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Ironspire

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Die Toten sind schon früher nach Ironspire gekommen.

Doch noch nie waren es so viele.

Jenseits der Mauern sammelt sich eine Armee, die weder Hunger noch Angst noch Erschöpfung kennt angeführt von einem König, der seit Jahrhunderten tot sein sollte. Die Verdorrte Horde greift nicht einfach an. Sie beobachtet. Sie lernt. Sie wartet.

Marschall Draven hat Ironspire schon durch Kriege geführt. Doch keine Mauer kann einen Feind aufhalten, der genau weiß, wo er zuschlagen muss. Während in der Stadt Getreide gehortet wird, alte Rivalitäten neu entflammen und sich Gerüchte über Verrat in den Reihen ausbreiten, verbirgt selbst der Orden, der Ironspire beschützen soll, die Wahrheit darüber, was einst die Toten entfesselte.

Dann wird ein Revenant lebend gefangen.

Und er erinnert sich.

Was er weiß, könnte alles verändern, was Ironspire über den Hohlen König, die Katastrophe und den Krieg jenseits seiner Mauern zu wissen glaubte.

Während die Belagerung nicht mehr in Tagen, sondern in Menschenleben gemessen wird, müssen Draven und die junge Kommandantin Sera Voss eine Stadt zusammenhalten, die längst beginnt, von innen zu zerbrechen.

Denn die größte Gefahr könnte nicht die Armee vor den Toren sein.

Sondern das, was Ironspire über sich selbst herausfindet, bevor die Mauern fallen.

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Kapitel 1: Die lange graue Linie
Der Wind aus dem Ödland trug keinen Geruch von grünen Dingen, nur Staub und jenen schwachen, säuerlichen Beigeschmack, den Kael Draven seit Jahrzehnten nicht mehr bewusst wahrnahm. Er stand auf der westlichen Brustwehr, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, wie er immer stand, und betrachtete den Horizont, wie er ihn immer betrachtete – wie ein Mann, der einen Brief liest, von dem er bereits weiß, dass er schlechte Nachrichten enthält. „Du machst wieder dieses Ding", sagte Bram Osgood, der die letzten Stufen erklomm, um sich zu ihm zu gesellen. Osgood atmete schwerer, als ein Mann seines Alters zugeben sollte. „Das Starren. Die Männer reden darüber." „Sollen sie reden." Draven drehte sich nicht um. „Es vertreibt die Zeit besser, als zu sterben." Unter ihnen fiel Eisenspitze in Terrassen aus Stein und rostfarbenem Ziegel ab, Stufe für Stufe hinunter zu den Grundwasserwerken im Herzen der Stadt, dem einzigen Grund, warum sie alle noch am Leben waren, um sich über den Wind zu beklagen. Rauch stieg in dünnen grauen Fäden aus hundert Schornsteinen. Irgendwo läutete eine Glocke den Wachwechsel. Es war, nach jedem Maßstab, der zählte, ein gewöhnlicher Morgen. Bis auf den Staub am Horizont. Er war nun seit drei Tagen da, ein Schleier tief am blassen Himmel, die Art von Sache, die ein nervöser Rekrut für Wetter hätte halten können. Draven hatte Wetter gesehen. Er hatte auch das andere gesehen, zweimal, und er verwechselte das eine nicht mehr mit dem anderen. „Wie weit?", fragte Bram und folgte seinem Blick. „Zu weit, um sicher zu sein. Zu nah, um nichts zu sein." Draven drehte sich endlich um, und das Morgenlicht war ihm nicht gnädig – es grub die Jahre in sein Gesicht wie der Meißel eines Steinmetzen, versilberte, was von seinem Haar übrig war, zeigte jeden Feldzug in der Härte seines Kiefers. Einunddreißig Jahre Soldat. Drei überlebte Belagerungen, wenn Überleben das richtige Wort war für das, was ein Mann danach tat. „Schickt Voss mit einer schnellen Reitergruppe hinaus. Ich will Augen auf dieser Linie haben, bevor es Mittag wird." „Voss wird sie selbst anführen wollen." „Darauf zähle ich." Bram erlaubte sich den Hauch eines Lächelns, jener Art, die zwei alte Soldaten austauschten, wenn keiner die Energie für ein ganzes hatte. „Du verwöhnst sie." „Ich bilde sie aus. Das ist ein Unterschied, und du weißt es, denn ich habe dir vor dreißig Jahren dasselbe angetan, und aus dir ist etwas fast Erträgliches geworden." „Hohes Lob, Marschall." „Lass es dir nicht zu Kopf steigen. Es wird das einzige Lob sein, das du diesen Monat bekommst." Dravens Blick wanderte zurück zum Horizont, und der Humor wich aus seiner Stimme, wie immer, wenn er zu lange auf diese Linie schaute. „Diesmal ist etwas anders, Bram. Ich spüre es in meinen Knien, bevor ich es mit meinen Augen sehe, und meine Knie haben mich noch nie belogen." Osgood widersprach nicht. Er hatte vor langer Zeit gelernt, nicht mit Dravens Knien zu streiten. Stattdessen betrachtete er selbst den grauen Schleier, versuchte zu sehen, was der Marschall sah, und fand nur Entfernung und Dunst und die alte, vertraute Furcht, die in jedem Soldaten wohnte, der diese Mauer lange genug bemannt hatte, um zu wissen, was gewöhnlich auf einem solchen Wind ritt. „Der Rat tagt zur Mittagsstunde", sagte Bram schließlich. „Ashcombe hat einberufen. Etwas über Getreidezuteilungen." „Natürlich hat sie das." Dravens Mund verzog sich, nicht ganz ein Lächeln. „Die Welt könnte untergehen, und Mireille Ashcombe würde immer noch streiten wollen, wer den letzten Sack Gerste bekommt." „In ihrer Verteidigung, Marschall: Wenn die Welt untergeht, ist die Gerste recht wichtig." Unten, auf dem Exerzierplatz, der sich an die innere Mauer schmiegte, wurde eine Kompanie frischer Rekruten durch ihre morgendlichen Übungen getrieben – Speerdrill, Schildarbeit, die endlose Wiederholung, die verängstigte Bauernjungen und Waisenkinder der Stadt in etwas verwandelte, das, mit Glück und der Gnade der Wacht, noch stehen mochte nach dem ersten echten Kampf. Draven beobachtete sie eine Weile schweigend. Es war eine Gewohnheit, die er nie abgelegt hatte, den jungen Leuten beim Drill zuzusehen, zu erraten zu versuchen, wer von ihnen es hatte – jenes Etwas, das einen Soldaten über den ersten Monat hinaus am Leben hielt, über den ersten echten Schrecken hinaus, über jenen Moment, in dem die abstrakte Vorstellung vom Feind zu etwas wurde, das schrie und griff und nicht aufhörte zu greifen, selbst wenn es hätte aufhören sollen. Er konnte es nicht immer erkennen. Das war die Hölle daran. Einunddreißig Jahre, und er konnte es immer noch nicht immer erkennen. „Hauptmännin Voss sitzt auf", meldete Bram und beobachtete den Hof unten, wo Sera Voss – scharfsichtig, siebenundzwanzig, ungeduldig auf jene besondere Art von Soldaten, die noch nicht genug verloren hatten, um Geduld zu lernen – sich bereits in den Sattel ihrer grauen Stute schwang und einem halben Dutzend Reitern Befehle zurief, die sich abmühten, ihr Tempo zu halten. „Gut. Lass sie reiten. Sie muss es mit eigenen Augen sehen, bevor sie es glaubt, und ich brauche, dass sie es bis heute Nachmittag glaubt." „Glaubst du wirklich, dass sie es sind? Das Ausmaß, meine ich. Nicht nur eine Plünderkolonne." Draven schwieg lange, so lange, dass Bram dachte, er würde vielleicht gar nicht antworten. Als er schließlich sprach, war seine Stimme in jenes Register gefallen, das er nur für Dinge benutzte, die er absolut ernst meinte. „Ich glaube", sagte Draven, „dass ich in einunddreißig Jahren diesen Horizont genau dreimal habe verstummen sehen, bevor etwas Schlimmeres kam als das, was zuvor gekommen war. Und ich glaube, dass es nun seit sechs Monaten still ist, Bram. Stiller, als mir lieb ist." „Die Männer werden wissen wollen, was sie ihren Familien sagen sollen." „Sag ihnen, sie sollen ihre Rationen essen und ihre Klingen schärfen und darauf vertrauen, dass ihr Marschall ein misstrauischer alter Bastard ist, der schon einmal falsch lag und sich freuen würde, wieder falsch zu liegen." Er erlaubte sich schließlich ein echtes Lächeln, dünn und kurz wie der Rauch, der von der Stadt unten aufstieg. „Aber sagt ihnen trotzdem, sie sollen die Klingen schärfen." Bram nickte und wandte sich zum Gehen, formte die Worte bereits in seinem Kopf, dachte bereits an hundert kleine Aufgaben, die erledigt werden mussten, bevor das, was auch immer kam, eintraf, um sie dringend zu machen. Er hielt oben an der Treppe inne. „Marschall. Nur damit es gesagt ist. Ich glaube auch nicht, dass deine Knie dich je belogen haben." Draven antwortete nicht. Er blickte wieder zum Horizont, zu der grauen Linie, die sich nicht bewegt hatte und es auch nicht musste, denn Furcht, einmal angekommen, verließ selten den Ort, bevor sie zufrieden war. Irgendwo jenseits der Reichweite eines jeden Wächterauges, in der vergifteten Weite des Ödlands, regte sich etwas Ungeheures, und Eisenspitzes Marschall stand allein auf seiner Mauer und sah es kommen, wie er alles hatte kommen sehen, länger, als ihm lieb war, sich zu erinnern. Der Wind frischte auf. Der Staub am Horizont wich nicht zurück. Er blieb auf seinem Posten, bis die Glocken zum Rat läuteten, und selbst dann war er der Letzte, der die Mauer verließ.

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