Angst, Dunkelheit und Schmerz. Warum fühlte ich all diese Emotionen noch? Es konnte nur eine schreckliche Erklärung dafür geben: Ich lebte noch. Die Erkenntnis traf mich hart und erfüllte mich mit kaltem Entsetzen. Der Grund dafür, dass ich noch am Leben war, konnte nur bedeuten, dass etwas viel Schlimmeres auf mich wartete. Ich versuchte, meine Augen zu öffnen, aber ein scharfer, stechender Schmerz in meinem linken Auge ließ mich zusammenzucken. Stöhnend hob ich meine schmerzende Hand und berührte die Stelle vorsichtig, fühlte eine klebrige, eingetrocknete Blutspur.
„Ah!“, rief ich und zog die Hand vor dem stechenden Schmerz zurück. Sie mussten mich gekratzt haben. Ich konnte das getrocknete Blut an der Seite meines Gesichts spüren, das bei jeder Bewegung unangenehm spannte. Mein Kopf pochte bei jedem Herzschlag, was es schwer machte, klar zu denken.
Langsam drückte ich mich in eine sitzende Position auf dem kalten, harten Boden. Die Oberfläche fühlte sich unter meinen Fingern wie rauer Stein an, unbeweglich und eisig, und jagte mir Schauer durch meinen ohnehin geschundenen Körper. Ich blinzelte ein paar Mal, versuchte, mich an die Dunkelheit zu gewöhnen, aber es war zwecklos. Überall war Dunkelheit, ein endloser Abgrund, der alles zu verschlucken schien. Sie war so vollkommen, dass es sich anfühlte, als wäre ich lebendig begraben.
Ich zwang mich aufzustehen, spürte ein starkes Kribbeln in meinen Beinen, als wären sie eingeschlafen. Meine Knie gaben fast nach, und ich wäre beinahe wieder zu Boden gefallen, doch ich fing mich gerade noch. Die Taubheit ließ langsam nach und wurde durch einen dumpfen Schmerz ersetzt. Einen Moment stand ich einfach da, leicht schwankend, bis das Gefühl vollständig zurückkehrte.
Ich machte einen vorsichtigen Schritt nach vorn, die Arme ausgestreckt, und tastete blind durch die Dunkelheit. Meine Fingerspitzen strichen über die rauen Steinwände, deren Oberfläche uneben und kalt war. Ich ging weiter, folgte der Wand, bis meine Hand gegen etwas Kühles und Hartes stieß – Metallstäbe. Ich war in einer Art Gefängniszelle eingesperrt, eingeschlossen wie ein Tier. Mein Herz sank, als ich begriff, in welcher Lage ich mich befand.
Ich ließ mich zu Boden sinken, zog meine Knie an meine Brust und rollte mich zusammen, während leise Tränen meine Wangen hinunterliefen. Die Tränen kamen in langsamen, zitternden Wellen, mehr aus Frustration als aus Angst. Warum hatten sie mich nicht einfach dort getötet? Es wäre besser gewesen als das hier. Ich hatte Geschichten gehört über diejenigen, die verschont worden waren – geflüsterte Gerüchte, die man kaum laut aussprach. Sie wurden zu Sklaven gemacht, misshandelt und gebrochen, bis kaum etwas von ihnen übrig war. Manche sagten, die Werwölfe würden ihre Gefangenen sogar langsam töten, Stück für Stück, um ihr Leiden in die Länge zu ziehen.
Ich war jetzt in der Hölle. Niemand war übrig, um mich zu retten. Alle meine Freunde waren tot, ihre Körper im Wald zurückgelassen.
„Es bringt nichts, zu weinen“, krächzte eine raue Männerstimme aus der Dunkelheit. Seine Stimme klang schwach, brüchig, als hätte er tagelang kein Wasser gehabt. Sie hallte leicht wider, was bedeutete, dass er in einer anderen Zelle war, vielleicht genau gegenüber. „Heb dir die Tränen für später auf. Es gibt schlimmere Dinge, über die du noch weinen wirst.“
Ich schniefte und wischte mir die Tränen mit dem Handrücken ab. „Wer…wer bist du? Und wo sind wir?“, fragte ich mit zitternder Stimme. Ich kniff die Augen zusammen, versuchte, etwas zu erkennen, aber es gab nichts außer der drückenden Schwärze.
Er stieß ein heiseres Husten aus, bevor er antwortete. „Mein Name ist O’zaak. Ich bin Wissenschaftler… oder war es zumindest, bevor all das geschah. Ich bin schon… ich weiß nicht wie lange hier eingesperrt. Ich habe seit einer Ewigkeit kein Tageslicht gesehen. Wir sind in der Hölle, Kind“, murmelte er, bevor er erneut zu husten begann. Er klang, als wäre er dem Tod nahe.
„Was meinst du mit Hölle?“, fragte ich ungeduldig, meine Stimme wurde höher, als eine Welle der Panik mich überrollte.
„Schon mal vom ursprünglichen, reinrassigen Lykan gehört?“, fragte er. Er wartete auf meine Antwort, aber ich blieb stumm. Die Angst hatte mir die Sprache geraubt. „Werwölfe sind nichts im Vergleich zu diesem Wesen. Ein reinrassiger Lykan ist ein Albtraum, dem du nie begegnen willst. Es gibt nur wenige von ihnen, und sie zeigen sich selten. Im Moment sind wir in den Verliesen eines solchen Wesens – einem Ort, an dem er seine Sklaven hält.“
Ich schnaubte, versuchte die Angst in meiner Stimme zu verbergen. „Verliese? Ist das irgendeine Art Schloss?“
„Ich weiß es nicht“, antwortete O’zaak schwach. „Aber ich weiß, dass dieser Lykan von königlichem Blut ist. Ein König oder etwas in der Art. Und er wird uns alle töten, früher oder später. Du wirst dir wünschen, ein normaler Werwolf hätte dich erwischt.“ Seine Stimme war voller Mitleid.
Ich brauchte sein Mitleid nicht. Ich kroch in eine dunkle Ecke der Zelle und lehnte meinen Rücken gegen die kalte Steinwand. Warum musste das mir passieren? Ich hatte einmal ein normales Leben gehabt – so normal, wie es in dieser Welt möglich war. Alles änderte sich vor zehn Jahren, genau an meinem zehnten Geburtstag. Das war der Tag, an dem die Hölle über uns hereinbrach.
Wissenschaftler und Ärzte hatten versucht, es zu erklären – ein außer Kontrolle geratenes Virus, eine Mutation, die Menschen in diese Kreaturen verwandelte. Aber Menschen wie meine Eltern, die tief religiös waren, hatten ihre eigenen Theorien. Für sie war es eine biblische Plage, ein Zeichen, dass der Teufel seine Dämonen in Gestalt von Wölfen geschickt hatte, um die Menschheit zu bestrafen. Für mich spielte es keine Rolle. Es war die Hölle, egal woher es kam.
Das erste Mal, dass ich einen Werwolf sah, war an meinem zehnten Geburtstag. Es war eine kleine Feier, nur meine Eltern und ein paar Freunde. Wir lachten, aßen Kuchen – und dann geschah es. Ein riesiges Wesen brach durch unsere Hintertür, die Augen erfüllt von roher Aggression. Ich erinnere mich an sein Knurren, an das Funkeln seiner Zähne, als es losstürmte. Meine Eltern versuchten, mich zu schützen, aber sie hatten keine Chance. Das Wesen griff sie an, und ich versteckte mich unter dem Tisch, zitternd, während Chaos um mich herum ausbrach. In dieser Nacht wurde ich zur Waise – an meinem eigenen Geburtstag. Eine typische, tragische Geschichte in einer Welt ohne Happy Ends.
Die Erinnerung ließ meine Brust eng werden. Ich umklammerte meine Knie fester und versuchte, die Gedanken zu verdrängen. O’zaaks Worte wiederholten sich in meinem Kopf: „Du wirst dir wünschen, ein Werwolf hätte dich erwischt.“
Er hatte recht. An diesem Ort wäre der Tod vielleicht die freundlichere Option gewesen.