Ich wusste nicht, wie viele Stunden oder Minuten in diesem dunklen Ort vergingen. Die Zeit nicht erkennen zu können, war frustrierender, als ich gedacht hatte. Die Stille war so ohrenbetäubend – die Ironie daran war lächerlich, aber wahr. Nichts zu hören außer meinem eigenen Atem und meinem Herzschlag trieb mich in den Wahnsinn. Ich brauchte etwas, irgendetwas – nur um mich abzulenken. Ich war es leid, mir tausend mögliche Arten vorzustellen, wie der Lykan mich töten würde. Langsam kroch ich vor und setzte mich nahe an die kalten Gitterstäbe meiner Zelle.
„O’zaak … O’zaak!“, rief ich so leise wie möglich.
„Ja … ich lebe noch … du hast mir übrigens nie deinen Namen gesagt“, antwortete er träge. Es war, als würde man mit einem Mann auf seinem Sterbebett sprechen. Genau so hatte mein Großvater geklungen, bevor er langsam und schmerzhaft in seinem Zimmer starb, weil er sein Haus nicht verlassen wollte.
Ich seufzte. Ich sah keinen Sinn darin, ihm meinen Namen oder meine Lebensgeschichte zu erzählen, wenn wir sowieso bald sterben würden. „Mein Name ist Lucy Jameson. Jedenfalls wollte ich dich etwas fragen.“
„Frag nur … es ist ja nicht so, als hätte ich keine Zeit.“
Ich verdrehte innerlich die Augen bei seiner Antwort, bevor ich fragte: „Sind wir die einzigen Gefangenen hier?“
Er lachte sarkastisch. „Keine Ahnung. Wenn es hier Gefangene gibt, liegen sie wahrscheinlich leblos in ihren Zellen.“
„Oder sie wissen einfach, dass es besser ist, als mit einem toten Mann zu plaudern“, schnitt eine Stimme ein, und plötzlich wurde ein grelles Licht sichtbar, als sich eine Tür öffnete. Es war, als würde sich das Tor zum Himmel öffnen.
Ich kniff die Augen zusammen, als das Licht mich traf. Eine große Silhouette eines Mannes kam auf meine Zelle zu, und ich wich in die hinterste Ecke zurück – als ob das mich retten würde. Ich sah mich um und musste mir eingestehen, dass O’zaak recht hatte: Dies war definitiv ein Verlies. Dunkel, kalt, feucht und dreckig, mit ekligen Ratten, die herumkrochen und nach etwas Essbarem suchten. Ich war es gewohnt, ein paar Tage ohne Essen zu überleben – das Leben auf der Straße und später im Wald formt einen so. Vor allem, wenn die Wölfe jede Fleischquelle jagen, von der Menschen hätten leben können. Man gewöhnt sich an eine gewisse Lebensweise … eine, von der ich nie gedacht hätte, dass ich sie akzeptieren müsste.
Ich hörte, wie der große Mann meine Zelle aufschloss. Das war also mein Ende. Langsam ging er auf mich zu und packte mich grob am linken Arm. Ich schrie: „Bitte, tu mir nicht weh!“
Er schlug mich hart. „Halt die verdammte Klappe!“, brüllte er und zerrte mich hinter sich her. Ich schrie noch lauter vor Panik.
Er schleuderte mich gegen etwas Hartes und Metallisches. Ich stürzte zurück auf den kalten, harten Betonboden und schrie vor Schmerz auf. Weinend versuchte ich, wegzukriechen. Da sah ich ihn: O’zaak. Er sah jung aus, vielleicht Mitte zwanzig. Er saß in einer Ecke mit dem Kopf auf den Knien. Sein schmutzig-blondes, schulterlanges Haar war verfilzt. Er trug einen Laborkittel, der inzwischen eher braun war, und schwarze Hosen. Er hob langsam den Kopf, und seine rehbraunen Augen blickten mich mitleidig an, bevor ich an den Füßen weggezogen wurde.
Er schleifte mich über den Boden, während ich mit den Fingern über das harte Gestein kratzte, bis sie bluteten. Ich wurde aus dem Verlies gezerrt – und plötzlich traf mich Sonnenlicht und feuchtes Gras. Panisch sah ich mich um. Ich war draußen!
Der Mann drehte mich herum und warf mich über seine breite Schulter. Er hatte dunkelbraune, kurze Locken, war extrem groß – vielleicht 1,95 – und überall so muskulös, dass er wie ein Riese wirkte. Ich hörte auf, mich zu wehren, als er weiterging. Ich sah mir meine Umgebung und den Weg an, den wir nahmen.
Nach etwa fünfzehn Minuten schweigendem Marsch durch den Wald erreichten wir schließlich ein riesiges Gebäude – ein hohes, weißes Schloss. In der Umgebung standen ein paar kleinere Häuser. Überall waren Menschen … oder besser gesagt Werwölfe. Sie liefen herum, redeten, lachten, als wäre die Welt in Ordnung. Alle sahen unnatürlich schön aus. Niemand schenkte mir Beachtung, als ich ins große Gebäude getragen wurde – als wüssten sie bereits um mein unvermeidliches Schicksal.
Wir betraten einen riesigen Wohnraum. Wer auch immer hier lebte, musste stinkreich sein. Jedes Möbelstück sah verdammt teuer aus. Die Wände waren in einem sanften Pfirsichton gestrichen, und die Bilder zeigten kunstvolle Rosen oder Wölfe. Alles in diesem Raum wirkte ablenkend und schrie nach Königshaus.
„Lewis!“, rief eine weibliche Stimme. Ich konnte sie nicht sehen, da ich in die andere Richtung blickte.
Er setzte mich vorsichtig auf den Boden, wo ich versuchte, auf meinen wackeligen Beinen gerade zu stehen. Ich hoffte, nicht gleich nach vorn zu kippen. Er umarmte das hübsche blauäugige Mädchen mit den langen, blonden Locken – sein rechter Arm um sie, während er mich mit der linken Hand noch festhielt. Ich fühlte mich plötzlich extrem unwohl in meinen dreckigen, zerrissenen Jeans, dem schwarzen, zerschlissenen T-Shirt und den weißen, schlammigen Turnschuhen, die ich irgendwo auf der Straße gefunden hatte. Mein langes, schwarzes Haar war voller Schmutz und hing wirr herunter. Ich sah bestimmt aus wie eine Verrückte.
„Ich habe dich vermisst, meine wunderschöne Gefährtin“, sagte er und küsste sie. Ich schaute weg.
Ich verlagerte mein Gewicht auf mein linkes Bein, da mein rechtes höllisch schmerzte. Vermutlich hatte ich mir den Knöchel verstaucht. Die kleine Bewegung erregte ihre Aufmerksamkeit.
„Noch eine?“, fragte das Mädchen neugierig und musterte mich.
„Melissa“, sagte Lewis streng, „sie ist kein Haustier. Sie soll als Dienerin arbeiten, bis der Alpha-König zurückkehrt und morgen über ihr Schicksal entscheidet.“
Melissa seufzte und verdrehte die Augen. „Schade. Sie ist so schön. Hoffentlich hat er Mitleid und macht es schnell.“