwas mehr Selbstkontrolle.“
Er schweigt, verarbeitet meine Worte. Nach einer Weile sagt er: „Verstehe.“ Wir schweigen beide am Telefon, als würden wir darauf warten, dass der andere etwas sagt.
Ich habe so viel, das ich ihm sagen will, so viel Wut in mir, aber wenn ich mit ihm arbeiten muss, muss ich das von der Seele bekommen.
„Rian.“ Ich halte kurz inne, suche nach den richtigen Worten. „Ich weiß, dass es jetzt keine Rolle spielt, und ich weiß, dass es nichts mit unserer aktuellen Situation zu tun hat… und ich weiß nicht einmal, warum ich das wirklich sagen muss, aber es tut mir leid, dass…“
„Was, Vianne?“
„…dass du gedacht hast, ich wäre mit deinem Sohn zusammen gewesen.“ Er schweigt.
„Nalim und ich waren nie zusammen, Rian. Ich hatte keine Ahnung, dass er auf mich steht, bis er mich auf deiner Haustür geküsst hat. Ich war genauso entsetzt wie du—“
„Du und ich waren nicht zusammen“, unterbricht er mich.
„In meinen Augen waren wir es.“ Ich merke, wie die Emotionen hochkommen. Was ist nur mit diesem verdammten Mann, dass er mich so weich macht? „Ich konnte mit niemand anderem zusammen sein, weil ich zu sehr in dich verliebt war.“
Wieder Stille. Ich schüttle genervt den Kopf – warum habe ich das überhaupt laut gesagt?
„Egal. Mir ist es mittlerweile egal. Ich habe vor Jahren weitergemacht, aber ich wollte nur, dass du es weißt.“
„Ich bin nicht stolz darauf, wie ich diese Nacht gehandhabt habe, Vianne“, flüstert er.
Ich schließe die Augen und lausche seiner tiefen Stimme. So viele Erinnerungen kommen hoch.
„Ich habe die Beherrschung verloren“, sagt er leise. „Ich… ich konnte nicht damit umgehen, und ich brauchte dich weg.“
„Das ist deine Entschuldigung?“
Er schweigt.
„Weil jemanden eine lügende Schlampe zu nennen, eine Entschuldigung verdient“, sage ich. „Und ich habe dich nie belogen – nicht einmal – und wir wissen beide, dass ich keine Schlampe bin.“
„Warum hast du dann dort gearbeitet?“
Meine Wut steigt. „Weil ich meinen Ehemann beim s*x mit einer anderen Frau erwischt habe, Rian!“ brülle ich. „Und ich habe ihn mit nichts als den Kleidern am Leib verlassen.“ Wütende Tränen steigen mir in die Augen. „Und du hast keine Ahnung, wie es ist, so pleite zu sein, dass man sich weder Essen noch Miete leisten kann. Also wag es ja nicht, mich zu verurteilen, du selbstgerechter Arsch. Frag dich mal, warum es für dich okay ist, für s*x zu zahlen? Warum glaubst du, arbeiten Mädchen in solchen Etablissements, Rian? Denkst du, sie sind nur wegen deines magischen Schwanzes dort?“
„Beruhige dich.“
„Ich werde mich nicht beruhigen!“ schluchze ich. „Es sind reiche Bastarde wie du, die Mädchen wie mich billig fühlen lassen.“ Ich schüttle den Kopf. „Steck dir deine erbärmliche Entschuldigung sonstwo hin.“
„Vianne.“
Ich lege auf, springe mit Absicht aus dem Bett und gehe unruhig auf und ab. Ich bin zu wütend, um still zu sitzen.
Scheiß auf ihn und sein Urteil. Er kann zur Hölle gehen.
Rian Kronfeld ist immer noch ein Arschloch.