Vina
„Du hast was?"
Annikas Milchshake schwappte über den Rand, als sie sich verschluckte — eine denkbar schlechte Wahl bei einem Kater.
Ich hatte den ganzen Tag darauf gebrannt, mit ihr zu reden.
Aber nichts — wirklich gar nichts — hätte mich auf diese Reaktion vorbereiten können.
„Also… ich wusste ja, dass du jemanden abschleppen würdest. Aber Kasimir? Ausgerechnet der?"
„Kannst du mich bitte gerade nicht verurteilen?", schoss ich zurück.
„Fuck. Ich kann nicht fassen, dass du mit Kasimir geschlafen hast", flüsterte sie.
Ich rümpfte die Nase. „Hab ich aber."
„Oh mein Gott", hauchte sie und schüttelte den Kopf, als wollte sie eine Erinnerung loswerden. „Das versteh ich nicht."
Ich zuckte mit den Schultern — betont lässig, fast abweisend — aber meine Finger zuckten nervös auf der Tischplatte. „Was gibt's da nicht zu verstehen?"
„Aber… du hasst ihn doch."
Ich nickte. „Tu ich."
„Kasimir?", wiederholte sie, als könnte sein Name das Universum wieder ins Lot bringen.
„Hör auf. Ich fühl mich schon schlecht genug. Du musst es nicht noch schlimmer machen."
Sie nahm einen langen, langsamen Schluck. Ich tat es ihr gleich — leerte das Glas, schenkte nach, sah nicht auf.
„Eigentlich hätte ich mich wohl nicht wundern sollen", sagte sie schließlich, die Stimme weicher, beinahe belustigt. „Ihr umkreist euch doch schon seit Jahren."
„Nein", korrigierte ich. „Wir hassen uns seit Jahren."
„Eben. Die ganze aufgestaute Frustration und Wut? Die musste irgendwie raus. Und ihr habt wohl einen Weg gefunden… Dampf abzulassen."
„Könnte man so sagen", murmelte ich, während sich ein schiefes Lächeln auf meine Lippen schlich. „Aber ehrlich? Ich glaube, das macht alles nur noch schlimmer."
„Warum?"
„Weil ich ihn jedes Mal nackt vor mir sehe, wenn ich ihn anschaue. Seinen Rücken. Seine Schultern. Wie er sich bewegt hat — langsam, bedächtig, als wüsste er ganz genau, was er tut."
Ihre Augen weiteten sich. „So gut?"
„Ja. Und wie. Sein Körper — Gott, Vina — ich hatte keine Ahnung."
„Ich hab ihn schon mal oben ohne gesehen. Fand ihn schon immer ganz attraktiv." Sie grinste. „Aber ich stand noch nie auf den Bad-Boy-Typ. Das war schon immer dein Ding. Eigentlich hätte ich's kommen sehen müssen."
„Nein. Hättest du nicht. Da war nichts."
„Er war gut? Hat dir Spaß gemacht?", bohrte sie nach und ignorierte meinen Einwand.
Ich wurde rot — konnte sie nicht anlügen. „Ja. Und ja."
Sie brach in Lachen aus und klatschte sich auf den Oberschenkel. „Ist er zärtlich? Hart?"
„Es war… schnell. Aber ich würde sagen, beides. Ehrlich gesagt? Ich glaube, ich war die Wildere von uns." Ich nahm noch einen Schluck und ließ die Erinnerung auf mich wirken.
„Ich hab ihm ziemlich ordentliche Kratzspuren auf dem Rücken hinterlassen."
„Vina! Du wilde Frau!", kicherte sie. „Das musst du mir später ganz genau erklären."
„Das ist mir so peinlich."
„Warum? Du bist jung. Single. Er ist jung. Single. Und egal, was du von ihm hältst — so übel ist er gar nicht. Du hast hinter die Fassade geblickt. Dieses Ich-bin-so-tough-Gehabe? Das ist genau das — eine Fassade."
„Glaub ich nicht", sagte ich leise. „Er ist immer noch derselbe Typ, den ich schon immer nicht ausstehen konnte. Nur dass er jetzt eben derselbe Typ mit etwas ist, das mir wirklich gefallen hat."
„Igitt. Hör auf. Erspar mir die schmutzigen Details. Er ist immer noch mein Freund. Ich muss mit dem Mann gemeinsam essen. Ich will ihm nicht ständig auf den Schritt starren."
„Okay. Keine Details. Aber es ist schon seltsam, dass er nicht mehr Frauen an der Angel hat. Der Mann ist ein ausgesprochen ansehnliches Exemplar der männlichen Gattung", sagte ich trocken — in meinem klinischsten, sachlichsten Tonfall.
Sie verdrehte die Augen. „Danke. Als ob mir das nicht sofort verraten hätte, worauf du anspielst."
„Tut mir leid."
„Und jetzt? Seid ihr zusammen? Geht miteinander ins Bett? Seht euch? Wie nennen wir das Ganze?"
„Gar nicht. Da ist nichts. Das war eine einmalige Sache. Wir hatten Spaß. Jetzt ist es vorbei."
„Addie", sagte sie, beugte sich vor, Blick scharf. „Seit wann bist du die Art Frau, die einen Mann für eine Nacht mit nach Hause nimmt?"
„Ist schon mal vorgekommen."
„So… dreimal. Insgesamt. Du bist vernünftig. Du springst nicht gleich beim ersten Date mit jemandem in die Kiste. Bei ihm war irgendwas anders."
„Weil ich ihn kannte. Er war kein Fremder aus irgendeiner Bar. Da war… ein Sicherheitsnetz. Ich musste mir keine Sorgen machen, ob er am nächsten Tag anruft. Ich musste nicht befürchten, dass er ein Axtmörder ist. Er war eine sichere Option, um das Verlangen zu stillen."
Sie musterte mich — eine Augenbraue hochgezogen, schweigend.
„Quatsch. Und das weißt du auch."
„Stimmt aber."
„Hat er bei dir übernachtet?"
„Technisch gesehen? Nein. Wir waren um zwei Uhr nachts da. Um halb sieben war ich schon zur Tür raus. Das zählt nicht als Übernachtung."
„Und was sagt Kasimir?"
„Wozu?"
„Dazu, was das zwischen euch war. Ob er dich wiedersehen will."
Ich rümpfte die Nase. „Hab ich nicht gefragt. Ich hab ihm gesagt, es war ein Fehler. Dass das nie wieder passieren darf. Er hat nicht ja gesagt. Nicht nein. Ich hab ihn rausgeworfen. Das war's."
Sie seufzte — lang, langsam, schwer. „Ich glaube nicht, dass das der richtige Schritt war, Vina. Kasimir ist nicht so."
„Doch, ist er. Ich hab ihn gestern Abend gesehen — umringt von Frauen, lachend, locker. Er ist es gewohnt, rausgeworfen zu werden, nachdem er einer Frau gegeben hat, was sie will. Und ich bin mir sicher, er hat das auch schon bei genug anderen gemacht. Wir haben nicht übers Daten geredet. Wir haben über gar nichts geredet. Nur eine Stunde Leidenschaft, und dann — vorbei."
Egal wie gut es gewesen war, ich konnte es nicht nochmal erleben. Er war tabu. Ich wollte keinen Mann daten, den ich nicht ausstehen konnte. s*x war nicht alles. Es war gut — so gut — aber nicht genug, um Jahre des Hasses zu löschen, die Reibereien, die Unterschiede zwischen uns.
„Vina", sagte sie, ihre Stimme weicher, fast flehend. „Das ist nicht der echte Kasimir. Ich weiß nicht, was passiert ist — aber ich kenne euch beide. Keiner von euch ist der Typ, der einfach nur seiner Lust nachgibt. Ihr habt beide etwas gespürt. Das ist der einzige Grund, warum ihr zwei zusammen im Bett gelandet seid. Schreib ihn nicht ab. Und schreib nicht ab, was er vielleicht denkt."
„Ich weiß, du magst ihn — vielleicht liebst du ihn sogar wie einen Bruder. Aber glaub mir — es war einmalig. Das passiert nicht nochmal."
„Wenn du meinst", sagte sie, aber ihre Augen sagten etwas anderes. „Aber vergiss nicht — er ist auch nur ein Mensch. Auch wenn er sich meistens nicht so verhält."
Ich lachte — spröde, gezwungen. „Meistens tut er das wirklich nicht. Aber ich versteh, was du meinst. Ich werde meine Hände — und meinen Mund — bei mir behalten. Bitte sag Nils nichts."
Sie warf mir einen Blick zu — langsam, wissend. „Glaubst du nicht, dass Kasimir Nils davon erzählt?"
„Oh Gott. Das ist so peinlich." Ich stöhnte und vergrub das Gesicht in den Händen. „Ich kann ihm nie wieder unter die Augen treten. Ich geh nie wieder mit dir aus. Du bringst mich zu schrecklichen Sachen."
„Ich hab dir nie gesagt, du sollst mit Kasimir schlafen", sagte sie, der Mund offen stehend. „Das warst du — dein lustverwöhntes, leichtsinniges Ich."
Ich rümpfte die Nase. „Können wir nicht einfach so tun, als hättest du mich dazu gebracht? Mir wäre so viel wohler, wenn ich mir einreden könnte, dass ich nicht einen Mann vernascht habe, den ich zu neunundneunzig Prozent der Zeit nicht ausstehen kann."
„Nö. Das geht auf deine Kappe, meine Liebe. Das bist alles du." Sie beugte sich vor, ihre Stimme nur noch ein Flüstern.
„Weißt du, er ist schon seit Jahren in jemanden verknallt. Und wie er dich gestern Abend angesehen hat?" Sie machte eine Pause, ließ die Worte sacken. „Ich glaube, diese Jemand könntest du sein, Vina."
Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen.
Niemals.
…Oder?